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Vielstimmig stimmig

Eine Bilanz des Musikfestivals "Warschauer Herbstes"

Von Elisabeth Richter

Die polnische Komponistin und Rihm-Schülerin Jagoda Szmytka
Die polnische Komponistin und Rihm-Schülerin Jagoda Szmytka (Sophie Linnenbaum / Warschauer Herbst)

Von klassischer Besetzung, über Elektronik bis zu absurdem Theater: Tadeusz Wielecki, Leiter des Festivals für zeitgenössische Musik "Warschauer Herbst", hat in diesem Jahr ein stilistisch ungeheuer breites Spektrum aufgeboten.

Zuerst ist man sich nicht ganz sicher, ob das schon der Anfang des Stückes ist. Die Musiker kommen irgendwie ungeordnet auf die Bühne, und stimmen ihre Instrumente, aber einen gemeinsamen, einen reinen Ton "a" finden sie nicht.

"Für mich als Komponistin ist "Berühren durch Musik" eine Hauptkategorie. Ich arbeite auch viel mit Gesten. Und wenn man an taube Menschen denkt, so erfahren sie Klang durch Berührung. Da ist eine Verbindung."

"Happy deaf people", glückliche taube Menschen, so nannte die junge polnische Komponistin Jagoda Szmytka, die unter anderem bei Wolfgang Rihm studierte, ihr Werk für Kammerensemble und elektronische Klänge. Es ist eine Art instrumentales Theater, das von Verstehen und Nicht-Verstehen erzählt. An anderer Stelle wird auf Deutsch, Polnisch, Englisch gleichzeitig gesprochen. Oder: Jeder Musiker läuft mit einem Dictaphon, Smartphone oder anderem Gerät herum, abgeschottet vom Anderen, ohne Kommunikation. Und eine Cellistin erzählt auf "Schwizerdütsch" von einer gescheiterten Liebe.

"Warschauer Herbst – mit einer Stimme". Das diesjährige Festival-Motto lässt die unterschiedlichsten Assoziationen zu: Zum einen die Stimme, die Musik, die eine Botschaft vermittelt, zum anderen – ganz klassisch – die Stimme, die singt. In Warschau etwa zu hören bei Beat Furrers "Canti notturni" auf Worte von Carlo Emilio Gadda, György Kurtags "Vier Capricci" oder Oscar Strasnoys "Geschichte" nach dem gleichnamigem Theaterstück Witold Gombrowicz. Das ist eine kleine "A cappella-Oper", die gesanglich und darstellerisch fantastisch von den Neuen Vokalsolisten Stuttgart geboten wurde.

"Jede künstlerische Äußerung ist ein Akt des 'Sich Ausdrückens'. Auch die sogenannte 'absolute Musik'. Wir wollten untersuchen, mit welchen Mitteln die verschiedensten Bedeutungen musikalisch umgesetzt werden. Ob mit und ohne Text, gesungen, gesprochen, mit theatralischen Aktionen, Bildern, Bewegung, mit technischen Mitteln – mit diesen Elementen präsentieren die Komponisten ihre 'sprechende' Musik."

Festivaldirektor Tadeusz Wielecki hat mit seinem aus zehn Komponisten und Musikwissenschaftlern bestehenden Programmkomitee ein stilistisch ungeheuer breites Spektrum geboten, mit klassisch besetzten Werken, mit Elektronik, virtuosen Videoprojektionen, absurden und weniger absurden theatralischen Aktionen, wie etwa "Luna Park" von Georges Aperghis, wo vier Künstler in vier parallel auf der Bühne stehenden Käfigen sich selbst und die jeweils anderen über Monitore und Kameras beobachten, zwar virtuell zusammen kommen, aber dennoch einsam bleiben.

Natürlich war auch das eine oder andere schwächere Werk darunter, wie der fast lächerlich infantile Obertongesang des amerikanischen Komponisten Ken Ueno. Dennoch überzeugte auch in diesem Jahr beim Warschauer Herbst, wie Traditionslinien aufgezeigt werden. Vor 100 Jahren wurde Schönbergs "Pierrot Lunaire" uraufgeführt, ein Klassiker des Expressionismus und des damals innovativen Umgangs mit Text, insofern ein wichtiges Werk für das Festivalmotto des diesjährigen Warschauer Herbstes " ... mit einer Stimme".

Der junge polnische Komponist Maciej Jablonski schrieb für die gleiche Instrumentalbesetzung wie bei Schönberg eine Art karikaturistisch-absurden Kommentar zum Original, das im selben Konzert erklang. Ein interessanter Kontrast, der allerdings zugunsten des Originals ausging.

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