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"Verstummte Stimmen"

Eine Konferenz in Bayreuth über eine rassistische Besetzungspolitik bei den Festspielen von 1876 bis 1945

Von Wolf-Dieter Peter

Der Komponist Richard Wagner, Foto eines Gemäldes von 1843 (picture alliance / dpa / Zentralbild)
Der Komponist Richard Wagner, Foto eines Gemäldes von 1843 (picture alliance / dpa / Zentralbild)

Weltklasse-Bassist Emanuel List, eine der ab 1934 im Bayreuther Festspielhaus "verstummten Stimmen" - weil er Jude war und emigrieren musste. Die von Organisator Hannes Hehr mit hochrangigen Geistes- und Sozialwissenschaftlern besetzte Tagung suchte zunächst nach Ursprüngen des im 19. Jahrhundert so virulenten Antisemitismus.

Werner Bergmann wies Abgrenzungs- und Vertreibungsphantasien im 18.Jahrhundert nach. Der Ideengeschichtler und Wagner-Kenner Udo Bermbach fasste die Entwicklung im 19.Jahrhundert so zusammen:

"Also die "Kulturnation", die sich hier in Bayreuth verdichtet, immanent dazu eine Ausgrenzungsstrategie gegenüber Juden ... und das verbindet sich genau mit diesem kulturell hegemonialen Denken, dass die deutsche Kultur aller übrigen Kultur überlegen sei und dass diese Kultur nur von Deutschen Produziert werden kann."

Micha Brumlik zeigte dann anhand der herausragenden Autoren "Stoecker - Marr - Dühring - de Lagarde - Treitschke", aus welcher erschreckend breiten Fülle antisemitischen Gedankenguts die Schrift des ja enorm belesenen Wagner zum "Judentum in der Musik" herauswuchs - Theaterwissenschaftler und Wagner-Kenner Jens Malte Fischer präzisierte gegen den Kurzschluss "Wagners Hitler":

"Das kann man so natürlich nicht sagen, man muss hier Kurzschlüsse vermeiden. Der Judentum-Aufsatz von Wagner ist schlimm genug. Wagner war der Erste, der das auf dem Gebiet der Kunst, speziell dem Gebiet der Musikübertragen zu haben. Wagner ist keineswegs vergessen. Er ist danach weltberühmt geworden und ist es bis heute und insofern hat natürlich dieser Text eine besondere Bedeutung. Die Wirkung ist auch groß gewesen und insofern muss man dem Richard Wagner diesen Text auch immer wieder vorhalten."

Dieser unbestreitbare Antisemitismus Wagners wurde dann so wirkungsmächtig, weil die bisherigen Führungs- und Funktionseliten des deutschen Kaiserreiches trotz der Reichsgründung 1871 sich bedroht fühlten: Gründerkrise, Darwinismus und Religionskritik, Sozialismus, Imperialismus.

Nach Wagners Tod 1883 gelang es der, wie Oliver Hilmes offenlegte: strikt antisemitisch denkenden Cosima Wagner, Bayreuth und den "Bayreuther Kreis" um den konservativ-reaktionär denkenden Hans von Wolzogen zum bewahrenden Hort eines "wahren Deutschtums" zu stilisieren. Die in Heidelberg lehrende Anja Lobenstein-Reichmann führte zu einem zentralen Gewinn der Tagung: Sie zeigte, wie brillant der völlig "arisch" orientierte, mit einer Wagner-Tochter verheiratete und in Bayreuth zum zentralen Vordenker aufsteigende Engländer Houston Stewart Chamberlain in seinem damaligen Bestseller über "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" Kulturchauvinismus, germanisches Christentum und Austilgungsrassismus verband und in den "Bayreuther Blättern" verbreitete.

Mehr noch: Mit Chamberlains Aufsätzen, speziell seinen "Kriegsbriefen" begann der Eintritt Bayreuths und des bisherigen "Kulturzentrums Wahnfried" in die Realpolitik - Autor Sven Fritz:

"Ich denke, dass Houston Stewart Chamberlain in diesem gesamten Bayreuther Komplex eine der zentralen Figuren ist weil er im rechtsradikalen Lager die These vertritt der kulturschaffenden, germanischen-arischen - und der kulturzersetzenden jüdischen Rasse und das in dem Bayreuther Kontext eben der Leitgedanke ist. Und aus der dieser Position heraus es ihm gelingt, die Bayreuther Festspiele, die sich zu einem Treffpunkt der deutschnationalen, völkischen, antisemitischen Elite entwickeln zu verknüpfen mit der realen Tagespolitik, mit den politischen Kreisen, ... dem Alldeutschen Verband, mit der Vaterlandspartei und dann später auch den Link schafft zur NSDAP."

Natürlich wurde dies nicht zur neuen monokausalen Erklärung für die antisemitische Ausrichtung Bayreuths. Der Berliner Kulturwissenschaftler Uwe Puschner ließ die NS-Ideologie fast "altbacken" erscheinen: er breitete ein erschreckendes Panorama der schon vor 1914 beginnenden "völkischen Bewegung" aus:

"Wenn man sich mit der völkischen Ideologie vor dem 1.Weltkrieg beschäftigt, findet man im Grunde sämtliche ideologischen Bausteine, die sich später der Nationalsozialismus angeeignet hat. Beispiele wären hier etwa der Bereich der gesamten Rassenhygiene, wäre die Lebensraum-Vorstellung im Osten Europas, die dann auch im Nationalsozialismus unter den Bedingungen des Krieges versucht wird zu verwirklichen"

Für alle "völkisch" Denkenden wurde Wagner mit seiner "Juden-Schrift" und vor allem seinen komplex widersprüchlichen "Regenerationsschriften" gleichsam "anschlussfähig". Obwohl eindeutig "unter-komplex" ausgedeutet, ergab sich daher laut Puschner:

"Wagner-Chamberlain-Bayreuth - damit konnte man ja behaupten: Wir haben Recht! Wir schließen hier an ein hohes deutsches Kulturgut an"

"Opernwelt"-Spezialist Stephan Mösch begann die fatale Reihe von antisemitisch attackierten Künstlern mit dem "Parsifal"-Dirigenten Hermann Levi. Hannes Heer spannte mit beispielhaften Künstler-Biographien den Bogen bis in die NS-Zeit weiter. Eine Tagung als Markstein - denn auch die Bundesrepublik ist heute nicht frei von diesem Gedankengut - Uwe Puschner:

"Vor allem diese Teile des Denkens, die sich aus dem Emotionalem, aus dem Irrationalem heraus speisen, also esoterische Denkfiguren oder eben auch das sogenannte Neuheidentum und was noch interessant ist, dass es dann auch an Nahtstellen Wechselbeziehungen hinein in den modernen Rechtsextremismus geben kann ... !"

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