Sonntag, 17.12.2017
StartseiteBüchermarktViele Fragen28.07.2004

Viele Fragen

Doron Rabinovici: "Ohnehin"

Ort und Zeit der Handlung von Doron Rabinovicis neuestem Roman ist Wien in der zweiten Jahreshälfte 1995. Erschienen ist das Buch unter dem rätselhaften wie neugierig machenden Titel <em>Ohnehin</em>:

Von Volker Kaukoreit

Doron Rabinovici: "Ohnehin", Coverausschnitt (Suhrkamp Verlag)
Doron Rabinovici: "Ohnehin", Coverausschnitt (Suhrkamp Verlag)

Das Wort "ohnehin" ist ein schönes Wort, weil es verweist auf eine gewisse Beliebigkeit als Grundstimmung jener Jahre in dieser Generation, und es verweist für mich auch auf eine gewisse Ortslosigkeit, etwas, was sicherlich zu tun hat mit einem Markt, etwas, was sicherlich auch zu tun hat mit den Bedingungen von Weltmarkt in unserer Zeit, und etwas, was zu tun hat damit, daß eigentlich wir alle - seien es Juden oder Arbeitsmigranten oder nicht - in einer Art von Diaspora heute leben.

Ein "Markt", nämlich der berühmte Wiener Naschmarkt, "Juden" und "Arbeitsmigranten" spielen dementsprechend auch eine große Rolle in der Geschichte, deren Hauptfigur allerdings der Nichtjude Stefan Sandtner ist. Sandtner, Sohn eines österreichischen, sozialdemokratischen Verfassungsjuristen, arbeitet als junger Neurologe in einem Krankenhaus, als sich seine Kollegin und langjährige Lebensgefährtin Sonja von ihm trennt. In dieser schmerzlichen Situation wird Sandtner von einem ehemaligen Nachbarn, dem alten Paul Guttmann, kontaktiert; gleichzeitig lernt er in einer Gruppe von Schul- und Jugendfreunden die attraktive Kosovo-Albanerin und engagierte Videokünstlerin Flora Derna kennen, woraus sich zwei der wesentlichen Romanhandlungsstränge entwickeln.

Stefan verliebt sich in Flora, die offenbar ohne gültige Papiere, also als sogenannte "Illegale", in Österreich lebt. Und durch den Anruf Paul Guttmanns führt es den Neurologen in das Mehrfamilienhaus seiner Kindheit zurück. Dort lebt nach wie vor der mittlerweile fast achtzigjährige Arzt Herbert Kerber, nach dem Krieg Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Österreichs. Diesen trifft Stefan in einem Geisteszustand an, in dem Kerber darauf beharrt, sich im Jahr 1945 zu befinden und einräumt, ein "Nazi gewesen zu sein".

Kerbers Tochter und Sohn, den Ex-Nachbarskindern Bärbl und Hans, verspricht Sandtner, sich um den verwirrten, offensichtlich am Korsakow-Syndrom leidenden Vater zu kümmern. Doch Bärbl gerät ob der für sie neuen Enthüllungen über die Vergangenheit ihres Vaters, der allem Anschein nach als NS-Arzt auch mit Lager-Insassen ‚experimentiert’ haben muß, völlig außer sich. In absurder Maskerade - einmal als Hitler-Kombattantin, ein andermal als Agentin der Alliierten - beginnt sie ihren wehrlosen Vater, bis hin zur Gewalttätigkeit, zu verhören, um ihm ein Schuld- und Reuebekenntnis abzuringen. Dahingegen mahnt ihr Bruder - als Student einst maoistischer Aktivist, nun ein Ministerialbeamter auf steiler Karriereleiter -, der bereits vor Jahren von den Untaten seines Vaters gehört und deshalb mit ihm gebrochen hatte, zur Besonnenheit. Seiner Schwester erklärt er: "Der Krieg gegen Hitler ist vorbei, Bärbl. Vater ist ein Greis, und ich bin kein Student mehr. Es reicht."

Rund um und mit Kerbers Krankheitsverlauf sowie Stefans Liebesgeschichte mit Flora verwebt Doron Rabinovici zahlreiche weitere Erzählfäden. Der 1961 in Tel Aviv geborene und seit 1964 in Wien lebende Rabinovici, unter anderem Mitbegründer der "Demokratischen Offensive" gegen die Mitte-Rechts-Koalition in Österreich, ist, vor allem in seiner Wahlheimat, als politisch streitbarer Intellektueller bekannt. Als Autor wird er allgemeinhin - wie etwa auch sein Wiener Kollege Robert Schindel - der sogenannten "Zweiten Generation" zugerechnet, also jenen deutschsprachigen Schriftstellern jüdischer Herkunft, die nach der Shoah geboren wurden.

So nimmt es denn auch kein Wunder, daß sich in Rabinovicis neuem Roman viel um Gesinnung und Gesellschaftskritik dreht, sei es in Bezug auf Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Einwanderungs- und Asylpolitik, über das fragwürdige Verhalten von Schulmedizin und Kunstbetrieb bis hin zum gängigen Problem des Mobbings am Arbeitsplatz. Und selbstverständlich wird auch - wie schon in Robert Schindels vor längerer Zeit erschienenem Roman "Gebürtig" - das Verhältnis zwischen den Kindern der Opfer und den Kindern der Täter thematisiert. Über weite Strecken hat der Leser das Gefühl, daß hierbei zuviel "political correctness" im Spiel ist. Und auch etwas ganz anderes verschafft ihm bei fortschreitender Lektüre Unbehagen, nämlich die glatte, brav chronologisch voranschreitende, man möchte sagen, antiquierte Erzählweise - alles in allem ziemlich entfernt von der kompositorischen Komplexität und der grotesk-phantastischen Erzählwelt der Suche nach M., Rabinovicis vorletztem Roman:

Ich glaube, der entscheidende Grund ist, daß das Thema bei "Suche nach M." die Frage nach der Identität ist, und da versuche ich verschiedene Episoden nachzuzeichnen, und für jede Episode steht ein Mensch, ein Protagonist, eine Protagonistin; die Episode trägt den Namen dieser Person. Bei "Ohnehin" geht es eigentlich darum, mit den Protagonisten mitzugehen und deren Bewußtseinsfäden nachzuverfolgen. Und da war es wichtig, es durchzuziehen, d.h. das Thema macht die Struktur.

Dass die gewählte Erzählform erst gegen Ende des Buches ihren eigentlichen Reiz offenbart, ist die eine Sache, eine andere, daß auch die Sprache des Romans stellenweise recht abgegriffen daherkommt, etwa wenn jemand "von einer Ausstellung zur nächsten dampft", 'sich übergibt und in die Klomuschel keucht', wenn eine "Espressomaschine faucht" oder ein Trennungsszenario in den Worten gipfelt: "Sie lagen noch einige Nächte nebeneinander, die Gesichter unter Tränen, die Liebe verschlammt".

Klischeehaft, holzschnittartig oder schlechtweg belehrend mögen auch einige längere Passagen wirken, und dennoch ist damit das letzte Wort über das Buch nicht gesprochen. Zweifellos operiert der Roman mit Meinungen und Gesinnungen, die er freilich auch steuert, aber dies weitgehend differenziert und dialektisch. Und, wie bereits angedeutet, im furiosen Schlußkapitel bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. Hans etwa entpuppt sich als potentieller Vatermörder, während Bärbl, die Unbarmherzige, letztendlich Herz beweist. Zumindest in Bezug auf Flora zeigt auch das menschliche Feingefühl des verliebten 'Philosemiten' Sandtner Risse und Grenzen.

Was bedeuten Schicksal, Ausgrenzung, Krieg, Liebe und Tod für den Einzelnen, wo liegt der Unterschied zwischen kleiner und großer Lüge, zwischen psychologischem Selbstbetrug und gezielter Täuschung der Anderen? Wie unterscheidet sich ein natürlicher Selbstschutz von Egoismus und mangelnder Zivilcourage? Wo hört Freundschaft und friedliche Ko-Existenz auf und beginnt Fremdheit und Feindschaft? Wie zuverlässig ist unsere Wahrnehmung und Deutung der Gegenwart? Was macht Erinnerung und Familiengedächtnis aus? Daß man der Beantwortung dieser Fragen offenbar nur über ständigen Perspektivenwechsel und wahrscheinlich unabschließbare Dialoge auf den Grund kommen kann, scheint mir die eigentliche Botschaft des Romans zu sein, der deshalb auch leitmotivisch mit Sentenzen spielt, die da lauten: "Einmal muß Schluß sein", "Du verstehst nicht", "Das ist Geschichte", "Es ist vorbei", "Es ist noch nicht vorbei". Unter diesen Vorzeichen ist Doron Rabinovicis Roman, der sich auf das österreichische Wahljahr 1995 konzentriert, ein sehr aktuelles Buch. Darüber hinaus ist es ebenfalls ein an vielen Stellen humorvolles und witziges Buch, auch das typisch für Doron Rabinovici:

Heute kaufte Guttmann bloß noch Lebensmittel, um für das Wochenende gerüstet zu sein. Er steuerte die Hütten jener Marktstandler an, die er seit Jahren kannte, die er mochte. Jede Anschaffung war ein fälliger Besuch bei Freunden. Beim Adalbert Müllner genehmigte er sich einen kleinen Imbiß. "Wie geht's?" grüßte ihn der alte Fleischer.
In einem Wort oder in zweien?" erwiderte er.

"Na, wenn's Ihnen reicht, mit einem."

"Gut."

"Und mit zwei Worten?"

"Nicht gut."


Doron Rabinovici
Ohnehin
Suhrkamp, 256 S., EUR 18,90

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk