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StartseiteBüchermarktVerzweifelt17.11.2004

Verzweifelt

Dorothea Dieckmann: "Guantánamo"

<em> Die erstickende Hitze, die Dämpfe des Desinfektionsmittels, mit dem sie die Toilettenzelle nach jeder Benutzung aussprühen, und der Schwindel bei der Entleerung machen ihn fast ohnmächtig. Trotzdem läßt er sich lieber in den bis auf die Türluke geschlossenen Raum bringen, weil er dort die Scheiße zurücklassen kann. Er will sie nicht bei sich behalten. Er will nicht mir ihr allein bleiben. Was aus seinem Innern kommt, ist nicht von ihm. Es riecht nach einer Krankheit. Es riecht nach Angst. </em>

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Dorothea Dieckmann: "Guantánamo" (btb)
Dorothea Dieckmann: "Guantánamo" (btb)

Angst, grenzenlose Angst, ist das dominierende Gefühl, das der Gefangene Rashid im Lager Guantánamo empfindet. Bewältigen läßt sich die Angst nur durch die Ausblendung totaler Trostlosigkeit und Unmenschlichkeit und durch den Versuch zu vergessen. Aber das ist kaum zu schaffen:

Die dauernde Übelkeit, Atemnot und Schwindel, das Schwitzen, Jucken und Herzklopfen, alles stört ihn beim Vergessen. Spätestens der Hunger holt ihn zurück. Nein, kein Hunger, nur eine fade Lust auf den faden Fraß, ein vages, stumpfes Gefühl im Gehirn und auf der Zunge.

Dorothea Dieckmann stellt ihren Roman Guantánamo unter ein Motto von Franz Kafka - in dem das Gefühl des Versunkenseins in die Nacht beschrieben und die Notwendigkeit, dass einer da ist, der wacht, benannt wird. Und sie fügt dem eine Vorbemerkung hinzu, in der sie ihr Vorgehen, von außen ins Innere der Gefangenen und deren Leben in völliger Dunkelheit, zu rechtfertigen versucht:

Ins Innere kann nur die Vorstellung schauen, und das einzige zugängliche Innere ist das eigene. Die Geschichte, die ich erzähle, handelt von der Gefangenschaft. Diese Freiheit nimmt sich meine Phantasie, und es ist ihr eine Hilfe, dabei an die Wirklichkeit gebunden zu sein.

Der erste Eindruck, den man schon bei der bloßen Ankündigung eines Romans unter dem Titel Guantánamo hat, ist geprägt von Skepsis, ja, dem Gefühl, dass die Frage nur darin bestehen kann, auf welchem Niveau der Autor, in diesem Fall die 1957 geborene Schriftstellerin Dorothea Dieckmann, scheitert. Hat denn ein Roman auch nur die geringste Chance, ein Drama von derartigen Ausmaßen, wie es das Gefangenenlager auf dem kubanischen Stützpunkt darstellt, ohne jede Zeugenschaft erzählerisch zu erfassen?

Kann denn ein Dichter anstelle der Holocaust-Zeugen Primo Levi, Liana Millu, Jorge Semprun, Andrzej Szczypiorski oder Elie Wiesel erzählen, was das Lager aus den Menschen macht, wie sie sich Ersatzwelten in einer unaushaltbaren Realität erschaffen und darin zu überleben hoffen? Und in der Tat: Dieckmanns Roman ist nicht weniger als der Versuch, eine existentielle Grenzerfahrung dieses Ausmaßes in der Gegenwart und wiederum inmitten der sogenannten Zivilisation zu beschreiben; die Erfahrung des Barbarischen in den Tiefen der Gefühle und des Leidens auszuloten.

Das Lager sei Dunkelheit, Leere, ja, noch weniger, hatte Szczypiorski von Hitlers Konzentrationslagern und Stalins Gulag gesagt, und Elie Wiesel bemerkte, dass sie sich nicht vorstellen konnten, was sie in Zukunft mit ihrem Leben anfangen sollten, in solcher Nähe zur Gegenwart des Todes. Genau dieses Gefühl will uns Dorothea Dieckmann ohne jede Beschwichtigung, in einem Ton nahezu unaushaltbarer Dichte, Schärfe und Atemlosigkeit vorführen, man könnte auch sagen: einhämmern.

Der rotgesichtige MP steht vor ihm, packt ihn am Hemd und drückt sein Kinn hoch, der andere stülpt ihm von hinten die Brille über den Kopf. Im Dunkeln knickt Rashid zusammen, dann kommen die Ohrschützer, er rutscht, hört sich schreien, läßt sich hängen, eine Hand klatscht auf seinen Mund und drückt den Schrei in den Rachen, die Arme werden hochgerissen, die Handschellen graben sich in die Haut, er steht senkrecht, sie ziehen, sie schleppen, ab und zu tritt ihm ein Stiefel gegen die Ferse, die Wade ...

Man fühlt, wie es sich anhört, wenn der Gefangene "im Schädel feststeckt" und "die Stille lärmt"; wenn es dumpf im Kopf klopft, nichts abfließt, alles in einem "brodelnden Stau" fest hängt; der ganze Mensch "betäubt, gelähmt, und ... blind" ist.

Der Gefangene lernt, wenn er überleben will, unter den abwegigsten und anormalsten Bedingungen, eine Form der Normalität zu entwickeln, sich einzurichten und sich eine wenn auch noch so minimalistische Lebenswelt zu schaffen. Auch der kargste Käfig erweist sich nach einer gewissen Zeit als Gestaltungsraum mit unterschiedlich extremen Einschränkungen. So erlaubt zum Beispiel nur die Südostecke des Käfigs dem Insassen, wie Rashid erkennt, die Beine im Sitzen auszustrecken. Das ist eine äußerliche Begrenzung, mit der man lernen kann umzugehen. Die größere Tortur spielt sich im Inneren ab.

Erinnerungen sind gefährlich. Sie bringen die Zeit in den Käfig, und dafür ist der Käfig zu klein.

Rashid lernt, Zeit damit zu verbringen, gegen die Zeit zu arbeiten. Weder im Inneren - in seinen Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen - noch im Äußeren der Bewegungen und des damit verbundenen Schwitzens darf er zu viel Energie verbrauchen.

Sein Leben wird zur Einübung in den Stillstand, zur bewussten Lähmung des Kopfes, des Körpers und der Seele. Wie anders sollte er verkraften, was er sieht: dass der Eimer für das Wasser und der Eimer für die Exkremente täglich ihre Funktion ändern können und dass jegliche Intimität und Individualität systematisch zerstört werden.

Zu dritt zu den Toilettenhäuschen, zum Hof, zur Dusche. Immer eingekeilt, immer der umständlichen, brutalen Zärtlichkeit der Leibwächter anvertraut ... Sie bellen wie kurz angebundene Hunde in ihrer klobigen Gaumensprache ... Sie sind Maschinen, die funktionieren, wenn sie rot sehen, grob, hart, zielgerichtet, bereit zu töten, wenn sie töten müssen. Sie wissen, was die Körper, die sie versorgen müssen, zum Überleben brauchen. Genauso zuverlässig beherrschen sie die Mittel, sie zu brechen, zu unterwerfen, zu demütigen.

Muss da nicht Allahs Wort und die Chimäre eines Kollektivs wie ein Heilsversprechen erscheinen und das Lagerleben in die Wolke einer fernen Erlösung einhüllen? Trance und Terror. Terror im Namen der radikal-islamistischen Ideologie, und Terror und Folter unter dem Deckmantel der von der Bush-Administration verkündeten zivilisatorischen Mission.

Rashid lebte in Hamburg, reiste nach dem Afghanistan-Krieg nach Indien und Pakistan, wo er in eine antiamerikanische Demonstration geriet. Der Roman setzt sofort ein mit der Beschreibung der verzweifelten Lage Rashids nach seiner Festnahme, zuerst im Gefängnis, dann im Laderaum eines Flugzeuges nach Guantánamo und schließlich in einem Drahtkäfig, gefesselt und jeder Menschlichkeit beraubt. Fortan durchkreuzen die verschiedenen Erinnerungsebenen seine Übungen im Vergessen und im raum- und zeitlosen Stillstand, im Durchkreuzen des Albtraums dessen, was mit ihm geschehen ist. Panisch versucht er die Erfindung einer anderen Vergangenheit voranzutreiben. Er nennt dies auch das Begehen einer "Lügenstrecke": wie alles hätte anders kommen können.

Aber nicht nur er ist damit beschäftigt, eine andere Spur zu legen und eine virtuelle Ebene in seinem Lebensweg einzurichten. Auch die, die ihn gefangen halten, versuchen seine Geschichte neu zu schreiben. Sie entreißen ihm sein Drehbuch des Lebens und setzen an die Stelle des "Ich, Rashid": "Der islamische Terrorist Rashid". Sie berauben ihn seiner Person. Das Verhör tritt an die Stelle des Gesprächs. Alles ist darauf angelegt, seine Lügen aufzudecken und ihn als Täter zu überführen. Aus dem Mund seiner Bewacher und Richter hört er vertraute Wörter (z.B. "Die Straße von Peshawar nach Jalalabad ist der Nachschubweg für die Taliban, sie führt direkt nach Tora-Bora ..."), Wörter, die aber etwas Comichaftes im Mund der Gefängniswärter bekommen, die damit überhaupt keine Erfahrung und schon gar nicht Geschichte oder Kultur verbinden, sondern nur angelernte Versatzstücke eines sogenannten Antiterrorkrieges.

Ich habe keine arabischen Freunde in Hamburg, auch keine pakistanischen, auch keine afghanischen, ich kenne keine Studenten, ja, ich bin zwanzig, aber ich studiere nicht, ich arbeite im Laden meines Vaters, ja, er ist ein Moslem. Nein, ich bin kein Moslem, ich bete nie, auch mein Vater betet nie. Mein Vater hat keine arabischen Freunde, auch keine pakistanischen, nur Verwandte. Vielleicht leben welche in Pakistan, ich weiß nur von denen in Indien.

Wie bei einem Heroin-Süchtigen vermischen sich nach und nach die verschiedenen, authentischen und erfundenen Geschichten in Rashids Kopf. Die Zerstückelung der Identität hat im Fall des Guantánamo-Verhörs Methode: den Gefangenen an den Rand des Wahnsinns zu treiben, bis er selbst nicht mehr weiß, was er gesagt und was er nicht gesagt hat. Die Naivität, mit der Rashid zu Anfang noch von seinen Absichten erzählt - nach Afghanistan gegangen zu sein, weil er dachte, der Krieg sei zu ende und er sich im übrigen aus dem politischen Geschehen habe raushalten wollen -, hört sich schon bald nur noch wie Lug und Trug an. Am Ende spricht nicht mehr er; es redet aus ihm heraus.

"Jihad, sagt er. Er hat das Wort noch nie benutzt. Er versteht ihre Sprache, und sie verstehen ihn. Er ist ausgeleert. Alles ist gesagt, herausgezischt wie aus einem heißen Überdruckventil. Übrig ist eine verbrannte Hülle, löchrige, verwelkte Haut, Asche.

Auch der zu Tode Gequälte - der, der den Tod im Leben erfährt - hört noch das Ticken der Halsschlagader, spürt das Fließen oder Stocken des Bluts und sucht sich neue Haltepunkte in der tödlichen Leere: zum Beispiel den Schattenriss eines anderen Gefangenen, eines Gegenstandes, einer Mücke oder eine Eidechse - und die ferne Chimäre eines heiligen Kriegs, gemeinsam mit anderen Kriegern, ein Krieg, der hier wie im Wahn oder Fiebertraum, hier in dieser Zelle, allererst als Szenario produziert wird.

Guantánamo ist in uns. Wir hätten es - als Ort maßloser Demütigung und Erniedrigung - nicht erfinden können, wenn es dafür nicht ein Muster in uns gäbe, so etwas wie eine universelle Konstante der Guantánamoisierung der Gesellschaft. Und noch etwas kommt hinzu: Kein Mensch könnte es wagen, eine solche Praxis durchzusetzen, wenn er nicht durch die Gesellschaft und den Staat gedeckt wäre. Die zivilisierte Welt - das ist das Skandalon - duldet inmitten ihrer Praxis von Menschenrechten, Menschenwürde und Demokratie - das Barbarische im Exzess.

Dem hat Dorothea Dieckmann eine zeitgenössische Stimme, nach dem Holocaust, gegeben. Ihr vom Scheitern bedrohtes Unternehmen kann als gelungen, ja als notwendig bezeichnet werden. Aharon Appelfeld sagt in Philip Roth’ Shop Talk: "Die Wirklichkeit des Holocausts übersteigt jede Vorstellungskraft. Hielte ich mich an die Fakten, würde mir niemand glauben." Dies rechtfertigt die "Erfindungen" in Dieckmanns Buch und rechtfertigt grundsätzlich die Form des "Romans" auch in diesem Fall. Sollte ich das Buch in der kürzestmöglichen Form charakterisieren, würde ich es einen "Bericht aus dem barbarischen Herzen der Zivilisation" nennen.

Dorothea Dieckmann
Guantánamo
Klett-Cotta Verlag, 158 S., EUR 16,-

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