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StartseiteBüchermarktVersuch eines großen Wurfs29.09.2013

Versuch eines großen Wurfs

Buch der Woche: Clemens Meyer: "Im Stein", S. Fischer Verlag

Schon Clemens Meyers autobiografisches Debüt "Als wir träumten" sorgte 2006 für Furore. Darin zog eine Jungsgang im Leipzig der frühen 90er-Jahre marodierend durch die Straßen und verlor dabei längst nicht nur sexuell ihre Unschuld. Nun ist Meyers neuer Roman "Im Stein" erschienen.

Von Gisa Funck

Clemens Meyers erster Roman "Als wir träumten" schlug 2005 hohe Wellen. (picture alliance / dpa / Peter Endig)
Clemens Meyers erster Roman "Als wir träumten" schlug 2005 hohe Wellen. (picture alliance / dpa / Peter Endig)

Clemens Meyer, Jahrgang 1977, gilt in der deutschen Gegenwartsliteratur als der neue wilde Mann des Ostens. Kritiker preisen ihn gern als "Straßenpoeten", "Enfant terrible" oder sächsischen Charles Bukowski. Denn Meyer erzählt in seinen Büchern die Nachwendezeit in Ostdeutschland quasi aus Bordsteinperspektive. Die bevorzugten Protagonisten seiner Romane und Kurzgeschichten sind Boxer, Glücksspieler, Nutten, Zuhälter, Fußballhooligans, Kleinkriminelle, Rauschgift- und Alkoholsüchtige. Kurzum: Underdogs, die mit der zusammengebrochenen DDR ihre Heimat und Orientierung verloren haben – und dem entstandenen Macht- und Sinn-Vakuum nun meist handgreiflich das Beste abzutrotzen versuchen.

Nicht selten wollen sie im Wirrwarr der Verhältnisse sogar den ganz großen Coup landen, enden dabei aber oft genug im Knast, in der Gosse, im Wahnsinn oder im Zinksarg.

So viel Sound der Straße, so viel Sex and Crime wie bei Clemens Meyer gab's schon lange nicht mehr in der deutschen Literatur. Jörg Fauser und Hubert Fichte sind über fünfundzwanzig Jahre tot. Der frühere Bad Boy Wolf Wondratschek feierte gerade seinen siebzigsten Geburtstag. Und andere jüngere ostdeutsche Autoren arbeiten ihre DDR-Herkunft ansonsten lieber bieder und fern der Unterschicht auf. Sei es in Gestalt des intellektuell aufgerüsteten Bildungsromans, siehe Uwe Tellkamp. Oder in Form linearer Familiengeschichten wie bei Julia Franck. Oder auch als leicht verdauliche Komödien, wie man sie von Thomas Brussig oder Jochen Schmidt kennt.

In Meyers Büchern dagegen liegen die Worte nicht fein ziseliert auf der Goldwaage. Und geht es ebenso emphatisch wie drastisch um Schmerz, Verlust, Gewalt, die Verlierer und Blessuren des Umbruchs.

Schon sein autobiografischer Debütroman "Als wir träumten" sorgte 2006 für Furore. Es war der Roman, in dem eine Jungsgang im Leipzig der frühen 90er-Jahre marodierend durch die Straßen zieht und dabei längst nicht nur sexuell ihre Unschuld verliert. Völlig zu Recht erhielt Meyer für diese großartige, wenngleich stellenweise etwas überladene Chronik einer jugendlichen Verwahrlosung gleich mehrere Preise. Seitdem ist er literarisch auf den tough guy gebucht. Zumal er selbst gern den Proll im Elfenbeinturm gibt. Da erzählt Clemens Meyer Journalisten dann schon mal von seiner Zeit im Jugendknast oder als Sozialhilfeempfänger und zeigt stolz seine Tattoos vor.

Mit seinem zweiten, neuen Roman "Im Stein", ein knapp 560 Seiten dicker Prosaklotz, scheint der Absolvent des Leipziger Literaturinstituts jetzt erneut vertrautes Terrain zu beschreiten. Im Stein handelt nämlich von Entwicklung und Wandel der Rotlicht-Branche in einer namenslosen, ostdeutschen Großstadt, von den frühen Neunzigern bis ins Jahr 2011. Wenn das nicht für Sex und Gewalt bürgt – was dann? Mag sich hier womöglich mancher Leser denken. Doch wer das Buch aus voyeuristischen Motiven kauft, wird schnell enttäuscht sein. Etwa, wenn die Hure mit dem Künstlernamen "Babsi" gleich zu Anfang Folgendes erzählt:

Ich krieg auch wieder Schuppen. Hatte ich ewig nicht. Aber ich nehm' so ein Naturshampoo, Brennnessel, davon gehen die gut weg. Ist besser für die Haare. Das Chemiezeug ist mir zu aggressiv drauf. Dieses Naturshampoo habe ich von Jenny. Die hat auch so Cremes, die sie mir empfohlen hat wegen der trockenen Haut. (...) Jetzt brauch ich doch noch eine Zigarette. Die achte heute, ich habe genau mitgezählt. Ich versuche, das wirklich zu minimieren. Aber ganz ohne krieg ich's nicht hin. (...) Ich schalte den Fernseher ein, immer noch ohne Ton. Das habe ich vorhin runtergedreht, als der zweite Gast kam. Das Radio läuft im Hintergrund. (...) Schüchterne Typen gibt es ja jede Menge. Aber eigentlich ist es mir scheißegal. (...) Obwohl mir die Stillen lieber sind. Mutti macht das schon. Da kann ich selbst dirigieren, und die hämmern mir nicht alles wund. (...) Achtzehn Uhr, die Nachrichten. Der Erste war scheiße. Der Zweite ganz okay. Muss man so sehen, sonst wird man blöd. Also ich zumindest. Die Superhits der Achtziger. Höre ich gerne. (...) Das Telefon klingelt. Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht. Jaaa? Hm. Jaa. Natürlich sofort. (...) Hmm. Ja. Ich freu mich auf dich. Bis gleich.

Von wegen verruchte Halbwelt! Babsis Beichte klingt wie fast alle Huren- und Zuhälter-Bekenntnisse in Meyers vielstimmiger Collage keineswegs sonderlich schockierend oder skandalös. Sie wirkt stattdessen ziemlich nüchtern pragmatisch und stellenweise geradezu erschreckend banal. Wie viele andere Zeitgenossen will sich auch Babsi das Rauchen abgewöhnen. Wie viele andere will sie später mal eine eigene Familie gründen. Und wie viele andere verwendet sie prinzipiell nur Bio-Pflegeprodukte ihrer Gesundheit zuliebe. Was sich dann schon etwas bizarr anhört, weil Babsi andererseits keine Sekunde lang zögert, sich mit einem wildfremden Kunden im Hotel zu verabreden, der allerhand Ungesundes mit ihr anstellen darf.

Kurzum: Meyers offenherzige Sexdienstleisterin redet sich hier quasi live ihre Arbeit schön, indem sie deren riskante und schäbige Seiten einfach ausblendet. Sex sei nur ein Geldjob wie jeder andere, meint Babsi. Das ist nicht uninteressant zu lesen. Doch natürlich auch nicht ganz neu und überraschend. Man kennt solche Selbsttäuschungsmanöver von Prostituierten und Zuhältern längst aus diversen Spiegel-TV-Reportagen. Und natürlich auch aus den berühmten St.-Pauli-Protokollen von Hubert Fichte, in denen zum Beispiel eine Reeperbahngröße wie Wolli Köhler, der Indienfahrer, einfach mal drauflos plauderte. Ganz ähnlich wie schon bei Fichte träumen auch Meyers Liebesdamen und Luden den ewigen Rotlicht-Traum vom sozialen Aufstieg zum respektablen Bürger. Von daher lehnt Babsis Chef, der sogenannte Vermieterkönig Arnold Kraushaar, genannt AK, wie alle Bordellbetreiber in Meyers Buch den Begriff "Zuhälter" kategorisch ab. "Zuhälter", das klingt in Kraushaars Ohren viel zu schmuddelig. Genauso wie der Begriff "Milieu". Für ihn, den großen AK, der sogar BWL studiert hat, sind das beides Schmutzwörter, die auf sein Unternehmen nicht zuträfen. Kraushaar spricht stattdessen lieber von der "Aktie Rotlicht" und betont immer wieder, wie "legal", "transparent" und "sauber" seine Geschäfte mit den Mädels angeblich laufen. Oder, wie er dem Leser einmal ungehalten erklärt:

Für die Frührentner, und Sie verstehen schon, dass ich da alle möglichen Altersklassen mit meine, Coppenrath und Wiese. Immer war und bin ich für die der Zuhälter. Der Rotlichtmann. der Ludenkönig. Was soll der Scheiß? Vermietung. Ich bin in der Vermietungsbranche. Habe zwei gut gehende Firmen. Investiere in mein eigenes Fitnessstudio mit Gym. Geschäftsmann. Manager. Ja. Aber Zuhälter? Lude? Der Mädchen die Kuppe maust? Der die Mädchen für sich ackern lässt? Pfui Deibel. Nein, dann verstehen Sie nichts, aber auch gar nichts vom Geschäft. (...) Milieu? Was soll das sein, bitte? Die Muschi besitzt ein feuchtwarmes Milieu, so steht es in den Schulbüchern, Biologiebüchern. Na ja. (....) Zuhälter gibt es fast keine mehr in der Stadt, wenn sie das so genau wissen wollen. (...) Ich habe kein Interesse daran, dass meine Mädels (...), dass da etwa Druck ausgeübt wird, dass da Schweinereien laufen.

Prostitution in Ostdeutschland ist schon deshalb ein reizvolles Thema, weil es in der DDR offiziell keine gab – und bis zum Mauerfall nur einige wenige Privatbordelle existierten. Umso mehr herrschte hier in den frühen Neunzigern "Goldgräberstimmung", wie es im Roman einmal heißt. Städte wie Leipzig verkamen damals zu erotischen Freihandelszonen und wurden zum Schlachtfeld verschiedener Gruppen und Syndikate, die mit käuflichem Sex das schnelle Geld machen wollten. Es gab Schießereien und Bandenkriege um die Vorherrschaft zwischen west- und ostdeutschen Zuhältern, der Russenmafia, Fußball-Hooligans und jugoslawischen Kriegsveteranen. So zumindest erzählt es Meyer im Buch, dessen Stadt unter Insidern nur "Eden City" genannt wird, neben Leipzig aber auch gewisse Ähnlichkeiten mit Halle und Frankfurt/Oder aufweist. Bei einer Schießerei 1999 wird schließlich auch seine Zentralfigur Arnold Kraushaar fast totgeschossen. Da AK sich aber geschickt mit zwei anderen Bordellbetreibern verbündet und zudem beste Kontakte zu Polizei und Justiz pflegt, steigt er wenig später zum Platzhirsch im Rotlichtrevier auf. Seine Geschäfte laufen nun bestens. Auch weil ab 2002 das umstrittene Prostitutionsgesetz in Kraft tritt, wonach käuflicher Sex unter Erwachsenen nicht mehr strafbar ist. Nach den Chaosjahren kehrt nun Ruhe ein. Bis 2011 die nächste Übernahmeschlacht auf dem ostdeutschen Erotikmarkt droht und mächtige Rockergruppen nach Eden City vordringen. Allen voran die sogenannten "Engel", also die Hells Angels, die nach und nach die alteingesessenen Zuhälter vertreiben oder ausschalten. Auch Arnold Kraushaar steht bereits auf der Abschussliste, warnt ihn ein Abtrünniger der Hells Angels, die zuletzt tatsächlich vermehrt für ganz reale Negativschlagzeilen sorgten. Oder hat AK diese Warnung vielleicht nur geträumt?! So ganz sicher lässt sich das in Meyers Roman nicht sagen.

Und eigentlich wäre das alles höchst brisanter Erzählstoff, aus dem sich eine packende Story machen ließe. Nur, dass es sich bei Meyer dann leider nicht immer so liest. Das liegt daran, dass er mit "Im Stein" nicht einfach nur einen Milieuroman schreiben wollte. Und auch ganz offensichtlich kein zweiter Hubert Fichte sein möchte. Nein, Clemens Meyer will mit seinem gewaltigen Epos mehr. Viel mehr. Nämlich eigentlich alles. Nach eigener Aussage soll "Im Stein" nichts Geringeres als der große deutsche Gesellschaftsroman der letzten zwanzig Jahre sein. Und als wäre dies nicht schon ambitioniert genug, geht der Autor sogar noch einen Schritt weiter. Denn mit seinem Opus Magnum will er auch formal-ästhetisch völlig neue Wege gehen. Beziehungsweise: "Den Roman aus seinen Trümmern zusammensetzen", wie der Autor vollmundig dem "Spiegel" verriet.

Tatsächlich aber erfindet Meyer die Gattung nun keineswegs neu, sondern geht literarisch sozusagen nur knapp 100 Jahre zurück. Nämlich zurück in die frühe Moderne, als sich Autoren wie Alfred Döblin oder John Dos Passos von der damals innovativen Erzählweise des Kinos beeinflussen ließen. Ähnlich wie deren vielstimmige Großstadt-Collagen "Berlin Alexanderplatz" und "Manhattan Transfer" ist auch Meyers Buch ein ziemlich wildes Sammelsurium aus verschiedenen O-Ton-Monologen, personaler Erzählung, Werbesprüchen, Literaturzitaten, Popsongzeilen und Kalauern. Und nicht selten erfolgen die Schnitte zwischen Zeit-, Ort- und Handlungsebenen wie schon bei Döblin und Dos Passos äußerst abrupt. Manchmal wechselt Meyer sogar mitten im Satz die Perspektive, sodass man als Leser oft nicht weiß, wer hier eigentlich wann, wo und über was genau redet. Und als wäre all' dies nicht schon verwirrend genug, rätselt man bei seinen Figuren zudem häufig, ob sie gerade träumen oder etwas real erleben.

Kurzum: Vieles, vielleicht allzu Vieles ist in diesem wuchtigen Werk höchst geheimnisvoll, um dann letztlich doch nur im Ungefähren zu bleiben. Aber das ist nicht das wirklich Problematische an Meyers Versuch des großen Wurfs, auch wenn einen stellenweise schon der Verdacht beschleichen kann, hier habe jemand die Dinge um der Kunst willen unnötig verkompliziert.

Nein, das Problematische an Meyers Romanbrocken ist seine sprachliche Ungenauigkeit, seine Geschwätzigkeit und eine schier endlose Kette von Wiederholungen und Redundanzen.

So lesen wir zum Beispiel von einem ehemaligen Jockey und verzweifelten Vater, der seine Tochter auf dem Straßenstrich sucht. Die ist 1993 mit dreizehn in die Fänge eines skrupellosen Zuhälters geraten. Und Meyer schreibt nun über diesen Vater:

Dreiundneunzig hätte er, der Vater, gern einen Panzer gehabt. Mit dem Panzer ins Gericht rein und diese Schweine alle plattgemacht. Durch Wände und Verhandlungen gebrochen. (....) Weil er dreiundneunzig nicht auf sie aufgepasst hat. Weil er sie dreiundneunzig nicht beschützt hat. Weil er dreiundneunzig nicht mit einer Panzerfaust in diese Hölle im dritten Stock rein ist. Und weil sie keine Wahl hatte. Und weil sie noch ein Kind war.

Weil – weil – weil. Doch weil die Welt eben oft schlecht ist, könnte vermutlich selbst Meyers Wüterich nicht so einfach durch eine Gerichtsverhandlung mit dem Panzer "brechen". Zumindest nicht stilistisch. Nur ein Ausrutscher? Vielleicht. Doch schon ein paar Seiten weiter liest man über den suchenden Jockey-Vater:

Der Mantel bauscht sich, wenn er reitet (....), so spät durch Nacht und Licht, (...) die Kassen schließen, das Klappern und Rauschen der Scheine in den Automaten, die Schlitze zahlen aus; und er flaniert an den Gesichtern vorbei, ach, ihr blonden Barbies, (...) er hört den Muezzin von der Synagoge rufen, großer barmherziger Gott, hoch oben auf den Kuppeln der Stadt.

Wie schön, dass ein junger Autor wie Clemens Meyer noch den Erlkönig von Goethe kennt. Und natürlich ebenfalls herzfrischend, wenn inmitten all‘ der oft so angestrengt-strebsam wirkenden Creative-Writing-Literatur endlich mal wieder jemand den Mut zum assoziativen Schreiben findet. Nur, bei aller Sympathie für avantgardistische Techniken: Es ist dann doch eher merkwürdig, dass in Meyers Roman plötzlich der islamische Muezzin von der Synagoge ruft. Und dass dieser Muezzin dann auch noch "auf" und nicht (wenn überhaupt) über den Kuppeln der Stadt thront. Ebenfalls verwunderlich, dass die Geldscheine bei Meyer "klappern" und "rauschen" können. Und seit wann existieren geradezu märchenhafte Automaten-"Schlitze", die "auszahlen"?! Spätestens an dieser Stelle (wie sind hier erst auf Seite siebenundsiebzig) ist man als Leser doch etwas alarmiert. Und noch lauter schrillen die Sirenen, wenn man gleich danach einem Polizeikommissar begegnet, der eigentlich einen Fall mit drei Moorleichen lösen soll – den Leser auf der Rückfahrt vom Leichenfundort dann aber mit diesen Überlegungen überrascht:

Geheimnisse. Zu viel Wissen. Irgendjemand wird irgendjemandem gefährlich. Durch Wissen. Durch zu viel Wissen. Schmutzwäsche der Vergangenheit. Geheimnisse. Belastendes. Materialien. (...) So denkt er, der Kommissar sich das, während er, die Augen halb geschlossen, sich mit seinem Wagen durch die Straßen treiben lässt. (...) Fahren durchs Rot, Grün, Gelb. Das Blinken der Phasen. (...) Er sieht die Deutschlandfahne oben auf dem Dach dieses Altbaus, wie sie flattert und knattert im Wind.

Auch unser Kommissar besitzt, vom Autor wohl unbeabsichtigt, recht wundersame Eigenschaften. Nicht nur, dass er bei Rot, Gelb, Grün über Ampeln fährt, durchs "Blinken der Phasen", wie es verschwurbelt heißt. Er hat darüber hinaus auch die verblüffende Fähigkeit, im geschlossenen Wagen das "Flattern" und "Knattern" einer Deutschlandfahne zu sehen, obwohl er dieses Knattern im Auto höchstwahrscheinlich nicht einmal hören kann. Doch damit noch längst nicht genug der seltsamen Phänomene in diesem Buch: Was zum Beispiel sollen "blondierte Titten" sein? Oder eine "bröckelnde Vorhut"? Oder "Falltüren im Asphalt". Oder die Kuppel des Berliner Bundestags, die gleichzeitig "verschwindet und in der Sonne leuchtet"? Oder die "Stimme" eines Liebhabers, die sich bei Meyer "in" und "an" einem anderen, menschlichen Körper "bewegt"? Tja: Wie soll man solche, zumindest fragwürdigen Formulierungen nennen? Avantgardistische Kunst? Oder sogar:

Eine Sprache von eindrucksvoller Dichte und Musikalität, polyphon komponiert. (...) Virtuos.

Wie sich die Kritikerin Daniela Strigl in der WELT für Meyers Roman begeisterte? Oder müsste man bei genauerem Hinsehen nicht vielleicht doch eher von "Stilblüten" sprechen? Beziehungsweise: einer gewissen Schlampigkeit? Oder fehlte es hier schlicht am Lektorat?

Wie auch immer: Es ist schon erstaunlich, wie kulant die meisten deutschen Literaturkritiker über derlei sprachliche Kapriolen in Meyers Rotlicht-Epos hinweggelesen haben. Und wie sie den Roman nun fast einhellig als Meisterwerk loben. Denn wirklich meisterhaft sind eigentlich nur zwei Kapitel: eines über einen völlig durchgeknallten, selbst ernannten Huren-Tester und Radiomoderator. Und ein anderes über eine minderjährige Zwangsprostituierte, die seelischen Halt bei ihren Dagobert-Duck-Heften sucht. Ansonsten wechseln in diesem Roman Licht und Schatten. Und gibt es neben einigen Ausdrucksschwurbeln auch inhaltlich einigen Leerlauf.

Ständig spricht hier etwa jemand darüber, dass er sich das Rauchen abgewöhnen will. Gleich mehrere Prostituierte hängen wehmütig banalen Jugenderinnerungen nach. Nahezu jeder Zuhälter hat dieselben Sprachgags parat und betont immer wieder aufs Neue, was für ein seriöser Geschäftsmann er doch sei. Zudem sinkt Meyers Personal durchgängig in den Sekundenschlaf.

Ob vom Autor gewollt oder nicht: Auf Dauer ermüdet auch der Leser bei solchen penetranten Wiederholungen. Es ist eben einfach alles ein bisschen viel in diesem 560-Seiten-Opus. Zu viele Personen. Und zu viel heiße Luft. Zu viel verbissener Kunstanspruch. Zu viel gewollte Verrätselung. Zu viel Redundanz. Und da passt es ins Bild, dass sich in diesem überladenen Werk praktisch jeder Bordellbetreiber als intellektueller Überflieger entpuppt. Gewiss: Man hat schon von der einen oder anderen hochgebildeten Halbweltgröße gehört. Doch dass bei Meyer die Luden nun gleich reihenweise mit Platon-, Goethe-, Schiller-, Heine-, Clausewitz- oder Hegelzitaten um sich werfen, ist wohl einem allzu romantischen Blick auf die Prosa der Bumsverhältnisse geschuldet.

Umso erstaunlicher, dass Im Stein jetzt auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Ja, offenbar sogar als Favorit im Wettbewerb um den nominell "besten Roman des Jahres" gilt. Die Sehnsucht nach dem prallen Leben und den nackten Tatsachen scheint unter Deutschlands Literaturkritikern inzwischen wirklich sehr, sehr groß zu sein.

Clemens Meyer: "Im Stein", S. Fischer Verlag 2012, 560 Seiten

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