Dienstag, 12.12.2017
StartseiteEssay und DiskursNiemals schläft der Rost 04.06.2017

Vergeblich und vergangenNiemals schläft der Rost 

Rost! Sein Leumund ist übel. Eisenfresser. Stahlbezwinger. Seit Jahrtausenden nagt der Rost an den Kriegs-, Kultur- und Arbeitswerkzeugen des Menschen, er gilt als der große Zerstörer und als hinterhältiger Entwerter. Die Angst vor ihm ist sprichwörtlich. Wer rastet, der rostet. Wer rostet, ist tot zu Lebzeiten.

Von Torsten Körner

Ein verrostetes Liebesschloss hängt am Geländer der ehemaligen Hubbrücke in Magdeburg (picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild)
Rost: Signatur der Vergänglichkeit (picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild)
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Vom Lob der Vergänglichkeit "Wohl dem, der täglich sterben kann, der trifft im Tod das Leben an"

Er wolle lieber ausbrennen, als vom Frost gefressen zu werden, sang der ewig junge Rock-’n’-Roll-Apostel Neil Young 1979 auf dem Album "Rust never sleeps". Diese Furcht - plötzlich als leblose Rostlaube zu gelten - ist zum großen Traumabild des späten Industriezeitalters geworden.

Die Stahlwerke, Industriekomplexe oder Autowerke liegen wie Skelette in der Landschaft herum, der Rost ist die Signatur der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit. Der Essay erkundet diese Schreckenspanoramen und zeigt, dass der Rost an der Schwelle zum Informationszeitalter andere Gesichter und Bedeutungen erhält, in Kunst und Kultur, im Alltag und im Bewusstsein des postmodernen Menschen. In der digitalen Ära wird der Rost zum Stempel der Authentizität, zum Ausweis gelebter und bewältigter Zeit. Und plötzlich ist der Rost nicht nur Feind, sondern auch Weggefährte, Erzähler und Identitätsstifter.

Torsten Körner schrieb Bestseller-Biografien über Heinz Rühmann, Franz Beckenbauer und Götz George und ist seit vielen Jahren Juror des Grimme-Preises. Unter anderem wurde er 2010 mit dem Bert-Donnepp-Preis ausgezeichnet, dem Deutschen Preis für Medienpublizistik. Als freiberuflicher Autor und Journalist schreibt Torsten Körner Medien- und Fernsehkritiken.


Niemals schläft der Rost

Von Torsten Körner 

Sein Leumund ist übel, sein Image ist katastrophal, er ist ein zivilisatorisches Schreckgespenst - seit Jahrtausenden. Er ist gefräßig, schlägt hinterrücks zu und schläft niemals. Er ist ein Gefährte des Staubs, des Schimmels und der Motten und er steht für die irdische Vergeblichkeit und Vergänglichkeit. Im Himmel ist er nicht anzutreffen, in der Hölle jedoch labt er sich an den armen Seelen und tapeziert die Unterwelt mit seinem brandigen Schorf.

"Rost - eine Zerstörungserscheinung auf Eisen, ein braunrotes Pulver, chemisch Ferrihydroxid, entwickelt sich bei feuchter Luft. In leichten Fällen entwickelt sich auf der Oberfläche nur ein schwacher braunroter Überzug; bei schwerer Zerstörung bilden sich dicke Schuppen mit tiefen Einfressungen. Mittel gegen Rostbildung: Anstrich mit Bleimennige und mit Leinölfarbe als Deckschicht. Verzinken und Verchromen." (Der Neue Brockhaus/Leipzig 1941)

Die Rede ist also vom Rost, dem lästigen Weggefährten des Menschen, der an den "trägen Seelen", wie es Johann Gottfried Herder einst formulierte, schon zu Lebzeiten nagt.

Der Volksmund hat das in eine rein physische, körperliche Sphäre übersetzt, wenn es heißt "Wer rastet, der rostet", doch wenn Jesus in der Bergpredigt davor warnt, man solle keine Schätze auf Erden sammeln, weil der Rost sie zerfrisst, dann wird der Glaube als Rostschutzmittel der Seele empfohlen, dann wird der Rost zur irdischen Mahnung und Warnung, zur Kehr- und Schattenseite des Glanzes und des eitlen Tagessieges.

Mit der Eisenzeit beginnt die Geschichte des Rostes

Von Anfang an ist der Rost demzufolge eine Art Doppelagent, der der Sünde, dem Teufel und der Hölle nahezustehen scheint, der aber andererseits auch den Menschen warnt, sich auf gottloses Teufelszeug, auf Tand einzulassen. Die doppelte, die schillernde Codierung hat etwas mit der Herkunftsgeschichte des Rostes zu tun, eine Geschichte, die tief in mythische Vorzeiten hinabreicht.

Mit der sogenannten Metallzeit, die die Steinzeit ablöst, beginnt sich der Mensch als Schöpfer zu entdecken und sich von den Göttern zu emanzipieren. Auf Kupfer folgt Bronze, auf Bronze folgt die Eisenzeit. Und mit der Eisenzeit beginnt die Geschichte des Rostes, die zugleich eine Geschichte des Feuers ist, denn erst die Disziplinierung und Kultivierung des Feuers ermöglicht es dem Menschen, die Metalle aus den Steinen zu lösen, erst das Feuer macht Eisen und Stahl und somit den verderblichen, den gefürchteten Rost möglich. Wenn der Rost die Werkzeuge befällt und den Menschen daran erinnert, dass seine technischen Prothesen unvollkommen bleiben, mahnt er ihn, sich nicht auf eine Stufe mit den Göttern zu stellen, abzuheben. Menschen rosten, Götter vorerst nicht.

Stahlstangen in einem Lager, aufgenommen am Dienstag (21.10.2008) in Osterode am Harz. (dpa / Frank May)Mit der Geschichte des Eisens beginnt auch die Geschichte des Rosts. (dpa / Frank May)

Steigen Sie einmal hinab, in Ihr persönliches Rostmuseum und inspizieren Sie Ihre Rostbilder! Jedes Kind des 20. Jahrhunderts dürfte dort eine korrosive Kollektion angelegt haben.

  • eine rostbraune Fahrradkette im Schnee
  • eine rostpicklige Stoßstange im Straßengraben
  • eine Nagelschere mit Rostschlieren auf dem Rand der Badewanne
  • eine zerbeulte, verwitterte Dose
  • ein verbogener Nagel
  • eine Büroklammer auf dem Fensterbrett
  • eine vergessene Wäscheklammer im Garten
  • ein röhrender, rostscheckiger Auspufftopf
  • das antike Bügeleisen auf dem Trödelmarkt
  • Stacheldraht
  • ein Pfennig auf nassem Asphalt
  • ein pockennarbiger Grillrost hinterm Schuppen
  • ein Schlüssel

Fortschrittsgeschichte ist in erster Linie Trümmergeschichte, lässt Walter Benjamin seinen Engel der Geschichte erkennen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fängt der Fortschritt zu rasen an und mit ihm nimmt die industrielle Fertigung Tempo auf. Doch zugleich - darauf hat der Philosoph Odo Marquard hingewiesen - entstehen die ersten Museen.

Je moderner die Fortschrittswelt, desto unvermeidlicher die Erinnerungskultur

Wo die Zeit hetzt, verlangt der Zeitgenosse nach entschleunigender, bewahrender Erinnerung. Die "Fortschrittswelt ist Wegwerfwelt", das Alte wird ausrangiert, um dem Neuen Platz zu machen. Das neueste Neue ist das neueste Alte von morgen. Marquard schließt seinen Mikro-Essay "Das Zeitalter des Ausrangierens und die Kultur des Erinnerns" mit dem Befund: "Je moderner die moderne Fortschrittswelt wird, desto unvermeidlicher wird für sie - als Kompensation - die Erinnerungskultur."

Bevor wir jedoch diesen Satz unmittelbar auf den Rost anwenden können und der Rost von der Zeit nobilitiert wird, weil der Zeitgeist in ihm eine Art subjektives Museums- und Erinnerungsprojekt entdeckt, eine authentische Herkunftssignatur müssen wir zunächst zwei Jahrhunderte hinter uns lassen. Dass der Rost eine schützenswerte Geschichte zu erzählen hat, war damals ein kaum verbreiteter Gedanke, insofern ist Goethe auch hier seiner Zeit voraus, wenn er, der leidenschaftliche Sammler und Naturforscher, den griechischen Philosophen Thales im zweiten Teil des Faust sagen lässt: "Das ist es ja, was man begehrt: Der Rost macht erst die Münze wert."

Allerdings bleibt die Wertschätzung des Rostes hier klar auf den numismatischen Sektor beschränkt, im Alltag bleibt die Korrosion ein Feind, in Kunst und Kultur gilt der Rost noch als Schädling, als Entwerter und als Fortschrittsbremse. Dass diese Auffassung auch noch das 19. Jahrhundert bestimmt, lässt sich anschaulich mit einem Zitat des Naturheilkundigen Sebastian Kneipp belegen, der Werkzeug und Mensch als gleichermaßen rostgefährdet beschreibt.

"Wenn ein Pflug nicht gebraucht wird, wird er bald rostig; wenn eine Maschine lange der Witterung ausgesetzt ist und nicht verwendet wird, so wird sie bald ihre Dienste versagen; sie wird zuletzt gebrechlich werden und zerfallen, ohne daß man sie gebraucht hat. Gerade so geht es mit dem menschlichen Körper."

Alte, rostige Werkzeuge liegen bei einer Vorführung auf einem Mittelalterlichen Markt am Stand eines Schmiedes, am 08.09.2013 in Berlin auf dem Gelände der Domaine Dahlem im Stadteil Dahlem.  (dpa / Wolfram Steinberg)Wenn ein Werkzeug nicht gebraucht wird, wird es bald rostig. (dpa / Wolfram Steinberg)

Der Körper, die Werkzeuge und auch die Maschinen sind rostfrei zu halten, rostfrei durch Bewegung, durch Witterungsschutz und Imprägnierung. Dass auch die Psyche für Rost anfällig ist, wird zum Motiv bereits im Zeitalter der Brieffreundschaft und der Empfindsamkeit.

Goethe schreibt am 15. August 1785 an Herzog Karl August: "Und auch die Notwendigkeit, immer unter Menschen zu sein, hat mir gut getan. Manche Rostflecken, die eine zu hartnäckige Einsamkeit über uns bringt, schleifen sich da am besten ab."

Kommunikation und sozialer Kontakt als psychische Rostblockade.

Alltagsgefährte, Seelenschädling, Alptraum

Wir halten fest: Rost ist bis hierhin der Anwalt der Vergänglichkeit, der Ankläger allzu irdischer Schatz- und Heilssuche, lästiger Alltagsgefährte, Werkzeugzerstörer, nur sehr vereinzelt wird er als willkommene Beglaubigung antiker Vergangenheit gelesen und gilt ansonsten als Seelenschädling. Die Psyche ist ein gutes Stichwort-Sprungbrett, um uns direkt ins 20. Jahrhundert zu katapultieren. Hier wird der Rost zum Alptraum, jedenfalls dann, wenn wir vom Auto und seinen bald massenhaften Besitzern sprechen. Der Alptraum beginnt als Traum, als Wunscherfüllung.

In Ohio, das heute zum amerikanischen Rust-Belt, zum verrufenen Rostgürtel gehört, beginnt Henry Ford 1913 mit der massenhaften Herstellung von Autos, an kilometerlangen Fließbändern wird hier das legendäre T-Modell gefertigt, die Tin Lizzie, also die Blechliesel oder auch Blechkiste. In Amerika bürgert sich eine Redensart ein: "In ruhigen Nächten kannst du Deinen Ford rosten hören!"

Ein uralter Ford des Modells T tin lizzie rostet im Schnee vor sich hin. (dpa)Fords legendäres T-Modell, die Tin Lizzie, im Volksmund auch "Blechliesel" oder "Blechkiste", rostete nicht erst nach Jahrzehnten vor sich hin. (dpa)

Mazda, Volkswagen, Chrysler oder Ford: Sie alle müssen in den '60er‑ und '70er‑Jahren Millionen von Fahrzeugen wegen Rostschäden zurückrufen. Von nun an kämpft vornehmlich der Mann seinen heroischen Kampf gegen den Rost, ein Identitätsbaustein der modernen Maskulinität. Wenn der Sachverständige beim TÜV-Termin mit dem Hämmerchen hier und da klopft, erbleicht der Wagenbesitzer. Zugespitzt könnte man sagen: Erst im Duell mit dem Rost wird der automobile Mann zum autonomen Mann, zum würdigen Automobilisten.In diesem Drama tritt der Rost aber auch als Komplize der Autoindustrie auf.

Die Autoindustrie profitiert vom Rost

Dazu heißt es schon 1968 in der ZEIT resignativ: "Heutige Autos werden, bevor sie Museumsreife erlangt haben, vom Rost zerfressen sein wie ein Haus aus Holz von Termiten. Als realistischer Autofahrer tut man gut daran, sich an die allmählich sinkende Lebenserwartung unserer vierrädrigen Freunde zu gewöhnen. Es paßt nicht mehr in das industrielle Konzept, wenn die erzeugten Güter zu lange leben. Schnellerer Umsatz schafft erhöhte Produktivität."

So bleibt die Autoindustrie dem Rost in Ambivalenz verbunden: Sie beschäftigt Heere von Ingenieuren im Kampf gegen den Rost und profitiert doch davon, dass dieser Kampf immer wieder verloren geht.

Der Fortschritt frisst seine Kinder, das, was eben noch Zukunft war, heißt plötzlich Gestern, das, was eben noch aussichtsreich funkelte, wirkt jählings not- und rostdürftig. Das 20. Jahrhundert lässt seine Zukunftsmaterialien hinter sich. Der Eiffelturm, den die Pariser einst abfällig "Rostzäpfchen" nannten, ist längst magisches Wahrzeichen, ein urbaner Spiritualitätsstempel, jedoch kein Fortschrittsversprechen mehr.

Ausstellungsbesucher der Weltausstellung in Paris 1889 wandeln unter dem Eiffelturm. (picture alliance / dpa / EXPO_2000_Hannover_GmbH)Schon kurz nach der Weltausstellung in Paris 1889, für die der Eiffelturm als monumentales Eingangsportal errichtet wurde, war er bei den Pariser Bürgern als „Rostzäpfchen“ verschrien. (picture alliance / dpa / EXPO_2000_Hannover_GmbH)

Im Ruhrgebiet setzt in den 60er‑ und 70er‑Jahren ein Strukturwandel ein, Kohle, Eisen und Stahl, industriell aufs engste aufeinander bezogen, verlieren an Bedeutung, die Gruben, die Zechen, die Stahlwerke, die Eisengießereien, die Schneiden und Pressen, die Metall verarbeitenden Betriebe stehen bald wie Gespenster in der Landschaft herum und der Rost nagt an den Menschen-Dingen, den Ding-Menschen, er legt sich wie ein Fluch auf die Euphorie des Beginnens, der Boomjahre, von edler Patina ist diese krätzige Rostschicht Lichtjahre entfernt.

Rost in der Kunst

Die Künste jedoch, die von jeher an Verwesungs- und Verfallsprozessen interessiert waren, lassen sich von der Materialität des Rostes faszinieren. Rost ist kein eigenständiges Material, er ist aber eben auch nicht immateriell, der Rost tanzt zwischen den Zeiten und Zuständen, er ist ein immer fortwährendes Währen.

Als der Künstler Klaus Rinke 1977 über die documenta 6 schlendert, staunt er und stellt fest: "Was ich hier feststelle, ist 'ne Menge Rost, als wenn die ganze Kunst rosten muss - es rostet an jeder Ecke. Ich habe das Gefühl, was früher Ölmalerei war, ist heute Rost. Dem sollten sich ganz viele Künstler mal stellen - warum alle plötzlich mit dem rohen Eisen arbeiten. Das ist zu einer richtig klassisch‑akademischen Attitüde geworden. Darin existiert eine richtige dekorative Ästhetik - Arbeiterästhetik, Stahlarbeiter."

Eines dieser Rost-Werke der documenta 6 war Richard Serras Skulptur "Terminal", vier rostflammende riesige Stahlplatten, die senkrecht stehend ineinander ragen. Als die Stadt Bochum die Skulptur erwirbt und 1979 gegenüber dem Hauptbahnhof aufstellt, kommt es zu wütenden Bürgerprotesten. Kurt Biedenkopf hält im Landtagswahlkampf 1980 eine wutschnaubende Rede, in der er - für den Fall eines Wahlsieges - die sofortige Entfernung des Schandflecks verspricht. Geduldeter und geförderter Rost im öffentlichen Raum? Die Volksseele kochte. War das nicht pure Provokation? Gerade hier in Bochum - Herbert Grönemeyer sang später vom Bochumer "Herzschlag aus Stahl" - gerade hier, wo die Stahlkrise Zehntausende arbeitslos machte, setzt man dem Bürger ein Triumphzeichen des Rostes vor die Nase? Ein rostiges Niedergangsfrohlocken?

Blick auf die Stahlplastik "Terminal" des Amerikaners Richard Serra vor dem Kasseler Fredericianum während der 6. Documenta 1977. (dpa / Roland Witschel)Richard Serras rostige Stahlplastik "Terminal" auf der documenta 6 (dpa / Roland Witschel)

Ähnliche Proteste gegen Skulpturen, die mit Rost spielen und arbeiten, waren in ganz Europa zu beobachten. Man empfand dieser Art von Kunst als "Verschandelung" des öffentlichen Raumes, als Todesstoß gegen das Schöne. Nur wenige Zeitgenossen sahen in dieser Art von Rost-Kunst eine Reflexion auf das Zeitalter, eine skeptische oder ironische Befragung all der stählern selbstgewissen Zukunftsversprechen oder gar eine listige Modernitätskritik.

Rost als Signatur der Authentizität

40 Jahre später hat sich der Blick auf diese Art von Rost-Ästhetik verändert. Im Ruhrgebiet spricht man jetzt von Industriedenkmälern, man pilgert zu stillgelegten Hochöfen, Kokereien, Gasometern oder Zechen. Rost gilt als Signatur der Authentizität. In einer gottvergessenen Gesellschaft erinnern die Praktiken des Erinnerns und Bewahrens an kirchliche Rituale, die Industriedenkmäler werden zu heiligen Stätten, wo man "immaterielle Werte an materiellen Orten" sucht.

Der Ingenieur und Denkmalpfleger Werner Lorenz hat diese Entwicklung so beschrieben: "Ausgerechnet die Denkmalpflege, angesiedelt irgendwo zwischen Wissenschaft und Kunst, Kommerz und Glauben, wird damit zu einer neuen Hüterin des Heiligen - und damit kurioserweise eine Disziplin, deren tradierte Paradigmen sie doch gerade auf äußerst Irdisches wie Substanzerhalt und Materialität verpflichten!"

In der ebenso flüchtigen und flüssigen Moderne, in einer Zeit, in der die Welt von digitalen Strömen durchzogen ist, in einer irrwitzig vergänglichen Bilderwelt, wo alles, was entsteht, schon mit Verfallsdatum die Bühne betritt, entdeckt man den Rost als widerständiges Zeichen und als willkommene Beschleunigungsbremse.

Gold rostet nicht

Als Donald Trump ins Oval Office einzog, ließ er zuallererst goldene Vorhänge anbringen. Die Lobby seines Trump-Towers glänzt gülden und seine Privatgemächer sind möblierte Goldorgien. Gold rostet nicht und möglicherweise verbindet den Präsidenten mit dem Rost ein traumatisches Verhältnis. Was ich berühre, darf nie Rost sein, nie Rost werden. Mag sein, dass seine Herkunft als Sohn eines Bauunternehmers hier eine Rolle spielt. Ich bin der nationale Rostlöser, behauptet Trump, der Ritter wider den Rost, ich bin Präsident Midas.

Eine goldene Uhr vor dem goldenen Schriftzug am Trump Tower. (imago stock&people)Gold, Gold, Gold vorm Trump Tower in New York. Der amtierende US-Präsident liebt Gold, das niemals rostet. Womöglich hat er ein traumatisches Verhältnis zum Rost? (imago stock&people)

Es waren vor allem die einstmals demokratisch stimmenden Wähler des Rust Belts, des industriell geprägten "Rostgürtels", die dem Immobilienhändler Trump den Sieg brachten. Die älteste und größte Industrieregion der USA liegt jetzt im Rost am Boden, überall blüht die Korrosion. Alte Autowracks in den Straßen, gesperrte Hängebrücken, Industrieruinen wirken wie verrostete Dinosaurier, Häuserdächer, Zäune, Abfalltonnen, überall springt der depressiv stimmende Rost ins Auge.

Rostige Rhetorik

Trump versprach den Menschen im Wahlkampf: "Es ist an der Zeit, den Rost vom Rostgürtel zu entfernen!"

Über die amerikanische Außenpolitik sagte der frisch gekürte Präsident: "Wir müssen den Rost abschütteln! Amerika zuerst!"

Noch pathetischer brachte er es in seiner Antrittsrede am 20. Januar 2017 zum Ausdruck. Überall sah er: "verrostete Fabriken, die wie Grabsteine über die Landschaft unserer Nation verstreut sind."

Präsident Obama hingegen, schreibt der amerikanische Publizist Jonathan Waldman, vermied es stets, die Begriffe "Rost" oder "rostig" zu benutzen, wenn er von der amerikanischen Infrastruktur sprach, zu infektiös seien diese Begriffe, zu negativ aufgeladen, zu depressiv stimmend. Trump hingegen hat den Rost als Sinnbild und Synonym für den Niedergang der Supermacht USA als Kampfbegriff gegen Obama aufgenommen und eingesetzt.

Trump will den Rost mit Eisen und Stahl bekämpfen und übersieht dabei, dass er damit die Zukunft des Landes zugleich dem Rost überschreibt, denn ohne Rost ist Trumps romantisch-regressive Industriepolitik nicht zu haben. Schon heute kostet Amerika der Kampf gegen den Rost jedes Jahr 400 Milliarden Dollar, denn nicht nur die klassischen Industrien liegen am Boden, auch die Armee und die Autoindustrie sind im ununterbrochenen Kampf gegen den Rost.

"It’s better to burn out, than to fade away"

Gehört zum Jazz nicht ein bisschen Rost dazu? Ist Pop nicht zu flüchtig, zu sehr Plastik, um rosten zu können? Ist Soul nicht viel zu beweglich, um Rost anzusetzen? Doch was ist mit Rock 'n' Roll? Lebt diese gitarrenbasierte Jugendrevolte nicht rost- und brandgefährlich? Kann der Rock 'n' Roll‑Gestus nicht gefällt werden von der Zeit? Wie bleibt man stilistisch gelenkig und rostfrei? Wird man von den nächsten jungen Helden nicht rasch zum alten Eisen gezählt? Es sind wohl diese Fragen, die Neil Young Ende der '70er‑Jahre umtreiben.

Der kanadische Rockmusiker Neil Young bei einem Konzert im Juli 2014 in London (dpa / Will Oliver)"Rust never sleeps" heißt ein Album von Neil Young, das auch das berühmt-berüchtigte Credo „It’s better to burn out, than to fade away“ hervorgebracht hat, das Kurt Cobain in seinem Abschiedsbrief zitiert. (dpa / Will Oliver)

Er veröffentlicht 1979 sein berühmtes Album "Rust never sleeps" - Niemals schläft der Rost. Gerade hatte der Punk Schlagzeilen gemacht und den altvorderen Rock 'n' Roll provoziert, aber eben auch vitalisiert. "In My My, Hey, Hey", dem ersten Stück seines Albums, formuliert Neil Young das berühmt-berüchtigte Credo "It’s better to burn out, than to fade away". Besser ausbrennen, als dahinzuschwinden. Und später: "It’s better to burn out, than it is to rust". Besser ausbrennen, als zu verrosten. Das war ein trotziges Ausrufezeichen, Kampfansage an den Punk und zugleich Punk selbst, Absage an die Eingewöhnung ins Unabänderliche, ins Bürgerliche sowieso, Absage an Stillstand und künstlerische Sesshaftigkeit.

Als sich Kurt Cobain 1994 erschoss, schloss der verzweifelte Band Leader von Nirvana seinen Abschiedsbrief mit der Liedzeile von Neil Young: "It’s better to burn out, than to fade away", woraufhin Neil Young sein Überlebenslied lange Zeit nicht spielen mochte. Cobain habe, meinte Young Jahre später, seinen Song missinterpretiert. Behauptung und Intensität sei die Botschaft, nicht Selbstmord. Rost, das ist die Aussage von Neil Youngs Album, ist stilistische Sklerose, wer bleiben und durchhalten will, muss nicht auf animierende Schocks warten, er muss sie selbst setzen.

Krieg als Korrosionsschutz

Erst nach dem Tod des Großvaters fanden sie seinen Stahlhelm. Er steckte in einer Kiste im Keller, war eingeschlagen in vergilbtes Zeitungspapier. War das Rost? Oder Blut? Schrammen, Dellen, hier und da Rostpickel, rostnarbig, schorfige Rostinseln. Im Inneren des Helms war das Leder des Innenfutters dunkel angelaufen vom Schweiß. Der Rost fing an zu erzählen, der Großvater hingegen, der in Russland gekämpft hatte und verwundet worden war, hatte nie über den Krieg gesprochen. Später hatte der Großvater Landser-Heftchen gelesen, Ernst Jüngers In Stahlgewittern kannte er nicht.

In diesem Manifest der Kriegsbegeisterung und virilen Körperpanzerung spielt Stahl eine große Rolle, doch das Wort "Rost" taucht nur einmal auf. Jünger schreibt, man brauche den Franzosen alle 50 Jahre als Erzfeind, "damit er den Rost von der Klinge fegt". Für den Offizier und Schriftsteller ist der Krieg ein existenzieller Korrosionsschutz, er beschreibt das militärische Training und den Kampf als Vitalitätsinjektion, der Stahl schmiedet den Menschen, mit Blut werden die glühenden Körper abgekühlt und gehärtet, Krieg als Rostkiller.

Im Gedicht Des Krieges Ruhm von Peter Huchel beschwört der Lyriker ein ganz anderes Kriegsbild von Rost und Eisen:

"Ich sah des Krieges Ruhm.
Als wärs des Todes Säbelkorb,
Durchklirrt von Schnee, am Straßenrand
Lag eines Pferds Gerippe.
Nur eine Krähe scharrte dort im Schnee nach Aas,
Wo Wind die Knochen nagte, Rost das Eisen fraß."

Rost triumphiert über alle Waffen

Während Ernst Jünger den Ersten Weltkrieg als heroisches, männerbildendes Entrostungsgefecht feiert, lässt Peter Huchel, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat, den Rost über alle Waffen und vergänglichen Menschenkörper triumphieren.

Rostiges Schiff, dass 2005 mit rund 150 Flüchtlingen in der Nähe von Tenneriffa gefunden wurde.  (dpa / Ramon de la Rocha)In "Rost: Der längste Krieg" schreibt Autor Jonathan Waldman, dass der mächtigste Feind der amerikanischen Seestreitkräfte kein Land sei, sondern der Rost. (dpa / Ramon de la Rocha)

Rost ist jedoch ein hartnäckiger Gegner, der keine Kriegserklärung braucht und sich an keinen Waffenstillstand hält. Jonathan Waldman schreibt in seinem Buch "Rost: Der längste Krieg", dass der mächtigste Feind der amerikanischen Seestreitkräfte kein Land sei, sondern der Rost. Da nach wie vor alle schweren Kriegswaffen aus Metall sind, ist Rost für alle Armeen dieser Welt ein Dauerthema. Es ist daher nicht ohne paradoxe Ironie, dass wir im Kampf gegen den Rost Worte wie Waffen gebrauchen und glauben, je härter wir artikulieren, desto siegreicher könnten wir sein.

Dazu merkt Waldman an: "Als ob wir unsere offenkundige Hilflosigkeit maskieren wollten, bekämpfen wir Zivilisten den Rost wie Matrosen. Wir attackieren mit Worten. Wir attackieren Metall mit dem 'Rost-Bekämpfer', mit dem 'Rost-Zerstörer', mit dem 'Rost-Killer', dem 'Rost-Banditen', wir wehren uns mit dem 'Rost‑Verteidiger', dem 'Rost-Schild' oder dem 'Rost-Wächter', wir gebrauchen Waffen wie 'Rost-Bombe', 'Rost-Explosion', 'Korrosions‑Granate' und 'Rost-Kugel'."

Rost im Kontrast zur Überzeitlichkeit

Eduardo Chillidas monumentale Eisenskulptur Berlin, die vor dem Berliner Kanzleramt steht, ist schnell und eindimensional als Symbol der deutschen Einheit gedeutet worden, doch diese Lesart lässt die rostige Oberfläche und ihre Korrespondenzen mit dem Ort außer Acht. Der Rost dieser dynamischen Skulptur steht so oft wie bei dem Basken Chillida für den atmosphärischen Dialog zwischen Ding und Wetter, Skulptur und Natur. Im Dialog mit dem pastellfarbenen Bau des Kanzleramtes, dessen wuchtige Repräsentativität Macht und Dauer verspricht, Unerschütterlichkeit und Überzeitlichkeit, lässt sich der Rost hier als vieldeutiges Fragezeichen lesen, als "memento mori", als sehr irdischer Anker, der das Kanzleramt-Raumschiff davor bewahrt, ins Außer-Alltägliche abzuheben.

Das Bundeskanzleramt mit der Eisenskulptur des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida in Berlin, aufgenommen am 11.09.2016. (dpa/picture-alliance/Rainer Jensen)Die Eisenskulptur des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida ermahnt als Rost-Anker zum "memento mori". (dpa/picture-alliance/Rainer Jensen)

Lasst euch nicht verführen, flüstert der Rost, die Zeit nagt an euch, das Draußen, der Wind, der Wechsel. Dieser Skulptur fehlt jedes stählerne Geschichtspathos, jeder Historiendonner, den man erwarten könnte, wenn jemand versucht, die deutsche Wiedervereinigung skulptural zu fassen. Der wandelbare Rost hingegen verweist auf das morbide, schmerzvolle Kapitel dieser Stadt, von der zwei Weltkriege ausgingen, einer Stadt, in der ein industrieller Massenmord geplant wurde, einer Stadt, die nach 1945 in Trümmern lag.

Diese Seite der Hauptstadt wird durch den Rost ebenso beschworen wie ihre menschenanziehende Urbanität, ihr architektonischer und industrieller Wandel. So bürstet der Rost, dieser vielgesichtige Doppelagent, ein legendäres, damals negativ gemeintes Diktum gegen den Strich. Berlin, so formulierte es einst der Kunstkritiker Karl Scheffler, sei stets dazu verdammt zu werden und dürfe niemals sein. Chillidas Rostsignaturen münzen dieses Diktum nun um: Berlin darf immer werden und muss niemals sein.

Vintage und Retro ist Kult - und damit auch Rost

Der Krieg gegen den Rost hat nie aufgehört, auch wenn wir ihn mitunter als künstlerisches Gestaltungsmittel, als Identitätsbaustein, als Authentizitäts‑Assistenten oder als biographisches Beglaubigungsschreiben wertschätzen. Maler und Innenarchitekten haben den Rost-Look längst im Programm, Vintage und Retro ist Kult, da darf der Rost nicht fehlen. Wo die sichtbare Arbeit immer mehr verschwindet, wo sie sich wandelt, sauberer wird und der Schweiß an die Maschinen delegiert wird, da kehrt der Rost auf Hosen und T-Shirts als Motiv zurück, als modisches Zeitgeist-Zitat. Alle wollen Leben sammeln und anhäufen, keiner weiß so recht, wie das geht. Früher hieß es "Wer rastet, der rostet", heute könnte man sagen: "Wer den Rost nicht kennt, kennt das Leben nicht".

Dieser Trend, diese Haltung spiegelt sich auch in neuen Bauweisen und Stahlarten wieder. Der sogenannte "Cor-Ten-Stahl" bildet auf der Oberfläche eine Rostschicht, die als wetterfeste Sperrschicht  weitere Korrosion verhindert. Cor-Ten-Stahl, der ein markantes Rostrot ausbildet, kommt im Straßen-, Brücken- und Häuserbau, aber auch bei Denkmälern und Skulpturen zum Einsatz. Doch so lange die Weltwirtschaft und die Armeen dieser Welt vorwiegend auf Metalle setzen, so lange wird der Krieg gegen den Rost fortgeführt. Ohne Rostschutz wäre der Welthandel nicht denkbar, denn Schiffe und Container, die wahren Propheten der Globalisierung, müssen aufwendig gegen Rost geschützt werden, zumal das salzige Seewasser Korrosionsprozesse beschleunigt.

Besucher spazieren 2015 vor der Skulptur "Dirty Corner" von Anish Kapoor in Versailles. (PATRICK KOVARIK / AFP)Skulptur des Künstlers Anish Kapoor aus Cor-Ten-Stahl, der auf der Oberfläche eine Rostschicht bildet, die als wetterfeste Sperrschicht weitere Korrosion verhindert. (PATRICK KOVARIK / AFP)

Wie eine Welt aussehen könnte, in der der Rost triumphiert, zeigte 2009 der Animationsfilm "Wall-E" von Pixar. Es ist eine rostige Dystopie. Die Menschen haben die Erde verlassen, der Müll regiert, alles Leben ist erstickt, verstrahlt, vertrieben. Nur ein kleiner rostfleckiger Aufräumroboter namens Wall-E tut das, was er tun soll, er presst Schrott. Der Film schwelgt in einer Symphonie des Rostes, die Erde ist ein Schrotthaufen und nur Wall-E, die kleine Maschine, beherbergt noch Gefühle, Erinnerungen an die Menschen. Es ist schließlich diese anthropomorphe Rostlaube, die den Planeten und die Menschheit rettet, indem er eine aufblühende Pflanze birgt und jenseits seiner Verschrottungsprogrammierung Persönlichkeit gewinnt. Mit Wall-E lässt sich in Hinblick auf den Rost folgendes formulieren: Wir werden den Krieg gegen den Rost nie gewinnen, wenn wir fortfahren, ihn als Todfeind zu betrachten.

Unser Dialog mit dem Rost lehrt: Der Mensch ist ein Mängelwesen und der Rost ist ein Mangel. Das verbindet uns. Vor unserer Tür stehen jedoch rostfreie Algorithmen, die dem Menschen Erfahrungen verkaufen, antizipieren. Noch sind sie Assistenten, smarte Diener, doch eher düster gestimmte Visionäre und Zukunftsforscher sehen in lernenden Algorithmen eine neue Form der Diktatur aufsteigen, aus deren Sicht der Mensch dann entbehrlich wäre. Vielleicht wären wir dann, der Mensch und der Rost, aus der Sicht dieser digitalen Monster Korrosionspartner, lästige Überbleibsel einer überwundenen Epoche. Vom Rost lernen, heißt siegen lernen.

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