Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteForschung aktuellViel Potenzial für Fracking21.12.2011

Viel Potenzial für Fracking

Wissenschaftsjournalist über Schiefergasvorkommen in Deutschland

227 Milliarden Kubikmeter Schiefergas gibt es in deutschen Böden. Diese Menge könnte den deutschen Gasbedarf für zwei Jahre decken, sagt Wissenschaftsjournalist Ralf Krauter. Gefördert werden könnten davon aber höchstens 30 Prozent - und die Methoden dazu sind bislang umstritten.

Ralf Krauter im Gespräch mit Monika Seynsche

Schiefergasförderung im Marcellus-Feld, im Nordosten der Vereinigten Staaten. Das sogenannte Fracking ist umstritten. (DOE/NETL)
Schiefergasförderung im Marcellus-Feld, im Nordosten der Vereinigten Staaten. Das sogenannte Fracking ist umstritten. (DOE/NETL)

Monika Seynsche: In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden riesige neue Erdgaslagerstätten vermutet, nämlich in festen Schiefergesteinen. Allerdings machen im Moment die Anwohner mobil gegen Erkundungsbohrungen – und zwar aus Angst vor unkalkulierbaren Umweltrisiken bei der Erschließung dieser Lagerstätten. Der Streit beschäftigt mittlerweile auch die Landes- und Bundespolitiker. Zahlreiche Gutachten wurden in Auftrag gegeben, um die Chancen und Risiken dieser Techniken auszuloten. Eine aktuelle Studie der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) beziffert nun erstmals offiziell die Größe der Schiefergasvorräte in Deutschland. Mein Kollege Ralf Krauter beschäftigt sich seit Längerem mit diesem Thema. Herr Krauter, Sie haben die Studie gelesen, wie viel Schiefergas steckt den jetzt im Boden?

Ralf Krauter: Der aktuellen Studie der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) zufolge steht die Zahl 227 Milliarden Kubikmeter im Raum. Das haben die jetzt abgeschätzt. Schiefergas, um das noch mal zu erklären, steckt in sehr dichtem schwarzem Gestein fest. Um es zu fördern, muss man Flüssigkeit unter hohem Druck in die Tiefe pumpen, also 1500 bis 2000 Meter unter die Erde in diese Lagerstätten, um das Gestein dort aufzusprengen und daran ist letztlich dieser Streit auch entstanden: Soll man dieses Gas fördern oder nicht? Und jetzt ist nach langem Hin- und Herrudern, bisher wollte niemand Zahlen nennen, wie viel von diesem Rohstoff es überhaupt gibt, endlich eine Zahl auf dem Tisch, eben diese 227 Milliarden Kubikmeter, das ist derzeit der geschätzte Vorrat dieser Ressource.

Seynsche: Und ist das viel oder ist das wenig?

Krauter: Wie man’s nimmt. Es ist wenig, verglichen mit den Schiefergasvorräten, auf denen andere Länder sitzen. Frankreich und Polen, zum Beispiel, haben rund 25-mal soviel davon. Argentinien, Mexiko, die Vereinigten Staaten und China haben sogar jeweils rund 100 Mal mehr als Deutschland. Es ist auch wenig, verglichen mit dem, was wir Deutschen so an Erdgas verbrauchen: Wir sind, was viele nicht wissen, der fünftgrößte Erdgasverbraucher weltweit. 100 Milliarden Kubikmeter jedes Jahr brauchen wir und das komplette Schiefergas, erkennt man daran schon, könnte unseren Gesamtbedarf also gerade mal gut zwei Jahre decken. Das ist also ein relativ kleiner Beitrag. Aber: Es ist dann doch ziemlich viel, verglichen mit dem, was wir sonst derzeit an konventionellen Erdgasressourcen haben. In konventionellen Gasblasen schlummern nämlich nur noch rund 150 Milliarden Kubikmeter. Und durch das Schiefergas werden diese Ressourcen ebenso mehr als verdoppelt. Und aus der Sicht von Menschen, die sich um die Versorgungssicherheit sorgen müssen, ist das natürlich dann schon ein entscheidender Faktor, es ist eine große Menge. Und diese große Menge macht es im Prinzip möglich, die nachlassende Förderung aus konventionellen Erdgasblasen zu ersetzten, sukzessive durch Schiefergas zu kompensieren. Aktuell decken wir rund 13 Prozent unseres Gasverbrauchs aus heimischer Förderung, vor allem aus Niedersachsen kommt das Gas. Und wenn das so bleiben soll, führt letztlich an der Erschließung der Schiefergasressourcen auch in Deutschland kaum ein Weg vorbei.

Seynsche: 227 Milliarden Kubikmeter sind also im Boden. Aber kann man sagen, wie viel davon man wirklich wird fördern können.

Krauter: Das weiß man zurzeit noch nicht ganz genau. Maximal sind es definitiv höchstens 15 bis 30 Prozent davon. In diesem Bereich liegt der sogenannte Ausförderfaktor bei Schiefergas. Bei konventionellen Gasblasen ist es so, die muss man ja nur anstechen, damit das Gas entweicht, wie aus so einem Fahrradreifen, und da kann man aufgrund dieser einfachen Fördermethode rund 80 Prozent der Ressource aus dem Boden holen. Bei Schiefergas ist das viel weniger, eben weil das Gas sich ja in diesem dichten Gestein nicht frei bewegen kann, sondern nur durch die feinen Risse strömen kann, die man durch hydraulischen Druck, durch Einpressen von Flüssigkeit in die Tiefe darin erzeugt.

In der Praxis dürfte die förderbare Menge noch deutlich kleiner sein, weil man nicht überall bohren kann, wo das Schiefergas ist. Sei es, weil eine Stadt darüber liegt, dass man also gar nicht ran kommt. Oder weil es vielleicht ein Wasserschutzgebiet ist, wo man doch Angst hat, falls bei so einer Bohrung mal etwas schief geht, in den USA gibt es ja Beispiele, dass man dann natürlich nicht die Trinkwasserversorgung einer ganzen Region gefährden will.

Seynsche: Im Moment liegen ja die Erkundungsbohrungen auf Eis. Kann man da sagen, wie lange die noch auf Eis liegen werden?

Krauter: In Nordrhein-Westfalen, zum Beispiel, hat die Landesregierung im November ein offizielles Moratorium verhängt. Das gilt bis nächsten Sommer, da soll ein umfassendes Gutachten vorliegen zu den langfristigen Folgen des Frackings, so heißt die Fördermethode, für Menschen und Umwelt. In Niedersachsen seinerseits hat ExxonMobil, der größte Gasbohrer in Deutschland, eine Art freiwilliges Moratorium verkündet. Man will der Politik offenbar Zeit geben, ihre Hausaufgaben zu machen. Und daran arbeitet jetzt unter anderem auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Auch der hat eine Studie zu den ökologischen Langzeitfolgen des Frackings in Auftrag gegeben und auch die soll ungefähr bis Mitte nächstes Jahr vorliegen.

Seynsche: Wie geht’s weiter mit den Zahlen der Deutschen Rohstoffagentur?

Krauter: Der Ball liegt jetzt erstmal bei der Politik. Und um der noch ein bisschen Futter zu geben, will die Deutsche Rohstoffagentur bis Ende März eine Potenzialanalyse präsentieren. Die untersuchen gerade, welchen Beitrag zur Gasversorgung Schiefergas tatsächlich einmal leisten könnte, im Auftrag des Bundesforschungsministeriums, im Forschungsprojekt "Nico". Das soll bis Ende März präsentiert werden. Und wahrscheinlich werden die aktuell präsentierten da noch mal verfeinert und korrigiert, was diese Zahlen angeht.

Seynsche: Vielen Dank. Das war Ralf Krauter über die Abschätzung zum Schiefergasvorkommen in Deutschland.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk