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StartseiteForschung aktuellSechster Sinn nicht nachweisbar30.04.2018

Verhalten von Tieren bei ErdbebenSechster Sinn nicht nachweisbar

Ernüchternd sei die Auswertung von 700 Berichten über Tiere als Frühwarnsystem für Erdbeben gewesen, berichtete Torsten Dahm vom GeoForschungsZentrum in Potsdam. Es gebe keine klare, eindeutige Aussage, dass Tiere eine Art sechsten Sinn für Erdbeben hätten.

Torsten Dahm im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Satellitenfoto der San Francisco Bay Area (picture alliance / dpa / ESA)
Satellitenfoto der San Francisco Bay Area, einer Gegend mit besonders vielen Erdbeben (picture alliance / dpa / ESA)
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Lennart Pyritz: Dass Tiere einen sechsten Sinn für Naturkatastrophen haben, ist eine alte Überzeugung des Menschen. Und bis heute tauchen immer wieder solche Geschichten auf: Elefanten, die es landeinwärts zieht, bevor ein Tsunami die Küste verwüstet; Wellensittiche, die sich vor einem Erdbeben auffällig gebaren; oder Kröten, deren Wanderverhalten sich ändert, bevor die Erde bebt. Ob Tiere tatsächlich als Frühwarnsystem taugen, ist allerdings bis heute ungeklärt. Jetzt haben Erdbebenforscher mehr als 700 Berichte ausgewertet, in denen ungewöhnliches Verhalten von mehr als 130 Tierarten mit einem anschließenden Erdbeben in Verbindung gebracht wird. Ihre Ergebnisse stellen sie im "Bulletin of the Seismological Society of America" vor.

- Mit einem der Autoren habe ich telefoniert: Torsten Dahm, Professor am Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam. Ich habe ihn zuerst gebeten, ein paar Beispiele für Berichte zu geben, die in die Studie eingeflossen sind.

Torsten Dahm: Wir haben eine Vielzahl von Publikationen untersucht, also uns konzentriert auf Arbeiten, die auch wirklich veröffentlicht wurden und einen Begutachtungsprozess durchlaufen haben. Und die Aussagen betrafen alle möglichen Tierarten, hauptsächlich Säugetiere, aber auch Fische oder Reptilien oder Vögel. Und die Aussagen waren ganz unterschiedlich. Also das kann so etwas sein wie, dass sich das Verhalten von Herdentieren ändert, von Kühen, dass die sich anders bewegen oder dass sie mehr oder weniger Milch geben oder dass die Fangquoten von Fischen sich vielleicht ändern oder natürlich auch so etwas wie, dass Hunde bellen oder auch Hunde nicht bellen vor einem Beben. Also ganz unterschiedlich.

Pyritz: Wie haben Sie diese Daten dann für die aktuelle Studie systematisch analysiert?

Dahm: Also wir haben uns zur Aufgabe gemacht, dass wir vor allem nachprüfen, wie verlässlich die statistischen Aussagen sind, das heißt, ob die Autoren dieser Arbeiten zum Beispiel genau definieren, was ein anormales Verhalten ist und ob sie auch Zeitreihen, wie wir das nennen, präsentieren, das heißt, systematische Beobachtungen über längere Zeiträume vor dem Beben und dann auch nach dem Beben. Weil das ist eine wichtige Voraussetzung, um ein statistisch signifikantes Ergebnis zu erreichen.

Nur 14 Arbeiten genügten grundlegenden Qualitätskriterien

Pyritz: Und was waren die Ergebnisse Ihrer Analysen? Gibt es diese Zeitreihen, sind das statistisch sinnvolle Studien, die da bisher vorliegen?

Dahm: Also, das war ein bisschen ernüchternd, was als Ergebnis rauskam. Zum Ersten muss man sagen, dass von diesen 700 Claims und 180 Publikationen nur ganz wenige diesen Qualitätskriterien überhaupt schon mal genügt haben, dass man sie auswerten kann. Da blieben zum Schluss nur, ich glaube, 14 Arbeiten übrig. Dann gab es aber unter diesen 14 doch große Schwachstellen, was zum Beispiel die Länge der Zeitreihe angeht, auch eben die Definition, was überhaupt anormales Tierverhalten ist oder auch so essenzielle Dinge, wie das genau auch dokumentiert ist, um welches Erdbeben es sich denn handelt und, in welcher Entfernung dieses Beben aufgetreten ist oder wie stark das Beben war.

Pyritz: Vor diesem Hintergrund, lässt dann die Qualität der Datenbasis, die Sie genutzt haben, überhaupt ein eindeutiges Urteil über die seismologischen Fähigkeiten von Tieren zu? Also kann man auf der Grundlage der Studien, die Sie sich jetzt angeschaut haben, sagen, ob Tiere durch ihr Verhalten Erdbeben vorhersagen können oder nicht?

Dahm: Also bei allen Arbeiten, die wir untersucht haben, ist das Ergebnis, dass das keine klare, eindeutige Aussage zulässt, also das heißt, eine positive Aussage, dass es so einen Vorläufer oder so einen sechsten Sinn geben könnte und sie vor dem Beben Signale spüren. Wir haben allerdings Hinweise darauf gefunden, dass das Tierverhalten ähnliche Muster aufweist wie die Muster, die wir bei Vorbeben finden. Und wir schließen daraus, dass es durchaus sein könnte, dass Tiere eben vielleicht die Vorbeben, die Wellen, die von Vorbeben ausgestrahlt werden, spüren – das tun Menschen teilweise ja auch – und darauf vielleicht sogar reagieren.

Pyritz: Welche Daten, welche Datenqualität bräuchte man denn nun, um diese Frage tatsächlich zu beantworten, ob Tiere als Frühwarnsystem für Naturkatastrophen wie Erdbeben taugen?

Systematische Messungen wären notwendig

Dahm: Na ja, man müsste, wenn man das ernst meint, wirklich systematische Messungen machen. Das heißt, man müsste also über längere Zeiträume messen, man müsste ganz genau definieren, welche Anomalien hier bestimmt werden. Es reicht nicht, eine Eigenschaft von Tieren zu untersuchen, man muss auch die Umweltbedingungen, das Wetter, andere Einflüsse, die möglicherweise da sind, alle mit aufzeichnen und natürlich auch die Erdbeben, die auftreten und die Bodenerschütterung mit aufzeichnen.

Pyritz: Ein Team um Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Ornithologie hat kürzlich Ziegen am Ätna auf Sizilien mit GPS-Halsbändern und Beschleunigungssensoren ausgestattet, um herauszufinden, ob die Tiere Vulkanausbrüche durch veränderte Bewegungsmuster anzeigen – da gab es vorher auch schon anekdotische Berichte. Wäre dieser Ansatz, also Miniatursensoren, die das Tierverhalten detailliert messen, wäre der auch was, um zu klären, ob Tiere Erdbeben vorhersagen können?

Dahm: Ja, also die Arbeiten von Wikelski, die kennen wir auch in Form von Presseberichten. Allerdings sind diese Arbeiten nicht publiziert gewesen. Insofern konnten wir die nicht in unsere Studie miteinbeziehen. Grundsätzlich kann es sinnvoll sein, Verhaltensmuster oder Bewegungsmuster von Tieren genau zu tracken, wenn man Langzeitversuche aufsetzt und wenn man andere Umweltparameter mitmisst, eben wie Temperatur, andere Einflüsse und auch die Erdbebentätigkeit genau aufzeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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