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StartseiteBüchermarktVermittler zwischen zwei Welten04.03.2008

Vermittler zwischen zwei Welten

"Die Brücke von Istanbul" ist einem Reiseschriftsteller würdig

Geert Maks neues Buch handelt von Istanbul, genauer von der Galata-Brücke, die sich über das Goldene Horn spannt und den orientalischen alten Teil der Stadt mit dem westlich geprägten neueren Teil verbindet. Ein besseres Symbol für die heutige Verfassung der Türkei hätte Geert Mak nicht finden können.

Von Brigitte van Kann

Blick von der Galata-Brücke auf die Yeni Cami (Neue Moschee) in Istanbul (AP Archiv)
Blick von der Galata-Brücke auf die Yeni Cami (Neue Moschee) in Istanbul (AP Archiv)

"So wie manche Regionen ein gutes Dutzend Wörter für Regen, Schnee oder Nebel kennen, so unterscheidet diese Stadt fast zwanzig Arten von Wind, und die Fischer haben jeder dieser Arten ihren eigenen Namen gegeben. Wenn der Angenehme Sturm, der Sturm der Amseln oder der Sturm der Kuckucke von Westen kommt, wird das Frühjahr mild und trocken. Östliche Winde wie der Fischsturm bringen mit ihrem Morgennebel in der Hitze des Sommers Abkühlung und zu allen Jahreszeiten Regen. Der Boreas, aus Nordost, treibt im Winter den Schnee in die Stadt. "

Geert Maks neues Buch handelt von Istanbul, genauer von der Galata-Brücke, die sich über das Goldene Horn spannt und den orientalischen alten Teil der Stadt mit dem westlich geprägten neueren Teil verbindet. Die vielen verschiedenen Namen der Winde dienen dem Autor als Kapitelüberschriften - so fährt immer ein Hauch von Meeresluft und Volkspoesie durch dieses Buch, das sich nur schwer in eine Kategorie fügen will. "Die Brücke von Istanbul. Eine Reise zwischen Orient und Okzident" ist kein Reisebericht, kein Geschichtswerk, keine literarische Prosa - sondern von allem etwas, wie es sich für einen Reiseschriftsteller gehört, der den Vergleich mit Bruce Chatwin, Patrick Leigh Fermor oder Richard Kapuscinski nicht zu scheuen braucht.

Monatelang hat sich der Autor auf der Galata-Brücke herumgetrieben, er hat den brausenden Verkehr auf Istanbuls engstem Nadelöhr beobachtet, die Passanten, die über die Brücke zu ihrem Arbeitsplatz pendeln, die Bummler und Touristen, die unbedarften Landbewohner aus den entfernten Regionen der Türkei, die als erstes gewieften Kartenbetrügern in die Hände fallen. Die Brücke zwischen Orient und Okzident vermittelt zwischen zwei Welten, zwischen Europa und Asien - einen sinnfälligeren Ort, ein besseres Symbol für die heutige Verfassung der Türkei hätte Geert Mak nicht finden können. Die Brücke verbindet, aber sie macht auch das Trennende deutlich - und sie ist ein eigener Lebensraum, eine Lebensform mit eigenen Gesetzen, eine Welt für sich.

"Die Brücke bietet alles, was der Mensch so braucht: Kämme, Gesundheitssandalen, Zigaretten, tanzende Mädchenpuppen, Gucci-Tassen und Rolex-Uhren für lächerliche zwanzig Millionen, Nokia-Handys von fragwürdiger Herkunft, Regenschirme mit üppigen Blumenwiesen bedruckt, Rasierpinsel, Kondome und endlos vorwärtsrobbende Infanteristen aus graugrünem Plastik, die fast alle zehn Sekunden eine Salve herunterrattern. Eine Million ist ungefähr einen halben Euro wert. Eigentlich ist es Geld aus der Zeit vor der großen Währungsreform, aber die Brücke hat ihre eigene Währung. Und den Fisch gibt es als Zugabe, als Geschenk der Brücke. Immer hängen Angeln über dem Geländer."

#Geert Mak hat mit den Menschen gesprochen, die auf der Brücke ihre ambulanten Geschäfte betreiben - wenn es regnet, die Käufer ausbleiben und alle unter ihren Plastikplanen und aufgeschnittenen Müllsäcken frieren, hat man Zeit zum Reden. Da ist zum Beispiel der Parfümverkäufer, der billige Imitationen feilbietet und immer von seinem Dorf erzählt.

"Schon mit sieben musste er arbeiten, im Sommer Schafe hüten, dann Brennholz sammeln, bis der erste Schnee fiel. "Spielzeug kannten wir nicht. Wir haben mit Steinen gespielt." Heute gibt es sein Dorf nicht mehr, die Familien, die es bewohnten, sind alle fortgezogen, sogar aus den offiziellen Statistiken hat man es gestrichen. Zu groß waren die Familien geworden, manchmal kamen auf jedes Haus zehn, fünfzehn Menschen, und so viele hungrige Mäuler konnte das Dorf nicht stopfen. "Ich werde nie vergessen, wie wir in einer Winternacht von einem Wolfsrudel überfallen worden sind, bestimmt zwanzig Schafe haben sie gerissen. Danach sind alle weggegangen, was hätten wir sonst machen sollen?""

#Ohne Bildung, ohne Geld, ohne Aussichten und Alternativen hat es viele dieser Menschen als Gastarbeiter nach Westeuropa verschlagen, wo sie blieben, aber nicht heimisch wurden. Heute suchen ihre Kinder und Enkel eigene Wege zwischen Assimilation, Integration und religiös fundierter Beharrung. In den Geschichten der Männer auf der Galata-Brücke findet der Autor den Keim der Probleme, vor denen heute viele westeuropäische Länder mit türkischen Immigranten stehen.

Als Publizist hat Geert Mak immer wieder mäßigend in die oft hysterisch geführte Debatte um die Gefahren durch den Islam eingegriffen. Sein 2005 erschienenes Buch "Der Mord an Theo van Gogh" nennt er "die Geschichte einer moralischen Panik". "Wir bezahlen jetzt den Preis dafür", sagte Maak vor kurzem in einem Interview der taz, "dass wir lange gedacht haben, es würde schon irgendwie alles gut gehen."

Geert Mak findet es falsch, wie Hirsi Ali die Probleme einzig und allein im Islam zu sehen und die Angst vor Islamisten zu schüren. Natürlich spiele die Religion eine Rolle, aber Integration sei eben auch eine Frage der Politik, der ökonomischen Teilhabe, der Bildung. Politik und Medien wirft er vor, die Konflikte für eigene Ziele auszuschlachten. Die Presse, die konjunkturbedingt klamme Auflagenziffern mit gegen den Islam gerichteten Provokationen in die Höhe treibe, bezeichnet er als "Händler der Angst".

Während des Karikaturen-Streits, der 100 Todesopfer und über 800 Verletzte in aller Welt forderte, wird Geert Mak auf der Galata-Brücke Zeuge eines fast zwangsläufigen Mechanismus, einer reflexartigen Reaktion seiner Gesprächspartner vom unteren Rand der türkischen Gesellschaft. Er beginnt zu ahnen, dass hinter ihrer Empörung etwas anderes steht, als zuerst angenommen:

"Im Grunde war es kein religiöser Konflikt. ... Hier ging es nämlich gar nicht um verletzte religiöse Gefühle, wie wir sie im Westen kennen. Hier ging es vor allem um verletzten Stolz. Und wer so arm ... ist, für den gehören Stolz und "Ehre" zu den letzten Kostbarkeiten, an die er sein Herz hängen kann. ... "

#Der Islam vertritt das Selbstwertgefühl dieser Menschen, er ist, wie Geert Mak schreibt, "das letzte Bollwerk gegen grenzenlose Demütigung".

In den Gesprächen auf der Galata-Brücke geht es viel um "Ehre" und "Würde" - Geert Mak spricht von einer "Ehrenkultur", die im übrigen älter als der Islam sei. Während aufgeklärte Kategorien wie "Schuld" oder "Moral" zur Differenzierung führten, erlaubten Fragen der "Ehre" keine Kompromisse oder Ambivalenzen - alles oder nichts, schwarz oder weiß. Um westliche Überheblichkeiten zu dämpfen, weist Mak darauf hin, dass auch in einigen Teilen Europas noch vor drei oder vier Generationen verstoßen oder ermordet werden konnte, wer gegen die Ehre seiner Familie verstieß.

In die Geschichten der Männer auf der Brücke knüpft Geert Mak die Wechselfälle der Brücke und der sie verbindenen Stadtteile Istanbuls. So erzählt er - ganz leicht und wie nebenbei - auch ein Stück türkischer Geschichte zwischen Orient und Okzident.

"Kurz vor seiner endgültigen Absetzung erhielt der letzte Sultan, der letzte Kalif, der letzte Thronerbe des osmanischen Herrscherhauses von einem britischen Polizisten ein Strafmandat, weil er auf der Brücke ein Automobil falsch überholt hatte. Der Strafzettel hängt noch heute in einem kleinen Rahmen irgendwo im Dolmabahçe-Palast, und das völlig zu Recht. Denn dieser kleine Vorfall symbolisierte wie kein anderer das definitive Ende des Imperiums. "

So gekonnt verquickt Geert Mak Reportage, Essay und Historiographie, dass man sich nie belehrt fühlt - am Schluss aber vieles gelernt hat über die Türkei auf dem Sprung nach Europa und nicht zuletzt über den Hintergrund und die Mentalität unserer türkischen Mitbürger.

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