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Versprechen gebrochen

Vor einem Jahr beschloss der Runde Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" Hilfen für die Opfer

Von Claudia van Laak

Die Missbrauchsopfer sind frustriert über das Schweigen der Politik.
Die Missbrauchsopfer sind frustriert über das Schweigen der Politik. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Über Entschädigungen für Opfer von sexuellem Missbrauch spricht man in deutschen Ministerien zurzeit nicht gern. Die betroffenen Opfer sind frustriert. Das Treffen des "Runden Tischs" im Dezember wurde vonseiten der Bundesregierung abgesagt.

Monika Stein, Mutter von vier Kindern.

"Wir haben zwar immer gesagt, der Niels hat sich verändert, was ist los, gibt es irgendwelche Probleme, er wäscht sich nicht mehr, aber sind nicht hellhörig geworden."

Niels ist körperbehindert und besucht ein Internat, nur an den Wochenenden kommt er nach Hause. Die Eltern bemerken Veränderungen, die sie sich nicht erklären können. Aggressivität, Verschlossenheit. Er dürfe nicht darüber reden, sagt der 12-Jährige. Dann schreib’ es auf, erwidert seine Mutter.

"Dann hat er einen Brief geschrieben, den hat er ganz fest zugetackert und hat den aber nicht mir gegeben, sondern einem Freund. Und so kam dann alles ins Rollen."

Die Eltern erfahren: Ihr Sohn wurde eineinhalb Jahre lang von einem älteren Mitbewohner sexuell missbraucht, in seinem Zimmer, im Bad, unter der Treppe vergewaltigt. Der Täter war zuvor schon auffällig geworden, doch die Betreuer wollen nichts bemerkt haben. Obwohl Niels sie um einen Schlüssel für sein Zimmer gebeten hatte.


"Wir hatten gedacht, dass unser Kind in der Obhut von Fachleuten ist. Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass Erzieher Fachleute sind."

Monika und Henning Stein gehen offensiv mit dem Missbrauch um, bestärken ihren Sohn. Die Leitung des Internats weist jegliche Schuld von sich.

"Die waren völlig uneinsichtig, man hat uns ein Schweigegeld angeboten, zunächst über 20.000 Euro, wenn wir die Behörden nicht einschalten."

Die Steins schweigen nicht, sie erstatten Anzeige, die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage. Doch der Ausgang des Strafprozesses ist enttäuschend für die Familie. Der geistig behinderte Täter wird für schuldunfähig erklärt. Schadenersatz vom Internat erhalten sie nicht, sie verlieren auch den Zivilprozess.

""Weil ein Gutachter in dem Prozess gesagt hat, dass Erzieher in Deutschland so schlecht ausgebildet sind, dass sie sexuellen Missbrauch nicht erkennen können, und das Gericht hat sich dieser Meinung angeschlossen. Und das war für uns eine erneute Traumatisierung, weil mit so was hätten wir nicht gerechnet."

Drei Jahre ist es her, dass das Gericht feststellte, bei Niels Stein handele sich um einen besonders seltenen und tragischen Fall von Kindesmissbrauch. Wissenschaftliche Studien belegen allerdings genau das Gegenteil: Danach werden behinderte Kinder dreimal häufiger Opfer sexueller Gewalt als andere.

"Es tun sich Abgründe auf, wie gerade die Institutionen betroffen sind, wie stark behinderte Menschen betroffen sind, und wie die Gesellschaft doch die Augen und Ohren verschließt."

Niels Stein ist inzwischen 21. Seine Antwort auf den sexuellen Missbrauch: Leistungssport. Im Sommer startete er bei den Paralympics in London. Seine Eltern Henning und Monika Stein engagieren sich ehrenamtlich, um anderen Familien ein ähnliches Schicksal zu ersparen.

Henning Stein war Mitglied am Runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch", der sich im April 2010 konstituierte Drei Ministerinnen riefen ihn gemeinsam ins Leben: Kristina Schröder, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Annette Schavan. Der Runde Tisch ist die Reaktion der Politik auf die zuvor bekannt gewordenen Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg und an anderen katholischen Internaten. Ende November 2011 legte das Gremium seine Empfehlungen vor. FDP-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte vor einem Jahr:

"Die Empfehlungen des Runden Tisches zum Hilfesystem beziehen sich darauf, über die derzeit gesetzlich begründeten Hilfen hinaus, sei es in der Krankenversicherung, sei es bei Beratung, Hilfen anzubieten."

Wer mit Opfern sexueller Gewalt redet, weiß: Manche kommen ihr ganzes Leben nicht davon los. Die Krankenkassen zahlen nur zum Teil die notwendigen Therapien. Wer als Kind missbraucht wird, hat oft Probleme in der Schule, erreicht nicht den entsprechenden Abschluss, das Leben ist verbaut. Notwendig sind unbürokratische Hilfen. Für Opfer familiären Missbrauchs genau wie für diejenigen, die im katholischen Internat oder im Behindertenheim von Erziehern oder Priestern misshandelt wurden. Die Bundesjustizministerin sicherte zu.

"Dass für ein Hilfesystem in der Größenordnung von 100 Millionen der Bund sich auf alle Fälle zur Hälfte beteiligen wird, weil wir damit auch ein deutliches Zeichen setzen wollen, wie wichtig es ist, sich bei Gewalt im familiären Bereich auch als Gesellschaft, aber auch als Regierung, als Staat mitzuengagieren."

Die Empfehlung des Runden Tisches: Opfer sexuellen Missbrauchs sollen Sachleistungen bis zu einer Höhe von 10.000 Euro erhalten. Um die entsprechenden Anträge anzunehmen und zu überprüfen wird eine zentrale Anlaufstelle aufgebaut. 50 Millionen Euro versprach der Bund, 50 Millionen Euro sollten die Länder zahlen. Betroffene Institutionen wie zum Beispiel die Kirchen sicherten zu, sich ebenfalls an diesem Fonds zu beteiligen. Noch einmal Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger:

"Wir empfinden das als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, wo alle staatlichen Ebenen gefordert sind. Aber, das wird jetzt mit den Ländern zusammen verhandelt; zu sehen, was kann dann ja auch verteilt auf alle Länder von den Ländern erbracht werden. Aber ich denke, es ist gut, wenn mal ein deutliches Signal da ist, dass dieses Angebot vonseiten der Bundesregierung gemacht wird."

Wer aber heute bei Bund und Ländern nach dem versprochenen Hilfsfonds fragt, erhält entweder gar keine, eine um Wochen verspätete oder eine ausweichende Antwort. Das Thema ist aus den Schlagzeilen verschwunden, der öffentliche Druck fehlt. Nein, Kristina Schröder gibt dem Deutschlandfunk kein Interview, auch niemand sonst aus dem Ministerium. "Aber Sie dürfen gerne zur Pressekonferenz kommen", heißt es aus der Pressestelle des Bundesfamilienministeriums.

"Ja, wir machen das, die Minuten haben wir noch, ein Foto vor dem Bild, klick, klick, klick..."

Kristian Schröder bei einer Pressekonferenz zum Start der bundesweiten Initiative zur Prävention des sexuellen MissbrauchsKristian Schröder bei einer Pressekonferenz zum Start der bundesweiten Initiative zur Prävention des sexuellen Missbrauchs (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)Kristina Schröder – doppelreihige Perlenkette, schwarzes Jackett - stellt dieser Tage eine Kampagne gegen sexuellen Missbrauch vor, die sich speziell an Kinder wendet. Vier Millionen Euro gibt das Bundesfamilienministerium für eine Theatertournee aus, für Qualifizierungen von Fachkräften und Veranstaltungen für Eltern. Damit wird eine Empfehlung des Runden Tisches umgesetzt. Und was ist mit dem vor einem Jahr zugesagten Hilfsfonds für die Opfer sexueller Gewalt? Die CDU-Ministerin antwortet ausweichend:

"Die Verhandlungen werden gerade vor allen Dingen auch durch das Bundesjustizministerium mit den Ländern geführt, und da möchte ich um Verständnis bitten, dass es jetzt vor Ende der Verhandlungen nicht klug wäre, ein Ergebnis zu verkünden."

Doch wer sich bei den Ländern umhört, erfährt: Es wird momentan gar nicht verhandelt. Die Länder haben bereits vor einem Jahr ihre Bedenken kundgetan, die Mehrheit will kein Geld geben für einen Hilfsfonds zur Unterstützung von Frauen und Männern, die in ihrer Kindheit Opfer sexueller Gewalt wurden. Dabei ist es geblieben. Auch hier: Interviewanfragen werden abgelehnt. Vor dem Mikrofon will sich nur Stephan Breiding äußern, Sprecher des brandenburgischen Jugendministeriums. Er nennt vier Gegenargumente für die Ablehnung der Länder. Erstens sei der Hilfsfonds lediglich in die Vergangenheit gerichtet.

"Wir werden auch künftig Opfer sexueller Gewalt haben. Mit denen müssen wir irgendwie umgehen können. Da gibt es keine Lösung für. Das andere ist, dass sie keine Rechtssicherheit haben; sie können aus diesem Fond nichts einklagen. Das Dritte ist, dass wir eben schon sehr, sehr viele gute Initiativen haben, die sich um Opfer sexueller Gewalt kümmern. Und der vierte Punkt ist, dass wir im Grunde genommen auch keine Rechtssicherheit haben, was zum Beispiel die Anrechenbarkeit auf Sozialleistungen angeht. Das heißt, auch hier gibt es bislang keine Antwort des Bundes."

Und der Bund seinerseits beklagt: einige Länder hätten auf entsprechende Briefe gar nicht geantwortet. Ein Ping-Pong-Spiel. Der vor einem Jahr verkündete Hilfsfonds droht zu scheitern, weil Bund und Länder sich nicht einigen können.

"Es gibt insgesamt ein Vollzugsdefizit in Bezug auf die Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches."

Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung.

"Die Zivilgesellschaft nimmt das Thema sexueller Kindesmissbrauch ernst, ernster als noch vor einigen Jahren. Im Bereich der Politik gibt es einige gute Ansätze. Insgesamt ist aber die Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches in Bezug auf den politischen Bereich noch unbefriedigend."

Das Interview mit Johannes-Wilhelm Rörig findet in der Geschäftsstelle des Missbrauchsbeauftragten im Bundesfamilienministerium statt. Gerade eben hat Kristina Schröder dort ihre neue Präventionskampagne vorgestellt. Johannes-Wilhelm Rörig - seit einem Jahr Nachfolger von Christine Bergmann – hätte also nur in den Aufzug steigen müssen, um daran teilzunehmen. Schließlich besteht seine Hauptaufgabe darin, die Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches zu begleiten. War er eingeladen zur Pressekonferenz?

"Nein, zu der Pressekonferenz war ich nicht eingeladen. Wenn die Ministerin ihre Kampagne vorstellt, ist das ihre Aufgabe, meine Auftaktpressekonferenz für die Kampagne 'Kein Raum für Missbrauch' startet am 10. Januar nächsten Jahres."

Das klingt nicht nach einer vertrauensvollen Zusammenarbeit. Nachdem Johannes-Wilhelm Rörig sich eine Zeit lang mit Kritik zurückgehalten hatte – schließlich arbeitete er zuvor im Bundesfamilienministerium – nimmt er mittlerweile kein Blatt mehr vor den Mund. Der vor einem Jahr versprochene Hilfsfonds muss endlich kommen - so Rörig an die Adresse von Bund und Ländern.

"Ich beklage, dass die Information für die Betroffenen nicht stattgefunden hat. Es hat eher ein Schweigen der Politik stattgefunden und es war tatsächlich aus Sicht der Betroffenen eine unerträgliche Intransparenz zu verzeichnen."

Auch der Rechtsausschuss des Bundestages habe seine Aufgabe nicht erfüllt, so Rörig. Das seit Langem versprochene Gesetz zur Stärkung der Rechte der Opfer sexueller Gewalt komme nicht voran. Die strafrechtlichen Verjährungsfristen wurden verlängert, die zivilrechtlichen müssen noch angepasst werden.

"Das ist insgesamt ein großes Ärgernis. Dieser Gesetzentwurf schlummert nunmehr seit mehr als 18 Monaten im Rechtsausschuss. Und an dieser Stelle sehe ich auch noch erheblichen politischen Handlungsbedarf des Deutschen Bundestages."

Johannes-Wilhelm Rörig lädt regelmäßig Selbsthilfegruppen und Opfer ein, um direkt von ihnen zu erfahren, wo die Probleme liegen. Lange mussten sie darum kämpfen, überhaupt am Runden Tisch sitzen zu dürfen. Ein Jahr nach den Beschlüssen sind die Betroffenen ungeduldig, frustriert, wütend.

"Es handelt sich leider um politische Lippenbekenntnisse, für uns als Betroffene sind diese Lippenbekenntnisse einfach gruselig und grausig."

Ich werde da sehr ungeduldig inzwischen, das Problem beim Runden Tisch, warum das nicht richtig umgesetzt wird, ist, dass da zu viele Täterorganisationen sitzen.

"Es reicht doch nicht aus, etwas auf den Weg zu bringen, und dann zu sagen, ja, wir schreiben es auf und wir finden es schön, und wir klopfen uns dafür auf die Schulter."

"Es gibt eine klare Verpflichtung der Politik, dass sie für die Betroffenen sexuellen Missbrauchs und sexueller Gewalt einstehen wollen, über alle Parteigrenzen hinweg, und es ist nicht nachvollziehbar, dass es nach 18 Monaten Runder Tisch und noch einem Jahr Warten immer noch nicht gelungen ist, hier jetzt Nägel mit Köpfen zu machen."

sagt Matthias Katsch, ehemaliger Canisius-Schüler. Ihm, seinen damaligen Mitschülern und dem Jesuitenpater Klaus Mertes ist es zu verdanken, dass sexueller Kindesmissbrauch in Deutschland überhaupt zu einem Thema wurde. Zwei Pater quälten Matthias Katsch und andere in ihrer Schulzeit am Berliner Jesuiten-Kolleg. Nach einem Klassentreffen sprachen sie den damaligen Leiter des Kollegs Pater Mertes an – dieser machte die Vorfälle Anfang 2010 öffentlich.

Die Taten sind längst verjährt – die Priester strafrechtlich nicht mehr zu belangen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich wegen vieler längst verjährter Fälle als einzige größere Institution bereit erklärt, den Geschädigten einen materiellen Ausgleich zu zahlen. Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz:

"Wir haben ein System entwickelt zur Anerkennung erlittenen Leids in Form von materiellen Leistungen. Da gibt es bisher rund 1300 Anträge, die auch fast alle bearbeitet sind. In Anführungszeichen. Und ich glaube, da kann sich die Katholische Kirche sehen lassen."

Einzelheiten nennt der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz allerdings nicht. Wie viel Geld wurde bislang ausgezahlt? Wenden Sie sich bitte an die 27 Bistümer und fragen es dort ab. Wo kommt das Geld für die Entschädigung her? Versucht die Kirche, es sich bei den Tätern wiederzuholen? Hier wird ebenfalls auf die Bistümer verwiesen. Auch der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, will momentan nicht mit dem Deutschlandfunk reden. Es spricht stattdessen: Matthias Kopp.

"Wir haben gemerkt, dass bis der Runde Tisch sich etablierte und zu Ergebnissen kam, wir die Opfer nicht haben länger warten lassen können und deshalb hat die Deutsche Bischofskonferenz gesagt: Wir handeln jetzt. Wir verschließen uns aber nicht der weiteren Arbeit des Runden Tisches. Das heißt, wenn es am Runden Tisch zu Maßnahmen kommt, an denen wir uns beteiligen sollen, dann tun wir das. Aber, wir marschieren schon einmal, weil wir eine hohe Verantwortung haben und der Auffassung sind, die Opfer brauchen jetzt Hilfe."

Matthias Katsch hat Ende letzten Jahres 5000 Euro von der Katholischen Kirche erhalten. Zufrieden ist er damit nicht. Durch das Verfahren fühlt er sich gedemütigt, erneut als Opfer abgestempelt. Mussten die Antragsteller doch neben dem Datum und der genauen Uhrzeit der Taten auch den Ort und den Hergang präzise schildern. Psychisch belastend ist das und nahezu unmöglich, wenn die Vorfälle 30 Jahre zurückliegen.

"Es lässt einen nur wütend zurück, dass man gezwungen wird nach den Spielregeln der Institution zu spielen, ohne Einfluss nehmen zu können auf den Prozess und sich wieder in so einer Opferhaltung zu befinden, in einer Bittstellerhaltung zu befinden."

Matthias Katsch hätte sich gewünscht, dass nicht die Täterorganisation über die Entschädigungsanträge entschieden hätte, sondern eine unabhängige Institution. Angesichts des bislang nicht existenten staatlichen Hilfsfonds muss er allerdings zugeben:

"Es ist tatsächlich eine Ironie, dass - Stand jetzt - die Katholische Kirche zwar der Einäugige ist in diesem Prozess, aber sich tatsächlich als König fühlen kann, weil die Öffentliche Hand, der Staat, es nicht geschafft hat, die Versprechungen, die mit dem Ergebnis des Runden Tischs verbunden waren, adäquat umzusetzen."

Nach Ansicht der Betroffenen hat die Katholische Kirche in puncto Aufarbeitung noch eine Menge zu tun. So ist bislang das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in Gemeinden, katholischen Internaten und Schulen in Deutschland nicht bekannt. Wie viele Täter gab es, wie viele Opfer? Andere Länder haben längst Bilanz gezogen – so geht die römisch-katholische Kirche in den Niederlanden von 800 Tätern und mehreren Zehntausend Opfern aus – untersucht wurde ein Zeitraum von 55 Jahren. Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz sichert zu:

"Das Thema sexueller Missbrauch hat kein Ende. Der Prozess der Aufarbeitung geht weiter. Wir haben verschiedene Forschungsprojekte angestoßen."

So hat die Deutsche Bischofskonferenz mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen eine umfangreiche Studie vereinbart, die nicht nur die Untersuchung der Personalakten beinhaltet, sondern auch Tiefeninterviews mit Opfern und Tätern. Doch dieses Forschungsprojekt kommt nicht voran. Wir haben eine Eiszeit, sagt Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts.

"Es gab dann plötzlich von verschiedenen Seiten innerhalb der Kirche Einwände zu den Rahmenbedingungen, unter denen das Projekt laufen soll. Es gab neue Vorschläge, wie man die Forschung strukturieren sollte, und da konnten wir uns nicht einverstanden erklären; wir beharren bis heute auf dem Vertrag, den wir im Sommer 2011 abgeschlossen haben."

Dem Vernehmen nach weigern sich mehrere Bistümer, die von der Bischofskonferenz vertraglich zugesicherten Personalakten für die Forschung freizugeben. Das Projekt kommt nicht in Gang, zwei dafür eingestellte Wissenschaftler haben das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen bereits wieder verlassen. Der frühere Canisius-Schüler Matthias Katsch befürchtet...

"... dass es nach der Erschütterung des Jahres 2010, wo auf einmal viel in Bewegung war, wieder einen Rückfall in alte Haltungen und Positionen gegeben hat. Diejenigen, denen die ganze Richtung schon immer nicht gefallen hat, die nicht einsehen wollten, dass die Katholische Kirche ein Strukturproblem hat, fühlen sich jetzt bestätigt."


"Das bleibt ein Geheimnis zwischen uns, hatte er gesagt, nachdem er mich missbraucht hat. Das Schweigen hat mich ein Leben lang zum Opfer gemacht. Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter. Es ist nie zu spät, über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Rufen Sie uns an."

30.000 Anrufe, E-Mails und Briefe haben den Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung bislang erreicht. Viele Tausend Opfer sexueller Gewalt wagten den ersten Schritt und brachen ihr Schweigen. Es hat uns nicht wirklich geholfen, bilanziert Gabriele Gawlich verbittert. Sie vertritt Betroffene familiären Missbrauchs am Runden Tisch.

"Da ist unheimlich viel Lärm gemacht worden, unheimlich viel skandalisiert worden, 1000 Leute haben gesagt, wir machen was, wir machen was, und letztendlich, die Opfer, die sieht man überhaupt nicht, die sind nicht gehört worden, die sind nicht gesehen worden. Ich fühle mich oft so wie jemand, der dort vorgeführt wurde, benutzt wurde, zum Teil für Kungeleien, die ich überhaupt nicht vollständig durchschauen kann, aber für die Betroffenen selbst, da ist nichts."

Eigentlich wollte sich der Runde Tisch Mitte Dezember erneut treffen, um ganz offiziell Bilanz zu ziehen. Die Bundesregierung hat diesen Termin vorerst abgesagt.

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