Interview / Archiv /

Vesper: "Wir machen keine Gesinnungsprüfung sämtlicher Olympiakandidatinnen und -kandidaten"

DOSB-Generaldirektor über den Ablauf der Olympia-Abreise von Nadja Drygalla

Michael Vesper im Gespräch mit Peter Kapern

Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes
Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (AP)

Die Ruderin Nadja Drygalla ist nach Bekanntwerden ihrer Anbindungen an das rechtsextreme Millieu abgereist. "Von uns wird sie nicht in Sippenhaft genommen", sagt Michael Vesper, DOSB-Generaldirektor. Und er bemängelt, dass die Hinweise nicht vorher schon gegeben wurden.

Peter Kapern: Das sieht nach dem Prototypen eines Schwarze-Peter-Spiels aus, das wir da beobachten können: Keiner will die Verantwortung dafür übernehmen, dass im Deutschlandachter der Frauen bei den Olympischen Spielen eine Ruderin mit engster Anbindung an das rechtsextreme Milieu sitzt. Nadja Drygalla heißt sie; im vergangenen Jahr ist sie nach intensiven Gesprächen, wie es heißt, mit ihren Vorgesetzten über ihre Beziehung zu einem NPD-Landtagskandidaten aus dem Polizeidienst in Mecklenburg-Vorpommern ausgeschieden. Im Olympiakader landete sie dennoch.

- Bei uns am Telefon ist jetzt DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, der Chef der deutschen Olympiamission. Guten Tag nach London.

Michael Vesper: Ja, schönen guten Tag, Herr Kapern.

Kapern: Herr Vesper, das Innenministerium in Schwerin sorgt dafür, dass Frau Drygalla den Polizeidienst verlässt. Und es informiert, nach eigener Auskunft, im Herbst 2011 den Landesruderverband und den Landessportbund darüber. Und dennoch fährt Frau Drygalla nach London. Wie kann das sein?

Vesper: Wir nominieren ja als Deutscher Olympischer Sportbund unsere Olympiamannschaft. Wir tun das aufgrund von Vorschlägen, die die jeweiligen Sportfachverbände, also in diesem Fall der Deutsche Ruderbund, uns machen. Und dann wird vom Präsidium nominiert aufgrund dieser Vorschläge. Frau Drygalla ist vorgeschlagen worden. Wir haben sie nominiert. Und die Ergebnisse der Nominierung werden dann unverzüglich, am gleichen Tag veröffentlicht. Wir haben diese Information, die sie gerade wiedergegeben haben, nicht erhalten. Ich habe davon erstmals am vergangenen Donnerstag, vorgestern, erfahren. Ich habe noch am Donnerstagabend mit Frau Drygalla ein intensives Gespräch geführt. Und dann ist sie zu dem Ergebnis gekommen, wir sind gemeinsam zu dem Ergebnis gekommen, dass sie das olympische Dorf verlässt. Man muss aber unterscheiden, Herr Kapern: Was tut jemand selbst und was tut und denkt das Umfeld von jemandem? Also, es ist völlig unklar, was Frau Drygalla selber, welche Vorwürfe Frau Drygalla selber gemacht werden. Es geht hier im Moment ausschließlich um das Umfeld. Und dennoch haben wir uns entschieden, gemeinsam mit ihr, dass sie das olympische Dorf verlässt.

Kapern: Bleiben wir doch mal bei dem letzten Punkt, den Sie angesprochen haben. Also, die persönlichen Auffassungen von Frau Drygalla. Sie haben auch gesagt, dass in diesem Gespräch, das Sie mit Frau Drygalla geführt haben, diese ihnen erklärt hat, dass sie voll und ganz hinter den Zielen der olympischen Charta steht. Das heißt also, ihrer Teilnahme an den Spielen 2016 würde dann ja nichts im Wege stehen, oder?

Vesper: Wir haben in unserer Präambel unter anderem Folgendes festgelegt: Der DOSB bekennt sich zu einem humanistisch geprägten Menschenbild. Er tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie jeder Form von Gewalt entschieden entgegen.

Kapern: Haben Sie den Eindruck, dass Frau Drygalla diese Werte nicht teilt?

Vesper: Ich habe den Eindruck, sie hat es jedenfalls gesagt bei diesem Gespräch, dass sie diese Werte teilt. Sollte es Hinweise geben, dass das nicht der Fall ist, dann sind Konsequenzen zu ziehen, bei ihr wie bei jedem anderen. Das will ich noch mal sagen, der DOSB tritt gegen rechtsextreme und fremdenfeindliche Bestrebungen insgesamt ein, ob an der Spitze oder an der Basis. Und wir sind da sehr konsequent in diesem Eintreten. Nur, ich möchte noch einmal sagen, Herr Kapern: Alle die, die jetzt rufen, wie konnte das passieren. Und das sei seit Langem bekannt – da muss ich die Gegenfrage stellen: Warum haben sie nicht nach der Nominierung, nachdem der Name von Nadja Drygalla veröffentlicht worden ist, uns diese Information gegeben, damit wir uns damit hätten beschäftigen können? Wir können nur auf Hinweise reagieren. Wir machen keine Gesinnungsprüfung sämtlicher Olympiakandidatinnen und -kandidaten, sondern wir können nur auf Hinweise, die uns dann gegeben werden, reagieren. Und ich frage mich, warum diese Hinweise nicht gekommen sind.

Kapern: Darf ich noch mal nachfragen, Herr Vesper. Nochmals: Sie haben gerade gesagt, dass Frau Drygalla beteuert hat, dass sie zu den Werten des DOSB und der olympischen Charta steht. Kann es dann sein, dass Walter Arnold, der Vorsitzende des Heimatvereins von Frau Drygalla recht hat, der nämlich sagt, es sei erbärmlich, dass da ein junges Mädchen in Sippenhaft genommen wird.

Vesper: Von uns wird sie nicht in Sippenhaft genommen. Sondern wir haben von ihrem Umfeld, was Sie eben ja auch zitiert haben, am Donnerstag erfahren. Wir haben mit ihr ein Gespräch geführt; sie hat sich, und das habe ich dann ja auch öffentlich gesagt, zu den Grundsätzen des DOSB, die ich gerade vorgetragen habe, zu den Werten der olympischen Charta, zu den Grundrechten im Grundgesetz bekannt. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass man in der deutschen Olympiamannschaft mit kämpfen kann, aufgenommen werden kann. Und ich habe bislang keinen Zweifel daran, dass diese Aussagen zutreffen. Sollte das Gegenteil der Fall sein, das wird man dann erst nach den Spielen feststellen können, dann müssten entsprechende Konsequenzen gezogen werden. Aber bisher habe ich darauf keinen Hinweis. Und deswegen kann es nicht sein, dass ein Mensch allein daraufhin beurteilt wird, was sein privates Umfeld denkt. Das sag ich noch mal.

Kapern: Frau Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, die hat heute Morgen im Deutschlandfunk-Interview noch eine weitere, sehr wichtige Frage aufgeworfen. Vielleicht können wir uns das ganz kurz in einem Auszug anhören.

((Einspielung Dagmar Freitag))

Kapern: Hätte der DOSB wissen müssen, was da am Olympiazentrum gelaufen ist, so wie es Frau Freitag gerade in ihrer Frage aufgeworfen hat?

Vesper: Eine Information über das, was vor einem dreiviertel Jahr offenbar in Gesprächen mit dem Ministerium besprochen worden ist, mit dem Mecklenburg-Vorpommerschen Innenministerium besprochen worden ist, wäre sicherlich hilfreich gewesen. Dann hätte man sich im Vorfeld mit dem ganzen Thema beschäftigen können …

Kapern: Hätte der Ruderverband Sie informieren müssen?

Vesper: Wenn der Ruderverband informiert war, hätte er uns informieren sollen, ganz sicher. Und dann hätten wir uns zu gegebener Zeit im Vorfeld der Spiele damit befassen können. Diese Information hat uns aber nicht erreicht. Wir haben am selben Tag, als uns die Information erreicht hat, gehandelt.

Kapern: Michael Vesper, der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes und Chef der deutschen Olympiamission, live aus London, heute Mittag im Deutschlandfunk. Herr Vesper, danke für das Gespräch!

Vesper: Sehr gern.

Kapern: Auf Wiederhören!

Vesper: Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Weitere Themen bei dradio.de:
Kommentar: Nadja Drygalla und andere Unannehmlichkeiten des DOSB
Kommentar: Talent zur peinlichen Diplomatie

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Interview

Russland-Ukraine-KonfliktEuropa muss "energiepolitisch weniger erpressbar werden"

Porträtbild von Ruprecht Polenz, dem ehemaligen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages.

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts hat der frühere CDU-Außenpolitiker Polenz im DLF eine stärkere Kooperation in der EU bei der Energieversorgung gefordert. Die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen müsse reduziert, der Wettbewerb und Erneuerbare Energien ausgebaut werden.

Die "Neue Rechte""Keine organisierte neue Kraft"

Porträtfoto von Alexander Häusler (undatierte Aufnahme), Sozialwissenschaftler vom Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus der Fachhochschule Düsseldorf

Bei Montagsdemonstrationen hat sie sich als "Neue Rechte" herauskristallisiert: Diese Gruppierung lasse "keine klare einheitliche politische Linie" erkennen, sagte der Rechtsextremismusforscher Häusler im DLF. Dort dominiere "eine krude Mischung von Verschwörungstheorien und rechten Weltbildern".

OSZE-Mission in Donezk"Die Lage ist sehr instabil"

Zwei vermummte pro-russische Demonstranten warten vor einer Barrikade in der Nähe der besetzen Regionalverwaltung in der ost-ukrainischen Stadt Donezk.

Ein Großteil der Bevölkerung der Ostukraine ist um Normalisierung bemüht, dennoch bleibt die Lage angespannt - das sagt Klaus Zillikens, Leiter der OSZE-Beobachtermission im Gebiet Donezk, im Deutschlandfunk. Zwar sei es schwierig, Entwicklungen zu beschreiben, "aber der Trend geht sicherlich nicht zu mehr Stabilität und Deeskalation".

 

Interview der Woche

Zukunft der Kirche"Das Wichtigste ist die Verkündigung des Evangeliums"

Kardinal Reinhard Marx lächelt, vor ihm ein Mikrofon, hinter ihm auf einem Gebäude der Schriftzug "Bischöfliches Priesterseminar Borromäum"

Der Münchner Erzbischof, Reinhard Kardinal Marx, beklagt eine zu starke Fixierung auf die Institution Kirche. "Nicht die Kirche soll attraktiv sein, sondern das Evangelium soll attraktiv sein", sagte Marx im Deutschlandfunk. Nur so könne Christus in der Gesellschaft lebendig bleiben.

Konflikte in EuropaSchulz: Europäische Strukturen haben den Krieg gebannt

Martin Schulz gestikuliert, während er spricht.

Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hat sich trotz der zunehmenden Eskalation in der Ostukraine für diplomatische Lösungen ausgesprochen. Man müsse jetzt verstärkt nach gemeinsamen Interessen zwischen dem Westen und Russland suchen, sagte er im Interview der Woche des Deutschlandfunks.

IntegrationÖzoğuz möchte Nachbesserungen beim Doppelpass

Profilfoto von Aydan Özoğuz

Es handele sich bei der Staatsangehörigkeit um ein sehr emotionales Thema, sagte Aydan Özoguz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, im DLF. Der Doppelpass-Kompromiss der Großen Koalition sei deshalb ein großer und wichtiger Schritt. Die SPD-Politikerin setzt sich aber weiterhin für eine komplette Abschaffung der Optionspflicht ein.