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StartseiteForschung aktuellVerkannte Gefahr07.08.2009

Verkannte Gefahr

Zahl der zuckerkranken Kinder steigt rasant

Medizin. - Die Zahl der Diabetes-Kranken, die bereits vor der Einschulung zuckerkrank werden, steigt dramatisch. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Eine groß angelegte internationale Studie soll jetzt die Faktoren für die beunruhigende Entwicklung identifizieren.

Von Anne Kleinknecht

Die Zahl der Diabetiker unter Kindern steigt rasant. (Stock.XCHNG)
Die Zahl der Diabetiker unter Kindern steigt rasant. (Stock.XCHNG)

Immer mehr Patienten bekommen schon im Grundschul- oder Kindergartenalter den Diabetes vom Typ 1. Und selbst zuckerkranke Kinder unter fünf Jahren sind nicht ungewöhnlich. Das haben Forscher von der Universität Belfast herausgefunden, die die Daten von 30.000 Diabetes-Patienten ausgewertet haben. Ihr Fazit: Wenn die Entwicklung so weiter geht, könnte die Zahl der jungen Patienten in den nächsten zehn Jahren noch deutlich steigen. Professor Anette Ziegler leitet die Forschungsgruppe Diabetes an der Technischen Universität München. Sie kann den Trend bestätigen:

"Wir haben seit 1989 hier in Deutschland unter meiner Leitung sogenannte prospektive Studien durchgeführt, wo wir Kinder, die noch keinen Diabetes hatten, von Geburt an begleitet haben und nachuntersucht haben, bis sie Diabetes entwickeln. Und wir können sehen: Seit 1989 bis heute, das sind 20 Jahre, die wir überbrücken, dass die Krankheit gerade in den letzten fünf Jahren dramatisch zunimmt in den ersten fünf Lebensjahren."

Die Forscher stehen vor einem Rätsel. Sie haben keine eindeutige Erklärung für die vielen zuckerkranken Kinder. Doch schon jetzt steht fest: Genetische Faktoren allein sind nicht der Grund. Ziegler:

"Seit es das Insulin gibt und seit wir gelernt haben, den Diabetes gut zu behandeln, können auch alle Frauen mit Typ-1-Diabetes Kinder bekommen. Das heißt, erst seit 100 Jahren vererben sich die Typ-1-Diabetes-Gene weiter und sterben nicht aus. Aber diese Vermehrung, die sich über Generationen ergibt, da braucht es Generationen bis solche Gene sich vermehren. Das kann nicht eine so dramatische Zunahme innerhalb von fünf oder zehn Jahren erklären."

Anette Ziegler erforscht deshalb zusammen mit Wissenschaftlern aus aller Welt äußere Faktoren, die die Zuckerkrankheit auslösen könnten. In der sogenannten Teddy-Studie suchen sie zum Beispiel nach einem Zusammenhang zwischen Diabetes und Infektionen oder Impfungen. Eine Vermutung ist auch, dass die Ernährung der Eltern eine Rolle spielen könnte, wenn die Kinder zuckerkrank werden. Bewiesen ist das aber noch nicht. Ziegler:

"Wir wissen auch heute, dass die sogenannte pränatale Phase eine wichtige Rolle spielt, die Phase, wo das Ungeborene im Mutterleib aufwächst, und dass da sehr viel Prägung mitgegeben wird auf Immunsystem aber auch auf den Stoffwechsel. Und wir sehen zum Beispiel interessanterweise, dass Kinder, die einer Mutter mit Typ-1-Diabetes geboren werden, ein niedrigeres Risiko haben, einen Typ-1-Diabetes zu entwickeln, als wenn der Vater Diabetiker ist und die Mutter keinen Diabetes hat. Das heißt das Aufwachsen des Feten in einem diabetischen Milieu in der Schwangerschaft scheint eher einen Schutzfaktor darzustellen."

Das Erstaunliche dabei: Es scheint keine Rolle zu spielen, ob die Insulindosis bei den schwangeren Frauen besonders gut eingestellt ist oder nicht. Allein die Tatsache, dass sie die Krankheit haben, schützt ihr Kind vor Diabetes vom Typ 1. Die Forscher suchen auch nach Ursachen, die das Immunsystem der Kinder bei der Geburt oder kurz danach beeinflussen könnten. Einige Wissenschaftler vermuten, dass die vielen Impfungen in den ersten drei Monaten eine Rolle spielen. Ziegler:

"Eine einzelne Impfung ist es nicht, aber es könnte sein, dass die enorme Anzahl von Immunstimulationen, die so früh stattfinden, das Immunsystem in einer Art verändern und bei einem Kind, das schon gewisse genetische Grundvoraussetzungen mitbringt, dann eine Rolle spielen."

Die Teddy-Studie soll bald neue Erkenntnisse liefern. Die Forscher wollen bis Ende des Jahres mehr als 350.000 Kinder auf Risiko-Gene für den Typ-1-Diabetes untersuchen.

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