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StartseiteSport am WochenendeVergessene Rekorde20.06.2009

Vergessene Rekorde

Berliner Ausstellung über jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933

Die Ausstellung "Vergessene Rekorde - Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933" zeichnet anhand der Schicksale von drei jüdischen Leichtathletinnen die Blütezeit des jüdischen Sports in der Weimarer Republik nach und wie er von den Nationalsozialisten brutal zerschlagen wurde. Die Schau im Centrum Judaicum in Berlin gehört zum offiziellen Kulturprogramm der Leichtathletik-Weltmeisterschaften im August.

Von Michael Barsuhn

Projekte der historischen Aufarbeitung haben es schwer, besonders im Sport. Das weiß auch Hans Joachim Teichler, Professor für Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam. In seiner Ausstellung "Vergessene Rekorde" werden Blütezeit und Zerschlagung des jüdischen Sports in Deutschland thematisiert. Doch der Weg ins offizielle Kulturprogramm der Leichtathletik-Weltmeisterschaft war lang:

"Eigentlich hatte ich gedacht, dass so eine Idee fast ein Selbstläufer ist, dass man somit auch vom Kulturprogramm der Weltmeisterschaften sofort mit offenen Armen empfangen wird. Zumal für dieses Kulturprogramm fast zwei Millionen staatlicher Gelder zur Verfügung standen. Wir haben viel Lob bekommen, viel Schulterklopfen, aber keine Finanzzusage."

Schließlich beendete die Alfred Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung das zähe Ringen um Sponsorengelder und erklärte sich auf Grund der Bedeutung des Themas bereit, die Ausstellung mit 30.000 Euro zu finanzieren. Im Mittelpunkt der stark biografisch geprägten Schau steht das Schicksal der drei jüdischen Leichtathletinnen Lilli Henoch, Martha Jacob und Gretel Bergmann, die in der Weimarer Republik als Aushängeschilder des sich bahn brechenden Frauensports galten:

"Es ist der Versuch, zu zeigen wie integriert die jüdischen Staatsbürger in die deutsche Gesellschaft gewesen sind und wie 1933 dieser Staat, dieses Regime die Juden auf einmal zu Juden gemacht hat, die was anderes sind als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sie ausgegrenzt hat. Und das ist glaube ich das interessante, dass hier das attraktive Handlungsfeld Sport genutzt wird für politische Bildung."

Die Mehrzahl der deutschen Sportvereine begrüßt die Machtergreifung Hitlers im Frühjahr 1933 euphorisch. In vorauseilendem Gehorsam wird der so genannte Arierparagraf eingeführt, der den Eintritt jüdischer Mitglieder fortan verbietet. Bereits im April 1933 erhält die damals 19-jährige Hochspringerin Gretel Bergmann ein folgenschweres Schreiben:

"Darin stand, ich sei im Verein nicht mehr erwünscht. Wenn wir auf der Straße Freunde trafen, dann taten sie so als ob sie uns nicht kannten und grüßten nicht. Wir durften nicht mehr ins Restaurant, nicht mehr ins Kino, nicht mehr ins Freibad. Wir waren wie ausgestoßen. Wir waren einfach nicht mehr Teil der Gesellschaft."

Angesichts der alltäglichen Diskriminierung von Juden protestiert das Ausland vehement gegen die für 1936 geplanten Olympischen Spiele in Berlin. Mit einem perfiden Plan gelingt es der NS-Sportführung jedoch, den drohenden Boykott abzuwenden:

"Sie kamen auf die Idee, eine Alibijüdin zu nominieren. Es sollte also zum Schein ein jüdischer Sportler teilnehmen können. Die Diskussion konzentriert sich dabei sehr früh auf Gretel Bergmann, weil sie so eine herausragende Hochspringerin ihrer Zeit war,"

erklärt Dr. Jutta Braun von der Universität Potsdam.

"Zwei Wochen vor Beginn der Spiele erhielt Gretel Bergmann plötzlich ein Absageschreiben, in dem ihr mit zynischen und knappen Worten mitgeteilt wurde, dass sie aus dem Kader ausdelegiert sei, weil ihre Leistungen nicht genügend seien, Das war unsinnig, denn kurz zuvor hatte sie den deutschen Rekord eingestellt, sie war also eine aussichtsreiche Medaillenanwärterin."

Der Betrug an Bergmann bleibt ohne Folgen. Die Spiele unter dem Hakenkreuz finden statt. Eine Reproduktion des Briefes an Gretel Bergmann ist in der Ausstellung zu besichtigen, ebenso wie die Original-Hochsprunganlage der Olympischen Spiele 1936. Noch 1937 emigriert Gretel Bergmann endgültig in die USA. Die auch als Turnlehrerin beliebte Lilli Henoch ist die einzige der drei Ausnahmeathletinnen, die ihr Heimatland nicht verlässt - eine fatale Entscheidung: 1942 wird sie deportiert und in der Nähe von Riga ermordet.

Die Übernahme brauner Eliten, gepaart mit Unwissenheit und Desinteresse, verhinderte in der Bundesrepublik über Jahrzehnte eine nachhaltige Aufarbeitung der NS-Geschichte. Ohne den persönlichen Einsatz einzelner Historiker und engagierter Bürger würden viele Sportvereine und - Verbände bis heute das Schicksal ihrer jüdischen Mitglieder ausblenden. So ist es dem hartnäckigen Engagement des Vereinsmitglieds Martin Heinz Ehlert zu verdanken, dass der BSC Berlin seit 2004 jährlich das Lilli-Henoch-Frauensportfest feiert. Erst seit 2006 erinnert auch der SCC Charlottenburg mit einer Gedenktafel an Martha Jacob und weitere jüdische Vereinsmitglieder. Das regimekonforme Verhalten des Vereins, der sich bereits im Frühjahr 1933 selbst gleichschaltete, wird jedoch weiterhin nicht reflektiert, wie Prof. Hans Joachim Teichler bemängelt:

"Ich hoffe, dass unsere Ausstellung dafür öffentlichen Raum schafft, dass der Sport selber erkennt, dass er hier eine Bildungsarbeit zu leisten hat. Unsere Ausstellung ist ja auch als Wanderausstellung konzipiert, die kann von allen Landessportbünden angefordert werden. Und ich hoffe, dass da in Zukunft ein reges Interesse bestehen wird, diese Ausstellung zu zeigen."

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