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Vergangenheitsbewältigung und Vergangenheitsverschleierung

Daniel Stahl:"Nazi-Jagd. Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen", Wallstein Verlag

Von Martin Hubert

Lyons Ex-Gestapochef Klaus Barbie wurde in Bolivien verhaftet.
Lyons Ex-Gestapochef Klaus Barbie wurde in Bolivien verhaftet. (AP Archiv)

Eines der finstersten Kapitel der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Massenflucht von NS-Funktionären und Holocaust-Tätern nach Südamerika. Nur wenige konnten gefasst werden. Der Historiker Daniel Stahl hat die Hintergründe beleuchtet.

Staatsanwälte, Diplomaten, Geheimdienstler, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten. Sie alle jagten Nazis, die nach 1945 in südamerikanische Länder geflüchtet waren: nach Argentinien, Bolivien, Chile, Paraguay oder Brasilien. Insgesamt wurden im Laufe dieser internationalen Fahndungsbemühungen aber nur sechs NS-Täter verurteilt: Adolf Eichmann, Franz Stangl, Klaus Barbie, Josef Schwammberger, Erich Priebke und Dinko Šakić. Der Jenaer Historiker Daniel Stahl untersucht in seinem Buch "Nazi-Jagd. Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen" nicht nur, warum es so wenige waren. Er stellt die Frage noch in weitaus größere Zusammenhänge.

Inwiefern spiegeln sich im Verlauf der Nazi-Jagd die vergangenheitspolitischen Interessenlagen der verschiedenen europäischen Staaten wider? Auf welche Weise wurde die öffentliche Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen durch die Bemühungen zur Ergreifung justizflüchtiger NS-Täter geprägt? Andererseits geht es in dieser Studie auch um die Auseinandersetzung mit der Repression durch südamerikanische Regime.

Daniel Stahls Buch ist eine Dissertation, die sprachlich gesehen nicht immer eingängig formuliert ist. Auch konfrontiert sie den Leser mit komplizierten Details diplomatischer Schachzüge, juristischer Abwägungen und polizeilicher Ermittlungen. Trotzdem liest sie sich fast wie ein Krimi, weil Stahl den verschiedenen Strängen seines Themas detektivisch nachgeht und sie immer wieder zusammenführt. Stahl stellt zunächst dar, warum bis in die späten 50er-Jahre hinein kaum von einer wirklichen Nazi-Jagd in Südamerika gesprochen werden kann. In der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft herrschte das Dogma, dass nur die höchste NS-Führungsriege für die Naziverbrechen verantwortlich gewesen sei - alle anderen Funktionsträger jedoch nicht. Im Auswärtigen Amt und in den Richterstuben saßen zudem Diplomaten und Juristen, die selbst in der NS-Zeit Karriere gemacht hatten und den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit legen wollten.

Auch die Weigerung Interpols, sich an der Aufklärung von Straftaten zu beteiligen, war nicht zuletzt auf personelle Kontinuitäten zurückzuführen. Vor allem die Franzosen, denen innerhalb der Organisation großes Gewicht zukam, sprachen sich gegen eine Beteiligung aus. Denn die Polizei des Vichy-Regimes hatte bei der Umsetzung der NS-Verbrechen viel Eigeninitiative gezeigt. Zahlreichen Beamten war es gelungen, ihre Karrieren in der französischen Polizei nach 1944 fortzusetzen.

In den südamerikanischen Ländern, so Stahl, fürchtete man zwar schon früh eine Faschisierung mit deutscher Hilfe. Doch signalisierten die USA letztlich Zurückhaltung in der Frage, ob diese Staaten deutsche Fachkräfte anwerben durften. Und Argentiniens Staatspräsident Juan Peron hatte unverhohlene Sympathien für Funktionäre des NS-Regimes.

Zwar ist zu Recht wiederholt betont worden, dass es ernst zu nehmende Unterscheide zwischen Peronismus und den europäischen Faschismen gibt. Es darf aber nicht übersehen werden, dass der Präsident selbst zwei zentrale Gemeinsamkeiten zu erkennen meinte: die Gegnerschaft sowohl gegen den Kommunismus als auch gegen den Kapitalismus. Die Einwanderung Justizflüchtiger nach Argentinien war deshalb keineswegs nur Begleiterscheinung des Versuchs, europäische Techniker und Wissenschaftler zu rekrutieren. Sie hatte auch ideologische Wurzeln.

Diese Gemengelage war dafür verantwortlich, dass etwa ein Erich Müller nach 1945 als Berater der argentinischen Streitkräfte arbeitete. 1942 hatte er noch ein Einsatzkommando in Transnistrien geleitet, das für die Judenvernichtung eingesetzt worden war. Hans Strack, der deutsche Botschafter in Santiago de Chile, verhinderte 14 Monate lang, dass ein Auslieferungsantrag für den in Chile weilenden SS-Standartenführer Walter Rauff ausgeführt werden konnte. Als Rauff später doch festgenommen wurde, waren seine Morde verjährt. In den 60er-Jahren fahndete das Bundeskriminalamt zwar in Chile und Brasilien nach dem KZ-Arzt Josef Mengele, schaltete aber Interpol nicht ein. Die Suche blieb erfolglos. Stahl schildert vieler solcher Fälle und bilanziert für die erste Phase der Nazi-Jagd: Dem Bild von der Nazizeit als Werk einer kleinen Führerelite entsprach in der deutschen Wiederaufbaugesellschaft eine mehr als zurückhaltende Suche nach den Tätern. So konnten die Nazis in den südamerikanischen Ländern lange Zeit relativ sorgenfrei leben.

Erst Ende der fünfziger Jahre kam überhaupt Bewegung in die strafrechtliche Verfolgung von NS-Tätern. Parallel dazu setzte in der westlichen Öffentlichkeit eine Debatte über ihre Verbrechen ein: Der Eichmann-Prozess in Jerusalem war eines der Schlüsselereignisse. Erstmals und grenzübergreifend entstand ein Bewusstsein dafür, welches Ausmaß die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegenüber den Juden gehabt hatte und wie grausam sie gewesen war.

Schreibt Daniel Stahl. Für den jüdischen Staat Israel wurde die Aufarbeitung des Holocaust immer wichtiger, auch als Symbol eines "nachholenden Widerstandes". Frankreich diskutierte über die Kollaboration, die USA darüber, inwieweit der CIA NS-Tätern zur Flucht verholfen hatte. Seit den 60er-Jahren war die Suche nach den Nazitätern auch mit der Warnung vor einem internationalen Erstarken des Rechtextremismus verbunden. Das neue kritische Klima wirkte auf die Nazi-Jagd zurück. Die westdeutschen Behörden verstärkten ihre Fahndungsbemühungen. Aber auch in Südamerika hatte sich ein Wandel vollzogen. Die Oppositionsbewegungen dieser Länder nutzten zunehmend die Tatsache, dass dort ehemalige Nazis Unterschlupf fanden, um den repressiven Charakter ihrer Diktaturen attackieren zu können. Die Regime wollten diese negativen Symbole daher lieber loswerden, vor allem als sie seit den 90er-Jahren begannen, den Weg zur Demokratie einzuschlagen. So kam es zu einigen späten Auslieferungen. Daniel Stahls Bilanz allerdings sieht zwiespältig aus:

In dem Maße, wie die Wahrscheinlichkeit abnahm, flüchtiger NS-Täter habhaft zu werden, wuchsen die Bemühungen zu ihrer Ergreifung. Blickt man allein auf die zahlenmäßige Bilanz, so muss die Nazi-Jagd genau wie die gesamte strafrechtliche Ahndung von NS-Verbrechen als ein weitgehend gescheitertes Projekt erscheinen. Dennoch ist sie zum Symbol für die Unermüdlichkeit geworden, mit der Privatpersonen, NGO's und einzelne Justizbehörden versucht haben, NS-Verbrecher trotz großer gesellschaftlicher und politischer Widerstände vor Gericht zu bringen.

Einige Fakten der südamerikanischen Nazi-Jagd sind bereits bekannt. Aber es ist das große Verdienst von Daniel Stahl, diesen Prozess erstmals in den ganzen Kontext zwischen Vergangenheitsbewältigung und- verschleierung, Menschenrechtsaktivismus und Holocaustdeutung, nationaler und internationaler Interessenspolitik gestellt zu haben. Ein Meilenstein in der Aufarbeitung dieses Themas.

Daniel Stahl: Nazi-Jagd
Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen.
Wallstein Verlag, 432 Seiten, 34,90 Euro
ISBN: 978-3-835-31112-1



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