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StartseiteThemen der WocheVerhaltener Jubel28.01.2012

Verhaltener Jubel

Ägypten ein Jahr nach der Revolution

"Eish, hurriyya, idaala igtimaa'iyya!” – Wir wollen Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit! Es sind dieselben Forderungen, die die Ägypter heute wieder stellen – wie vor einem Jahr, als erst Tausende, am Ende Millionen auf die Straße gingen. Und sie haben begriffen, dass das neue Regime eine Fortsetzung des alten ist.

Von Susanne El Khafif, freie Publizistin

Ägypter tragen eine risiege ägyptische Flagge bei einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo. (Maya Alleruzzo/AP/dapd)
Ägypter tragen eine risiege ägyptische Flagge bei einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo. (Maya Alleruzzo/AP/dapd)

Doch wer meint, dass der Ruf nach Freiheit und einem besseren Leben heute zögerlich klingt und verhalten, überlagert von den erdrückenden Alltagsproblemen, der musste sich am vergangenen Mittwoch eines besseren belehren lassen. Denn da gingen die Menschen erneut auf die Straße in allen großen Städten des Landes. In Kairo formierten sie sich zu gewaltigen Protestzügen, die in den Tahrir-Platz mündeten im Zentrum der Hauptstadt. Und die, die ihre Forderungen laut und deutlich zu Gehör brachten, waren keine verträumten Spinner oder militante Fanatiker, nein, es waren Menschen aus allen sozialen Schichten, jeder politischen Couleur, Männer, Frauen, Alte und viele, viele junge Menschen. In ihren Gesichtern stand: "Wir haben keine Angst, wir werden weitermachen!"

Eine machtvolle, eine beeindruckende Demonstration politischen Willens. Doch wo steht das Land heute, ein Jahr nach Beginn der Revolution? Ägypten taumelt. Der Militärrat, ein Trupp alter Männer, die in der Ära Mubarak zu führenden Militärs aufsteigen konnten, zeigt sich unfähig, das große und bevölkerungsreiche Land zu lenken. Er herrscht, nach alter Manier, ist beratungsresistent, nicht in der Lage, einen Dialog zu führen mit all denen, die die Hände ausstrecken, um die Probleme des Landes gemeinsam anzugehen. Nein, der Militärrat klebt an seinen Privilegien und an seinem gewaltigen Wirtschaftsimperium, er will, dass die Menschen wie zuvor den Befehlen gehorchen. Und tun sie es nicht, lässt er schießen, einsperren, prügeln, mit Stiefeln treten. Als ob diese alten Männer nichts begriffen hätten von dem, was sich hier als so positive Kraft der Erneuerung entfaltet. Ihre Unfähigkeit, die eigene Rolle neu zu definieren, ist für das Land und die Gesellschaft desaströs: Mit der Wirtschaft geht es bergab, Touristen bleiben weg, die Reichen Ägypter bringen ihr Geld außer Landes, die Preise steigen, selbst für Brot, immer mehr Menschen verlieren ihre Arbeit. Die öffentliche Ordnung hat Schaden genommen, die Polizei ist noch immer abwesend, drückt sich davor, der Bevölkerung zu dienen, die Kriminalitätsrate steigt, Bürger sind auf sich gestellt, auf Familie und Nachbarschaft angewiesen. Dass der Alltag dennoch irgendwie funktioniert, ist ein Wunder – und letztlich der moralischen Stärke dieser Gesellschaft zu verdanken.

Immerhin: Politisch hat der Militärrat dafür gesorgt, dass in diesem Land die ersten freien Parlamentswahlen stattfanden. Doch zu welchem Preis! Die neuen Kräfte konnten sich in der Kürze der Zeit nicht genügend aufstellen, eine Mehrheit der Wähler entschied sich für die Islamisten. Weil sie glaubt, dass sie die Einzigen sind, die dem alten System die Stirn bieten können. Vieles riecht danach, dass das religiöse Lager und das Militär einen Handel eingegangen sind, in dem die Generäle, durch die neue Verfassung abgesegnet, eine herausragende Stellung behalten – und die Politik im Gegenzug – wie auch immer – islamischer wird. Doch dankbar ist die Aufgabe, die sich die Religiösen da aufgebürdet haben, nicht: Die Erwartungen sind hoch, die Probleme gewaltig. Wer diesen Karren aus dem Morast ziehen will, wird hart arbeiten müssen. Einfache Slogans, wie "al-Islam al-hal" - der Islam ist die Lösung - werden da nicht ausreichen. Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit! Das ist es, was die Menschen wollen. Und sie fordern es heute noch bewusster und nachdrücklicher als noch vor einem Jahr. Doch es wird Jahrzehnte brauchen, bis es diesem Land mit seinen herausragenden Potenzialen gelingen wird, die Revolution erfolgreich zu Ende zu führen. Das Wichtigste dafür aber ist vorhanden: Der Geist des Widerstands, der vor einem Jahr geboren wurde, ist lebendiger denn je.

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