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StartseiteEuropa heuteVerseuchtes Land, verseuchte Milch05.08.2005

Verseuchtes Land, verseuchte Milch

Die schmutzige Ölförderung in Aserbaidschan

Eine neue Pipeline bringt täglich eine Million Barrell Rohöl aus dem aserbaidschanischen Teil des Kaspischen Meeres in die Türkei und auf den westlichen Markt. Die Gefahr für die Umwelt ist groß, denn die Pipeline geht auch durch Erdbebengebiete. Immerhin gibt es Umweltauflagen und Sicherheitsvorkehrungen. Auf den Ölfeldern der aserbaidschanischen Ölgesellschaft ist davon nichts zu sehen. Überall steht Öl in Pfützen mitten in Wohngebieten. Gesine Dornblüth berichtet.

Pferdekopfpumpe in Aserbaidschan: Öl blubbert aus Löchern und Gewinden. (AP)
Pferdekopfpumpe in Aserbaidschan: Öl blubbert aus Löchern und Gewinden. (AP)

Zügig treiben die Arbeiter auf dem Ölfeld in Baku das Rohr in die Tiefe. Sie schmieren Fett auf das Gewinde, und schon zieht eine Maschine das nächste Stück Rohr von einem Stapel, hoch und höher, bis es senkrecht über dem Bohrloch hängt. Die Männer packen zu, schrauben es mit geübten Handgriffen auf das vorherige. Im Minutenrhythmus verschwindet Rohr um Rohr in der Tiefe der Erde.

Die Männer arbeiten für die staatliche aserbaidschanische Ölgesellschaft Socar. Deren Felder im Stadtgebiet von Baku gleichen einem Industriemuseum. Windschiefe, verrottete Metallgestelle ragen in die Höhe. Dazwischen nicken im immer gleichen Rhythmus Pferdekopfpumpen. Öl blubbert aus Löchern und Gewinden, bahnt sich in schwarzen Rinnsalen seinen Weg, sammelt sich in Pfützen und vereinigt sich mit alten Kühlschränken, Autowracks, Kartons und Plastiktüten zu einem einzigen großen Dreckloch.

Tiefer als 400 Meter treiben sie das Rohr hinunter. 10 Tonnen Öl sollen später täglich aus diesem Bohrloch sprudeln.

Mittagspause. Tejmur, der Vorarbeiter, legt die Rohrzange zur Seite, bückt sich und reibt seine Hände mit Sand ab. Seit 35 Jahren arbeitet er auf den Ölfeldern von Baku:

"Anders geht das Öl nicht ab. Auf geht's, Mittagessen."

Sein Kollege Marev nimmt den Helm ab und steigt über ein verrostetes Stück altes Rohr. Der Boden federt unter seinen Schritten:

"Na ja, das ist hier eben schmutzig. Das sind aber doch rein ökologische Probleme. Wenn wir die Fördervorrichtungen abbauen und die Rohre wieder herausziehen, dann sind die noch feucht. Da ist ein Gemisch von Wasser und Öl drin. Und das tropft dann eben heraus. Daher kommt das."

Der Lohn der Arbeiter ist gering, die Belastung für die Gesundheit enorm. Ein beißender Geruch liegt in der Luft, reizt zum Husten. Seit zwanzig Jahren arbeite er hier, erzählt ein anderer:

"Mir ist der Geruch inzwischen schon egal. Aber die ersten fünf Jahre war es unangenehm, ich habe allergisch reagiert. Schauen Sie sich mal um, all der Staub und Dreck... (Lkw im Hintergrund). Wir atmen das dauernd ein. Und dann die schlechten Straßen. Das ist doch sicher alles schädlich für den Menschen."

30.000 Hektar Land sind nach Schätzungen aserbaidschanischer Umweltexperten ölverseucht. Teils bis zu 4 Meter tief. Und das im Stadtgebiet von Baku. Doch fast niemand kümmert sich darum. Zu groß ist die Armut in Aserbaidschan.

Auf der anderen Seite der Stadt, draußen, auf der Absheron-Halbinsel, wo die größten verlassenen Ölfelder Aserbaidschans liegen, hat der Umweltschützer Telman Zeynalov versucht, ein Stück verseuchtes Land zu rekultivieren. Mit Erfolg. Doch für mehr reicht das Geld nicht. Nachdenklich stapft der weißhaarige Mann durch die leblose grau-braune Landschaft. Eine Herde Schafe trottet durch die Ödnis. Kühe zupfen an kargen Sträuchern.

"Die Milch dieser Kühe ist verseucht. Es wäre gut, wenn unsere Mediziner und Epidemiologen das untersuchen würden. Vielleicht tun sie das, aber da gibt es keine Transparenz. Das einzige, was ab und zu gesagt wird, ist, dass man bei privaten Bauern keine Milch kaufen soll. Aber wer garantiert, dass nicht auch die Staatsbetriebe ihre Milch bei privaten Bauern kaufen?"

Zeynalov zeigt auf ein altes Bohrloch. Rostrotes Wasser sickert aus dem Aufsatz, gemischt mit Rohöl:

"Das sind die Überreste der sowjetischen Politik. Das Ölunternehmen hat offenbar nicht das Geld, um ökologische Probleme zu lösen. Die können ja nicht mal die grundlegenden sozialen Nöte ihrer Angestellten beseitigen."

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