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VergangenheitsbewältigungDas Menschelnde bei Hitler

"Mensch, Adolf" ist im Grunde ein paradoxes Buch. Rolf Rietzler beklagt, dass Hitler immer noch allgegenwärtig sei, schreibt aber selbst 540 Seiten über dieses Phänomen. Statt einer klaren Analyse der von ihm beschriebenen Prozesse der Schuldabwehr, Verdrängung und Schönfärberei liefert er zwar flott geschriebene - jedoch überwiegend deskriptive Beobachtungen.

Von Otto Langels

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"Er ist wieder da" war eine außerordentlich erfolgreiche Hitler-Satire der letzten Jahre, ein Roman von Timur Vernes, der hierzulande zum Bestseller avancierte und in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Hitler war nie weg, meint der Autor Rolf Rietzler in Anspielung auf den Roman-Titel.

"Wie er herumgeistert, da meint zwar die Mehrheit der Deutschen, dass diese Aufarbeitung und die Vergangenheitsbewältigung exzellent gelungen ist, ich bin nicht dieser Ansicht. Mir ist aufgefallen, dass das doch oft sehr groteske, sehr neurotische Züge hat und oft in die falsche Richtung geht."

Falsch sei zum Beispiel die Neigung der Historiker, Hitler als Untersuchungsgegenstand in immer kleinere Facetten zu zerlegen. Forscher untersuchten akribisch jede Zeile von "Mein Kampf", sie analysierten ausführlich seine Ess- und Trinkgewohnheiten sowie seinen Drogenkonsum, sie untersuchten seine Beziehungen zu Frauen, verlören dabei aber den realen Machtmenschen als respektierten, umjubelten oder gefürchteten Diktator aus den Augen.

Doch ist dem wirklich so? Haben – neben allen Detailstudien - nicht erst in jüngster Zeit Ian Kershaw, Volker Ulrich und Peter Longerich umfangreiche Hitler-Biografien vorgelegt und seine Person im Kontext der politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse analysiert?

Rolf Rietzler aber wird nicht müde, zahllose Beispiele aus Wissenschaft, Medien und Gesellschaft zu zitieren, die belegen sollen, dass die intensive Beschäftigung mit Hitler nichts anderes sei als Schadensbegrenzung und Weißwäscherei.

"Das Bild Hitlers und die Zeit seines Regimes sind noch immer von Schuldabwehr, Verdrängung und Schönfärberei geprägt. Die Fabrikation der Fiktionen, gleich nach 1945 mit Hochdruck aufgenommen von den Memoirenschreibern und 'Derealisierern' des Geschehenens, dauert an."

Entlarven einer selbstgefälligen Geschichtsinterpretation

Rolf Rietzler stöbert unermüdlich in allen Winkeln der Erinnerungslandschaft, um den Anspruch der Deutschen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und als schonungslose Aufklärer aufzutreten, als selbstgefällige Geschichtsinterpretation zu entlarven. Und er liefert zahlreiche Beispiele für diese These, etwa wenn Theo Sommer, langjähriger Chefredakteur der Zeit, vom "braunen Spuk des Nationalsozialismus" spricht, wenn Herbert Kremp, früherer Chefredakteur der Welt, Hitler als "merkwürdig entrückten, großen Mann" charakterisiert oder Helmut Schmidt ihn einen "Helden der Wirtschaftsgeschichte" nennt. All dies diene dazu, so Rietzler, die nationalsozialistischen Verbrechen zu verschleiern und zu beschönigen und eine merkwürdige Dichotomie zwischen Deutschen und Nazis zu konstruieren.

"All das mit dem Dritten Reich einschließlich des Holocaust, das haben die Nazis gemacht, und die kamen anscheinend vom Mars oder aus irgendeiner bolschewistischen Tundra, und die Deutschen haben damit relativ wenig zu tun, die von gestern nicht, aber auch natürlich die von heute nicht."

Neu ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht. Harald Welzer hat bereits 2002 in seiner Studie "Opa war kein Nazi" darauf hingewiesen, dass in den Familienerinnerungen Opfer- und Heldenerzählungen dominierten und das subjektive Leid im Vordergrund stehe, während die Täter und ihre Taten konturlos blieben.

Ungewöhnlich ist der Furor, mit dem Rietzler den Lebenslügen und Opfermythen der Deutschen nachspürt. Der Historiker verzichtet auf Anmerkungen und Quellenangaben und bedient sich eines saloppen Sprachstils, der an seine frühere Tätigkeit als Spiegel-Redakteur erinnert: Karl Carstens macht den Bundespräsidenten, Richard von Weizsäckers legendäre Rede zum 8. Mai 1945 nimmt heute den Stellenwert eines Zusatzartikels zum Grundgesetz ein, Hitlers Gesichtsausdruck zeugt von Blähungen, Ralph Giordano und Margarete Mitscherlich entwickeln verbalen Schaum usw.

"Neben dem Klingklang der wachsenden Prosperität begleitete der Blues von Lug und Trug fast jeden zweiten Atemzug, Background-Sound auch heute noch im öffentlichen Leben, gegeigt von denen, die das Geld und das Sagen haben."

Hitlers Fotografien im Diskurs

Originell ist, dass Rietzler das Hitler-Bild der Deutschen wörtlich nimmt und Fotografien des Diktators auf Buchcovern analysiert. Die Biografien von Joachim Fest bis zu Lothar Machtan zeigen mal ein um Mitgefühl heischendes, mal ein grimmig drein schauendes Gesicht, mal auch nur einen Schattenriss.

"Er schwankt zwischen Dämon und harmlosem, netten, älteren Herrn, der galant zu den Damen war. Hitler als Mensch zu zeigen, das ist offensichtlich in bestimmten Wellen und zur Zeit wieder ein großes Verlangen der Deutschen. Man will endlich einen Hitler haben, der nicht mehr so sperrig ist, man will am liebsten einen Hitler ohne Holocaust."

Erstaunlicherweise hat der Autor als ehemaliger Spiegel-Redakteur auf eine Analyse der Titelbilder des Nachrichtenmagazins verzichtet, obwohl Hitler im Laufe der Jahrzehnte rund 50 mal auf dem Cover auftauchte und obwohl die Umschlaggestaltung zu Rietzlers Buch bewusst Assoziationen an den Spiegel weckt.

"Mensch, Adolf" ist im Grunde ein paradoxes Buch. Rietzler beklagt, dass Hitler immer noch allgegenwärtig sei, schreibt aber selbst 540 Seiten über dieses Phänomen. Er wundert sich, dass die Deutschen angesichts der Ungeheuerlichkeit eines Menschheitsverbrechens nach Ausflüchten und entlastenden Momenten suchten, begnügt sich aber selbst mit einer "halbwegs guten, mittleren Aufarbeitung".

"Unter dem grünen Rasen der angeblich so geglückten Vergangenheitsbewältigung entfalten die unterirdischen Neurosen auch in den jüngeren Generationen ihre Pracht. Da packte mich der Rappel. Ich wollte es genauer wissen. Ein Journalisten-Buch, im Reportage-Stil an der Oberfläche entlang geschrieben, schien mir unangemessen."

Doch bis in die tieferen Schichten des Hitler-Bildes ist Rolf Rietzler nicht vorgestoßen. Statt einer Analyse der von ihm beschriebenen Prozesse der Schuldabwehr, Verdrängung und Schönfärberei bleiben seine flott geschriebenen, scharfzüngigen Beobachtungen überwiegend deskriptiv. Der Erkenntniswert ist bescheiden.

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