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StartseiteSport am WochenendeVerlorenes Vertrauen07.09.2013

Verlorenes Vertrauen

Seit dem Polizeieinsatz auf Schalke fürchten sich viele Fans vor den Ordnungshütern

80 Verletzte - das ist die Bilanz des Polizeieinsatzes in der Schalker Nordkurve Ende August. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch - sowohl gegen Polizeibeamte als auch gegen einige Fans. Unschuldige Stadionbesucher wurden verletzt, hunderte fühlten sich massiv bedroht. Es kursiert die Vermutung, die Polizei agiere neuerdings aggressiver und rücksichtsloser.

Von Daniel Theweleit

Das Verhältnis zwischen Fußball-Fans und Polizei ist derzeit nicht das beste. (picture alliance / dpa / Arne dedert)
Das Verhältnis zwischen Fußball-Fans und Polizei ist derzeit nicht das beste. (picture alliance / dpa / Arne dedert)

Markus Peick ist Fan des FC Schalke 04 und hat in den vergangenen 20 Jahren kaum ein Spiel seiner Mannschaft verpasst. Der 41-jährige Journalist, der sich in der Schalker Faninitiative gegen Rassismus im Fußball engagiert, steht regelmäßig in der Nordkurve und war bisher meistens froh über die Anwesenheit der Polizei beim Fußball. Seit die Beamten allerdings während des Spiels der Schalker gegen Paok Saloniki die Tribüne stürmten, geht er mit einem anderen Gefühl zu den Spielen:

"Ich hatte noch nie ein Gefühl der Angst in einem Stadion und das war das erste Mal, dass ich mich in einem Stadion nicht sicher fühlte, und das kam ausgerechnet durch die Vertreter der Staatsmacht, die für meine Sicherheit sorgen sollen. Diese Bilder vergesse ich auch nicht mehr. Und ich fühle mich derzeit nicht wohl, wenn ich irgendwohin von der Polizei begleitet werden."

Schalker Ultras hatten ein Banner aufgehängt, das die Anhänger der Griechen provozierte. Die Zuschauer im Gästeblock waren so wütend, dass sie mit einem Sturm des Platzes gedroht haben sollen. Nachdem die Gelsenkirchener Ultras sich dann weigerten die Flagge zu entfernen, entschied Polizei-Einsatzleiter Klaus Sitzer, dass seine Leute die Sache unter dem Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray selbst erledigen. Das war ein Tabubruch, wie Thomas Feltes, der Leiter des Instituts für Kriminologie und Polizeiwissenschaft an der Uni Bochum, sagt:

"Also generell galt eigentlich bis zum letzten Jahr der Grundsatz, die Polizei geht nicht in Zuschauerbereiche hinein, es sei denn, es besteht konkrete Lebensgefahr, dann muss sie das Tun. Wenn zum Beispiel dort jemand mit dem Messer agieren würde. Dieses Prinzip ist zum ersten mal aufgegeben worden bei einem Spiel im letzten Jahr zwischen Hannover gegen Bayern München, wo die Polizei in den Fanblock gegangen ist, weil man glaubte, dort sei Pyrotechnik versteckt, das war der erste Bruch mit dieser grundsätzlichen Linie, die sich eigentlich bewährt hatte. Was wir jetzt auf Schalke gesehen haben, ist noch eine weitere Stufe der Eskalation, einfach deshalb weil es gar keine Hinweise gab, auf eine bestimmte Straftat oder eine Ordnungswidrigkeit."

Nur wenige Tage vor dem Tribünensturm gab es in Dortmund am Rande des Bundesligaspiels des BVB gegen Eintracht Braunschweig einen anderen Vorfall, der zwar weniger spektakulär war, der jedoch eine erstaunliche Gemeinsamkeit aufweist: Auch hier fühlten sich völlig Unbeteiligte von der Polizei bedroht. Die Beamten durchsuchten Fans nach Feuerwerkskörpern. Gefunden wurde nichts, das Auftreten der Uniformierten wurde allerdings als ungewohnt martialisch empfunden, wie der Fanklub Borussenstern in einem Offenen Brief an den Dortmunder Polizeipräsidenten schrieb. "Ganz offensichtlich werden hier alle Fans zu Spielbällen einer Polizeistrategie, die auf Aggression und Machtdemonstration gegenüber den Ultras ausgerichtet ist", heißt es in dem Schreiben.

"Was in Dortmund geschah, war wiederum eine andere Qualität, weil dort im Vorfeld mit Durchsuchungen von Fans stattgefunden habe, was eigentlich Sache des Ordnungsdienstes ist. Dass die Polizei hier schon im Vorfeld das tut, ist zum einen ein Affront gegen den Ordnungsdienst, nach dem Motto, Ihr kriegt das nicht hin, jetzt machen wir das. Und es ist auch eine klare Kampfansage an die Fans des BVB gewesen: Dieses Jahr gehen wir eine andere Linie, dieses Jahr wollen wir im Grunde genommen noch repressiver vorgehen, als wir es schon im vergangenen halben Jahr getan haben."

Der mittlerweile weit verbreiteten Vermutung, dass die Polizei vor dem Hintergrund der zunehmenden Konflikte mit Ultragruppierungen grundsätzlich einer neuen Strategie in den Stadien folgt, widerspricht Dieter Wehe. Er ist Polizei-Inspekteur von Nordrhein-Westfalen und als solcher oberster Polizist des Landes.

"Die NRW-Linie für einen bürgernahen Polizeieinsatz gilt da weiterhin. Sie ist gekennzeichnet durch Deeskalation, durch Kommunikation, aber auf der anderen Seite zeichnet sie entschlossenes Vorgehen, konsequentes Vorgehen bei Ordnungs- und Sicherheitsstörungen aus. Also hier von einem Paradigmenwechsel zu sprechen ist vollkommen falsch."

Der Kriminologe Feltes vermutet daher, dass keine Behörde für die Eskalation der vergangenen Wochen verantwortlich ist, sondern die jeweiligen Beamten vor Ort.

"Ich muss Risiko und Nebenwirkungen abwägen gegenüber dem Vorteil, und das ist hier absolut daneben gegangen. Ich glaube, dass sich einzelne Einsatzleiter profilieren und sagen wollen: Das ist jetzt meine Linie, die ich in Zukunft fahren werde."

Auch vor dem Hintergrund solcher Annahmen soll der Tribünensturm von Schalke aufgearbeitet werden, sagt Polizei-Inspekteur Wehe.

"Wenn da Fehler gemacht worden sind, dann werden wir das abstellen. Sie wissen, dass die Polizeibehörde selbst entsprechende Strafverfahren eingeleitet hat, auch gegen die Polizei, um zu schauen, an welcher Stelle sind da möglicherweise Straftatbestände erfüllt worden."

Das Vertrauen von friedlichen Stadionbesuchern wie Markus Peick und vielen anderen hat die Polizei aber erst einmal verspielt. Auch weil die Staatsmacht sehr lange brauchte, bis öffentlich die Möglichkeit in Betracht gezogen wurde, dass die eigenen Leute Fehler gemacht haben könnten.

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