Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteBüchermarktVideo. Erzählungen09.04.2003

Video. Erzählungen

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Gleich mit der ersten Geschichte des Bandes gelingt der jungen Schriftstellerin Meera Nair, die in Indien aufgewachsen ist und zum Studium in die Vereinigten Staaten kam, wo sie auch heute noch lebt, ein Coup. Es ist eine Ehe-Geschichte der besonderen Art. Naseer, der Ehemann, sieht eines Tages bei einem Freund auf einem westlichen Schmuddelvideo, wie eine Frau ihren Filmpartner mit dem Mund befriedigt. Naseer hatte bis zu diesem Tage nicht gewusst, dass diese Spielart der Liebe überhaupt existiert. Deswegen ist für ihn von diesem Moment an auch nichts mehr, wie es einmal war. Er ist beseelt von einem einzigen Gedanken. Zurück zu Hause erzählt er seiner Gattin aufgeregt, was er gesehen hat und wünscht sich von ihr... Na, was wohl?! Seine Frau ist schockiert und antwortet: Nie und nimmer!

Shirin Sojitrawalla

So leben die beiden freudlos weiter wie bisher. Eines Nachts im Ehebett aber hört Naseer das leise Schnarchen seiner Gattin, sieht zu ihr hinüber und entdeckt, dass ihr Mund offen steht. Es ist die Gelegenheit! Rasch beugt er sich über seine Frau, holt sein bestes Stück aus der Pyjamahose, und just in dem Moment, als er den ersehnten Wonnen so nahe ist wie noch nie, schlägt seine Frau die Augen auf.

Von da an redet sie - verständlicherweise - kein winziges Wort mehr mit ihm. Die Geschichte, die schlicht "Video" überschrieben ist, und damit dem ganzen Band seinen Namen gibt, ist nicht nur originell schamlos, sondern auch wie aus Tausend und einer Nacht und mit viel Sinn für Situationskomik fabuliert. Gekonnt vermengt Meera Nair, nicht zu verwechseln mit der indischen Filmemacherin Mira Nair, die orientalische Kunst des Geschichtenerzählens mit den modernen Zeiten.

Dabei wagt sie sich mit der Schilderung der Pornovideoleidenschaft indischer Männer an eines der zahllosen Tabus der indischen Gesellschaft. In fast allen der vorliegenden elf Geschichten pikst die junge Schriftstellerin zärtlich in wunde Punkte. Meera Nair drückt sich nicht um die Themen, die in Indien auf der Straße liegen. Ob Kastensystem, Religionskonflikt, Kindesmissbrauch oder Führerkult. Meera Nair schreibt darüber fernab jeglicher Zeigefingerrhetorik und lässt viel Raum auch für das Private. Sei es den ganz eigenen Horror indischer Großfamilien, die Schwierigkeiten unfreiwilliger Langzeitehen oder die Mühen lautlosen Liebemachens. Flott übersetzt hat die Geschichten Eike Schönfeld.

Doch Meera Nair interessiert sich nicht nur für das Tabu, sondern für all das, was Indien womöglich ausmacht. Dabei mag sie sich aber nicht auf ein Thema pro Geschichte beschränken. Am auffälligsten ist das in "Der Curryblattbaum". Darin erschafft sie mit Dilip einen genialen Schnüffler in der Tradition von Patrick Süskinds bekanntem Parfumeur. Auch Dilip ist mit einer sensationell überempfindlichen Nase auf die Welt gekommen und kann deshalb die unglaublichsten Gewürzmischungen auseinanderdividieren.

Doch Meera Nair belässt es nicht bei seinem Talent, sondern blättert einen ganzen Themenkatalog auf. So sucht Dilips Mutter eine passable Ehefrau für ihren Sohn aus. Thema: arrangierte Ehen. Später zieht das frisch vermählte Ehepaar in die Vereinigten Staaten, wo er als IT-Experte arbeitet. Thema: Emigration und Computer-Boom. Die Ehefrau kann nicht einmal ein kleines bisschen kochen. Thema: Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft. Und so weiter. Dabei präsentiert Meera Nair ihre Themen immer auch mit einem Augenzwinkern, wobei ihr zuweilen originelle Formulierungen gelingen wie etwa die von der Frage, die nicht mehr in den Mund passt und sich eines Tages einfach selbst stellt.

In ihren Geschichten scheucht Meera Nair die Leser im ganzen Land umher. Mal treibt sie sie in die Hauptstadt, dann an den Strand von Goa, bevor sie sie nach Hyderabad und Kerala begleitet, in Dörfer und Städte und natürlich auch ins Ausland. Darüber hinaus lässt sie ihre Geschichten zu ganz verschiedenen Zeiten spielen, ob in den 50er Jahren oder in der Gegenwart. Hinzu kommt, dass sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, mal in Ich-Form, mal in Er-Form oder Wir-Form erzählt. Sie experimentiert geschickt mit Erzählhaltungen, Genres, Stimmungen und Atmosphären. Magisch realistische Flunkereinfälle stehen bei Meera Nair neben klirrend nüchternen Ortsbeschreibungen, sinnlich Opulentes neben schnodderig Abgeklärtem. Dadurch liest sich das Buch auch wie eine literarische Bewerbungsmappe, die versucht, das Talent des Bewerbers in seiner ganzen Vielfalt abzubilden. Laut Klappentext arbeitet Meera Nair zur Zeit an ihrem ersten Roman. Man darf gespannt sein, ob er halten kann, was die vorliegenden Erzählungen zu versprechen scheinen. Gleich mit der ersten Geschichte des Bandes gelingt der jungen Schriftstellerin Meera Nair, die in Indien aufgewachsen ist und zum Studium in die Vereinigten Staaten kam, wo sie auch heute noch lebt, ein Coup. Es ist eine Ehe-Geschichte der besonderen Art. Naseer, der Ehemann, sieht eines Tages bei einem Freund auf einem westlichen Schmuddelvideo, wie eine Frau ihren Filmpartner mit dem Mund befriedigt. Naseer hatte bis zu diesem Tage nicht gewusst, dass diese Spielart der Liebe überhaupt existiert. Deswegen ist für ihn von diesem Moment an auch nichts mehr, wie es einmal war. Er ist beseelt von einem einzigen Gedanken. Zurück zu Hause erzählt er seiner Gattin aufgeregt, was er gesehen hat und wünscht sich von ihr... Na, was wohl?! Seine Frau ist schockiert und antwortet: Nie und nimmer!

So leben die beiden freudlos weiter wie bisher. Eines Nachts im Ehebett aber hört Naseer das leise Schnarchen seiner Gattin, sieht zu ihr hinüber und entdeckt, dass ihr Mund offen steht. Es ist die Gelegenheit! Rasch beugt er sich über seine Frau, holt sein bestes Stück aus der Pyjamahose, und just in dem Moment, als er den ersehnten Wonnen so nahe ist wie noch nie, schlägt seine Frau die Augen auf.

Von da an redet sie - verständlicherweise - kein winziges Wort mehr mit ihm. Die Geschichte, die schlicht "Video" überschrieben ist, und damit dem ganzen Band seinen Namen gibt, ist nicht nur originell schamlos, sondern auch wie aus Tausend und einer Nacht und mit viel Sinn für Situationskomik fabuliert. Gekonnt vermengt Meera Nair, nicht zu verwechseln mit der indischen Filmemacherin Mira Nair, die orientalische Kunst des Geschichtenerzählens mit den modernen Zeiten.

Dabei wagt sie sich mit der Schilderung der Pornovideoleidenschaft indischer Männer an eines der zahllosen Tabus der indischen Gesellschaft. In fast allen der vorliegenden elf Geschichten pikst die junge Schriftstellerin zärtlich in wunde Punkte. Meera Nair drückt sich nicht um die Themen, die in Indien auf der Straße liegen. Ob Kastensystem, Religionskonflikt, Kindesmissbrauch oder Führerkult. Meera Nair schreibt darüber fernab jeglicher Zeigefingerrhetorik und lässt viel Raum auch für das Private. Sei es den ganz eigenen Horror indischer Großfamilien, die Schwierigkeiten unfreiwilliger Langzeitehen oder die Mühen lautlosen Liebemachens. Flott übersetzt hat die Geschichten Eike Schönfeld.

Doch Meera Nair interessiert sich nicht nur für das Tabu, sondern für all das, was Indien womöglich ausmacht. Dabei mag sie sich aber nicht auf ein Thema pro Geschichte beschränken. Am auffälligsten ist das in "Der Curryblattbaum". Darin erschafft sie mit Dilip einen genialen Schnüffler in der Tradition von Patrick Süskinds bekanntem Parfumeur. Auch Dilip ist mit einer sensationell überempfindlichen Nase auf die Welt gekommen und kann deshalb die unglaublichsten Gewürzmischungen auseinanderdividieren.

Doch Meera Nair belässt es nicht bei seinem Talent, sondern blättert einen ganzen Themenkatalog auf. So sucht Dilips Mutter eine passable Ehefrau für ihren Sohn aus. Thema: arrangierte Ehen. Später zieht das frisch vermählte Ehepaar in die Vereinigten Staaten, wo er als IT-Experte arbeitet. Thema: Emigration und Computer-Boom. Die Ehefrau kann nicht einmal ein kleines bisschen kochen. Thema: Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft. Und so weiter. Dabei präsentiert Meera Nair ihre Themen immer auch mit einem Augenzwinkern, wobei ihr zuweilen originelle Formulierungen gelingen wie etwa die von der Frage, die nicht mehr in den Mund passt und sich eines Tages einfach selbst stellt.

In ihren Geschichten scheucht Meera Nair die Leser im ganzen Land umher. Mal treibt sie sie in die Hauptstadt, dann an den Strand von Goa, bevor sie sie nach Hyderabad und Kerala begleitet, in Dörfer und Städte und natürlich auch ins Ausland. Darüber hinaus lässt sie ihre Geschichten zu ganz verschiedenen Zeiten spielen, ob in den 50er Jahren oder in der Gegenwart. Hinzu kommt, dass sie aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, mal in Ich-Form, mal in Er-Form oder Wir-Form erzählt. Sie experimentiert geschickt mit Erzählhaltungen, Genres, Stimmungen und Atmosphären. Magisch realistische Flunkereinfälle stehen bei Meera Nair neben klirrend nüchternen Ortsbeschreibungen, sinnlich Opulentes neben schnodderig Abgeklärtem. Dadurch liest sich das Buch auch wie eine literarische Bewerbungsmappe, die versucht, das Talent des Bewerbers in seiner ganzen Vielfalt abzubilden. Laut Klappentext arbeitet Meera Nair zur Zeit an ihrem ersten Roman. Man darf gespannt sein, ob er halten kann, was die vorliegenden Erzählungen zu versprechen scheinen.

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