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Vergebung, Laienspiel und Feuchtgebiete

Spiegel-Bestsellerliste "Belletristik" im April

Kommentiert von Denis Scheck

Blick in ein Bücherregal einer Bücherei
Blick in ein Bücherregal einer Bücherei (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Die aktuelle Spiegel-Bestseller-Liste Belletristik bietet eine Diskussion über Groß und Klein in der Fantasyliteratur, eine Analyse des modernen Thrillers sowie Ausführungen zur wunderbaren Wandlung eines Sympathieträgers des Regionalkrimis, den Hinweis auf ein exzellentes Buch über die Liebe, einen Exkurs über Analsex und literarische Landgewinnung sowie eine tiefe Verbeugung vor Felicitas Hoppes fabelhaftem neuen Roman "Iwein Löwenritter".

In diesem Monat bringen die zehn meistgelesenen Romane der Deutschen 5 Kilo und 72 Gramm auf die Waage: zusammen 5450 Seiten: neuer deutscher Rekord!

Platz 10. Stieg Larsson: Vergebung (Deutsch von Wiebke Kuhn, Heyne Verlag, 848 Seiten, 22.95Euro)

Ein ungewöhnlich spannender Thriller, mehr noch: dieser Roman zeigt an, was im Thriller derzeit überhaupt möglich ist. Wir begegnen der Heldin Lisbeth Salander bei ihrer Einlieferung im Krankenhaus. In ihrem Körper stecken drei Kugeln: eine in ihrer Hüfte, eine in ihrer Schulter und eine in ihrem Gehirn. Auf den folgenden achthundert Seiten bringt sich Salander in den Besitz von zweieinviertel Milliarden Dollar, liebt mal Männer, mal Frauen, mal nur sich selbst, enttarnt Teile ihrer Familie als Killer und deckt eine internationale Verschwörung um Waffenschieber, Mädchenhändler und Geheimagenten auf. Das alles ist so unerhört rasant, amoralisch und sinnlos, dass es sich um einen Spiegel unserer Gegenwart handeln muss.

Platz 9. Ildefonso Falcones: Die Kathedrale des Meeres (Deutsch von Lisa Grüneisen, Scherz Verlag, 656 Seiten, 19.90 Euro)

Ein Mittelalterschmöker über den Aufstieg eines katalanischen Bauernjungen zum Seekonsul von Barcelona und den Bau der gotischen Kirche Santa Maria del Mar- literarisch so imposant wie die erste Sandburg eines architektonisch durchschnittlich begabten Fünfjährigen.

Platz 8. Bernhard Schlink: "Das Wochenende" (Diogenes Verlag, 240 Seiten, 18 Euro 90)

Schuld und Sühne, das sind die großen Themen des Juristen und Schriftstellers Bernhard Schlink seit seinem Welterfolg "Der Vorleser". In seinem neuen Roman beschäftigt sich Schlink mit dem Phänomen der RAF und fragt, wie aus den Kindern von Nazi-Mördern mordende Terroristen werden konnten und was eigentlich aus "dem linken Projekt" geworden ist. Diese Fragen werden in "Das Wochenende" so differenziert und spannend diskutiert, dass ich Schlinks Roman seine ästhetische Schwerblütigkeit gern nachsehe.

Platz 7. Martin Suter: Der letzte Weynfeldt (Diogenes Verlag, 272 Seiten, 19.90 Euro)

Eine gewisse historische Patina liegt auch auf der Prosa Martin Suters. Fragt sich nur, ob diese Antiquiertheit gewollt ist oder nicht doch unwillkürliche Folge eines überholten Erzählverfahrens. So kurzweilig Suters Geschichte über ein gefälschtes Bild Felix Vallottons auch ist - Vallottons Malerei scheint mir ungleich lebendiger als diese Klamotte über betrogene Betrüger.

Platz 6. Stephenie Meyer: Biss zum Abendrot (Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 640 Seiten, 22.90 Euro)

Wie die meisten Unternehmungen, bei denen der Austausch von Körperflüssigkeiten im Mittelpunkt steht, geht es auch in Vampirromanen in erster Linie um Sex. Die Mormonin Meyer hat nun den vegetarischen Vampirroman erfunden: ihr Held saugt statt Menschen wilden Tieren ihr Blut aus. Folglich handelt ihr Roman auch nicht von Sex, sondern von Händchenhalten und einem Mädchen namens Bella, das sich auf über 600 Seiten zwischen einem wahnsinnig gutaussehenden Vampir und einem attraktiven Werwolf entscheiden muss. Erst nach der Lektüre dieses Romans weiß ich, was Horror wirklich bedeutet!

Platz 5. Markus Heitz: Das Schicksal der Zwerge (Piper Verlag, 624 Seiten, 15.00 Euro)

Einem Fantasyroman sein Personal aus Drachen, Zwergen und Elfen vorzuwerfen, wäre so albern, wie einem Western, dass darin Cowboys, Pferde und Postkutschen auftauchen. Aber die Holzschnittcharaktere, der alberne Plot und die tumben Dialoge in diesem Roman über Zwerge sind eine Riesensauerei.

Platz 4. Martin Walser: Ein liebender Mann (Rowohlt Verlag, 288 Seiten, 19.90)

Das mit Abstand beste Buch auf dieser Liste handelt von der Liebe des alten Goethe zu der jungen Ulrike von Levetzow. Das Wunderbare von Walsers Roman besteht darin, wie fabelhaft leicht er diesen Stoff macht. Viel lässt sich aus "Ein liebender Mann" über Goethe, Ulrike und ihre Zeit erfahren, auch über Beziehungen mit großem Altersunterschied. Aber ungleich wichtiger als all das ist, was dieses Buch über die Liebe erzählt.

Platz 3. Volker Klüpfel, Michael Kobr: Laienspiel (Piper Verlag, 368 Seiten, 14.00 Euro)

Aus einem Helden, dem schon beim Kauf eines neuen Paars Schuhe der Schweiß ausbricht, einen James Bond zu machen, darf man verwegen nennen. Ausgerechnet das hat sich aber das Autorenduo Klüpfel/Kobr für ihren Helden, das träge Allgäuer Gewohnheitstier Kommissar Kluftinger, in Kopf gesetzt. Und zu meiner Verblüffung ergibt Kluftingers Ausflug in der Welt des islamischen Terrorismus vor der Kulisse der Fußball-Europameisterschaft einen richtig guten, spannenden und befriedigenden Krimi. Respekt!

Platz 2. Ken Follett: Die Tore der Welt (Deutsch von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt, Lübbe Verlag, 1295 Seiten, 24.95 Euro)

Keine Frage, die Fortsetzung zu "Die Säulen der Erde" ist unterhaltsam und handwerklich ordentlich. Aber obwohl Follett seinen vier Hauptpersonen vom Schwarzen Tod über den Beginn des Hundertjährigen Krieges bis zu lesbischen Nonnen und schwulen Bischöfen alles in den Weg stellt, was das Mittelalter an Kurzweil zu bieten hat, wirkt dieser Roman so aufregend wie eine Nacht im Kostümverleih. Wenn Sie ein wirklich gutes Buch übers Mittelalter lesen wollen, empfehle ich Ihnen Felicitas Hoppes wunderbare Nacherzählung von Hartmann von Aues "Iwein Löwenritter" (S. Fischer, 249 Seiten, 16.90 Euro)

Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste

Charlotte Roche: "Feuchtgebiete"
(DuMont, 219 Seiten, 14.90 Euro)

Zu den hehrsten Aufgaben der Literatur zählt, dem Meer des Unsagbaren ein Stück neues Land abzuringen. Das leistet "Feuchtgebiete" zweifellos - hier wird ein Tabu geknackt wird: in diesem Fall das Tabu von Intimhygiene und Analsex. Allerdings hat das nach 20, 30 Seiten auch der größte Dämel begriffen, und dann kommt er ja erst, der Roman. Ohne nun als Korinthenkacker dastehen zu wollen, ist das freundlichste, was ich über die wahnsinnig brave und biedere Handlung dieses Romans sagen kann, dass sie mir am Arsch vorbeigeht.

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