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StartseiteBüchermarktVerkrustung des Ich13.11.2006

Verkrustung des Ich

Thomas Stangl erkundet menschliche Betäubungszustände

Thomas Stangl erzählt in seinem Roman "Ihre Musik" das Drama einer Mutter, für die ihre vom Tod bedrohte Tochter schon zu Lebzeiten unerreichbar ist. Die Simultaneität von Bedürftigkeit und Mangel auf der einen Seite, von Spielräumen und Reichweiten auf der anderen fügt sich zur Poesie.

Von Gisela von Wysocki

Es ist, als würde Emilia selbst von der Krankheit der Tochter befallen sein. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)
Es ist, als würde Emilia selbst von der Krankheit der Tochter befallen sein. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)

Emilia Degen, eine Universitätsdozentin, und ihre Tochter Dora, kurz vor ihrem juristischen Doktorexamen stehend, bahnen sich zwischen Blumentopf und Computer, zwischen gedecktem Frühstückstisch, Wandbild mit Küstenlandschaft und Bergen von abgelegten Zeitungen einen Weg durch ihre Wohnung und durch ihr Leben: zwei Gestrandete im kleinteilig zerfaserten Universum ihrer vier Wände. Dort bewegt man sich als Leser bereits nach wenigen Seiten wie in einem Zuhause, ohne darin Fuß fassen zu können. Schon der Titel seines ersten Buches, "Der einzige Ort", der auf ein imaginäres Timbuktu zielte, ließ die Aufmerksamkeit erkennen, mit der sich Thomas Stangl einem Tatort zuwandte, dessen doppelte Böden das Wahr und das Falsch, das Reale und das Irreale zu einem Ganzen zusammenfügten. Ein solcher Ort ist im neuen Buch das weit ausgefaltete Tableau des Zweiten Wiener Bezirks Leopoldstadt. Dora, die Tochter, ist trotz ihrer schweren Krankheit, sie leidet an Multipler Sklerose, eine noch immer passionierte Spaziergängerin.

"Die Gasse ist leer von Menschen und fahrenden Autos. Dort wartet auf sie der massive Kasten des Speditionsgebäudes, das noch Jahre nach ihrem Tod dastehen wird wie jetzt, in nur langsam fortgeschrittenem Verfall. Die angedeuteten Säulen im ersten Stock lassen an ein ganzes System von einander verdeckenden undurchsichtigen Funktionen denken. Sie fühlt sich wie betrunken, fremde Stimmen, fremde Leben in ihrem Kopf. Es sind Spaziergänge wie unter dem Meeresspiegel, wie im Innern eines U-Bootes, von Schichten von Stille und Dunkelheit überspült."

Man kennt aus der österreichischen Literatur den Umschmelzungsprozess des Vertrauten in die Abgründigkeit; in die quälende Turbulenz unausgesöhnter Widersprüche. Auch bei Thomas Stangl begegnet man dieser sprachlichen Geste des Ausscherens, die zu den Stoffschichten unterhalb des gewohnten Anblicks vorstößt. Während Emilias Arbeit an der Schreibmaschine und Doras Spazierengehen auf der Stelle zu treten scheinen, hat der sprachliche Zugriff etwas Überwaches an sich, eine analysierende Schärfe. Die Beschreibungen der stillgelegten Wohnung, die zwanghaften Überlebensstrategien der beiden Frauen blühen auf in der drängenden sprachlichen Vorwärtsbewegung, etwa wenn Emilia alte Fotografien ihrer Tochter betrachtet.

"Das kleine Mädchen beugt sich mit offenen, aber wahrscheinlich leeren Händen hinab, eine Taube ganz nah an ihren Fingern, sie selbst mehrere Meter von ihr entfernt, als wollte sie die Weite des Platzes sichtbar machen. Auf der vierten Seite des Platzes, außerhalb der Fotografie, hinter einer dichtbefahrenen Straße, das Meer. Im Lauf der Jahre dünnen die Fotografien mehr und mehr aus, der Raum verengt sich und die Dinge, die Mauern, die Hintergründe und selbst die Luft schließen sich nur noch als Rahmen um die eine Person. "

Über das "Vorleben" der beiden Frauen erfährt man nicht viel, es geht in diesem Buch nicht um ihre Psyche, nicht einmal um ihre Biografie. Es geht um Doras Krankheit, die - vergleichbar mit dem Lungenleiden im "Zauberberg" - über eine Reihe von Eigenschaften verfügt, die sich als eine Phänomenologie zeitgenössischer Bewusstseinszustände verstehen lässt. In diesem Sinne ist Doras Krankheit der Hauptschauplatz des Buches, Keimzelle einer poetischen Erkundung menschlicher Betäubungszustände. Die Multiple Sklerose stellt, wie man weiß, eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems dar. Sie hat mit Gefühlsstörungen, mit der Taubheit von Körperregionen zu tun, mit Vernarbungen und Verhärtungen, und ihre auslösenden Faktoren sind weitgehend unerforscht. Auf einem ihrer Spaziergänge stellt Dora fest, dass sie die Wunde nicht verspüren kann, die ein zu eng geschnürter Schuh in die Haut ihres Fußes hineingeritzt hat.

"Dora lebt, wie man nicht leben darf, jetzt weniger denn je, hat immer so gelebt, wie man jetzt weniger denn je leben darf, braucht keine Entschuldigung dafür, nicht die Krankheit und nicht das Sterben, alles, was sie getan hat, ist richtig."

Stangls Roman hat Doras Fallgeschichte auf exemplarischem Boden, in Wien, angesiedelt. Er thematisiert Lebensvorgänge, deren gestautes, resonanzloses Versickern Schicht um Schicht zu einer Verkrustung des Ich führen. Weit darüber hinaus gibt dieses Buch aber auch der Trauer Ausdruck, dass der menschliche Körper grundsätzlich in Gefangenschaft lebt, festgehalten vom Gesetz der Schwere, der Erdanziehungskräfte. Schon gar nicht eignet er sich zum Fliegen, von dem in diesem Buch so oft die Rede ist. Nicht einmal Teresa von Ávila hatte Glück damit.

"Sie sieht, während eines Gebetes mit Entsetzen, wie sie sich selbst vom Boden erhebt, mit steifen Gliedern, gespreizten Fingern, weit aufgerissenen Augen, die nichts sehen, am Hals hervortretenden Sehnen. Sie glaubt, ihre Knochen würden zerbrechen."

Deshalb ist mit dem Titel des Buches "Ihre Musik" nicht die der beiden Frauen gemeint, sondern es ist von urplötzlich einsetzenden Klängen und Tönen die Rede - auf einem Bahnsteig, in einer dicht möblierten Wohnung, in einem sterbenden Körper -, die ein Glücksgefühl auslösen, wie man "es noch nicht gekannt hat", wie dem Leser mitgeteilt wird. Die losen Botschaften aus der sphärischen Ebene der Engel transferieren die Geschichte von Mutter und Tochter auf einen fremden Boden, verleihen ihr Züge der Schicksalhaftigkeit und des Pathos. Wollte man aus Thomas Stangls Buch eine Geschichte herausdestillieren, so wäre es das Drama einer Mutter, für die ihre vom Tod bedrohte Tochter schon zu Lebzeiten unerreichbar ist.

"Der schäbige Trost der Routine, mit Begegnungen zwischen Tür und Angel, zufälligen Worten, selbst das Alsob ihrer Pflegedienste ist jetzt unmöglich geworden."

Es ist, als würde Emilia selbst von der Krankheit der Tochter befallen sein; mitgenommen von Taubheitsgefühlen und von Wahrnehmungsstörungen. Das Auseinanderdriften des gemeinsamen Lebens, das immer schon ein gestörtes, unfreies Leben war, weitet sich neben anrührenden Beschreibungen eines zwanghaften Sichverfehlens zu Traumbildern des Entsetzens. Einmal heißt es über Dora: "Wenn sie nun heimkehrt, dann als andere, es wird sein, als wäre sie nie heimgekehrt." Die Dramatik dieses Buches zehrt nicht vom exzessiven Höhepunkt, vom emotionalen overdrive. Das Drama geht von der minimalistischen Versenkung in Räume, Zustände, Konfigurationen des Seelischen aus. Als Bewegungsfeld wird bei Thomas Stangl ein Zimmer beschrieben. Das wäre auch eine gute Bezeichnung für diesen außergewöhnlichen Roman. Die Simultaneität von Bedürftigkeit und Mangel auf der einen Seite, von Spielräumen und Reichweiten auf der anderen fügt sich hier zu ausbalancierten Bildern, zur Poesie. Es löst sich der wendungs- und windungsreiche Verlauf der Dinge aus den Gelenken wie aus einem zu eng gefassten Körper.

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