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StartseiteBüchermarktVielschichtig, vielfarbig, vielstimmig16.02.2005

Vielschichtig, vielfarbig, vielstimmig

"Liebe" - der neue Roman von Toni Morrison

An einem schneidend kalten Tag steht das Mädchen mit den hohen Stiefeln und dem kurzen Rock vor der Tür des großen Hauses, in das sich zwei alte Damen zurückgezogen haben. Die eine residiert im Oberstock, die andere hat sich im Erdgeschoss neben der Küche ihre Zimmer eingerichtet. Sie haben viel Platz zwischen ihre Wohnbereiche gelegt. Das Mädchen muss viele, unbeleuchtete Treppenstufen hoch laufen.

Von Simone Hamm

Der militante Bürgerrechtler Malcom X: Vor dem Hintergrund der Rassenunruhen in den USA erzählt Toni Morrison ihren Roman (AP)
Der militante Bürgerrechtler Malcom X: Vor dem Hintergrund der Rassenunruhen in den USA erzählt Toni Morrison ihren Roman (AP)

Es kam ihr vor, als lebte jeder der beiden Frauen in einem eigenen Lichtkreis, der durch die dazwischen liegende Dunkelheit von dem anderen getrennt - oder mit ihm verbunden - war.

Die Frau aus dem Oberstock will die Geschichte ihrer Familie niederschreiben lassen. Die Frau neben der Küche beäugt sie argwöhnisch. Denn die Geschichte der einen ist auch die Geschichte der anderen.

"Liebe" heißt Toni Morrisons vielschichtiger, vielfarbiger, vielstimmiger Roman. Wie ein Puzzle ist er angelegt. Sie erzählt nicht chronologisch. Sie springt zwischen den Jahrzehnten hin und her. Erst langsam erhellen sich dem Leser die Geschehnisse in der kleinen Stadt Silk. Es sind vor allem Frauen, die erzählen. Eine jede erzählt aus einer anderen Perspektive von ein und demselben Mann, der ihrer aller Leben bestimmte: von William Cosey, dem schwarzen Lebemann, der ein Hotel aufgebaut hat und es bis zum Millionär brachte.

Jedes Kapitel beleuchtet ihn von einer anderen Seite, jede Überschrift ist ihm gewidmet. Als "Das Portrait", in Öl gemalt erscheint Cosey dem Mädchen in den langen Stiefeln und dem kurzen Rock ("so kurz wie eine Unterhose - aber ohne Unterhose"). Für jeden seiner Bewunderer ist Cosey ein anderer. Er ist der Freund, Fremde, der Wohltäter, der Geliebte, der Ehemann, der Wächter, der Vater, das Phantom.

Toni Morrison schildert seinen Aufstieg. Den Niedergang des Hotels hat er nicht mehr erlebt. Aber schon an seinem Grab gab es kein Leugnen mehr. Die beiden Frauen, die später gemeinsam im selben Haus wohnen werden, gehen aufeinander los:

Wie sie dastanden, die eine rechts und die andere links von Bill Coseys Sarg, sahen ihre Gesichter, die so verschieden waren wie Honig und Ruß, vollkommen gleich aus. Es ist der Hass, der das macht. Der alles weg ätzt, bis nur er selbst übrig bleibt, so dass dein Gesicht, was immer dein Groll sein mag, schließlich so aussieht wie das deines Feindes.

Soviel Hass kann eigentlich nur aus Liebe, aus verzweifelter, tiefer, enttäuschter Liebe geboren sein. Christine ist die Enkelin von Bill Cosey, die das Hotel, die Stadt als Kind verlassen musste, ins Internat kam, zur Streunerin wurde, die mit zwei Koffern ging und fast dreißig Jahre später, nach anderen enttäuschten Lieben, mit einer Wal Mart-Tüte zurückkehrte.

Heed ist Bill Coseys zweite Frau, die er zu sich nahm, als sie ganze elf Jahre war. Elf Jahre war sie - und Christines beste Freundin.

Wenn solche Kinder sich finden, noch ehe sie wissen, zu welchem Geschlecht sie gehören oder welches von ihnen hungrig oder welches wohlgenährt ist; noch ehe sie Hautfarbe von fehlender Farbe, den Verwandten vom Fremden unterscheiden können, dann haben sie ein Gemenge von Selbstaufgabe und Aufsässigkeit gefunden, ohne das sie nie mehr sein können. Heed und Christine machten diesen Fund.

Es ist ein Mann, der diese Liebe zerstört, ein 52-jähriger Mann, der eine elfjährige aus den Slums zu sich in das feine Hotel holt und sie bald anderen Frauen, seiner Schwiegertochter, seiner Enkelin vorzieht. Erst angesichts des Todes werden Heed und Christine wieder zueinander finden.

Toni Morrison erzählt die Geschichte der großen Liebe zweier Kinder vor dem Hintergrund von sechzig Jahren amerikanischer Geschichte, blutiger amerikanischer Geschichte: Rassentrennung, Rassenunruhen, Aufstände, Morde, Vergewaltigungen.

Sie hat eine Erzählerin eingefügt, die sich einmischt in die Stories der anderen, die sie immer wieder unterbricht: die längst verstorbene L., die Hotelköchin, die alles gesehen hat, erhebt raunend ihre Stimme. L. ist Trägerin der Botschaft, die Toni Morrison übermitteln möchte:

Es beruhigt, sich alle Schwarzen als bettelarm vorzustellen und diejenigen, die es nicht waren, die gutes Geld verdienten und zusammenhielten, als eine art peinliches Wunder zu betrachten.
Die Weißen liebten diese Vorstellung, weil Schwarze mit Geld und Verstand sie nervös machten. Die Farbigen liebten sie, weil sie damals der Armut vertrauten, sie für eine Tugend und ein verlässliches Zeichen von Ehrlichkeit hielten.


Toni Morrisons "Liebe" ist kein Roman, den man leicht herunterlesen kann - dafür ist er zu komplex strukturiert, dazu ergeht sie sich allzu oft in Andeutungen, setzt sie beim Leser eine genaue Kenntnis der jüngsten amerikanischen Geschichte voraus. Er ist intelligent geschrieben, dazu mit großer sprachlicher Gewalt, kurz: er ist eine Herausforderung, für jeden Leser, der beim Lesen auch seinen Verstand gebrauchen will. Das Herz rührt Toni Morrison ohnehin an.

Denn obwohl "Liebe" mit einer Katastrophe endet, klingt so etwas wie Hoffnung an in L.s letztem Monolog, ihrer großen Beichte. Niemand, so hatte L. in einem anderen Kapitel erklärt, kenne noch ihren wirklichen Namen. Jetzt erinnert sie die Leser daran, dass jemand, der einen Namen trüge, der der Gegenstand des ersten Korintherbriefes, Kapitel 13, sei, die Liebe wohl verstehen müsse. Die der kleinen Mädchen und jede andere auch.

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