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StartseiteThemen der WocheVerliebt, verpartnert, gesplittet11.08.2012

Verliebt, verpartnert, gesplittet

Zur Gleichstellung homosexueller Partnerschaften

Bis zu dieser Woche gehörte Bundesfamilienministerin Schröder nicht zu den Mitgliedern des schwarz-gelben Bundeskabinetts, die mit unorthodoxen Positionen auf sich aufmerksam machten - wenn überhaupt.

Von Daniel Deckers, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Eines der ersten homosexuellen Paare mit eingetragener Lebenspartnerschaft in Deutschland. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Eines der ersten homosexuellen Paare mit eingetragener Lebenspartnerschaft in Deutschland. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
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Bundesverfassungsgericht fordert Gleichberechtigung für Homo-Ehe

Gleich ob die hessische CDU-Politikern das Betreuungsgeld eher widerwillig befürwortete oder ihrer Kabinettskollegin Ursula von der Leyen in Sachen verbindliche Frauenquote in den Arm fiel, politisches Profil kann man der Ministerin für Frauen, Senioren und (um ihren Namenvetter Gerhard zu zitieren) anderes "Gedöns" nicht nachsagen. Am Dienstag indes kam die Ministerin für Freund und Feind überraschend aus der Deckung. Wenn homosexuelle Partner Verantwortung füreinander übernähmen, lebten sie dieselben "konservativen Werte" wie heterosexuelle Eheleute – die Beschränkung der Vorteile des Ehegattensplittings auf den Bund von Mann und Frau seit daher widersinnig.

Endlich! - so schallte es nach dem Coming-out Frau Schröders nahezu unisono aus den Reihen der Opposition und aus dem Blätterwald zurück. Endlich habe auch die CDU eingesehen, dass sie auch mit den Resten ihres Widerstands gegen die vollständige Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften auf verlorenem Posten stehe. Um das zu ahnen, muss man nicht die einschlägigen Urteile von Gerichten bis hin zum Bundesverfassungsgericht studiert haben. Die Harmonie von SPD, Grünen, Linkspartei und FDP spricht ebenso Bände wie der Koalitionsvertrag von 2009.

CDU, CSU und FDP haben darin in Sachen Gleichberechtigung wohlweislich nur einen Punkt ausgespart, das Adoptionsrecht. Wer dann noch immer nicht verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat, der könnte dem sprichwörtlichen Volk aufs Maul schauen. Von der stocksteifen "Eingetragenen Lebenspartnerschaft" wollte es noch nie etwas wissen. "Homo-Ehe" lautet das Codewort für die Schleifung der letzten Bastionen eines Menschen- und Gesellschaftsbildes, in dem Mann und Frau einander Liebe, Achtung und Ehre bis zum Tod versprachen und der Pastor unruhig wurde, wenn das erste Kind nicht neun Monate nach der Hochzeit das Licht der Welt erblickte.

Doch ganz so einfach sollte man es sich nicht machen. Sollte es nicht bis heute verstören, dass das Grundgesetz nicht nur die Familie, sondern auch die Ehe an sich unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung stellt? Man kann, aber man muss dahinter nicht ein naturrechtlich unterfüttertes Menschenbild oder gesellschaftliches Nutzenkalkül am Werk sehen. Die Schöpfer des Grundgesetzes hatten erleben müssen, dass auch die Ehe und die Familie vor den totalitären Gesellschaftsveränderungen und ihren furchtbaren Juristen in Braun wie in Rot nicht sicher waren. Indem sie die Schutzpflicht des Staates für Ehe und Familie besonders hervorhoben, wollten sie Ehe und Familie als Keimzelle von Gesellschaft und Staat deren manipulierendem Zugriff entziehen.

Das alles mag heute wie ein Märchen aus alter Zeit klingen. Doch sollte der Respekt vor dem Grundgesetz all jenen zu denken geben, die in der besonderen Schutzbedürftigkeit von Ehe und Familie nur unzeitgemäßes Ressentiment gegenüber anderen Lebensformen am Werk sehen. Skeptisch stimmen sollte auch die gängige Ausdehnung des Begriffsumfangs von Ehe und Familie. Wenn Familie immer schon da ist, wo Kinder sind, und wenn zwei Männer oder zwei Frauen, die in einer Partnerschaft Verantwortung füreinander übernehmen, schon deshalb Eheleuten gleichgestellt werden, dann hat das mit "konservativen Werten" nichts zu tun.

Zu debattieren wäre im ersten Fall eher über die Bindungsunsicherheit oder -Unfähigkeit von Erwachsenen, im zweiten Fall über den Eigenwert einer Lebensform, die a priori auch auf die Weitergabe des Lebens angelegt ist. Wem all das viel zu versponnen ist, das Ehegattensplitting aber nicht als so reaktionär erscheint, dass es eher abgeschafft als ausgedehnt werden sollte, der könnte sich vielleicht mit folgender Idee anfreunden: Das Ehegattensplitting wird auf Eingetragene Lebenspartnerschaften ausgedehnt und durch ein Familiensplitting ergänzt, das an die Zahl der Kinder anknüpft. Familienministerin Schröder, übernehmen Sie!

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