• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteKalenderblattVersagen der Eliten zur NS-Zeit02.02.2011

Versagen der Eliten zur NS-Zeit

Vor 85 Jahren wurde der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern geboren

Nach dem Mauerfall redete er Großbritanniens skeptischer Premierministerin Margaret Thatcher die Angst vor einem erstarkenden Deutschland aus und jahrelang beriet er amerikanische Diplomaten bei ihrer Deutschland-Politik: der Historiker Fritz Stern. Heute wird er 85 Jahre alt.

Von Claus Menzel

Der Historiker Fritz Stern (AP Archiv)
Der Historiker Fritz Stern (AP Archiv)

Er sieht aus, wie man sich einen deutschen Herrn Professor vorstellen mag - und so, genau so, benimmt er sich ja auch: Kaum zu bezweifeln jedenfalls, dass der Historiker Fritz Stern, geboren am 2. Februar 1926 im damals noch deutschen Breslau, zu jenen multimedial bewunderten Autoritäten gehört, die immer und grundsätzlich wissen, wie alles sich zum Ganzen webt und Himmelskräfte auf- und niedersteigen. Und kaum zu bezweifeln ebenso, dass Fritz Stern, als er 1961 seine Studie über den - so der Titel – "Kulturpessimismus als politische Gefahr" vorlegte, just den Deutschen eine ziemlich rücksichtslose Erklärung ihres politischen und kulturellen Versagens in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bot: Anders, als viele seiner Kollegen, die den Aufstieg der Nazis und ihre Verbrechen als bedauerlichen Betriebsunfall werteten und den Untergang der Weimarer Republik gern einem Zusammenspiel der Extreme anlasteten, sah Stern die Hauptursache der deutschen Katastrophe im krassen Versagen der deutschen Eliten.

Dabei kommt Fritz Stern aus einer Familie, die durchaus der sozio-kulturellen Oberschicht angehörte: Zum Freundeskreis der jüdischen Eltern, die den Sohn protestantisch taufen ließen, zählte der Nobelpreisträger Albert Einstein, Fritz Sterns Pate war der Nobelpreisträger Fritz Haber. Als bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 die NSDAP zur stärksten Partei wurde, konnte es die Familie Stern kaum fassen.

Fritz Stern: "Ich erinnere mich noch an jenen Abend des 31. Juli, als meine Eltern mit demokratischen und sozialdemokratischen Freunden die Wahlergebnisse am gemieteten Radio hörten. Der Sechsjährige spürte die Katastrophenstimmung der Eltern und spürte auch die sich verschärfende Gefahr von Gewalt und Terror."

Bis 1938 hielten es die Sterns in Deutschland aus, dann flüchteten sie in die USA. Zuhause, gewiss, wurde deutsch gesprochen, deutsch gelesen. Und vielleicht gerade deswegen beschloss Fritz Stern, Geschichte erst zu studieren und dann an mehreren amerikanischen und deutschen Hochschulen zu unterrichten. Die Frage, wie es hatte geschehen können, dass just dies doch oft sogenannte und sich selbst so verstehende Volk der Dichter und der Denker zum Volk der Richter und der Henker wurde, faszinierte ihn.

"Es gab, glaube ich, in Deutschland seit, ja ich würde sagen mindestens seit 1890 diesen fundamentalen Unterschied zwischen dem, was ich als modern und fortschrittlich bezeichnen würde, in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Kultur und einem rückständigen, einem anachronistischen politischen System. In Weimar war das ganz anders. Weimar hatte kein Anachronistisches mehr, aber es wurde nicht akzeptiert, sagen wir mal, von den Oberschichten, sodass also eine gewisse Unbalance im deutschen Leben existierte, wobei ganz richtig ist, dass auf dem einen Gebiet, Naturwissenschaften, auch Medizin und so, dass da die besondere Blüte existierte bis '33."

Es war dieser Widerspruch zwischen der Begeisterung gerade der Deutschen für die Errungenschaften der Moderne auf der einen und den tiefsitzenden, antimodernen Ressentiments der deutschen Eliten auf der anderen Seite, den Fritz Stern immer wieder zum Thema seiner Forschungen und Bücher machte. 1987 hielt er als erster Nichtdeutscher im Bonner Bundestag die Rede zum Gedenken an den Aufstand des 17. Juni in der DDR, drei Jahre später überzeugte er Großbritanniens eiserne Maggi Thatcher von der Friedfertigkeit der Deutschen. 1994 endlich forderte Fritz Stern, die Wieder- oder Neuvereinigung Deutschlands als eine große Chance zu sehen. Anders, als die Berliner habe die Weimarer Republik diese Chance nie gehabt.

"Sie hat einen Bankrott nach einer Niederlage übernommen. In einem tief vergifteten Volk. Das heißt, dass diese Dolchstoßlegende unter anderem schon 1918 da war, dass man nie wirklich anerkannt hat, dass, wenn man so sagen will, diese Oberschichten, die damals Deutschland geführt haben, bis 1918, sie eben ins Unglück geführt haben."

Die Deutschen, so Fritz Stern, haben die Vorzüge eines demokratischen Rechtsstaats zu schätzen gelernt. Trotzdem: Nach Deutschland zurückkehren wollte er nie. Und auch nie einen anderen Beruf ausüben. Der Historiker ist ja noch mächtiger als Gott. Der nämlich, sagt Fritz Stern, kann die Vergangenheit nicht ändern.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk