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StartseiteBüchermarktVier Frauen im Kampf gegen die Wildnis05.07.2010

Vier Frauen im Kampf gegen die Wildnis

Toni Morrison: "Gnade", Rowohlt Verlag

Was tut man als Sklavin, wenn der Gutsherr stirbt und man mit der Farm allein dasteht? Und vor allem: Was macht man mit der erlangten Freiheit? Toni Morrison gehört zu den wichtigsten afroamerikanischen Autorinnen. 1993 erhielt sie den Literaturnobelpreis für ihr Gesamtwerk.

Von Simone Hamm

Toni Morrison: "Gnade". Rowohlt (Rowohlt)
Toni Morrison: "Gnade". Rowohlt (Rowohlt)

"Hab keine Angst. Was ich erzähle, kann dir nicht weh tun."

So beginnt Toni Morrisons Roman "Gnade". Amerika , Ende des 17. Jahrhunderts: die Europäer besiedeln die amerikanische Ostküste – gewaltsam. Sie unterjochen die Indianer, lassen sich schwarze Sklaven kommen.

Der anglo – holländischer Händler Jacob Vaark weiß, was Armut und Leid bedeuten. Er ist im Waisenhaus aufgewachsen, bevor er in der neuen Heimat einen Anfang wagen wollte. Dort hat er ein Stück Land geerbt. Mit Sklavenhandel möchte er nichts zu tun haben.

Als ihm ein portugiesischer Schuldner statt Geld eine Sklavin anbietet, ist er empört. Dann aber merkt er, dass es sonst nichts zu holen gibt und willigt ein. Die Sklavin, die er sich ausgeguckt hat, will nicht mit ihm gehen.

"Nehmt das Mädchen",

sagt sie. Und Vaark nimmt ihre Tochter mit, die gerade achtjährige Florens. Jacob Vaark, einst Waisenkind, nimmt einer Mutter ihr Kind.Doch was so grausam und herzlos erscheint, erweist sich im Laufe des Romans als die kluge Voraussicht einer Mutter, die das beste für ihre Tochter will und sei es auch um den Preis der Trennung. Sie sieht, dass Vaark kein schlechter Mann ist. Spürt, dass er in Florens ein Menschenkind sieht, keine spanische Münze. Sie weiß, dass sie ihre Tochter früher oder später dem gierigen Portugiesen hätte überlassen müssen, ihre verspielte Tochter, die es liebt, in den ausgetretenen Schuhen ihrer weißen Herrin zu gehen.

"Als Kind konnte ich es nicht ertragen, barfuß zu gehen und immer bettelte ich um Schuhe. Daher kommt es, dass meine Füße nichts taugen, dass sie immer zu zart sein werden fürs Leben und nie die starken Sohlen haben werden, zäher als Leder, die das Leben verlangt."

Florens aber wird sich Zeit ihres Lebens verstoßen fühlen. Sie ist nicht die erste Waise, die Vaark aufnimmt. Als eine Schiffbrüchige am Ufer gefunden wurde, holte er sie zu sich. Niemand will sie, denn sie scheint wahnsinnig zu sein. Sie nennt sich Sorrow. Zuerst aber ist Lina ins Haus gekommen, ein Indianermädchen, aus einem Dorf, in dem alle anderen an den Pocken starben. Lina wird zur Stütze von Vaarks Frau Rebecaa, fast freundschaftlich begegnen die beiden sich. Auch seine Frau hatte Vaark einst gerettet. Alle vier Frauen auf der Farm leben von seiner Gnade.

Seine Frau Rebecca war ihm aus England geschickt worden, eine Sechzehnjährige aus armer Familie, die außer auszuwandern nur zwei andere Möglichkeiten gehabt hätte: eine Dienstmagd oder eine Dirne zu werden.

Die Farm liegt abgeschieden von allem. Die Frauen haben mit niemandem zu tun, nicht mit den bigotten Baptisten, schon gar nicht mit den überheblichen Sklavenhaltern.

Aus der Perspektive dieser vier Frauen, erzählt Toni Morrison. In personaler Form, doch die Hauptfigur Florens und ihre Mutter erzählen in Ich–Form. Toni Morrison schreibt von Grausamkeiten, Verlusten, Kaltblütigkeit in schnörkellosen Sätzen, kurz und knapp. Kein Satz ist zu lang, kein Wort zu viel. Sie springt hin und her zwischen den Erzählerinnen. Sie fordert vom Leser höchste Aufmerksamkeit. Florens erzählt, dann wieder deren Mutter, dann schlüpft Morrison in die Haut der gekauften Braut Rebecca und schildert deren Überfahrt nach Amerika.

Zunächst kommt Rebecca gut klar mit ihrem Leben in der neuen Heimat. Es ist anstrengend und entbehrungsreich, ihr Mann ist als Händler oft unterwegs, doch sie hat sich mit den Frauen eingerichtet. Aber als alle ihre Kinder sterben, erst die Söhne, Babys noch, dann ihre kleine Tochter, wird sie schwermütig. Und einsam.

"Irgendwann, war die ungezähmte Weite, sie sie einst so aufregend gefunden hatte, zu einer großen Leere geworden, einer beherrschenden und bedrückenden Abwesenheit. Sie lernte die Wirrungen der Einsamkeit kennen: Das Furchterregende von Farben, das Schreien der Stille, das Bedrohliche alltäglicher Gegenstände, die niemand berührte."

Vaark hatte geglaubt, die kleine Florens könne sie ein wenig aufmuntern. Aber da ist Rebecca ihm längst entglitten. Doch auch er ändert sich, bleibt sich selbst und seinen Grundsätzen nicht treu.

Auf seiner Farm leben und arbeiten Schwarze wie Weiße. Das Leben ist zu hart, die Arbeit zu schwer, als dass man es sich leisten könnte, dünkelhaft zu sein.

Immer hat er Sklaverei abgelehnt. Und dann handelt er doch mit einem Zuckerrohrhändler. Und fragt nicht, wer denn das Zuckerrohr erntet. Und weiß doch genau, wie gnadenlos die Sklaven ausgebeutet werden in den Zuckerrohrfeldern. Das ist der Sündenfall. Auch der Gütigste, so deutet Morrison an, wird in einer harten Welt nicht gütig bleiben. Wird schuldig werden. Vaark wird gierig. Er will sich ein prächtiges Haus bauen mit einem schmiedeeisernen Tor. Niemand wird je in dieses Haus einziehen. Vaarks Leiche wird dort aufgebahrt werden. Die Frauen wissen nicht, wie es ohne ihn weitergehen soll.

Florens bleibt wild und ungestüm. Sie ist am ehesten frei von Konventionen, frei von Angst. Doch sie ist Gefangene ihrer Leidenschaft. Einer Leidenschaft für den Schmied, einen freien Schwarzen, der von Farm zu Farm zieht. Er schickt sie fort, als sie ihm folgt:

"Warum?" - " Weil du eine Sklavin bist." - "Was bin ich?" - "Du hast es gehört." - "Der Sir hat mich dazu gemacht." - "Um ihn geht es nicht." - "Um wen dann?" - "Um dich." - "Ich verstehe es nicht. Ich bin eine Sklavin, weil der Sir mich gekauft hat." - "Nein. Du bist erst eine geworden." - "Wie das?" - "Dein Kopf ist leer und dein Leib ist wild." - "Ich bete dich an." - "Auch das macht dich zur Sklavin." - "Ich gehöre nur dir." - "Du musst dir selbst gehören Weib."

Das ist, in kurzen knappen Sätzen das Credo der Toni Morrison. Eine Frau solle sich selbst gehören. Niemand darf die Herrschaft über sich selbst verlieren und sie einem anderen zugestehen. Ein freier Mensch kann unfreier sein als der geknechtetste Sklave. Ein Sklave kann sich eine Art von Freiheit erhalten.

Nachts schleicht sich Florens in das prächtige Haus, das immer leer stehen wird. Einst hatte ein katholischer Priester sie heimlich lesen und schreiben gelehrt. Und so schreibt sie, schreibt ihre Geschichte, kratzt sie mit einem Nagel in die weißen Wände.

"Der eine ist ein Löwe in der Haut eines Esels. Der andere ist ein Esel in der Haut des Löwen. Es ist das innerliche Verdorren, das zum Sklaven macht und das Tor öffnet für das, was wild ist...Was werde ich in meinen Nächten machen, wenn das Erzählen aufhört."

Florens hat ihr Leben reflektiert, hat sich frei geschrieben..
Toni Morrison gilt als das politische Gewissen Amerikas, als die Stimme der Gerechtigkeit, als bisweilen überaus politisch korrekt. Vor allem aber ist sie Schriftstellerin. Eine Schriftstellerin, die packend schreibt, die ihre Figuren zeigt in ihrer Gesamtheit, in all ihren Facetten, in ihrer Hilflosigkeit, ihren Ängsten, in ihrer Trauer, aber auch in ihrer Hoffnung. Der Hoffnung auf ein besseres Leben, ein Leben in Freiheit.

Toni Morrison: "Gnade" Deutsch von Thomas Piltz, Rowohlt Verlag, Reinbeck 2010, 218 Seiten. 18.95 Euro

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