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StartseiteBüchermarktVerkrachte Existenz08.12.2005

Verkrachte Existenz

Gerhard Henschel: "Der dreizehnte Beatle"

Der Held in Gerhard Henschels Romans ist Mitte dreißig und verdingt sich nach einer abgebrochenen Banklehre als Gelegenheitsdealer - einer, den seine Mitmenschen als verkrachte Existenz bezeichnen. Vor allem ist er aber unerschütterlicher Beatles-Fan, der sich auf eine Zeitreise zurück ins Jahr 1966 begibt. Hier findet er seine eigentliche Aufgabe: Er muss verhindern, dass John Lennon die Japanerin Yoko Ono kennen lernt.

von Brigitte Neumann

Die Beatles 1964 im Fernsehstudio. (AP)
Die Beatles 1964 im Fernsehstudio. (AP)

"Am 8. Dezember 1980, meinem 12. Geburtstag, ist John Lennon erschossen worden. Bis dahin hatte ich mich mehr für meine Schlümpfesammlung, Hertha BSC und Karl May interessiert als für Musik, aber dann lief im Radio wieder und wieder dieser eine Song ..."

"Mir wurde schwindelig davon. Da lagen sie, die schillernden Erdbeerfelder, und ich begriff, dass Erwachsenwerden auch anders ging, als sich das die Erwachsenen so dachten."

Zwar wissen wir inzwischen, wie die jungen Leute von damals dann doch erwachsen wurden - jetzt, wo die Generation Beatle gerade in den Vorruhestand geht. Aber das ist der deprimierende Teil der Geschichte und der steht auf einem anderen Blatt. Neidisch blicken wir trotzdem von heute aus auf die Zeit, die ihre Pforten in ein beschwingtes Leben zu öffnen schien.

Gerhard Henschel, Hamburger Journalist und Schriftsteller, nimmt uns in seinem jüngsten Roman "Der dreizehnte Beatle" mit zurück in die durch und durch optimistische Ära der Love-and-Peace-Euphorie.

"Man weiß ja, was für ein großartiger bewegender Aufbruch damals stattgefunden hat. Von Paul McCartney stammt die Auskunft, als die Beatles in den frühen 60ern in Hamburg spielten, sei die Welt noch schwarz-weiß gewesen und Mitte der Sechziger wurde auf einmal alles bunt."

"Aber Beatles-Hörer wachsen ja weltweit in jeder Generation neu nach. Ich glaube, auch in 300 Jahren werden die Beatles noch gehört werden. Ich selbst hab mich in die Beatles verliebt, als ich 15 war. Das war 1977. Und diese Liebe hat bis heute eigentlich nicht nachgelassen."


Held des Romans "Der 13. Beatle" ist Billy, eine verkrachte Existenz Mitte dreißig – abgebrochene Banklehre, 13 Semester Philosophie, Gelegenheitsdealer, Hardcore Beatles-Fan. Eines Abends trifft er in seiner Stammkneipe "Familien-Eck" eine Fee, ist ihr kurz beim Versorgen einer Fußwunde behilflich und hat daraufhin, weil das so Feen-Art ist, drei Wünsche frei. Als erstes will er eine saubere Aufnahme des Songs‚ Carneval of Light von den Beatles, worauf ihm die CD mit eben diesem Stück in den Schoß plumpst. Wunsch zwei: Ein stets gefülltes Portemonnaie. Und dann noch: eine Zeitreise zurück ins Jahr 1966. Denn plötzlich weiß Billy, wozu er im Leben taugt: Er muss verhindern, dass John Lennon Yoko Ono kennen lernt. Also steigt Billy mit seinem Einwegticket in die Yellow Submarine der Fee und lässt sich nach London katapultieren.

Hier mietet er sich im Nobelhotel Ritz ein und geht sofort an die Arbeit: Denn am 9. November 1966 wird John Lennon Yoko Ono in der Londoner Galerie Indica erstmals begegnen. Sie wird ihm ein Kästchen mit der Aufschrift "Atme!" übergeben und er wird sich in sie verlieben. Damit dieses – in Billys Augen – Verhängnis nicht seinen Lauf nimmt, ruft er bei der Polizei an, und sagt, er ließe gleich eine Bombe im Indica hoch gehen. Im darauffolgenden allgemeinen Verkehrschaos baut John Lennon allerdings einen Unfall und fällt ins Koma. Als er Monate später wieder erwacht, sind wichtige Studiotermine verstrichen. Das heißt, einige Beatles-Songs wird es nicht mehr geben, zum Beispiel: Sergeant Pepper’s Lonely Heartsclub Band. Auch Penny Lane wird es nicht geben und Strawberry Fields forever.

Alles wegen Billys Hass auf die japanische Konzeptkünstlerin und Lennon-Geliebte Yoko Ono. Dazu Gerhard Henschel:

"Ich bin niemand, der Yoko Ono hasst. Das auf gar keinen Fall. Es gibt natürlich Leute, die in ihr den Spaltpilz sehen, der dafür gesorgt hat, dass die Beatles sich trennten. Ich sehe es tatsächlich ganz anders. Für mich ist es eher das große Wunder, dass die Beatles so lange zusammen geblieben sind. Und sie hätten sich sicher auch ohne Yoko Onos Erscheinen irgendwann in dieser Zeit getrennt. Aber man weiß natürlich aus den Berichten der anderen drei Beatles selbst, dass es eine sehr unangenehme Zeit war, in der Yoko Ono jeden Tag mit John Lennon ins Aufnahmestudio kam. Und als sie krank war, hat sie sich dann auch noch ein Bett da rein schieben lassen. Nur um nicht von seiner Seite weichen zu müssen. Und die anderen drei Beatles – das weiß man eben von ihnen selbst – waren sauer auf Yoko Ono, aber später haben die sich, soweit ich weiß, auch wieder miteinander versöhnt, auch wenn es weiterhin Reibereien gegeben haben mag.
Also, sie ist sicher nicht die böse Hexe, für die sie von manchen gehalten wird. Insofern sehe ich das auch etwas anders als meine Romanfigur, mit der ich ja nicht verwechselt werden sollte."

Niemals! Denn Gerhard Henschel ist keine verkrachte Existenz wie Billy, sondern ein überaus fleißiger Autor. Er schrieb 22 Bücher in 13 Jahren. Einige zusammen mit Eckhard Henscheid, Brigitte Kronauer, Wiglaf Droste, Max Gold. Wie man angesichts dieser Namensliste ahnt, handelt es sich um Texte des gehobenen Humors. Der 43-jährige gilt als Vertreter der sogenannten 2. Frankfurter Schule und hat sich in letzter Zeit auch durch literarische Veröffentlichungen hervorgetan: Der Kindheitsroman und Die Liebenden. Die beiden Romane wurden vom Feuilleton sehr gelobt.

Henschels Talent ist aber da am größten, wo er richten, moralisieren und karikieren darf. Unbedingt lesen sollte man deshalb seine saftige Kampfadresse an den Chefredakteur der Bild-Zeitung Kai Diekmann, abgedruckt in der aktuellen Nummer der Kulturzeitschrift "Merkur".

"Klatschmaul und Sexualdenunziant" nennt Henschel Diekmann da. Und: Ein "Subjekt, das aus den Schamhaaren von Göttergatten Korrespondentenberichte entgegennimmt." Es ist eine satirische Köstlichkeit, wie sie Karl Kraus im Wien der Jahrhundertwende auch nicht schärfer anrichten konnte.

Aber zurück zum Roman: "Der dreizehnte Beatle" ist ein Buch für ausgewachsene Beatles-Fans, vielleicht sogar für solche mit einem leichten Hang zur Obsession, besonders im Bereich Adress- und Datenabgleich. Henschel ist stolz darauf, Termine auf die Minute genau angegeben zu haben; die Adressen von Groupie-Sammelstellen, Drogenpartys, Rolls-Royce-Garagen, alles ist authentisch. Dabei hat Henschel ein Händchen für Surreales: die Beschreibung von LSD-Orgien gehört zu den Höhepunkten des Buches. Aber ansonsten kalauert der Autor sich in broken English durch die Szene, und kein noch so nebensächliches Detail entgeht seiner Sammelleidenschaft. Sätze gibt’s - "Never mind, Euer Durchlocht!" - die erinnern an die Müll-Dialoge mancher Fernsehserien. Dafür stimmt garantiert die Hemdenfarbe von Eric Clapton und auch die von Jimmy Hendrix bei ihrem Konzert in Irgendwo. Der echte Fan hat was Religiöses! Na ja, und wer nicht mit zur Gemeinde gehört, dem bleibt der Wert von Henschels wunderbare Faktensammlung verschlossen.

Den 13. Beatle muss man andererseits dringend dem London Tourist Board empfehlen, denn es ist im Grunde genommen eine kurzweilig getextete Beatles-Gedächtnis-Sight-Seeing-Tour durch die Hauptstadt Britanniens. Also: Rein in den Doppeldecker und zurück in die Golden Sixties.

Gerhard Henschel: "Der dreizehnte Beatle" - Zum 25. Todestag von John Lennon, Verlag Hoffmann & Campe

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