• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 02:07 Uhr Konzertmomente
StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Keinen Verteilungskampf zwischen Deutschen und Flüchtlingen hochstilisieren"01.03.2016

Vermögensverteilung"Keinen Verteilungskampf zwischen Deutschen und Flüchtlingen hochstilisieren"

Sowohl bei den Einkommen als auch bei den Vermögen gehe die Schere weiter auseinander und erreiche Rekordniveau - gerade auch in Deutschland, sagte der Ökonom Marcel Fratzscher im DLF. Die Armutsquote sei hierzulande deutlich gestiegen. Doch den Deutschen zu suggerieren, sie müssten den Gürtel wegen der Flüchtlinge enger schnallen, sei völlig falsch. Aufgrund der Überschüsse des Staates von 20 Milliarden Euro sei genug Geld da.

Marcel Fratzscher im Gespräch mit Benjamin Hammer

Porträtbild des Ökonomen Marcel Fratzscher. (picture alliance / dpa / DIW)
Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. (picture alliance / dpa / DIW)

Benjamin Hammer: Die Reichen und Superreichen – sie werden immer reicher. Sagen mehrere Hilfsorganisationen. Und die Superreichen, das haben wir gerade gehört, verfügen weiterhin über ein enormes Vermögen. Marcel Fratzscher ist der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. In wenigen Wochen erscheint sein neues Buch. "Verteilungskampf", heißt es, "Warum Deutschland immer ungleicher wird". Vor der Sendung habe ich Marcel Fratzscher diese Frage gestellt: Wenn wir das zunächst einmal global betrachten, stimmt es, dass die Kluft zwischen Arm und Reich weiter wächst?

Marcel Fratzscher: Die Schere zwischen Armen und Reichen geht weiter auseinander in den letzten Jahrzehnten. Es gibt natürlich immer Schwankungen. Auch die globale Finanzkrise hat natürlich auch die Vermögenden sehr hart getroffen. Aber es gilt: Sowohl bei den Löhnen, bei den Einkommen, aber auch bei den Vermögen geht die Schere weiter auseinander und erreicht mittlerweile wirklich Rekordniveau, und gerade auch in Deutschland. Deutschland ist das Land in der Eurozone mit der höchsten Ungleichheit bei privaten Vermögen. Es trifft vor allem auf Deutschland zu.

Hammer: Warren Buffett ist laut Forbes der drittreichste Mensch der Welt und am Wochenende hat sein Investmentfonds gemeldet, wir haben im vergangenen Jahr 24 Milliarden US-Dollar verdient. Warum steigern Milliardäre ihr Vermögen so scheinbar mühelos? Ist bestehendes Kapital da der beste Weg, um reich zu werden, reich zu bleiben?

"In Deutschland ist das Vermögen sehr konzentriert"

Fratzscher: Richtig ist, in den letzten Jahrzehnten hat sich es immer mehr gerechnet, Vermögen anzulegen, Erträge aus Vermögen zu erzielen, als durch eigene Hände Arbeit ein Einkommen zu erzielen. Das gilt nach wie vor. Aber Deutschland ist hier noch mal anders. In Deutschland ist das Vermögen sehr konzentriert, vor allem bei Familienunternehmen, und das bedeutet natürlich, dass sich gerade für die Vermögenden die Einkommenssituation deutlich verbessert hat.

Hammer: Bill Gates spendet sehr viel Geld für Projekte in Afrika und Mark Zuckerberg von Facebook hat neulich verkündet, er wolle 99 Prozent seines Vermögens spenden. Profitieren wir am Ende alle dann doch gemeinsam von diesen Superreichen?

Fratzscher: Das Problem ist nicht, dass Menschen viel Reichtum haben. Die Frage ist, was sie mit diesem Reichtum tun. Und wir sehen an vielen Beispielen bei den reichsten Amerikanern, Bill Gates, Warren Buffett und auch Mark Zuckerberg, dass sie damit sehr sinnvolle Dinge tun. Darum letztlich geht es. Es sollte nicht zu einer Neiddebatte werden, wo man den Reichen, den Milliardären das nicht gönnt, was sie erarbeitet haben, sondern das Augenmerk sollte wirklich auf den Bedürftigen liegen und die Frage, wie kann man diesen Menschen helfen, eigene Chancen zu entwickeln, unabhängig zu werden, mit der eigenen Hände Arbeit für sich sorgen zu können, und viele Amerikaner machen uns das vor. Ich glaube, da könnten auch wir Deutsche uns durchaus eine große Scheibe von abschneiden, denn in den USA das Geben auch der Reichen ist viel weiter verbreitet, als das in Deutschland der Fall ist.

Hammer: Aus verteilungspolitischer Sicht, welche Gruppe stellt uns vor die größeren Herausforderungen, die Superreichen der Forbes-Liste, oder die vielen Millionäre, die eher im Hintergrund agieren?

Fratzscher: Es sind weder die Milliardäre, noch die Millionäre, die das Problem sind. Denn ich glaube, wir müssen immer unterscheiden, was ist das für Vermögen, das Menschen aufgebaut haben. In Deutschland sind es ja vor allem viele Familienunternehmer, die vermögend sind. Aber was das Vermögen eigentlich ist: Es sind Maschinen, es sind Kapazitäten, die ja Arbeitsplätze schaffen. Das Problem per se liegt nicht darin, dass die oberen 0,1 Prozent oder ein Prozent zu viel haben, sondern das wirkliche Problem liegt darin, dass die unteren 40 Prozent so wenig haben. Das ist das Hauptproblem und gerade in Deutschland haben die unteren 40 Prozent praktisch überhaupt kein Vermögen, können gar keine Vorsorge betreiben, sind enorm abhängig vom Staat, landen sehr leicht in der Armut. Die Armutsquote in Deutschland ist deutlich gestiegen. Wir brauchen hier ein Umdenken. Natürlich sind die Superreichen sehr sichtbar, aber das wirkliche Problem ist vielmehr die unteren 40 Prozent.

"Wir brauchen mehr soziale Mobilität"

Hammer: Deutschland wird immer ungleicher, konstatieren Sie. Was müsste geschehen, damit der Trend aufgehalten wird?

Fratzscher: Man muss sich immer anschauen, wo kommt diese Ungleichheit her. Sicherlich trifft es zu, dass die Vermögenden durch ihr Kapital, ihr Vermögen dies sehr gut mehren können. Aber das Hauptproblem gerade in Deutschland ist, dass viele Menschen überhaupt keine Chance haben, für sich mit ihrer Arbeit sorgen zu können. Wir haben eine sehr geringe Chancengleichheit. Viele Menschen sind schon im frühen Alter, in Kindesjahren letztlich abgehängt und der Staat, das Bildungssystem, das Ausbildungssystem, der Arbeitsmarkt legt vielen Menschen in Deutschland unheimlich hohe Hürden in den Weg, was bedeutet, dass sie letztlich nicht für sich selber sorgen können, entweder keinen permanenten Job bekommen, oder schlecht bezahlte Jobs, prekäre Jobs, und das eine hohe Abhängigkeit vom Staat schafft. Hier muss der Staat ansetzen zu sagen, wir brauchen mehr Chancengleichheit, wir müssen alle Menschen mitnehmen, wir brauchen mehr soziale Mobilität. Das ist eigentlich die richtige Lösung. Zu sagen, wir nehmen den Oberen was weg, damit wir den Unteren was geben können, funktioniert nur begrenzt gut. Der Staat in Deutschland verteilt viel um, aber er macht es schlecht. Augenmerk sollte auf dieser Chancengleichheit liegen. Das ist das, wo es wirklich dran hapert.

Hammer: Wir schauen auf eine Debatte der vergangenen Wochen und Tage. Viele Flüchtlinge leben zunächst unter sozial schwierigen Bedingungen. Wird das die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland verstärken?

Fratzscher: Viele Flüchtlinge werden auf lange Zeit in Deutschland bleiben. Viele davon haben geringe Qualifikationen, häufig noch keine Schulausbildung. Das wird sicherlich die Kluft zwischen Armen und Reichen vergrößern. Es wird mehr Bedürftige in Deutschland geben. Auch gerade deshalb muss die Politik darauf reagieren und sagen, wie können wir denn diesen Menschen die notwendigen Voraussetzungen geben, Qualifikationen geben, damit sie für sich selber sorgen können, dass die Kluft nicht größer wird. Dazu gehören natürlich auch die vielen Deutschen. Wir haben immerhin noch 2,7 Millionen Arbeitslose in Deutschland, viele Langzeitarbeitslose, die vergessen worden sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten bei den Reformen. Da muss die Politik ansetzen, damit es nicht zu einem solchen Verteilungskampf kommt.

"Ich halte das Sozialpaket für falsch"

Hammer: Der Vizekanzler, der SPD-Chef Sigmar Gabriel, der fordert ein neues Solidaritätsprojekt für "unsere eigene Bevölkerung". Was halten Sie davon?

Fratzscher: Die Bundesregierung hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren eigentlich nur ein Sozialpaket für Deutschland gemacht. Sie hat viele Wahlgeschenke ausgeteilt mit der Rente, der Rente mit 63 und so weiter. Ich halte das für kontraproduktiv. Genauso kontraproduktiv wie die Forderung von Herrn Schäuble für eine Steuererhöhung. Das ist fatal, weil die Politik damit einen Verteilungskampf schürt zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Es wird den Deutschen suggeriert, ihr müsst jetzt den Gürtel enger schnallen, weil die Flüchtlinge da sind. Das ist fatal und völlig falsch. Der Staat hat 20 Milliarden Euro Überschüsse gemacht im vergangenen Jahr. Es ist genug Geld da. Die Bedürfnisse der Deutschen, die ja völlig gerechtfertigt sind - viele, die sich sorgen, für unsere Kitas, für unsere Schulen, für die Infrastruktur ist kein Geld da. Das hat aber nichts mit den Flüchtlingen zu tun. Ich halte dieses Sozialpaket für falsch, für kontraproduktiv, und die Politik sollte unbedingt widerstehen, einen Verteilungskampf zwischen Deutschen und Flüchtlingen hochzustilisieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk