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Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteForschung aktuellVerlust typischer Lagunenlandschaften23.07.2007

Verlust typischer Lagunenlandschaften

Simulation prognostiziert Folgen des Klimawandels

<strong>Umwelt. - Die Küstenzonen dieser Welt sind einerseits dicht besiedelt und werden dabei stark verändert. Andererseits werden diese Gebiete besonders stark vom Klimawandel betroffen sein. Deshalb beschäftigt sich die Tagung Coastal Zone 2007 in Portland/Oregon mit diesem ebenso wichtigen wie empfindlichen System. Im Fokus steht dabei auch die Lagune von Venedig.</strong>

Von Dagmar Röhrlich

Ein Computerprogramm soll helfen, Venedig vor dem Untergang zu bewahren. (AP)
Ein Computerprogramm soll helfen, Venedig vor dem Untergang zu bewahren. (AP)

Passiert nichts, wird die Lagune von Venedig kaum wieder zu erkennen sein, wenn dieses Jahrhunderts zu Ende geht: Wo heute noch Sandbänke, Salzmarschen und Untiefen 80 Prozent der Landschaft ausmachen, wird sich nur noch Wasser erstrecken. Der Grund: Materialmangel. Denn seit Jahrhunderten gelangt immer weniger Sediment in die Lagune, beschreibt Marco Marani, Wasserbauingenieur an der Universität von Padua:

"Schon im 15. Jahrhundert haben die Venezianer in die Lagune eingegriffen. Bis dahin schleppten die Flüsse aus den Alpen viel Material an. Die Lagune verlandete allmählich. Deshalb haben die alten Venezianer die Flüsse in die Adria umgeleitet. Sie wollten die Lagune als Wasserweg für den Handel und für die Verteidigung bewahren. Die Folge: Heute kommt praktisch kein Sediment mehr hier an. Im vergangenen Jahrhundert hat dann der Bau der Molen an den drei Lagunenöffnungen die Strömungen verändert. Seitdem tragen bei Ebbe starke Jetströme das Sediment aus der Lagune so weit ins Meer hinaus, dass die Flut es nicht mehr zurückbringen kann. So verliert die Lagune ständig Land, werden Sandbänke und Untiefen zunehmend zerstört."

Dabei sind manche Zonen stärker von der Erosion betroffen als andere. Bei diesem Muster spielen aber nicht nur physikalische Faktoren wie die Strömungen oder das Absinken des Lagunenbodens eine Rolle, weil die Industrie Grundwasser abpumpt:

"Um zu berechnen, wie sich diese Landschaft verändert, müssen wir vor allem neben den nicht-biologischen auch die biologischen Prozesse einbeziehen."

In den Salzmarschen und auf den Sandbänken brechen die Pflanzen die Kraft der Wellen und halten mit ihren Wurzeln den Boden fest. Und in den Untiefen kämpfen Algen- und Bakterienmatten gegen die Erosion an und halten die Sandkörnchen zusammen. Pflanzen und Algen steuern die Erosion. Ihr Einfluss lässt sich mit dem Computermodell erstmals bewerten.

"Wir haben uns mit unserem Modell angeschaut, wie sich die Lagune ohne Mikroben und Vegetation entwickeln würde. Das Ergebnis: In diesem Fall würden wir die Salzmarschen und Sandbänke verlieren. Die Erosion würde die Lagune selbst bei Ebbe in eine reine Wasserfläche verwandeln."

Die Biologie schafft sich also ihren Lebensraum selbst. Allerdings kommt sie inzwischen nicht mehr gegen die Erosion an. Der Mensch greift zu tief ein. Künstliche Kanäle am Lagunengrund beschleunigen die Strömungen, verstärken die Erosion. Muschelsammler und Fischer zerstören mechanisch die Algenmatten, die das Land unter Wasser zusammenhalten. Der Wellengang der Touristenschiffe reißt Lücken in den Pflanzenpelz mancher Insel. Dazu kommt der Klimawandel. Andrea d'Alpaos von der Universität Padua:

"Unser Modell erlaubt Untersuchungen, wie sich die Lagune verhalten wird, und deshalb haben wir einige Szenarien des IPCC durchgerechnet. Bei einer starken Erwärmung und dem damit verbundenen Meeresspiegelanstieg werden die Salzmarschen und Sandbänke verschwinden."

Jedenfalls, wenn weiterhin so wenig Sediment in die Lagune gelangt wie heute. Hier könnte ein Lösungsansatz liegen:

"Eine Möglichkeit wäre es, wieder mehr Sediment in die Lagune zu schaffen, indem man beispielsweise zeitweise die Flüsse immer wieder gezielt in die Lagune zurückleitet."

Neue künstliche Kanäle im Lagunengrund müssen die Sedimente dann weiträumig in der Lagune verteilen: Das sei kompliziert, aber vielleicht eine Chance.

"So etwas wie eine natürliche Lagune von Venedig gibt es ohnehin seit langem nicht mehr. Wir müssen nun die Entscheidung fällen, ob wir den Verlust der typischen Lagunenlandschaft hinnehmen. Wenn nicht, müssen wir eine sehr künstliche Umwelt schaffen. Als Gesellschaft müssen wir eine Wahl treffen."

Ohne Gegenwehr wird die Erosion siegen, die Lagune sich immer weiter eintiefen - und Venedig bedrohen. Aber damit künftig nicht wieder einmal Teufel mit Belzebub ausgetrieben wird, soll das Computermodell helfen, die besten Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

Coastal Zone 2007

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