Kultur heute / Archiv /

 

Versuch in der Freiheit

Bogdan George Apetris Kinofilm "Periferic"

Von Rüdiger Suchsland

Matildas Weg führt heraus aus der Hauptstadt Bukarest in die Peripherie.
Matildas Weg führt heraus aus der Hauptstadt Bukarest in die Peripherie. (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)

Das zeitgenössische rumänische Kino ist zu großen Teilen ein Kino der Frauen und ihres Überlebenskampfes in einer patriarchalischen, immer noch gewalttätigen Gesellschaft. "Periferic" erzählt die Geschichte von Matilda, die mit hypnotischer Verbissenheit ihren Weg der persönlichen Befreiung geht.

Eine Frau auf Freigang. Matilda heißt die Hauptfigur in diesem Film, und wir, die Zuschauer, sind ganz auf ihrer Seite. Sie hat einen Tag in Freiheit, aber sie will nicht wieder zurück ins Gefängnis gehen. Sie will nur weg, weg, weg, ein neues Leben anfangen, fern von diesem Land. Sie kommt aus Rumänien.

Vor fünf Jahren gewann Cristian Mungiu mit seinem Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" die Goldene Palme von Cannes - und seitdem sprechen alle vom rumänischen Filmwunder

Auch Bogdan George Apetris Debütspielfilm "Periferic", der jetzt in die deutschen Kinos kommt, besitzt alle Tugenden dieser "Neuen Welle" des rumänischen Kinos: Genaueste, geduldige Beobachtung von Figuren und ihrer Situationen, zugleich deren clevere Zuspitzung bis hin zu einem klaustrophobischen Szenario aus langen Gängen, engen Räumen. Und zu eindringlichen Begegnungen Matildas mit einem Ex-Mann, mit ihrem Sohn, den sie lange nicht gesehen hat - und das alles immer unter Zeitdruck. Denn die Frau ist ja schon quasi auf der Flucht.

Ihr Weg soll sie ans Meer führen, aber zunächst führt er sie aus der Hauptstadt Bukarest hinaus in die Periferie eines unspezifischen Umlands, zurück in die Vergangenheit einer verdrucksten Familie. Es gibt Streit, es geht natürlich um Geld und um Schuld, um unverarbeitete Verletzungen. Auch Schuld, auch Traumata sind Waren, mit denen man bezahlt und handelt, es gibt auch eine Warenwelt der Gefühle.

Der Film ist sensibel, nimmt sich Zeit für seine Figuren und ist trotzdem spannend und intensiv, kurzweilig und mitunter dann plötzlich von einer absurden Situationskomik. Die Charakterstudie mischt sich mit einem klaren gesellschaftlichen Porträt von Rumänien im Jahr 22 des Post-Kommunismus.

Apetris Rumänien ist schmutzig und korrupt, ein böser trister Ort. Aber der Regisseur moralisiert nie, er zeigt einfach.

Die vor über 20 Jahren revolutionär beseitigte Ceausescu-Diktatur ist bei den Menschen immer noch präsent: In ihren Folgen für die Köpfe der Menschen, wo sie weiterlebt, und für die Obrigkeit.

Vor allem ist "Periferic" eine Tour de Force für die beeindruckende Hauptdarstellerin Ana Ularu, die sich als heroische Anti-Heldin Matilda mit einer hypnotischen Verbissenheit und Sturheit durch die Szenen ihres Weges zur persönlichen Befreiung arbeitet. Das rumänische Kino ist zu großen Teilen auch ein Kino der Frauen und ihres Überlebenskampfes in einer patriarchalischen, immer noch gewalttätigen Gesellschaft.

Das passt auch zum schnörkellos-atemlosen Stil der Inszenierung. Auch dies kennt man von anderen rumänischen Filmen: Hektik, Dynamik, Anspannung sind hier Trumpf. Und im Gegensatz zu manchem rumänischen Kollegen verweigert sich Apetri auch allzu metaphernschweren und symbolbehaften Bildern.

So fügt sich "Periferic" in das Format der dringlichen, realistisch grundierten Außenseiterstudien, die mit ihrer Absage an die Illusionsmaschine Hollywood, aber auch an die Bevormundung durch das plump-sozialkritische Kino früherer Zeiten, mit ihrem Vertrauen auf die Bilder den Rumänien-Kinoboom ausgelöst haben: ein spannender, sehr stimmiger Film aus der Peripherie der europäischen Gegenwart.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Einen Neuanfang wagen

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Kölner Moschee Sanierungsfall statt Integrationszeichen

Ansicht der Kölner Zentralmoschee, eines geschwungenen Gebäudes mit Kuppel aus Beton und Glas, davor Autos auf einer Straße und ein Baustellenschild

Als Symbol gelungener Integration war sie geplant - jetzt gleicht sie immer mehr einer Bauruine: Noch vor ihrer Eröffnung präsentiert sich die Kölner Zentralmoschee als Sanierungsfall. Die große Freitreppe ist mit Bauzäunen versperrt und auch im Inneren ist man noch weit von einer Fertigstellung entfernt.

"Little Revolution" Alecky Blythe's neues Stück über die Londoner Riots 2011

"Fremde Welten", Teil 6China - Konfuzius, Marx und die Menschenrechte

 

Kultur

Filmfest von VenedigDas Schreckliche und das Schöne

Ulrich Seidl (Mitte) mit einigen seiner Protagonisten aus "Im Keller"

Beim Filmfest von Venedig prallen wieder die Gegensätze aufeinander: In Ulrich Seidls provozierendem Film "Im Keller" geht es in die dunklen Räume der geheimen Wünsche, die romantische Beziehungskomödie "She´s funny like that" liefert ein grandioses Stück Kino der urtümlichen Art.

WohlfühlorteHütte als Gesamtkonzept der Ruhe

Creative Director Sven Ehmann

Viele Menschen sehnen sich nach dem perfekten Wohlfühlort, einem Rückzugsort, der sie zur Ruhe kommen lässt. Dabei ist es weniger wichtig, wie viel Platz dieser Ort bietet, vielmehr geht es um das gestalterische Gesamtkonzept.

Theater"Wenn die Bombe fällt, bist du ein Märtyrer"

Der Regisseur Milo Rau

Der neue europäische Extremismus der Salafisten und der Rechtsradikalen hat den Schweizer Dramatiker Milo Rau beschäftigt. Anhand von vier Biografien betreibt er in seinem Stück "The Civil Wars" eine Art politischer Psychoanalyse. Das Thema der Vaterfigur, beziehungsweise der Abwesenheit des Vaters, durchzieht die Inszenierung dabei wie ein roter Faden.