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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKritischer Journalismus ist gefragt22.06.2017

Vertrauenskrise der MedienKritischer Journalismus ist gefragt

Journalisten sollten mehr Distanz zu den Mächtigen wahren, empfehlen Medienforscher. Denn die Mehrheit der Medienmacher sei ähnlich sozialisiert wie viele Politiker und Lobbyisten.

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann

Sie sehen bunte Mikrofone und im Hintergrund viele Journalisten. (picture-alliance / dpa / Daniel Karmann)
Das Vertrauen in Medienverteter ist strapaziert. Gerade deshalb ist kritischer Journalismus jedoch wichtig. (picture-alliance / dpa / Daniel Karmann)

Pegida-Demonstranten skandieren: "Lügenpresse. Lügenpresse, Lügenpresse"

"Der Anteil der Bevölkerung, der den Medien vertraut, ist eigentlich im Verhältnis zu anderen Institutionen und im Verhältnis zu anderen Ländern relativ hoch, insbesondere was Qualitätsmedien und öffentlich rechtlichen Rundfunk angeht. Aber für mich ist es ein ganz wichtiger Appell an diese Medien, dass sie darauf achten müssen, dass sie diesen Vertrauensvorschuss nicht verspielen."

Für sehr emotional hält die Hamburger Medienwissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw die Debatte um eine Vertrauenskrise der Medien, denn das Thema sei schwer zu greifen.

Je mehr Studien in den vergangenen zwei Jahren dazu erschienen sind, desto unübersichtlicher wird das Bild. Die Antworten der befragten Leser und User fallen sehr unterschiedlich und oft widersprüchlich aus.

Unterschiedliche Forschungsergebnisse

So äußerten im vergangenen Jahr bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS zwei Drittel der Befragten die Vermutung, Nachrichtenmedien in Deutschland seien gelenkt, von der Regierung, den Parteien oder Lobbyisten. Schon zuvor hatte infratest dimap ermittelt, 60 Prozent der Deutschen hätten kaum noch Vertrauen in Presse, Radio und TV, hielten aber weiter an den öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen als bevorzugter Informationsquelle fest.

Demgegenüber kamen Forscher der Uni Mainz zu Beginn dieses Jahres zu dem Schluss, das Vertrauen der Bürger in die Medien sei in den letzten Jahren insgesamt deutlich gestiegen. Allerdings gebe es eine Minderheit von immerhin einem Viertel, die der Berichterstattung eher nicht oder gar nicht glaubt.

"Wenn Medien sich eng am Eliten-Diskurs orientieren, was der nachrichtliche Kernbereich meines Erachtens in der Regel tut – also, die meisten Themen, die in der Tagesschau kommen, die haben irgendwie einen Eliten-Bezug, also hochrangige Leute, wichtige Leute, die sich streiten über irgendwas, – und so kann es passieren, dass sich viele normale Leute, die sich von der Politik nicht mehr vertreten fühlen, sich auch in den Medien nicht mehr vertreten fühlen."

Homogene Sozialisation von Journalisten

Für Uwe Krüger vom Studiengang Journalistik der Uni Leipzig sind Presseleute zusehends zu einem Teil jener Elite geworden, die sie doch nach ihrem eigenen Selbstverständnis kontrollieren sollten. Schließlich beschreiben sich Medienschaffende gern als vierte Gewalt im Staate.

Früher unterschieden sich Journalisten schon im Habitus für jeden Fernsehzuschauer deutlich sichtbar von Führungskräften. Wirtschaftskapitäne trugen Designer-Anzüge, Politiker korrekte Anzüge und Reporter gar keine Anzüge. Heute kommen die meisten in mehr oder weniger einheitlicher Business-Kleidung daher.

Uwe Krüger konstatiert eine wachsende soziale Homogenität. Arbeiter- und Migrantenkinder finden sich selten in Redaktionen. Die Mehrheit der Journalisten in den meinungsprägenden Medien komme wie die meisten Politiker und Lobbyisten aus dem deutschstämmigen Bildungsbürgertum. Das führe oft auch zu inhaltlicher Nähe.

"Wir haben zu viele Themen von oben und zu wenig Themen von unten und das ist ökonomisch induziert. Themen von oben sind vorgestanzt, sind von PR-Stellen vorformuliert. Von einer ganzen Industrie werden Themen erdacht und Sprachregelungen ausgeklügelt und dann gibt es eingeschliffene Denk-Muster und Sprech-Muster und eingeschliffene Themen-Zuschnitte und es ist sehr preiswert für Medien, das einfach zu reproduzieren. Wer die meisten Ressourcen hat, kann dann eben auch die Themenagenda besser setzen."

Vertrauen in die Medien wurde 2015 strapaziert

Seit die Hartz-Reformen in fast allen Medien als unausweichlich beschrieben worden seien, hätten viele einkommensschwächere Leser, aber auch solche aus der Mittelschicht, nicht mehr das Gefühl, ihre Lebenswirklichkeit spiegele sich in der Berichterstattung wider.

Dieses Unbehagen steigerte sich sowohl im Umfeld von AfD und Pegida als auch in Teilen des linken politischen Spektrums zum "Lügenpresse"-Vorwurf angesichts der Darstellung des Ukraine-Konflikts. Die erschien manchen Kritikern als westlich parteiisch, russische Positionen seien zu wenig erklärt worden.

Ganz besonders aber wurde das Vertrauen in die Medien im Sommer 2015 strapaziert, als binnen weniger Monate anderthalb Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Die Berichterstattung über diese Ereignisse hat der Medienforscher Michael Haller in einer Studie für die IG Metall-nahe Otto-Brenner-Stiftung untersucht, die in diesem Monat erscheint. 87 Tageszeitungen hat Haller ausgewertet sowie die reichweitenstärksten Nachrichtportale im Internet wie Tagesschau.de, spiegel-online oder Welt.de. Dabei sind ihm viele Fragen aufgefallen, die kritische Journalisten hätten stellen sollen, die im Sommer 2015 aber kaum thematisiert wurden.

"Was bedeutet es ganz konkret, wenn man aus einer bürgerkriegsbeschädigten Region diejenigen, die sich in diesem Bürgerkrieg gegenüber stehen, ... in das gleiche Flüchtlings-Camp packt? Nebeneinander, in einer Turnhalle, in der sich die Menschen kaum abgrenzen können voneinander? ... Oder: ... Was ist, wenn ein muslimischer Flüchtling mit seiner Frau kommt und sagt, ... ich hätte gerne meine zwei anderen Frauen auch hier, wie geht man damit um? Dritter Fall, die minderjährigen Ehefrauen."

Presse stand schon immer in der Kritik

Die Mehrheit der Medienmacher habe sich allzu bereitwillig von der allgemeinen Euphorie um die neue deutsche Willkommenskultur anstecken lassen, resümiert Michael Haller. Zu viele Journalisten wollten heutzutage zeigen, dass sie Teil eines weltoffenen, westlich-liberalen Deutschlands seien.

Dies leiste, so Michael Haller. einem gefühlten Konsens zwischen Entscheidern und Berichterstattern Vorschub, der einem Großteil des Publikums gefalle, bei einer Minderheit aber Misstrauen auslöse.

"Das ist etwas, was sich durch die ganze Mediengeschichte hindurch zieht, durch die Pressegeschichte. Man kennt die Diskussionen, in denen gesellschaftliche Organisationen oder Bewegungen immer wieder die Presse kritisiert haben, ihr vorgeworfen haben, die Realität zu verzerren, Lügen zu verbreiten."

Für Maria Löblich, Professorin für Mediengeschichte an der Freien Universität Berlin, sind Vertrauenskrisen wie die aktuelle keine Überraschung.

Schon in den 1860er Jahren etwa habe die Katholische Kirche gegen die damals neue Anzeigenpresse gewettert, weil ihre Botschaft darin kaum mehr vorkam. In den 1960er Jahren hätten Gewerkschaften beklagt, angesichts zunehmender Pressekonzentration und des Sterbens der traditionsreichen sozialdemokratischen Zeitungen werde kaum noch über die Lebenswirklichkeit von Arbeitern gesprochen.

Medienkritiker sind mit eigenen Angeboten erfolgreich

Heute sei die Medienlandschaft wieder in einem Umbruch und Gruppen aus dem rechten und dem linken politischen Spektrum fühlen sich vernachlässigt.

"Ich denke, das hat damit zu tun, dass sich die öffentlichen Sichtbarkeitschancen für gesellschaftliche Organisationen wie die Kirche, die Arbeiterbewegung, die Parteien mit jedem Medienwandel verändern. Und gesellschaftliche Organisationen dann mit Kommunikationsproblemen zu tun haben und überlegen müssen, wie sie Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit für sich gewährleisten."

Grundsätzlich haben sie zwei Möglichkeiten: Durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit können sie versuchen, Einfluss auf die führenden Medien zu nehmen. Wenn sie denen aber misstrauen, bleibt die Möglichkeit, selbst Publikationsorgane zu schaffen.

Kirche und Gewerkschaften hätten seinerzeit die zweite Option gewählt, doch die von ihnen gegründeten Zeitungen seien langfristig fast alle am Markt gescheitert. Heute, meint Maria Löblich, hätten medienkritische Gruppen bessere Chancen, mit eigenen Angeboten erfolgreich zu sein.

"Das passiert nicht mehr über Presse, das passiert im Internet, wo ja die Zugangsbarrieren sehr viel niedriger sind. Weil früher brauchte man immer Kapital, um eine Zeitung zu produzieren, insofern ist rein technisch gesehen der Zugang zu einer selbstproduzierten Öffentlichkeit viel einfacher geworden.

So entstehen auch ständig neue Internetseiten, Facebook-Accounts und Blogs von völlig unterschiedlicher Qualität, die tatsächliche oder vermeintliche Lücken im Medienangebot schließen.

Von der einen Einseitigkeit in die andere

Und die längst auf die traditionellen Medien zurückwirken. Zum Beispiel nach der Silvesternacht 2015, als junge Männer, die vermutlich aus Nordafrika stammten, sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen begingen.

"Plötzlich, im Januar 2016, nach der Silvesternacht, hat man dann in vielen Medien, nicht in allen natürlich, aber in vielen, sich dann auf die andere Seite gestellt. Jetzt wurde plötzlich ein kollektiver Verdacht, ein Generalverdacht gegen alle jungen Männer, die nicht aus Deutschland kommen, wurde da zwischen den Zeilen erhoben.

Journalisten in Deutschland neigten dazu, meint Michael Haller, von einer Einseitigkeit in die andere zu verfallen.

Er sagt das nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch auf Grund eigener Erfahrung. Bevor er Professor wurde, hatte er viele Jahre als Redakteur bei "Zeit" und "Spiegel" gearbeitet.

"Ich erinnere mich an einen typischen Spruch in einer Zeitungs-Redaktionskonferenz: Sind wir dafür oder sind wir dagegen? Also, man will immer auf einer Seite stehen und dann mit fliegenden Fahnen, wenn möglich."

Meinung hat wieder Konjunktur

Journalismus, der verstärkt auf Standpunkte und Meinungen setzt, hat gerade jetzt wieder Konjunktur. Das hat nicht zuletzt mit dem Internet zu tun, das nicht nur neue Formen des Publizierens, sondern auch der Mediennutzung ermöglicht.

Die werden zunehmend indirekt, stellt Katharina Kleinen-von Königslöw fest, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.

"Von indirekter Mediennutzung sprechen wir dann, wenn die Leute nicht mehr direkt Webseiten von Nachrichtenmedien ansteuern, sondern dahin geleitet werden, entweder über Suchmaschinen oder über soziale Netzwerke. Das verändert einerseits das Informationsangebot, auf das sie zugreifen können, andererseits verändert das auch die Rezeptions-Situation."

User können sich ganz individuell ein "Newsfeed" zusammenstellen. Das ist ein Stream, in den Nachrichten etablierter Medien ebenso einfließen wie Neuigkeiten aus ausgewählten Blogs oder Meldungen jeglicher Herkunft.

"Wenn man eine Webseite direkt ansteuert, da orientiert man sich immer noch ein bisschen daran, welche Themen haben die Journalisten ausgewählt, und lässt sich leiten. Von der Struktur der Startseite, da sieht man gleich, das ist das wichtigste Thema des Tages, das schaut man sich an. Wenn man über die sozialen Netzwerke zugreift, dann ist das losgelöst was die Journalisten für wichtig empfunden haben. Sondern es orientiert sich daran, was einem Freunde empfohlen haben oder was man bisher für Themen schon mal "geliked" hat und entsprechend werden einem dann Artikel angezeigt von unterschiedlichsten Medien.

Traditionelle Medienhäuser passen sich an

Damit entfällt die traditionelle Rolle der Medien, aus der Flut der täglichen Nachrichten jene Meldungen herauszufiltern, die für das Publikum wichtig sein könnten.

"In den sozialen Netzwerken bekommt man Informationen von einer ganz großen Bandbreite von Quellen angezeigt, die alle sehr, sehr ähnlich aussehen und für uns als Laien gar nicht so schnell einzuordnen sind. Ist das eine journalistische Quelle oder ist das irgendjemand, der zu Hause sitzt und einen Hass auf die Welt hat und deswegen Blog-Beiträge schreibt. Das ist auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden."

Für die Nutzer erscheint eine Nachricht so bedeutsam und glaubwürdig wie die andere. Selbst die Studierenden von Katharina Kleinen-von Königslöw erzählen freimütig, dass sie auch Meldungen aus Quellen konsumieren, die sie gar nicht kennen. Und sie haben nicht einmal das Bedürfnis, deren Ursprüngen nachzugehen, obwohl sie als Medienwissenschaftler dazu ausgebildet werden.

Aber die traditionellen Medienhäuser tragen auch selbst dazu bei, dass sie in den Newsfeeds kaum noch unterscheidbar sind. Indem sie nämlich oft ihre Artikel mit emotionalisierenden Bildern und Überschriften versehen, bevor sie sie in den sozialen Netzwerken anbieten. Davon versprechen sie sich hohe Klickzahlen.

"Der heutige Journalismus ist sehr stark getrieben von Beschleunigung und Kommerzialisierung. Es geht ganz viel darum, schnell zu sein, anschlussfähig zu sein, steile Thesen zu haben und einfache Geschichten zu erzählen, wo es einen Guten und eine Bösen gibt."

Nachrichten werden emotionaler

Viele User wollen allerdings auch gar keine Nachrichten, die der Meinung widersprechen könnten, die sie ohnehin schon haben. Das ist nicht neu, sagt Uwe Krüger. Auch früher haben sich die meisten Leute ihre Tageszeitung nach der politischen Richtung ausgesucht. Wer die Frankfurter Allgemeine abonnierte, griff selten auch zur Frankfurter Rundschau.

Im Netz kommt aber hinzu, dass User nicht nur Empfänger sind, sondern auch zur Verbreitung von Nachrichten beitragen. Man profiliert sich vor Freunden und Followern, je nachdem, welche Meldung man mit einem Like versieht und weiter verschickt. Nachrichten mit klarer emotionaler Botschaft sind dafür besser geeignet als komplexe, aufwändig recherchierte Texte. Obwohl es die natürlich auch weiterhin gibt.

"Im Recherche-Bereich gibt es, glaube ich, zwei Entwicklungen: einmal eine Professionalisierung in der Spitze, dass es also internationale Recherche-Netzwerke gibt, die wahnsinnig viele Daten aufarbeiten und riesige Enthüllungen machen wie Panama-Papers. Und ich glaube aber, dass es in der Fläche und in der Masse prekärer wird, mit der Zeit für Recherche und mit dem Personal für Recherche. Und dass es stattdessen eine stärkere Orientierung gibt an den Kollegen und man sich davon beeinflussen lässt und denen hinterher hechelt."

Dabei sind Leser und User heute mindestens so sehr auf solide journalistische Recherchen angewiesen wie früher, betont Maria Löblich.

"Am Ende läuft es aber trotzdem darauf hinaus, ob diese selbstproduzierten und verbreiteten Kommunikationsangebote in die klassischen Massenmedien hineinfinden. Nach wie vor sind ja die klassischen Massenmedien diejenigen, die die gesellschaftliche Debatte strukturieren, die Themen auswählen, Deutungen anbieten."

Ende der Medienkrise?

Umso größer bleibe die Verantwortung der traditionellen Medien, betont Michael Haller. Er meint, Journalisten sollten wieder an handwerkliche Traditionen anknüpfen, die in den 60er und 70er Jahren deutlich ausgeprägter gewesen seien, als der Berufsstand erheblich mehr Distanz zu den politisch und wirtschaftlich Mächtigen wahrte.

"In den USA hat dann allerdings die Erkenntnis rund um den Einmarsch in den Irak unter der Bush-Regierung 2003, wenn ich es mal salopp sagen darf, eine Art Hallo-Wach-Erlebnis ausgelöst. Auf Grund der bitteren Erfahrung, dass man quasi der Propaganda der Bush-Regierung auf den Leim ging, ist man heute auf Distanz gegangen, wenn man einen Trump als Präsidenten der Vereinigten Staaten hat, ist es ja ganz offensichtlich, dass man da nun eine kritische, eher konfrontative Position einnimmt."

Mit ihrer regierungskritischen Berichterstattung hat etwa die New York Times allein im ersten Quartal 2017 über 300.000 neue Abonnenten für ihre Digital- und Print- Ausgaben gewonnen. Ob diese Erfolgsmeldung schon ein Indiz für das Ende der Medienkrise in den USA ist, bleibt abzuwarten.

Aber sie zeigt, dass Medien mit kritischem Journalismus das Vertrauen des Publikums zurück gewinnen können.

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