• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 01:10 Uhr Interview der Woche
StartseiteWissenschaft im BrennpunktVersuchsobjekt Affe21.12.2008

Versuchsobjekt Affe

Ortstermin in deutschen Labors

Die enge Verwandtschaft zum Menschen macht Affen zu einem wertvollen Versuchsobjekt für Hirnforscher, Immunologen, Toxikologen. Doch womit sind solche Versuche zu rechtfertigen? Gar nicht, meint der Senat in Bremen, und will die neurowissenschaftlichen Experimente mit Makaken an der dortigen Universität beenden. Die Forscher haben vor Gericht einen Aufschub um 2 Monate erreicht, der Streit dürfte sich hinziehen. Doch wie sehen die Versuche aus? Welches Leid steht da gegen welchen Nutzen?

Von Volkart Wildermuth

Makaken gehören zu den bevorzugten Laboraffen. (AP Archiv)
Makaken gehören zu den bevorzugten Laboraffen. (AP Archiv)

Okavango Delta, kurz vor Sonnenaufgang. Im Dämmerlicht sind zuerst nur Schattenrisse auszumachen: Paviane. Eine ganze Gruppe hat in den sicheren Wipfeln geschlafen und tauscht nun Morgengrüße aus, bevor sie sich zur Nahrungssuche davon macht. Die Bäume schwanken unter der Wucht der Tiere, die zwischen ihnen hin und her springen.

Paviane in Deutschland. Mit einem Zweig Blätter lassen sie sich aus ihrem warmen Nachquartier an die kalte Luft des Freigeheges locken. Zuerst einige Weibchen mit ihren Jungen auf dem Rücken. Dann der Pascha mit grau-weißer Mähne. Es könnte ein Zoo sein. Doch es ist keiner. Hier werden Affen für die Forschung gezüchtet. Für Paviane gibt es kaum noch Bedarf, höchstens für Experimente in der Transplantationschirurgie. Weißbüschelaffen und Rhesusaffen sind dagegen begehrt.

Jedes Jahr sterben rund 2000 Affen für die deutsche Forschung. Zum Vergleich: Die Zahl der Versuchsmäuse und –Ratten beläuft sich auf zwei Millionen. Gerade die biologische Nähe zum Menschen macht Affen zu einem wertvollen Versuchsobjekt für Hirnforscher, Immunologen und Toxikologen. Diese Nähe löst aber auch ein Unbehagen aus. Darf man seine Verwandten benutzen - wie die Ratte, das Schwein, den Hund?

"Wenn die Primatenforscher selber sagen, dass das Tier, ein Rhesusaffe, etwa einem zweijährigen Kind gleichzustellen ist, dann muss man sich mal vorstellen, vom Empfinden, vom Schmerzempfinden, vom Leidempfinden, was mit diesem Tier geschieht."

Der Streit um Versuche an Affen ist 2008 hochgekocht, dafür hat Wolfgang Apel gesorgt. Wolfgang Apel ist Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, seine Heimat Bremen. Das Bremer Tierheim liegt ganz in der Nähe des Instituts für Hirnforschung der Universität. Seit elf Jahren laufen dort Affenversuche. Seit elf Jahren kämpft Apel dagegen. In Berlin und München konnte er ähnliche Experimente verhindern. In Bremen dagegen durfte Professor Andreas Kreiter Rhesusaffen – eine Makakenart - nutzen, um die grundlegende Arbeitsweise des Gehirns zu untersuchen. Doch dann wurden die Affen zum Wahlkampfthema. Apel brachte das Staatsziel Tierschutz gegen das Grundrecht der Freiheit von Forschung und Lehre in Stellung.

"Um das mal ganz deutlich zu sagen, weder der Deutsche Tierschutzbund noch ich selber bin gegen die Freiheit von Forschung und Lehre. Aber wir müssen uns Grenzen setzen, mit welchen Methoden wir beispielsweise an Tieren forschen. Die Wissenschaftsfreiheit lässt nicht alles zu. Es gibt ethische Grenzen und die sind bei diesem Versuch längst erreicht."

Die zuständige Ethikkommission hatte die Versuche von Andreas Kreiter positiv bewertet, hielt den wissenschaftlichen Nutzen für gewichtiger als die Leiden der Affen. Trotzdem hat die Bremer Verwaltung die Versuchsgenehmigung jetzt nicht verlängert. Eine Entscheidung, die bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft , der Universität Bremen und bei Hirnforscher Andreas Kreiter für Empörung sorgt.

"Da steigt natürlich großer Ärger auf, denn es ist ein schlichter Missbrauchsfall. Politik und Verbandspolitik versuchen hier ihre eigenen persönlichen wahlkampfpolitischen Ziele auf Kosten von Wissenschaftlern auszutragen und zu erfüllen und nehmen dabei noch nicht einmal auf Grundrechte vieler junger Doktoranden und Mitarbeiter Rücksicht."

Die Universität hat die Gerichte eingeschaltet. Der Streit wird sich hinziehen. Bis er entschieden ist, laufen die Versuche erst einmal weiter. Doch wie sehen diese Versuche eigentlich aus? Wie leben andere Versuchsaffen in Deutschland? Welcher Nutzen wird da gegen welches Leid aufgewogen?

Ich bin ans Deutsche Primatenzentrum nach Göttingen gefahren, wo Affen für die Wissenschaft gezüchtet werden. In einem roten Neubau samt Außenanlagen turnen zwischen 200 und 300 Rhesusaffen über Holzgerüste und Feuerwehrschläuche. Rhesusaffen gehören wie die Javaneraffen zu den Makaken. Schlanke Tiere, katzengroß, das Fell leicht grünlich. Mütter tragen die Jungen mit den großen Augen auf dem Rücken. Dominante Männchen fauchen den Besucher an. Optimal vermehren sich die Tiere, wenn ein Männchen mit wenigen Weibchen gehalten wird, erklärt Professor Franz-Josef Kaub. Die meisten Rhesusaffen hält das Primatenzentrum aber in Großgruppen, die eher der natürlichen Sozialordnung der Tiere entsprechen. Kaub:

"Bei einer Zuchtpopulation von etwa 200, 300 Tieren können wir 30 Tiere pro Jahr entnehmen, ohne dass uns die Zucht zusammenbricht. Wir müssen ja stabile Gruppen halten und können eben nur einzelne Tiere herausnehmen und nicht immer sofort dann die erwachsenen Alphatiere, sondern wir müssen dann schon gucken, wir wollen eine Gruppe zusammengesetzt haben und bei eben 200, 300 Tieren etwa 30 für die deutsche Wissenschaft."

Und sind die deutschen Forscher damit ausreichend versorgt? Kaub:

"Nein, das ist das ganz große Problem, was wir haben. Wir sind in Deutschland immer noch auf Import bei Rhesusaffen angewiesen. Anders als bei den südamerikanischen Weißbüschelaffen müssen wir doch noch Tiere importieren, das gefällt uns auch nicht. Das ist erstens mit Kosten verbunden, ist für die Tiere auch nicht so angenehm und wir müssen natürlich unsere Züchter im Ausland entsprechend kontrollieren, dass wir vernünftige Tiere hier integrieren können."

Es gibt ja von Seiten von Tierschützern immer wieder Vorwürfe, dass Tiere in der Wildnis gefangen werden, dann im Labor landen, traumatisiertes Erlebnis natürlich hinter sich haben, wenn sie in der Wildnis gefangen werden. Landen solche Tiere auch bei Ihnen?

"Das versuchen wir natürlich zu verhindern und ich gehe davon aus, dass wir solche Tier nicht haben. Und Wildtiere werden sowieso, auch wenn die Tiere angeblich in der Wissenschaft verwendet werden, allerhöchstens in den Ursprungsländern für die Zuchtzwecke benutzt und nicht als Versuchstier. Das sind nicht gesunde Tiere in dem Sinne, wie wir sie brauchen für unsere Experimente. Solche Tiere werden allerhöchstens in der Dritten Welt benötigt, um die Zucht aufzubauen und zu unterhalten. Aber wir werden unsere Tiere nur beziehen von entsprechend zertifizierten Züchtern, die ausschließlich Tiere von der so genannten F2-Generation und höher verwenden."

F2-Generation, das sind sozusagen die Enkel der Tiere die dann tatsächlich einmal in der Wildnis gefangen wurden. Hier sieht es ja wirklich fast aus, wie im Zoo. Die Tiere haben viele Möglichkeiten, sich zu bewegen, herumzuspringen. Aber man darf nicht vergessen, diese Tiere sind nicht dazu da, betrachtet zu werden, die sind letztlich dazu da, um in wissenschaftlichen Versuchen eingesetzt zu werden. Ist das etwas, was Sie mit Sorge erfüllt, wenn Sie sie jeden Tag sehen?

"Wir wissen, warum wir diese Tiere halten, und wir wissen auch, warum wir diese Dinge tun. Es ist nicht immer leicht, insbesondere für Tierpfleger, die sich den ganzen Tag mit diesen Tieren beschäftigen und sich um diese Tiere kümmern, dann irgendwann auch zu wissen, das diese Tiere in den Experimenten benötigt werden. Und das ist für den einen doch manchmal eine psychische Belastung, der andere wird mit solchen Situationen besser fertig. Aber wir informieren immer alle Mitarbeiter, als auch die Öffentlichkeit, für welche Experiment wir diese Dinge wirklich benötigen."

Es ist leicht, sich mit den Affen zu identifizieren. Vor dieser Vermenschlichung warnt Hanno Würbel. Der Professor für Tierschutz und Verhaltensforschung an der Universität Gießen ist Experte für die Belastung von Versuchstieren.

"Obwohl wir davon ausgehen, dass gerade Primaten, die unsere nächsten Verwandten sind, und damit auch sehr hoch entwickelt von ihren kognitiven, von ihren geistigen Fähigkeiten her, dass man eigentlich bisher keine zuverlässigen Unterschiede gefunden hat, zwischen verschiedenen Tierarten innerhalb der Säugetiere, die darauf hindeuten würden, dass jetzt gerade die Primaten irgendwie besonders schmerz- oder leidensfähig sind. Mehr beispielsweise als Ratten oder Katzen oder eben Hunde."

Vor dem Tierschutzgesetz sind sie alle gleich. Das heißt, auch mit einer Ratte dürfen Forscher nicht beliebig umspringen. Andersherum ist auch die Forschung mit Primaten erlaubt, wenn es gute Gründe für den Einsatz genau dieser Tiere gibt. Franz Josef Kaub erprobt Aids-Medikamente und Aids-Impfstoffe an Rhesusaffen. Auch Weißbüschelaffen dienen in Göttingen als Modelle für menschliche Krankheiten.

Ihren Namen haben die Weißbüschelaffen von den weißen Fellpinseln, die links und rechts vom Kopf abstehen. Die Tiere sind sehr lebhaft, können sich aber auch gut konzentrieren und darauf baut Professor Eberhard Fuchs. Er trainiert die kleinen Affen darauf, mit den Händen Futter aus einer verwinkelten Apparatur zu angeln. Dann spritzt er ihnen ein Zellgift in eine bestimmte Gehirnregion und löst eine Krankheit aus, die sich der Schüttellähmung beim Menschen vergleichen lässt. Am Schreibtisch zeigt er mir ein Video des Versuchs. Fuchs:

"Was Sie hier sehen: Das Tier, obwohl hoch motiviert, ist nicht mehr in der Lage, diese Belohnungen abzugreifen. Das Einbringen dieses Neurotoxins behindert die Tiere in gewissem Umfang in ihrer Bewegung. Aber letztendlich können sie weiter, ich sag mal, in gewohnter Art und Weise am Sozialleben innerhalb der Gruppe teilnehmen und sind nicht ausgestoßen oder erscheinen auch auf den ersten Blick, wenn man sie im Käfig ansieht nicht als krank, sondern die Beeinträchtigung manifestiert sich nur, wenn man die Tiere in ganz bestimmte Testsituationen einbringt. Also ich weiß nicht, ob die Tiere leiden."

Aber warum macht man diese Experimente jetzt mit diesen Weißbüschelaffen. Es gibt doch ganz ähnliche Tiermodelle für Parkinson jetzt zum Beispiel bei Ratten und Mäusen, bei denen das ganz genauso gemacht wird. Was kann Ihnen das Weißbüscheläffchen mehr erzählen, als diese Mäuse und Ratten?

"Hier haben wir zum einen die Möglichkeit in weiterführenden Tests höhere kognitive, also Gedächtnisfunktionen der Tiere abzugreifen und zudem können wir hier sehr genau untersuchen, welche möglichen Effekte eine Therapie auf die Feinmotorik, die auch bei Parkinsonschen-Erkrankten massiv gestört ist, welche Effekte diese Therapie dann auf die Feinmotorik hat."

Das kann man bei Ratten und Mäusen noch nicht machen?

"Man muss bei solchen Untersuchungen ganz klar eine Güterabwägung treffen. Und zwar eine Güterabwägung dahingehend, dass natürlich erst Untersuchungen gemacht werden an so genannten einfacheren - ich sag es jetzt mal in Anführungszeichen - Tieren, wie Ratte oder Maus. Wenn es jetzt aber darum geht, den Effekt einer Therapie auf die kognitiven Fähigkeiten zu untersuchen, sollte man das eher an höher entwickelten Tieren tun. Und dann kommt noch eine ganz wichtige Frage hinzu: Was wir ja heute aus den Parkinson- Therapien wissen, ist, dass diese Therapien auf die Dauer nicht unbedingt stabil sind und Lage halten, sondern auch wieder Abschwächen des therapeutischen Erfolges festzustellen ist. Und um den therapeutischen Erfolg auch über mehrere Jahre zu überprüfen, brauchen Sie Tiermodelle, die dann auch eine entsprechenden Lebenserwartung haben. Und die Lebenserwartung von einer Laborratte oder einer Labormaus ist im Schnitt zwischen zwei und drei Jahren."

Weißbüschelaffen dagegen können 15 Jahre im Labor überleben und den Forschern helfen, die Parkinsontherapien zu optimieren. Es sind keine leeren Versprechen: Die Tiefenhirnstimulation zur Bekämpfung schwerster Schüttellähmung wurde zuerst an Primaten erprobt.

Rund 150 Laboraffen pro Jahr tun ihren Dienst in der Grundlagenforschung. Viel mehr, nämlich zehnmal so viele in der Arzneimittelentwicklung. Die Versuche sind gesetzlich vorgeschrieben. Viele Pharmaunternehmen machen sie nicht selbst, sie geben sie bei spezialisierten Firmen in Auftrag. Covance Laboratories bietet weltweit solche Auftragsforschung an. Südlich von Münster unterhält das Unternehmen Europas größtes Primatenlabor. 1500 Tiere leben hier, vor allem Javaneraffen und einige Weißbüschelaffen. Kein Schild weist den Weg, das Gelände ist mit Stacheldraht gesichert, Kameras nehmen jeden Besucher ins Visier, schon lange, bevor er das Tor erreicht. Covance setzt auf Sicherheit. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Protestaktionen. Tierschützer haben den Umgang mit den Affen massiv kritisiert. Unter anderem die kleinen Gitterkäfige. Die Haltung der Tiere hält auch Hanno Würbel für entscheidend.

"Also die größten Belastungen, die Versuchstieren zugefügt werden, ergeben sich eigentlich aus den Haltungsbedingungen. Und das hat einfach damit zu tun, dass das die Bedingungen sind, denen die Tiere dauerhaft ausgesetzt sind, über lange Zeiträume, während die eigentlichen Versuchseinsätze oft von relativ kurzer Dauer sind. Und wenn die Haltungsbedingungen natürlich nicht artgemäß oder verhaltensgerecht sind, dann kann das zu chronischen Belastungen führen, zu chronischem Stress. Das sind Dinge, die sich dann auch in Verhaltensstörungen äußern können, bei den Tieren."

Bei Covance hat sich hier viel getan. Die Käfige sind größer als gesetzlich gefordert. Gruppenhaltung ist die Regel, Spielzeuge eine Selbstverständlichkeit. Das überprüft auch der Amtstierarzt mit häufigen, unangekündigten Kontrollen. Bevor ich mir diese Hochburg der Primatenforschung ansehen darf, muss ich einen Wegwerfoverall anziehen, Handschuhe, Haarnetz, Schutzbrille und Überschuhe. Zusammen mit Dr. Wolfgang Müller, dem Leiter der Toxikologie, der Giftigkeitsprüfung bei Covance, betrete ich das Labor. Zwei Javaneraffen sitzen in ihren Käfigen, sie tragen Jacken mit kleinen Rucksäcken. Müller:

"Dieser Rucksack, der beinhaltet eine kleine Pumpe, eine Pumpe mit Prüfsubstanz-Reservoir, das ist die Substanz, die wir hier verabreichen wollen. In diesem Fall ist das so, dass eine Substanz über 24 Stunden kontinuierlich mit sehr geringer Applikationsrate pro Minute gegeben wird. Und diese elektrische Pumpe ist programmierbar und gibt wohl dosiert, ständig an die Affen diese Prüfsubstanz."

Die Tiere sind jetzt hier in Einzelkäfigen, normalerweise sind ja Javaneraffen ausgesprochene Gruppentiere. Ist das für die eine besondere Belastung?

"Solange die Tiere nicht wirklich alleine sind, ist es, sagen wir mal, toleriertes Maß an Belastung. Die Tiere sitzen sich gegenüber, das sehen Sie hier: Zwei Käfige sind besetzt, die Tiere sitzen sich gegenüber. Wir würden nie ein Tier alleine in einen Raum setzen, das wäre tatsächlich Stress, das wäre Vereinzelung. Und diese Käfige, wenn sie die sich genauer angucken, sind darauf angelegt, dass die Tiere physisch voneinander getrennt sind, aber weder nach Geruch, nach Akustik vor allen nicht optisch voneinander getrennt sind, die können sich sehen, und haben auch innerhalb eines Raumes ein hierarchisches Gefüge aufgebaut, das man auch nicht stören sollte."

Sie machen hier Versuche mit Affen, warum mit Affen, meistens werden doch Ratten und Mäuse als Versuchstiere genommen?

"Das Problem ist, dass viele Studien deswegen an Affen durchgeführt werden müssen, weil es keine andere Wahl gibt. Ratten oder Mäusestudien geben viele Hinweise, aber nicht zu jeder Substanz und nicht zu jeder Fragestellung. Die Hinweise, die man bei der Zulassungsbehörde braucht, um ein Medikament zuzulassen. Und entsprechende Risikoabschätzungen, die auch gesetzlich verlangt sind, vorzunehmen. Affen sind dem Menschen besonders nahe verwandt und deswegen ist die Studie mit einem Affen immer die aussagekräftigste Studie, die man machen kann. Was allerdings nicht heißt, dass der Affe absolutes Routinetier in der Toxikologie ist, das ist absolut die Ausnahme in der Toxikologie, auf die wir hier in Münster uns aber konzentriert und spezialisiert haben."

Covance ist spezialisiert auf Experimente zur Fruchtbarkeit und zur Sicherheit von Medikamenten während der Schwangerschaft. Die Wirkstoffe werden also auch trächtigen Weibchen gegeben, die Jungtiere dann per Kaiserschnitt geholt und auf Missbildungen untersucht. Die Experimente sollen eine zweite Contergan Affäre ausschließen. In anderen Studien geht es um die akuten Auswirkungen der Medikamente. Die Affen erhalten sie für vier Wochen, dann werden sie eingeschläfert und seziert. Ihr Tod dient der Sicherheit des Menschen. Auch wenn es absolute Sicherheit nicht gibt. Gelegentlich verursachen Medikamente, die für Javaneraffen verträglich sind, in klinischen Studien beim Menschen schwere Nebenwirkungen.

"Bei der Medikamentenentwicklung muss man sich noch einmal darüber streiten, das werden Ihnen auch Pharmakonzerne sagen, ob diese Versuche überhaupt erforderlich sind, ob sie nicht nur aufgrund eines Arzneimittelgesetzes angeordnet sind."

Tierschützer Wolfgang Apel

"Da höre ich sehr häufig, dass man diese Versuche nur macht, weil sie gesetzlich vorgeschrieben sind, und keinen Sinn machen, aber sie müssen sie machen, sonst kriegen sie ihr Medikament nicht anerkannt."

Covance organisiert Arzneimittelprüfungen quasi industriell. In den Außenanlagen stehen immer Javaneraffen bereit für neue Prüfserien. Die pflegeleichteren Verwandten der Rhesusaffen erhalten die Medikamente als Pille oder Saft, intravenös oder per Zäpfchen. Die Gesundheit der Affen wird mit allem gemessen, was der medizinische Apparatepark hergibt. Laborwerte, Ultraschall, Röntgen. Auf dem Gang vor dem EKG Raum wartet eine Reihe Tierpfleger. Mit dicken Lederhandschuhen hält jeder einen Javaneraffen. Nur manchmal wehrt sich ein Affe gegen den Griff. Hier haben die Tiere keine Namen, nur auf die Brust tätowierte Nummern.

Hier ist der Raum, in dem bei den Affen der Herzrhythmus aufgezeichnet wird, das EKG. Die Pfleger haben ihn gerade hier hereingebracht, einen Javaneraffe. Der eine Pfleger hat ihn an beiden Oberarmen festgehalten, dann auf den Tisch mit der blauen Matte gelegt, der andere Pfleger greift dann nach den Beinen, er wird ausgesteckt. Die Elektroden werden dran geklipst, wie beim Menschen auch. Dr. Wolfgang Müller, was ist das für eine Belastung für den Affen, ich meine, er hat die Arme nach hinten gedreht, er wird dann auf der Matte festgedrückt. Was heißt das für den Affen?

"Für den Affen heißt das beim ersten Mal sicherlich auch ein gewisses Stressmaß. Auf der andren Seite wissen wir von den Tiere, dass die beim zweiten oder dritten Mal genau wissen, dass man danach belohnt wird. Dass man keinen Grund hat, ängstlich zu sein, und die Tiere lernen das sehr, sehr schnell. Und sie haben gerade wahrscheinlich gesehen, dass die Tiere äußerst ruhig dabei bleiben, das heißt, sie sind kooperativ, die sind darauf trainiert kooperativ zu sein, so dass wenn die Routinen dann laufen, in einer Toxikologiestudie, die Tiere wirklich mit minimalem Stress oder mit minimaler Belastung zum EKG heran gezogen werden und wir Werte gewinnen können."

Wie sieht das bei Blutabnahmen aus, das tut ja auch weh, so einem Tier?

"Auf der anderen Seite tut es dem Tier genauso weh wie mir eine Blutabnahme täte. Das ist sicherlich ein Punkt, auf den man achten muss, auf der anderen Seite ist es so, dass die Tiere auch da durch Belohnung dazu gebracht werden, kooperativ zu sein. Wenn wir so schauen, wie Affen bei einer Blutabnahme reagieren, dann ist das minimal bis gar nicht. Die Hauptbelastung bei einer ersten Blutabnahme ist für das Tier weniger die Blutabnahme selber als das Festgehalten werden und das wird trainiert, das wird belohnt, das heißt die Tiere gewöhnen sich daran, ganz einfach."

Routiniert lässt ein Affe nach dem anderen die Blutabnahme über sich ergehen. Die Nadel findet schnell und sicher eine Vene, sticht ein, ein Milliliter Blut wird abgenommen, schon ist die Untersuchung vorbei. Für heute. Kaum Gekreische, kaum Strampeln. Lässt die Aussicht auf Marshmellows die Affen kooperieren, oder haben sie sich in ihr Schicksal ergeben? Schwer zu sagen.

Wirklich umstritten ist der Einsatz der Laboraffen in der Arzneimittelentwicklung nicht. Ganz anders sieht es bei den Versuchen des Bremer Hirnforschers Andreas Kreiter aus. Kreiter will verstehen, wie höhere geistige Fähigkeiten funktionieren. Aufmerksamkeit etwa. Bei menschlichen Versuchspersonen lässt sich mit bildgebenden Verfahren nur der grobe Rahmen der Gehirnaktivität abstecken. Wie die Nervenzellen aber im Detail zusammenarbeiten, können nur Elektroden direkt im Gehirn belauschen. Keine Ethikkommission würde zustimmen, gesunden Probanden Elektroden zu implantieren. Für Affen gelten niedrigere moralische Standards. 24 Rhesusaffen leben zur Zeit in Bremen, in Käfigen voller Klettergelegenheiten und Spielzeug. Die Ausstattung ist besser als in so manchem Zoo, und: die Affen werden in Gruppen gehalten. Für Hanno Würbel ein wichtiger Punkt.

"Es ist ganz klar, Rhesusaffen sind soziale Tiere und die leben in Gruppenverbänden. Insofern sind eigentlich nur Haltungsbedingungen akzeptabel, wo die Tiere dauerhaft in stabilen sozialen Gruppen zusammenleben. Und das ist genau die Crux in vielen Versuchslabors oder unter Versuchsbedingungen, weil es oft schwer fällt über lange Zeiträume stabile soziale Bedingungen zu schaffen."

Sie tragen Namen wie Botox, Versace und Schnute. Es ist sofort klar, dass es keine Zooaffen sind. Jeder trägt auf dem Kopf einen großen Kunststoffblock, aus dem ein Metallbolzen ragt. In einer Operation wurde er fest mit dem Schädel verbunden. In einer zweiten OP hat Andreas Kreiter Öffnungen durch Kunststoff und Schädel gefräst, Zugänge zur Oberfläche des Gehirns, die mit Pfropfen verschlossen sind. Die im Dienst der Wissenschaft umgestalteten Affenköpfe wirken erschreckend. Die Tiere springen aber ungestört zwischen den Ästen umher, suchen im Streu nach Körnern, oder beobachten den ungewohnten Besuch. Sie verhalten sich so, wie ich das von Affen kenne. Und je mehr ich ihnen zusehen, desto weniger fällt mir der Aufbau auf ihrem Kopf auf. Die Affen selbst betrachten ihn inzwischen offenbar als Teil ihres Körpers. Das hat auch Andreas Kreiter verblüfft.

"Ja, das ist erstaunlicher Weise eben eigentlich überhaupt kein Stress. Wir haben am Anfang auch gedacht, dass die anfangen, daran rumzumachen oder so. Tatsächlich akzeptieren das die Artgenossen ohne große Probleme, sie gehen eigentlich gar nicht drauf ein. Es wird vollkommen ignoriert. Wir sehen gelegentlich mal in Gruppen, in denen noch überhaupt kein Tier mit Kappe drin ist, dass die anderen zunächst einmal annehmen, dass der Rang dieses Tieres gestiegen ist, wahrscheinlich einfach weil der Kopf dieses Tiere dicker wirkt, was ein Zeichen für ein ranghohes Männchen bei Makaken ist. Und deswegen steigt scheinbar der Rang für kurze Zeit an, aber nach wenigen Tagen haben die gemerkt, dass da nichts hinten dran ist und dann nimmt das Tier wieder seinen ganz normalen Rang ein. Ja du willst auch eine Rosine, das ist klar, das ist eine typische Auseinandersetzung: Er ist der Dominante und er möchte natürlich die Rosinen bekommen und der andere muss zunächst einmal weichen, genau."

Jetzt wird der Primatenstuhl reingeschoben, das ist ein Plexiglaskasten mit dem die Tiere hier auch im Labor hin und hergefahren werden können. Ohne dass sie mit ihren scharfen Zähnen die Pfleger verletzen können, der wird an den Käfig herangeschoben, dann wird das aufgemacht. Der Affe Botox, der springt eigentlich ganz schnell in diesen Primatenstuhl, er weiß, das ist seine Arbeit, das ist eben jeden Morgen dran. Wie bekommen Sie die Tiere denn dazu, wirklich so bereitwillig da mitzumachen?

"Das funktioniert über positive Belohnung. Wir müssen natürlich darauf achten, dass alle diese Abläufe in keiner Weise Angst machen, dass natürlich nicht mit Schmerzen oder irgendetwas negativem besetzt sind, dann würden die Tier einfach nicht kommen, und auf diese Art und Weise können wir ähnlich wie in einer guten Pferdedressur Teile des natürlichen Verhaltens zusammensetzen zu den Verhaltensleistungen, die wir dann systematisch beobachten wollen. Der ganze Vorgang dauert in der Größenordnung von einigen Wochen bis Monaten."

Mit dem Primatenstuhl geht es von den Käfigen über lange Flure ins Labor. Der Raum steht voller Bildschirme. Sie zeigen technische Daten, die Wellenlinien der Hirnaktivität, ein Bild aus dem Nebenraum. Der ist sozusagen Botox Arbeitsplatz. Wenn er eine Aufgabe gelöst hat, ertönt ein Klacken. Eine Pumpe hat ihm einen Tropfen Fruchtsaft durch ein Röhrchen zugeteilt. Es klackt regelmäßig, Botox ist fleißig, verdient sich zügig seine Belohnung. Dazu muss er im rechten Moment eine Taste drücken, die in den Primatenstuhl ragt. Botox kann die Hände bewegen, sich mit den Füßen kratzen, seinen Körper drehen. Sein Kopf aber ist fixiert; der Schädelbolzen fest mit der Versuchsapparatur verschraubt. Andreas Kreiter hat Botox dazu gebracht, beim Festschrauben still zu halten. Kreiter:

"Auch wieder durch langsame Gewöhnung. Indem man erst an einigen Tagen kurz diesen Bolzen festhält, so dass er schon ein Gefühl dafür hat, wie das ist, wenn der Kopf einen Moment nicht bewegt werden kann. Und dann dehnt man das zeitlich aus, bis man dann über das Experiment hin den Kopf ruhig legt. Auf diese Art und Weise gewöhnen sich die Tiere angstfrei an diese Situation."

Das sind aber manchmal zwei, drei Stunden, die die Tiere da mitarbeiten. Haben die denn eine Möglichkeit zu protestieren sozusagen, oder zwingen Sie sie in diese Kopfhalterung.

"Nein das wäre völlig ausgeschlossen, sie können so ein Tier unmöglich in so eine Kopfhalterung zwingen, der müsste nur ein klein bisschen seinen Kopf bewegen, dann würden sie nicht mehr in der Lage sein diese Halterung einzuführen. Man darf auch nicht unterschätzen, dass diese Tiere eine enorme Kraft haben. Also gegen den Willen eines Tieres würde es überhaupt nicht funktionieren, es würde auch überhaupt nichts bringen, denn es würde ja Angst induzieren. Ein ängstliches Tier würde diese hochkomplizierten Aufgaben nicht mehr machen und dann würden wir am Ende keinerlei wissenschaftliche Resultate erhalten, das wäre also auch ganz unsinnig."

Botox schaut auf einen Bildschirm, er konzentriert sich auf einen roten Punkt in der Mitte des Bildschirms, links und rechts sind zwei Formen, jetzt wird eine grün, diese Form muss er sich jetzt merken und jetzt verändern die beiden Formen ihre Gestalt. Während Botox hier seine Aufgabe macht, ist das natürlich das entscheidende, dass Andreas Kreiter sieht, was in seinem Gehirn passiert. Man kann das auf einem Bildschirm, Oszilloskop sehen, die Reaktion ganz vieler Nerven die hier über die Elektroden belauscht werde. Man kann auch mal den Ton anmachen, dann hört man die Geräusche. Merken Sie denn, wenn sich die Aufmerksamkeit in diesen Nervenzellen verändert?

"Ja das merkt man eigentlich sehr schön, denn es ist sehr deutlich, wenn auf dem Gegenstand, der diese Nervenzellen aktiviert, Aufmerksamkeit liegt, die Zellen in einen rhythmischen Takt übergehen, das ist dieses tiefe Brummen, was man hier im Hintergrund immer wieder phasenweise hören kann. Das sind genau die Momente, in denen das Tier seine Aufmerksamkeit auf diesen Reiz auf dem Bildschirm, den wir hier sehen, richtet und diesen Reiz analysiert, seine Form versucht wahrzunehmen und dann gegebenenfalls auf diese Form auch reagiert."

Das Gehirn organisiert seine Arbeit durch diesen Gleichtakt der Nervenzellen, die jeweils an einem gemeinsamen Thema arbeiten, zum Beispiel an dem was gerade die Aufmerksamkeit beansprucht. Ist das denn reine wissenschaftliche Neugier, die Sie dazu bringt, das zu untersuchen?

"Nein, da muss ich widersprechen. Der wesentliche Punkt ist sicherlich nicht, dass man wissenschaftliche Neugier befriedigen will, sondern der wesentliche Punkt ist, dass man Grundlagen für Therapieforschung beispielsweise legt. Es ist, glaube ich, völlig klar und völlig evident, dass ein Mechanismus, eine Körperfunktion, ein Organ, das man nicht verstanden hat, es in so einem Fall auch nicht möglich ist zu verstehen, wie Störungen zustande kommen. Und wenn man nicht verstanden hat, wie Störungen, wie Krankheiten zustande kommen, dann kann man natürlich auch nicht systematisch nach Therapieverfahren suchen."

Kein Affe setzt sich einfach so in einen Primatenstuhl und drückt konzentriert Knöpfchen. Er muss motiviert werden. Für Botox ist die Motivation Fruchtsaft. Der schmeckt, aber er würde ihn normalerweise nicht zur stundenlanger Mitarbeit bringen. Deshalb gibt es in den Käfigen am Institut für Hirnforschung nur am Wochenende Wasser, und auch dann nur in begrenztem Maße. Botox weiß ganz genau, seinen Durst kann er nur im Labor löschen.

"Das Tier ist eben nicht am Tag vorher mit Flüssigkeit versorgt worden, sondern es muss mehrere Tage vorher auf Flüssigkeit verzichten um das ganz deutlich zu sagen. Und es bedeutet, wenn er, der Affe, im Primatenstuhl sitzt, belohnt wird mit tröpfchenweise Apfelsaft, wenn du das richtige Knöpfchen drückst, dann bekommst du ein Tröpfchen Wasser, ein Tröpfchen!"

Tierschützer Wolfgang Apel

"Aber entschuldigen Sie mal, das müssen Sie sich mal klar gegenüberstellen. Wenn das mit einem Menschen geschehen würde, dann würde man von Folter sprechen, und das tue ich auch."

"Grundsätzlich ist es diesen Tieren durchaus möglich, sich anzupassen an Bedingungen, wo die zeitlich begrenzt vielleicht täglich drei Stunden Zugang zu Flüssigkeit haben. Wenn die Tiere an ein solches Prozedere gewöhnt werden, und das über längere Zeiträume so auch durchgehalten wird, dann ist es den Tieren möglich, sich anzupassen, sie können das einschätzen, können sich darauf einstellen."

Verhaltensforscher Hanno Würbel

"Weil es aber sehr kleine Flüssigkeitsmengen sind, kann das auch eine Frustration bedeuten für die Tiere, weil sie eben eigentlich mehr möchten. Durstfolter oder Folter durch Flüssigkeitsentzug, das klingt sehr dramatisch. Es ist ganz klar zu sagen, das ist für die Tiere eine Belastung, aber wenn wir das in Bezug setzen, zu anderen Belastungen, die im Rahmen von Tierversuchen auftreten, dann ist es ganz klar eine gering- bis mittelgradige Belastung."

Während ich im Labor bin, arbeitet Botox kontinuierlich mit. Mit jedem Klacken der Pumpe bekommt er einen Tropfen Saft. Nach und nach sinkt der Flüssigkeitsspiegel in der Flasche. Andreas Kreiter achtet sehr genau darauf, dass jeder Rhesusaffe am Ende des Tages ausreichend Flüssigkeit erhalten hat. Kreiter:

"Wer jemals einen durstigen Makaken gesehen hat, wüsste auch, dass das völlig kontraproduktiv für unsere Experimente wäre. Tiere, die richtig Durst haben, können sich nicht konzentrieren und sind zu solchen Leistungen gar nicht fähig. Tatsächlich ist es so, dass die Tiere einfach lernen, dass sie ihren täglichen Flüssigkeitsbedarf in dieser Form in diesem Experiment decken, und trinken, was sie am Tag brauchen, einfach in dieser Zeit."

Wenn jetzt hier ein Tierschützer hereinkäme und Botox in dem Stuhl sehen würde, der Kopf fixiert, diese seltsame Kappe an den Schädel fest zementiert, er würde sicher denken, das Tier leidet furchtbar. Sie sehen das anders, aber können sie das wenigstens nachvollziehen, diesen Blickwinkel?

"Ich kann verstehen, dass angesichts der vielen Falschinformationen und entstellenden Bilder, die in die Öffentlichkeit mit dem Ziel der Desinformation verbracht werden, Leute zu falschen Eindrucken kommen. Ich weiß aber andererseits, dass viele hundert Mitbürger, die inzwischen von mir in den letzten zehn Jahren durch die Labore und die Haltung geführt worden sind, ganz schnell zu einer ganz andren Einschätzung kommen und merken, dass das, was mit den Tieren hier passiert, sicherlich nicht zu schweren Leiden oder Schäden führt, sondern dass hier mit ganz großer Sorgfalt mit den Tieren umgegangen wird."

Obwohl die Affen den Schädelaufbau tragen, obwohl sie nur im Experiment zu trinken bekommen, wirkt ihr Verhalten erstaunlich normal. Sie scheinen mit den Belastungen als Versuchsobjekt zurechtzukommen. In Bremen leben sie oft viele Jahre im Labor, bevor sie am Ende eingeschläfert werden. Affen haben viel zum Verständnis des Gehirns beigetragen, Primatenversuche waren auch entscheidend für
Durchbrüche in der Medizin. Für den Impfstoff gegen die Kinderlähmung, die Chemotherapie gegen Krebs, Organtransplantationen, AIDS-Medikamente, den Hirnstimulator für Parkinsonpatienten.

"Auf der andren Seite muss man auch sehen, dass der Gesetzgeber verpflichtet ist, das Tierschutzgesetz in diesem Zusammenhang mit dem Staatsziel umzusetzen."

Tierschützer Wolfgang Apel.

"Man muss sich vielleicht auch daran gewöhnen, dass wir eine andere Einstellung zu den Dingen haben, dass die Bevölkerung auch eine andre ethische Sichtweise haben und das ist die Mehrheit der Bevölkerung und der sollte man sich nicht immer entgegensetzen und ich sage noch einmal: wenn man mir sagt, der Affe hat das Empfinden wie ein zweijähriges Kind, dann ist das eine Aussage, die man auch nicht vernachlässigen darf."

"Wir nutzen diese Tiere, das ist ohne Zweifel so, wir nutzen diese Tiere und das wird auch, glaube ich, nicht bestritten. Nur, wofür nutzen wir sie? Letztendlich zu unserem Wohl."

Primatenforscher Franz Josef Kaup

"Die Frage ist, wo ist die Grenze zwischen Mensch und Tier, und ich finde, sie ist relativ eindeutig zu beantworten. Die Menschen sind tatsächlich schon etwas Besonderes im Vergleich zu den Tieren. Das heißt nicht, der Mensch darf die Tiere nutzen, wie er will."

"Diese Diskriminierung der Tiere, die lässt sich biologisch nicht begründen, das heißt, es gibt kein Kriterium, das hierbei relevant wäre im Sinne von Schmerzfähigkeit, Leidensfähigkeit oder sonst etwas, was begründen würde, warum man den Menschen besser schützen muss als andere Tiere."

Versuchstierexperte Hanno Würbel

"Das ist einfach etwas, was wir als Gesellschaft für uns herausnehmen, dass wir Menschen und zwar alle Menschen schützen, in einem besonderen Maße schützen und besser schützen, als alle übrigen Tiere."

In den deutschen Primatenlabors habe ich Rhesusaffen, Paviane, Javaneraffen, Weißbüschelaffen gesehen. Sie werden gefangen gehalten, leiden an Medikamentennebenwirkungen, werden operiert, zur Kooperation genötigt, getötet. Die Wissenschaftler setzen sie nicht leichtfertig in Experimenten ein, suchen nach Alternativen. Dafür sprechen ethische Gründe, die Forderungen des Gesetzgebers und nicht zuletzt die Frage der Kosten - Primaten sind die mit Abstand teuersten Versuchstiere. Mir scheint, der Nutzen rechtfertigt diese Versuche. Doch das kann man mit guten Gründen auch anders sehen.


Hinweis: In den Kulturfragen finden Sie unter dem Thema Wissenschaftsfreiheit versus Tierrechte â€" zum Tier- und Menschenbild im 21. Jahrhundert den Kulturwissenschaftler Thomas Macho im Gespräch mit Michael Köhler.

Weitere Informationen zum Thema:

Berichte über den Streit um die Affenversuche von Andreas Kreiter:

04.12.08: Nida-Rümelin: Mensch und Tier bei Schmerzempfinden gleich behandeln

28.11.08: Das ist purer, blanker Machtmissbrauch

24.11.08: Wir brauchen auch Tierexperimente

26.10.08: Forschungsfreiheit kontra Tierschutz

21.09.07: Streit um Affenversuche

18.06.07: Tierexperimente auf dem Prüfstand


Beitragsreihe in "Forschung aktuell": Testen und Leben lassen

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk