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StartseiteBüchermarktVerzweiflung als Groteske14.07.2004

Verzweiflung als Groteske

Zum hundertsten Geburtstag von Isaac Bashevis Singer

<em> Man fregt mich oft, für wos schreibste jiddisch? A für wo soll ich nicht schreiben jiddisch? Soll ich besser schreiben türkisch oder chinesisch? Meine Eltern, mein Tate und Mame, haben beide geredt jiddisch. Dos is mei Sprach. In dosike Sprach will ich oder gewinnen oder verlieren. </em>

Von Martin Sander

Isaac Bashevis Singer (AP)
Isaac Bashevis Singer (AP)

Als Isaac Bashevis Singer 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt, galt dieser Preis einem Werk, in dem die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Welt des polnischen Judentums wieder auflebte. Die Auszeichnung sollte aber - so die Jury - auch als Ehrenrettung einer aussterbenden Sprache verstanden werden, des Jiddischen. Als Mundart deutscher Juden war das Jiddische im 11. und 12. Jahrhundert entstanden. Viele dieser deutschen Juden flüchteten - zur Zeit der Kreuzzüge - aus Deutschland nach Polen, wo ihnen König Kasimir der Große Zuflucht gewährte. So gelangte Jiddisch in den Osten Europas und von dort durch weitere Wanderungen im Laufe der Jahrhunderte wieder in alle Welt.

Rund sieben Millionen Menschen mit jiddischer Muttersprache zählte man, als Isaac Bashevis unweit von Warschau zur Welt kam - am 14. Juli 1904, so jedenfalls das offizielle Datum, das Singer selbst genannt, manch anderer aber in Zweifel gezogen hat. 1908 zog die Familie Singer in die Warschauer Krochmalna-Straße, damals das pulsierende Zentrum jüdischen Lebens in der polnischen Hauptstadt. Der Vater, ein Rabbiner, schrieb gelehrte Abhandlungen, vollzog Hochzeiten oder Scheidungen und vermittelte in Streitfällen aller Art. Wie sich dieses bunte, von religiösen Spannungen und sozialen Gegensätzen geprägte Leben der Warschauer Juden in seinem Elternhaus spiegelte, hat Isaac Bashevis Singer immer wieder beschrieben. Jetzt hat der Hanser Verlag aus dem literarischen Nachlaß Singers den Geschichtenband Ein Bräutigam und zwei Bräute in deutscher Übersetzung vorgelegt.

Im Hof hörte ich Dienstmädchen erzählen, die Zuhälter führen nachts in Kutschen herum, um unschuldige Dinger, Waisen und Mädchen vom Land aufzugreifen. Sie wurden zur Prostitution gezwungen und dann auf Schiffe verschleppt, die nach Buenos Aires fuhren. Dort ließen sie sich mit Negern ein. Dann befiel ein Wurm ihr Blut, und das Fleisch löste sich ihnen stückweise von den Knochen.

Diese Geschichten waren süß und schauerlich zugleich. Es geschahen Dinge auf dieser Welt. Nicht nur oben im Himmel gab es Geheimnisse, sondern auch hier unten auf der Erde. Ich wünschte mir glühend, möglichst schnell erwachsen zu werden, um all diese himmlischen und irdischen Geheimnisse zu erfahren, zu denen kleine Jungen keinen Zugang hatten.



Ursprünglich hatte auch Isaac Bashevis Singer vor, Rabbiner zu werden. Doch bald brach er die Ausbildung ab und verschrieb sich der Literatur - der schönen Literatur, was ihn in einen tiefen Konflikt mit seinem Vater stürzte, dem asketischen Schriftgelehrten, für den Kunst so etwas wie Teufelswerk war. Die Ablösung von der Tradition des Elternhauses steckte für den jungen Autor voller Dramatik.

In einem Buch oder einer Zeitschrift war mir der Ausdruck "Gespaltene Persönlichkeit" begegnet. Und ich wandte diese Diagnose auf mich an. Das war genau das, was ich war: gespalten, zerrissen, vielleicht ein einziger Körper mit vielen Seelen, von denen jede in eine andere Richtung zerrte. Ich lebte wie ein Wüstling und hörte dennoch nicht auf zu Gott zu beten und um seine Gnade zu flehen. Ich hatte Schwächen bei den berühmten Philosophen und großen Schriftstellern entdeckt. Und ich schrieb selber Sachen, die naiv, ungeschickt und dilettantisch wirkten. Mal war ich unglaublich potent. Plötzlich wurde ich impotent. Eine Art Feind hatte sich in mir niedergelassen oder ein Dibbuk, der mich auf jede Weise ärgerte und Katz und Maus mit mir spielte. Irgendein Irrer redete verrücktes Zeug in meinem Gehirn. Und ich konnte ihn nicht zum Schweigen bringen. Ältere Schriftsteller im Schriftstellerklub beneideten mich oft um meine Jugend. Aber ich sagte dann: Glauben Sie mir, es gibt nichts zu beneiden.


1925 hatte Isaac Bashevis Singer als Erzähler in Warschau (in der jiddischen Zeitschrift "Literarisze Bleter") debütiert. Außerdem schrieb er Literaturkritiken und übersetzte - unter anderem Erich Maria Remarque und Thomas Mann.
1935 erschien Singers erster Roman, "Satan in Goraj". Der Legende zufolge war Goraj, eine kleine jüdische Gemeinde im Südosten Polens im 17. Jahrhundert, einem falschen Messias, dem berühmt-berüchtigten Sabbatai Zewi, auf den Leim gegangen. Singer erzählt diese Geschichte neu und führt Sittenverfall und Selbstzerstörung als Groteske vor.

Ja, die Taten der Sabbatianer waren ein Greuel. Wie es hieß, kamen die Mitglieder der Sekte allnächtlich an einem geheimen Ort zusammen; nach einer Weile wurden die Lichter gelöscht, und im Dunkeln tauschten sie ihre Ehefrauen aus. Dann tanzten sie mit brennenden Fackeln im Kreis. Rabbi Joseph de la Rinah, der Verräter stieg in der Gestalt eines schwarzen Hundes vom Berge Seir herab und gesellte sich zu ihnen. Danach, so erzählte man weiter, begaben sie sich alle miteinander in die Kellergewölbe des Schlosses und verzehrten mit Behagen das Fleisch lebender Tiere. Sie rissen angstvoll gackernden Hühnern die Beine aus und verschlangen das Fleisch mitsamt dem Blut. Und auf das Festmahl folgte eine wüste Orgie: Väter erkannten ihre Töchter, Brüder ihre Schwestern, Söhne ihre Mütter. Nechele, Levis Frau, spazierte nackt umher und paarte sich vor aller Augen - auch vor denen ihres Mannes - mit einem Kutscher...

Singers erster Roman war zugleich der letzte, den er in Polen veröffentlichte. Noch im selben Jahr, 1935, verließ Singer seine Heimat für immer - in der Furcht vor einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe, die er sowohl in den Kriegsplänen Hitlers als auch im Antisemitismus Polens jener Zeit erblickte. Isaac Bashevis folgte seinem älteren Bruder, dem jiddischen Schriftsteller Israel Joshua Singer, in die Vereinigten Staaten. In der neuen Umgebung konnte er zunächst kaum Fuß fassen und durchlebte erneut eine tiefe innere Krise. Dietmar Pertsch, Autor einer neuen Monographie zum Erzählwerk Singers, meint:

Wir wissen ja, daß er eine Schreibblockade gehabt hat, als er nach Amerika gekommen ist, als er merkte, daß das Jiddische in Amerika "verderbt" ist, daß er eigentlich nicht in der Lage war, sich mehr Jiddisch auszudrücken. Daß er wieder mit dem Jiddischen angefangen hat, der Preis dafür war tatsächlich die Abschottung von der Gegenwart.


1940 trat Isaac Bashevis Singer in die Redaktion des jüdischen "Forverts" in New York ein. Ein halbes Jahrhundert lang schrieb er für den "Forverts" Romane und Erzählungen in jiddischer Sprache. Seine Texte wurden in der Regel in Fortsetzungen abgedruckt. Später brachte Singer sie mit Hilfe von Übersetzern ins Amerikanische, und nahm für die nun entstehende Buchform manche Veränderung am Original vor. Etliche Details aus dem religiösen Leben ließ er aus. Gelegentlich entschärfte er den im Jiddischen überdeutlich aufscheinenden Sprachwitz, was der Singer-Interpret Dietmar Pertsch bedauert.

Singer erzählt in jiddischer Sprache. Seine Tragik ist nun aber die, daß er der jiddischen Sprache, in der er vom ersten Tag seines Lebens bis zum letzten Tag seines Lebens geschrieben hat, daß er dieser Sprache nicht mehr traut. Er hat ja die nachgerade merkwürdige, ja befremdliche Verfügung getroffen, alle Übersetzungen müssen auf dem Amerikanischen und nicht auf dem Jiddischen basieren. Hier ist er merkwürdig unausgewogen, finde ich. Es wäre schön gewesen, wenn er sagt, nein, übersetzt mich bitte aus dem Original.

Allerdings wurde die amerikanische Version dann zur Grundlage von Singers internationalen Erfolgen. Immer wieder, ja fast ausschließlich, doch zugleich in immer neuen Facetten erzählte Singer vom Leben der polnischen Juden, ihrer Geschichte, ihrem Alltag, ihrem Schicksal, das manchen seiner Protagonisten, früh Exilierte wie er selbst oder Überlebende des Holocaust, in die neue Welt Amerika führt.

Er zeigt wohl Leute, auch Juden, die sich zum Amerikanismus hin assimiliert haben, aber er zeigt sie mit einer liebevollen Skepsis. Es ist nicht seine Position, seine Position ist die Vergangenheit, seine Position ist das Beschreiben der Gegenwart nur im Rückblick auf die polnische Vergangenheit.


... erklärt Dietmar Pertsch. Zweifelsohne war Singers Blick aus Amerika ein Blick zurück. Es ging ihm, wie oft und zu Recht betont wurde, um die literarische Wiederherstellung einer zerstörten Welt. Doch schildert Singer diese Welt ohne Pathos und ohne politische Botschaft. Belehrungen in der Literatur waren ihm zuwider, Schwarzweißmalereien ebenso. Die innere Zerrissenheit seiner Helden, die er an sich selbst erlebte, ist ein Grundmotiv. Kaum ein Werk zeigt das deutlicher als der "Zauberer von Lublin". Der Roman wurde Ende der fünfziger Jahre im "Forverts" abgedruckt und erschien 1960 auf amerikanisch in Buchform. Singer erzählt die Geschichte des jüdischen Zauberkünstlers, Seiltänzers und Schloßknackers Jascha Mazur, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts, hin- und hergerissen zwischen Aufklärung und jüdischer Tradition, sein Glück bei verschiedenen Frauen sucht, tragisch gescheitert wieder zu seiner Ehefrau Esther zurückkehrt und sich schließlich, auf alle irdischen Annehmlichkeiten verzichtend, als Büßer einmauern läßt.

In den Schenken von Piask und Lublin waren viele Wetten darüber abgeschlossen worden, wie lange Jascha es lebendig in seinem Grabe aushalten werde. Manche hatten eine Woche geschätzt, andere einen Monat. Die Stadtbehörden hatten darüber debattiert, ob Jaschas Unternehmen nicht gegen die Gesetze verstoße. Selbst die Regierung war auf dem Laufenden gehalten worden. Inzwischen waren die Maurer ans Werk gegangen. Die Mauern des kleinen Hauses waren von Stunde zu Stunde in die Höhe gewachsen, ein Raum von vier Quadratellen, denn mehr hatte sich Jascha nicht erlaubt. Nicht einmal Raum für ein Bett war in dem Häuschen, dessen ganze Einrichtung aus einem Strohsack, einem Stuhl und einem kleinen Tischchen bestand; dazu kam ein Mantel zum Zudecken, der kupferne Leuchter, den der Rabbi Jascha geschenkt hatte, ein Wasserkrug, einige fromme Bücher und eine Schaufel zum Vergraben von Exkrementen. Je höher die Mauern emporwuchsen, desto lauter waren die Klagen geworden, so daß Jascha die Frauen angeschrien hatte: "Was klagt ihr denn? Ich bin doch noch nicht tot." "Wenn Du's nur wärst!" hatte Esther verbittert zurückgerufen.

Die tragischen Irrtümer seiner Helden, ihre alltäglichen oder erotischen Verwicklungen, das alles inszeniert der Erzähler gern im Grundton von Groteske und Ironie. Die Aussichtslosigkeit der Existenz wird zur Tragikomödie. Dieser besondere Humor, hat Isaac Bashevis Singer einmal gesagt, sei aufs engste mit der Sprache verbunden, in der er Zeit seines Lebens nicht aufgehört hat zu schreiben.

Jiddisch is a Sprach mit Humor. Ich hab gesagt: Der Humor is in der Sprach allein.


Isaac Bashevis Singer
Ein Bräutigam und zwei Bräute
Hanser Verlag, 215 S.

Stephen Tree
Isaac Bashevis Singer (Biographie)
dtv-premium, 200 S.

Dietmar Pertsch
Isaac B. Singers Geschichten über die ausgelöschte Welt des polnischen Judentums. Eine Monographie zum 100. Geburtstag des jiddischen Nobelpreisträgers
Krämer Verlag, ca. 350 S.

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