• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 03:05 Uhr Heimwerk
StartseiteKultur heuteVertane Chance in Berlin-Tempelhof10.09.2017

Verhinderter Entwurf von Francis Kéré Vertane Chance in Berlin-Tempelhof

Der Berliner Senat habe den Bau eines faszinierenden Totaltheaters verhindert, kommentierte Nikolaus Bernau im Dlf. Die Bühne auf dem Tempelhofer Flughafen sollte Teil des Programms von Volksbühnen-Intendant Chris Dercon sein.

Von Nikolaus Bernau

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
(picture alliance / Paul Zinken/dpa)
Der neue Volksbühnen-Intendant Chris Dercon und Architek Francis Kéré bei der Vorstellung des Satellitentheaters auf dem Tempelhofer Feld am 04.09.2017. (picture alliance / Paul Zinken/dpa)
Mehr zum Thema

Ausstellung in München Francis Kéré – der engagierte Architekt

Volksbühne Berlin Warum Kérés Satellitentheater vorerst Utopie bleibt

Volksbühne-Intendant Chris Dercon "Wir wollen das Ensemble wieder aufbauen"

Michael Schindhelm über "Letzter Vorhang" "Gewisse Sympathie" für Dercons Volksbühne-Pläne

Hegemann, Dramaturg, über Volksbühne: "Es war ein Theater gegen die Tendenz"

Es gibt nicht viele Architekten in Berlin, die Weltruf genießen. Francis Kéré, der aus Burkina Faso vor mehr als zwanzig Jahren einwanderte, gehört zweifellos dazu. Der erste Beweis dafür war die Überreichung des Aga Khan Preises für nachhaltige Architektur schon 1996. Und derzeit kann man den so zierlichen wie poetischen Serpentine-Pavillon im Londoner Hyde-Park bewundern: ein aufstrebender, bunter Baum aus breiten Sonnensegeln, unter denen sich gut wandeln und diskutieren - oder auch einfach nur schweigen lässt.

Wie gut das Büro von Francis Kéré ist, wie sehr er, der in Afrika mit dem Bau von Schulen aus Lehm und Holz Ruhm gewann, trotz widrigster Umstände eisern versucht, ästhetische Qualität zu wahren, kann man sogar an der letztlich banalen Tribüne sehen, die nun im Hangar V des einstigen Flughafens Tempelhof errichtet wurde.

Brillante Pläne für den Tempelhofer Hangar

Eine Anlage aus Baugerüsten und Spanholztafeln, darauf liegend tiefblaue Sitzkissen für 400 Besucher. Und auf dem weiten Asphaltboden davor, der auch als Bühne dienen soll, einige gestufte Podeste, ebenfalls mit tiefblauen Kissen darauf. Die Holzplatten sind sorgfältig gefügt, die Podeste ebenfalls, da stimmt jede Schraube.

Kéré hatte eigentlich brillante Pläne: Er wollte eine zusammenschiebbare, rollbare Konstruktion in mehreren Kreisabschnitten errichten, die zwischen der Hangarhalle und dem freien Vorfeld hin und her verschoben hätte werden können. Eine Konstruktion, die mit Stoffen und Mustern dekoriert werden sollte, die von den Flüchtlingen gemacht worden wären, die im Flughafen untergebracht waren; damals, im Herbst 2016, war von Tausenden die Rede, jetzt sind noch 200 hier logiert.

Nicht Dercon, schon gar nicht Kéré, sondern der Berliner Senat und die Senatskulturverwaltung haben den Bau eines faszinierenden Totaltheaters in der Tradition von Erwin Piscator und Walter Gropius verhindert. Nach der Senatswahl im vergangenen November erschien Dercon dem neuen Kultursenator Klaus Lederer nicht mehr opportun, er wollte keinen Ärger mit den Volksbühnen-Aktivisten, die den Dercon-Vorgänger Frank Castorf fast schon kultisch verehren. Da man Dercon aber nicht entlassen konnte, wurde er sabotiert. Erst am 19. Mai gab die vom Senat kontrollierte Lotto-Stiftung die Gelder für die neue Flughafen-Bühne frei. Dass wenigstens die Tribüne dabei herauskam, gleicht einem Wunder.

Dem Senat fehlte der Mut

Die Nutzung des Tempelhofer Flughafens und seines einstigen Flugfeldes als Theater- und Festivalort ist schon seit vielen Jahren in der Debatte. Sicher war der Auftrag an Kéré ein Teil des Programms von Chris Dercon. Doch auch über dieses hinaus wäre der Bau eines flexiblen, für alle möglichen Zwecke nutzbaren Theaters sinnvoll gewesen. Aber dem Senat fehlte sogar der Mut, diese Notwenigkeit zuzugeben. Und so stehen wir jetzt vor einer Tribüne, wie man sie überall haben kann, statt vor einem Theater, dass es nirgends so gibt. Wie gut, dass der Architekt ein so überaus freundlicher Mann ist, und dass er Berlin so liebt. So können wir wenigstens hoffen, irgendwann einmal doch die richtige, die große Lösung Kérés zu sehen

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk