Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheZeit für geordneten Entzug02.12.2017

Verlängerung für GlyphosatZeit für geordneten Entzug

Die Verlängerung der Glyphosatzulassung biete auch eine Chance, kommentiert Georg Ehring. Denn sie ermögliche eine geordnete Entziehungskur, also den planbaren Ausstieg. Gleichzeitig müsse es eine Agrarwende geben, die den Boden schont.

Von Georg Ehring

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Ein Traktor bringt Glyphosat auf einem Feld in Niedersachsen aus (picture alliance/ dpa/ Steven Lüdtke)
Ein Traktor bringt Glyphosat auf einem Feld in Niedersachsen aus (picture alliance/ dpa/ Steven Lüdtke)
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Fünf Jahre weiter so: Glyphosat darf auch in Zukunft auf die Äcker gespritzt werden. Agrarindustrie und Landwirtschaftslobby haben sich durchgesetzt mit dem Argument, das Mittel sei unentbehrlich für ertragreichen Ackerbau und obendrein besser untersucht als jedes andere Pestizid. 

Bauernfunktionäre malen für den Fall eines Verbots den Untergang der modernen Landwirtschaft an die Wand, die Branche ist regelrecht süchtig nach dem Stoff, der fast alle Pflanzen tötet und die Fläche frei macht für Weizen, Mais oder Gerste. Und so findet sich Glyphosat fast überall: Auf 40 Prozent der Äcker in Deutschland wird es verwendet. Es dient zur Vernichtung von Unkraut vor der Aussaat, um Flächen von Bewuchs frei zu halten und manchmal noch immer zur Erleichterung der Ernte. Natürlich bleibt es nicht nur da wo es hin soll: Glyphosat fließt in Flüsse und Bäche, Rückstände finden sich im Brot und im Bier, im Trinkwasser, im Urin und so weiter.

Vor allem die Natur leidet unter dem Totalherbizid

In einem haben die Befürworter recht: Die Folgen des Einsatzes sind gut untersucht. Doch das ist kein Grund für ein "Weiter so" – selbst wenn man dem Argument folgt, dass wegen der geringen Mengen, die der menschliche Körper aufnimmt, keine Krebsgefahr durch Glyphosat besteht. 

Die Schäden entstehen vor allem für die Natur. Das Totalherbizid zerstört die Artenvielfalt auf dem Acker so gründlich, dass es kaum noch Begleitgrün gibt und kaum noch Nahrung für Insekten und andere Tiere, die darauf leben könnten. Dies wiederum dezimiert unter anderem bedrohte Vogelarten wie Rebhühner und Feldlerchen. Übrig bleibt eine Agrarwüste, auf der Schädlinge überhand nehmen können, weil ihre natürlichen Feinde fehlen und gegen die gibt es dann weitere Spritz-Aktionen – ein Teufelskreis. 

Der drastische Rückgang der Zahl der Insekten ist vermutlich nur der Beginn einer Kettenreaktion, die die Natur verarmen lässt und mit ihren Folgen später auch auf den Menschen durchschlagen wird. Für die Natur ist der umfassende Einsatz von Agrarchemikalien eine Katastrophe. 

Der Beschluss von Brüssel bietet auch eine Chance

Ein "Weiter so" darf es also nicht geben, doch der Beschluss von Brüssel bietet auch eine Chance: Ein sofortiges Verbot hätte wie ein "kalter Entzug" gewirkt und viele Landwirte auf dem falschen Fuß erwischt. Die Verlängerung um nur fünf anstatt um zehn oder 15 Jahre ermöglicht eine geordnete Entziehungskur, also den planbaren Ausstieg. 

Deutschland wäre damit nicht allein: In Europa wollen Italien und Frankreich raus aus der Verwendung von Glyphosat, Belgien und Luxemburg ebenso. Der Weg dahin besteht aus Anwendungsbeschränkungen, außerdem kann jedes Land in eigener Verantwortung die Zulassung für Produkte mit dem Wirkstoff auslaufen lassen. 

Bauern können sich dann langsam umstellen, Pflüge anschaffen und erneut lernen, wie man ohne die lieb gewonnene und ach so billige Allzweckwaffe Glyphosat und mit weniger anderen Pestiziden auskommt. Natürlich ist das möglich: Mit mechanischer Bodenbearbeitung statt Herbiziden, mit Hecken und Brachflächen, in denen Fressfeinde von Schädlingen Unterschlupf finden und mit Fruchtfolgen, die dem Boden gut tun. 

Wenn die Agrarlobby argumentiert, dass andere Mittel noch giftiger seien als Glyphosat, dann kann das nicht die Antwort sein. Intensiver Chemieeinsatz ermöglicht kurzfristig mehr Ertrag, aber der Preis dafür ist auf Dauer zu hoch. Es geht darum, mit weniger Pestiziden auszukommen. Erforderlich ist eine Agrarwende, die den Boden schont, von dem wir leben und die wilden Tieren und Pflanzen genügend Platz zum Überleben bietet. 

Die Politik muss einen Ausstiegsplan vorlegen

Dafür gibt es jetzt gleich zwei Chancen. Die erste: Die Politik schafft einen Ausstiegsplan bei der Bildung der nächsten Bundesregierung. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat in Brüssel gegen alle Absprachen verstoßen, als er mit seiner Stimme die fünf zusätzlichen Jahre für Glyphosat ermöglichte. Das ist ein zusätzliches Argument für einen möglichen Koalitionspartner, auf einem geordneten Abschied von dem Mittel zu bestehen und die SPD verlangt auch schon Gegenleistungen.

Die zweite: Bürger, die kein Glyphosat in der Nahrung oder in der Natur haben möchten, hören auf, Produkte zu kaufen, die damit hergestellt wurden. Das geht ganz einfach: In der Bio-Landwirtschaft sind Pestizide bis auf wenige Ausnahmen verboten. Die Produkte gibt es nicht nur in Spezialgeschäften, sondern in jedem Supermarkt.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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