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StartseiteEuropa heuteVermeintliche Putschisten?06.03.2012

Vermeintliche Putschisten?

Türkische Journalisten seit einem Jahr hinter Gitter

Vor einigen Jahren hatte der türkische Journalist Ahmet Sik einen geplanten Putschversuch aufgedeckt: Die Terrororganisation "Ergenekon" wollte offenbar die Regierung von Ministerpräsident Erdogan stürzen. Plötzlich soll der Journalist selbst diesem Geheimbund angehören - für viele ein grotesker Vorwurf.

Von Thomas Bormann

Inzwischen sitzen schon mehr als 100 Journalisten in türkischen Gefängnissen; viele wegen ähnlicher Vorwürfe wie Ahmet Sik. (AP)
Inzwischen sitzen schon mehr als 100 Journalisten in türkischen Gefängnissen; viele wegen ähnlicher Vorwürfe wie Ahmet Sik. (AP)

Die Polizisten kamen im Morgengrauen. Sieben Stunden lang durchsuchten sie die Wohnung im Istanbuler Stadtteil Gümüssuyu:

"Sie haben ungefähr 450 CDs mitgenommen, worin halt persönliche Fotos wie Geburtstag, Heiratstag und als meine Tochter geboren ist, dann auch Zeichentrickfilme von meiner Tochter, Ice Age",

sagt Yonca Sik, die in Deutschland aufgewachsen ist.

Die Beamten suchten auf diesen CDs Beweise für den Vorwurf, ihr Ehemann Ahmet Sik gehöre der Terror-Organisation "Ergenekon" an. Dieser ultranationalistische Geheimbund soll einen Putsch gegen die Regierung von Ministerpräsident Erdogan vorbereitet haben. Diese Putschpläne hatte Ahmet Sik selbst vor einigen Jahren zusammen mit anderen Autoren aufgedeckt. Nun soll er selbst diesem Geheimbund Ergenekon angehören?

"Absurd und genauso wie Kafka das dargestellt hat, so richtig kafkaesk ist das."

Was sich Franz Kafka vor 100 Jahren in seinem Roman "Der Prozess" ausgedacht hat, geschieht heute in der Türkei: Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind, kommen ins Gefängnis.

Anlass für die Verhaftung Ahmet Siks war das neue Buch, an dem er arbeitete. Darin untersuchte er, inwieweit Anhänger des islamischen Gelehrten Gülen die türkische Polizei unterwandern und inwieweit solche religiösen Kräfte immer mehr Einfluss auf die Politik der Türkei nehmen. Der Staatsanwalt meint: Sik habe dieses Buch im Auftrag der Terror-Organisation Ergenekon geschrieben.

Die Journalistin Zeynep Erdim glaubt vielmehr, hier solle ein kritischer Journalist mundtot gemacht werden:

"Ahmet Sik hat in seinem Buch konkrete Beispiele aufgezeigt, wie sich die Gülen-Leute mit hohen Beamten treffen, mit Entscheidungsträgern, und sie begünstigen, ja wie Fetullah Gülen und seine Anhänger langsam an die Macht kommen. Es geht in dem Buch darum, wie die Gülen-Bewegung das alte kemalistische Establishment ersetzt. Anstatt Demokratie zu bringen, setzen sie sich selbst als das neue herrschende System der Türkei ein."

Die Regierung von Ministerpräsident Erdogan weist solche Vorwürfe empört zurück und betont, die Justiz sei unabhängig in der Türkei. Inzwischen aber sitzen schon mehr als 100 Journalisten in türkischen Gefängnissen; viele wegen ähnlicher Vorwürfe wie Ahmet Sik.

Die Opposition in der Türkei wirft der islamisch-konservativen Regierung von Ministerpräsident Erdogan vor, sie habe die Justiz bereits voll unter Kontrolle und lasse unter dem Vorwurf angeblicher Putschpläne Journalisten und oppositionelle Politiker hinter Schloss und Riegel bringen.

"Freie Presse – freie Gesellschaft" – rufen Journalisten bei einer Demonstration in Istanbul. Viele von ihnen meinen: Längst ist die Presse in der Türkei nicht mehr frei. Nein, viele Journalisten können nicht mehr das schreiben, was sie wollen. Zeynep Erdim zählt dafür drei Gründe auf:

"2Erstens: Sie haben Angst. Zweitens: Ihre Verleger haben Angst um ihr Geschäft und sie ziehen die kritischen Journalisten in den Hintergrund und drittens: Es gibt schon eine immense Selbstzensur.""

Achmet Sik sitzt nun schon ein Jahr lang in Untersuchungshaft. Sein Manuskript über die Gülen-Bewegung, das ja der Grund für seine Verhaftung war, ist inzwischen als Buch erschienen und zum Bestseller geworden. Obwohl es verboten ist, kann man es überall kaufen.

Trotzdem bleibt der Autor in Haft. Seine Ehefrau Yonca darf ihn einmal in der Woche im Gefängnis besuchen:

"Es geht ihm sehr gut. Er ist natürlich sehr wütend. Aber diese Wut macht ihn auch sehr, sehr stark."

Besonders schwer aber war es für ihn, dass er auch am zwölften Geburtstag seiner Tochter in der Gefängniszelle saß:
"Es ist natürlich nicht einfach für ein Kind, das irgendwie zu verstehen. Sie meinte, dass ihr Vater von jetzt ab nicht mehr schreiben soll; er soll nur noch Märchenbücher schreiben. Aber, es geht ihr schon gut, also, wenn die Mama weint, dann weint sie auch, mit Solidarität und so geht es mir wirklich sehr gut, also, wir stehen das schon durch."

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