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StartseiteForschung aktuellVerwinkelte Familienbande09.08.2007

Verwinkelte Familienbande

Fossilienfunde erhellen den komplexen Weg der Menschwerdung

<strong>Anthropologie. - In Kenia wurden im Jahr 2000 zwei neue Fossilien gefunden, die – so eine Pressemitteilung – "unsere Sicht der Evolution des Menschen” verändern werden. Die Funde könnten die Vorstellung einer geradlinigen Entwicklung des Menschen von Stufe zu Stufe korrigieren.</strong>

Von Dagmar Röhrlich

Neue Funde der Leakys (re. Meave Leaky) sorgen für Diskussionen in der Fachwelt. (nature.com)
Neue Funde der Leakys (re. Meave Leaky) sorgen für Diskussionen in der Fachwelt. (nature.com)

Der Weg vom Affen zum modernen Menschen war lang – und zunächst war die Entwicklung auch sehr verwickelt mit vielen Seitenlinien, die im Nichts endeten. Aber als dann unsere eigene Gattung entstand, die Gattung Homo, soll Schluss gewesen sein mit dem Durcheinander. Brav lösten sich die Formen ab: Auf den noch urtümlichen – aber mit seinen Händen schon geschickten – Homo habilis folgte der uns körperlich recht ähnliche – aufgerichtete – Homo erectus, und dann kamen wir, der weise Homo sapiens.

"Die Lehrmeinung besagt, dass Homo habilis vor etwa zwei Millionen Jahren entstand. Aus ihm soll sich ganz allmählich Homo erectus entwickelt haben. Zwischen beiden Arten bestünde also eine Art Mutter-Tochter-Beziehung."

Gegen diese Sicht sprächen nun zwei im Jahr 2000 entdeckte Fossilien, erklärt Fred Spoor vom University College in London. Es geht um einen hervorragend erhaltenen Schädel eines Homo erectus und um einen recht unansehnlichen Kieferknochen eines Homo habilis. Beide Stücke konnten mit Hilfe der Bodenschichten datiert werden, in denen sie steckten. Danach lebte der Homo erectus vor mehr als 1,5 Millionen Jahren und der Homo habilis vor rund 1,4 Millionen Jahren. Damit ist er der jüngste je gefundene Homo habilis:

"Daraufhin prüften wir alle Daten, wann Homo habilis und Homo erectus hier gelebt haben. Wir stellten fest, dass beide Arten vor knapp zwei Millionen Jahren entstanden sind und sich mehr als eine halbe Million Jahre lang den Lebensraum geteilt haben. Damit erscheint es als unwahrscheinlich, dass Homo erectus von Homo habilis abstammt. Vielmehr haben beide wohl eher einen gemeinsamen Ahnen, den wir leider nicht kennen."

Somit wirbelten die beiden Fundstücke den Stammbaum durcheinander, so Spoor. Aber nicht nur das: Der Homo-erectus-Schädel ist untypisch klein, der kleinste, den die Forschung kennt:

"Bislang galten die Größenunterschiede zwischen Homo habilis und Homo erectus als klares Unterscheidungsmerkmal zwischen beiden Arten. Homo erectus war größer als sein vermeintlicher Vorgänger Homo habilis. Das gilt mit diesem Fund nicht mehr."

Weil der jetzt gefundene Homo-erectus-Schädel so gar nicht ins Bild passt, überprüften die Forscher andere Fragmente aus den Sammlungen. Das Ergebnis war überraschend:

"Bei den modernen Menschen sind Männer kaum größer als Frauen, während bei unseren frühen Ahnen wie den Australopithecinen die Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern sehr ausgeprägt waren. Bislang glaubten wir, dass diese Unterschiede bei Homo erectus verwischten und er dem modernen Menschen schon sehr ähnelte."

Nun sieht es für Spoor und seine Kollegen so aus, als wären die geschlechtsbedingten Größenunterschiede auch bei Homo erectus noch so ausgeprägt gewesen wie heute bei den Gorillas – also mit deutlich größeren Männchen als Weibchen. Das wiederum zieht eine weitere Schlussfolgerung nach sich:

"Wir rekonstruieren daraus, dass die Homo-erectus-Gesellschaft eher der der Gorillas glich mit einem dominanten Männchen an der Spitze, das einen Harem besitzt. Unsere Gesellschaftsstrukturen hätten sich danach erst mit Neandertaler und modernen Menschen entwickelt. Die primitive Situation dauerte länger als gedacht."

Dazu Grit Kienzlen im Gespräch mit Michael Stang

Grit Kienzlen: Dagmar Röhrlich erreichte Fred Spoor in Kenia. Spoor ist einer der wenigen Forscher, die gemeinsam mit den Leakeys graben dürfen. Die Leakeys sind eine Dynastie von Anthropologen, die schon seit den 60er Jahren in Kenia arbeitet. Richard Leakey, Sohn von Louis und Mary Leakey, war zeitweise sogar Parlamentarier in Kenia. Seine Frau Meave und Tochter Louise sind heute Mitautoren der Nature-Publikation. Die Interpretationen dieser Forscher-Familie haben Gewicht. Dennoch teilen nicht alle Anthropologen ihre Meinung. Mein Kollege Michael Stang, jetzt bei mir im Studio, hat sich in der Wissenschaftlergemeinde umgehört. Herr Stang, was sagen denn die Kollegen der Leakys, interpretieren sie die Funde denn auch so?

Michael Stang: Also generell ist der Tenor eigentlich das genaue Gegenteil: sie sagen, es ist keine große Überraschung, da es auch schon vorher Funde gab, die eine Koexistenz von Homo habilis und Homo erectus angedeutet haben, nur halt nicht über eine so lange Zeit von 500.000 Jahren. Von daher ist es keine Überraschung. Tim White aus Berkeley gesagt zum Beispiel, er glaubt noch nicht so ganz, dass es bei diesem Oberkiefer-Fragment, bei dem nur sechs Zähne erhalten sind und es stark fragmentiert ist, sich tatsächlich um einen Homo habilis handelt. In die gleiche Kerbe haut seinen Kollege Ian Tattersall aus New York, der auch zweifelt, dass es bei diesem Homo erectus-Fund - dieses Schädeldach - wirklich genau um die Form handelt, die die Autoren jetzt beschreiben. Chris Stringer aus London formuliert es etwas vorsichtiger: er sagt zwar auch, es sei keine Überraschung, aber es sei halt der Beleg, dass die Geschichte der Menschheit sehr komplex sei und nicht diese einfache Mutter-Tochter-Beziehung, dass Homo erectus aus Homo habilis hervorgegangen sei und Homo habilis danach nicht mehr lebte. Das sei jetzt ausgeschlossen. Es bedeutet jedoch nicht, dass Homo habilis generell als Vorfahr von Homo erectus ausgeschieden ist. Es scheint also alles etwas komplizierter zu sein als bislang angenommen. Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sagt es auch so, dass Homo erectus und habilis - diese Abstammungslinie gibt es immer noch, aber Homo habilis hat einfach weitergelebt, von daher diese Koexistenz, die eigentlich die meisten nicht verwundert.

Kienzlen: Noch einmal, was ist der Unterschied? Die Leakeys und Fred Spoor sagen, habilis und erectus hatten einen gemeinsamen Vorfahr, und die anderen Forscher sehen es alle anders, sie sagen, es sei weiterhin eigentlich so, dass habilis zuerst da war, aber beide lebten trotzdem parallel?

Stang: Genau. Es gibt diese Unterscheidung zwischen dem gemeinsamen Vorfahr und der frühen Abzweigung. Die Autoren der jetzigen Studie sagen, dass die Geschichte, dass aus dem habilis der erectus entstanden ist und der habilis damit gestorben ist, die kann einfach nicht mehr stimmen, weil es zeitgleiche Funde von erectus und habilis gibt. Die anderen Experten sagen, dieses Abstammungsverhältnis gibt es immer noch, aber habilis hat nach der Abspaltung von erectus immer noch weiter existiert und deswegen gab es dieses zeitgleiche Leben über diese lange Zeit in gleichen Gebieten und deswegen verwundert das eigentlich nicht weiter.

Kienzlen: Wenn jetzt so wenige Experten verwundert sind, wie kann es trotzdem sein, dass diese Arbeit so groß publiziert wurde in dem Fachmagazin Nature?

Stang: Der Hauptgrund ist ganz einfach, es gibt nur sehr wenige gut erhaltene Fossilien aus dieser Zeit, die Licht auf die Geschichte unserer Menschheit werfen und in diesem großen Puzzle alles ein bisschen zurecht rücken und diese Geschichte etwas klarer machen. Deshalb ist es immer eine Sensation, wenn ein Schädel gefunden wird. Alle freuen sich auch darüber, dass es solche Fossilien gibt, die auch so groß international publiziert werden.

Kienzlen: Wie verändert denn nun dieser Fund unsere Vorstellung von der Menschwerdung?

Stang: Der große Unterschied, oder das, was wirklich neu ist, ist, dass es einfach diese gradlinige Entwicklung, die in vielen Lehrbüchern noch beschrieben wurde - habilis, erectus, sapiens - das kann es einfach nicht sein, sondern dass zu mehreren Zeiten, über Millionen von Jahren verschiedene Menschenformen einfach zeitgleich gelebt haben. Das ist heute vorstellbar, heute gibt es nur noch eine einzige Menschenart, das ist der moderne Homo sapiens und die Vorstellung, dass es wesentlich komplexer war, dass es Vermischung eventuell zwischen den beiden gab, einfach dieses temporäre gemeinsame Leben zur gleichen Zeit am gleichen Ort, das zeigt die neue Studie, dass es das halt einfach gegeben hat. Was den Autoren jetzt groß angekreidet wird, ist, dass viele Experten sagen: wenn man den Artbegriff und die Meinung, wie die Form von Homo habilis ausgesehen hat, wenn Ihr das so eng fasst, und dann gibt es einen Fund, der ein bisschen anders aussieht, dann müsst Ihr Euch nicht wundern, wenn der Stammbaum doch anfängt, zu wackeln. Es ist einfach nur ein Zeichen von dieser unglaublichen Vielfalt, die es einfach damals gegeben hat.

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