Kommentar /

Verurteilung oder Begnadigung

Prozessauftakt zur Vatileaks-Affäre

Von Thomas Migge, Freier Journalist

Papst Benedikt betet den Kreuzweg: Der Prozessauftakt zum Vatileaks-Skandal
Papst Benedikt betet den Kreuzweg: Der Prozessauftakt zum Vatileaks-Skandal (picture alliance / dpa / Fabio Frustaci)

Auch Queen Elizabeth II. wurde von einem Kammerdiener vor einigen Jahren bestohlen und der Fall sorgte für viel Wirbel. Auch dieser Diebstahl war ein Skandal, doch im Fall eines Papstes liegen die Dinge anders.

Für einen gläubigen und praktizierenden Katholiken ist der Papst nicht irgendein Dienstherr, sondern der Heiligen Vater, der Stellvertreter Gottes auf Erden. Das ist etwas grundlegend anderes, als Privatdiener einer britischen Königin zu sein. Der sollte sicherlich auch an die Monarchie glauben, aber der Glaube an den Heiligen Vater ist schon etwas anderes.

Bei dem ebenfalls vor Gericht stehenden vatikanischen Informatiker liegen die Dinge anders. Ganz generell muss das gesamte vatikanische Personal einen moralisch-katholisch-einwandfreien Lebenswandel nachweisen, aber ein Informatiker steht nicht in persönlichen Diensten des Papstes. Geht es in diesem Prozess wirklich nur um einen diebischen Kammerdiener und einen ebenso untreuen Computerspezialisten? Daran glaubt niemand. Auch nicht im Vatikan.

Warum sollte eine Person, die innerhalb der vatikanischen Hierarchie die beneidenswerte Position des päpstlichen Kammerdieners einnimmt, der also direkten Zugang zum Papst hat und sich in allen Dingen direkt an ihn wenden kann, dieses große Privileg aufs Spiel setzen? Allein für schnöden Mammon? Sicherlich nicht. Deshalb ist nicht ausgeschlossen, dass der Ex-Kammerdiener unter Druck gesetzt wurde. Von wem, ist unklar – und wird wahrscheinlich unklar bleiben.

Im Kirchenstaat heißt es, dass Mitglieder der Kurie Paolo Gabriele erpresst haben könnten, um an Dokumente zu gelangen, die ein schlechtes Licht auf Tarcisio Bertone werfen. Der ist Staatssekretär und somit die Nummer zwei nach dem Papst im Vatikan.

Bertone wird ein immer größerer Machtanspruch, das aggressive Wegbeißen von Kritikern, und der Umstand vorgeworfen, das er an der Transparenz der Arbeit vatikanischer Behörden, auch der Bank IOR, nicht interessiert sei. Ein Verhalten, das bei vielen Mitgliedern der römischen Kurie immer mehr Unbehagen auslöst. Und so ist unter Vatikankennern von einer möglichen Verschwörung gegen Bertone die Rede.

Indizien für dieses Verschwörungsszenarium gibt es – aber nur wenige. Interessant ist auf jeden Fall der Umstand, dass der Heilige Stuhl diesen Prozess nicht der italienischen Justiz übergab. Wie das in der Regel, und ein Konkordat regelt das, der Fall ist. Sogar der Papstattentäter Ali Agca wurde den italienischen Behörden übergeben. Nur, wenn es besonders heikel wird und das Ansehen des Kirchenstaates auf dem Spiel steht, wird im Vatikan ein Verfahren eröffnet.

Wie zuletzt 1998, als ein Schweizer Gardist den Kommandanten des päpstlichen Heeres und dessen Frau und dann sich selbst umlegte. Umgehend verkündete der Vatikan, dass der Gardist durchgedreht sei. Die italienischen Behörden blieben strickt außen vor. Das sorgte natürlich für Gerüchte. Ähnlich sieht es im jetzigen Prozess aus.

Auch wenn der Vatikan ständig darauf hinweist, dass es sich um einen vatikaninternen kriminellen Akt handelt, wird man den Eindruck nicht los, als ob da etwas unter den Teppich gekehrt werden soll. Der Kammerdiener und der Informatiker werden sicherlich verurteilt werden. Wahrscheinlich ist aber, dass der Papst am Ende des Prozesses die Verurteilten begnadigen wird. Eine Begnadigung, die aller Welt zeigen soll, dass man verzeihen kann und an die Kraft der Reue glaubt. Eine Reue, die aber an präzise Auflagen gebunden sein wird: an totales Schweigen.

Wie schon in anderen Fällen von kriminellen, aufmüpfigen, rebellischen oder sonst wie innerhalb der Kirche besonders negativ auffällig gewordenen Personen werden sie zunächst an den Pranger gestellt, dann wird ihnen verziehen und sie müssen schweigen, für immer und ewig.

Woran sich aber die betroffenen Personen nicht immer halten. Wie zum Beispiel im international für großes Aufsehen sorgenden Fall des afrikanischen Erzbischofs Emmanuel Milingo. Der in Rom lebende Geistliche und selbsternannte Exorzist predigte Ende der 90er-Jahre die Priesterehe und heiratete 2001 zum Entsetzen des Vatikans eine Frau nach dem Ritus der Vereinigungskirche des Sektenführers Moon. Anschließend bereute Milingo diesen Schritt und kehrte in seine Kirche zurück. Doch wurde ihm aufgetragen, zukünftig zurückgezogen zu leben und keine Interviews zu geben. Doch Milingo ließ sich erneut mit einer Frau ein.

Die Kirche reagierte prompt: Sie exkommunizierte den Erzbischof und setzte ihn in den Laienstand zurück.

Weitere Beiträge zum Thema:
Prozessauftakt im Vatikan - Früherer Kammerdiener des Papstes angeklagt
Vatileaks und die Folgen - über die Hintergründe der Vatikan-Affäre
Im Namen des Papstes - der Vatikan kennt keine unabhängige Justiz



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Vatileaks und die Folgen
Im Namen des Papstes

 

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