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StartseiteDie neue PlatteAnatolien in musikalischen Bildern14.04.2017

Vier-Städte-TripAnatolien in musikalischen Bildern

Der türkische Komponist und Pianist Fazil Say wird für seine Leidenschaftlichkeit geliebt, gleich ob er Mozart, Beethoven oder eigene Werke spielt. Zusammen mit dem Cellisten Nicolas Altstaedt hat er nun die CD "Four Cities" aufgenommen. Der Radius der "Vier Städte" in Anatolien reicht aber weit über den geografischen Rahmen hinaus.

Von Johannes Jansen

Der Komponist und Pianist Fazıl Say (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Der Komponist und Pianist Fazıl Say (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
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Am Mikrofon Der Cellist Nicolas Altstaedt

Fazil Say, Ankara (aus "Four Cities")

Der perkussive Einsatz des Klaviers mit den von Hand gedämpften Saiten ist mehr als nur ein Stilmittel im Schaffen des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say. Mal zart und geheimnisvoll, mal aggressiv und laut, ist der Baglama-Sound eine Klangchiffre für das Land, das er liebt und in dem er sich zu Hause fühlt, obwohl ihm mancherlei das Leben dort versauert. Als Sympathisant der Bürgerbewegung und Kolumnist der Oppositionszeitung "Cumhuriyet" ist Say politischen Anfeindungen ausgesetzt; wegen angeblicher Verunglimpfung religiöser Werte hat man ihn sogar vor Gericht gezerrt.

Aber fast noch mehr peinigt ihn der Verfall der heimischen Musikkultur im seichten Strom des Arabeske-Pop, dem man sich praktisch nirgendwo entziehen kann. Er selbst komponiert beharrlich dagegen an und weiß eine starke Anhängerschaft hinter sich. Aber der offizielle Rückhalt schwindet. Aufführungen seiner Werke kommen in der Türkei immer seltener zustande. Er könnte es sich leichter machen. Doch für klassisch veredelte Belanglosigkeiten ist er nicht zu haben. Say eckt an, bekennt sich zu unliebsam gewordenen Dichtern und verschafft in Werken wie "Gezi Park" den Protestierern international Gehör.

Im Westen liebt man ihn für seine Leidenschaftlichkeit, gleich ob er Mozart, Beethoven oder eigene Werke spielt. Ästhetische Vorbehalte gegen Programmmusik mit politischer Botschaft lassen ihn genauso unbekümmert wie Fragen der Einordnung seiner Werke zwischen Klassik, Jazz und Pop. Auch bei "Four Cities" fiele eine Abgrenzung schwer. Auf jeden Fall ist es Musik mit unverwechselbarer Klang-Handschrift und enormer Suggestivkraft. Der Cellist Nicolas Altstaedt war schon vor fünf Jahren an der Uraufführung der als Auftragswerk der BBC entstandenen Stücke beteiligt und entdeckte dabei ganz neue Seiten an seinem Instrument. Im bereits angespielten "Ankara" tauscht das Cello wiederholt die Rollen mit dem als Schlagzeug verwendeten Klavier, in "Hopa" geriert es sich als Fiedel und in "Sivas", der ersten Etappe dieser sentimental journey durch Fazil Says Heimatregion, als Zwitterwesen aus Laute und Flöte.

Fazil Say, Sivas (aus "Four Cities")

Der musikalische Radius der "Vier Städte" in Anatolien reicht weit über den geografischen Raum hinaus, am deutlichsten im jazzigen "Bodrum", das Say als feuchtfröhlichen Zug durch die Gemeinde mit krachendem Ende inszeniert. Der stilistische Abstand zum übrigen Programm der CD ist geringer, als es die Entstehungszeit vermuten lässt. Es sind moderne Klassiker des Repertoires für Violoncello und Klavier. Die Sonate, op. 40 von Dmitri Schostakowitsch als jüngstes der drei Werke trennen von "Bodrum" immerhin achtzig Jahre. Aber zieht man zum Vergleich nur das burleske Finale heran, könnten die beiden Geschwister sein.

Der auftrumpfende Gestus der Interpretation überzeugt nicht in allen Fällen. Selbstgenuss der Virtuosität überwiegt zuweilen die Hingabe ans Detail und lässt weniger bewegte Stellen wirken, als dienten sie nur der Vorbereitung aufs jeweils nächste Klanggewitter. Wo aber solche Steigerungsmöglichkeiten fehlen, wie etwa im Largo oder auch im Schlussteil des Kopfsatzes der Schostakowitsch-Sonate, läuft die vorwärtsdrängende Expressivität ins Leere. Restlos überzeugend gelingen rasche Sätze wie das Scherzo. Auch wenn es an Ungestüm Schostakowitschs eigene Vorstellungen übertrifft, bleiben Präzision und Tonschönheit nicht auf der Strecke, allerdings mit kleinen Abstrichen beim Klavier wegen des – offenbar intonationsbedingt – ein wenig stumpfen Klanges.

Dmitri Schostakowitsch, Allegro (2. Satz aus der Sonate, op. 40)

Mehr am Klavier als am Cello liegt es auch, dass sich der Märchenton in Leoš Janáčeks "Pohádka" nicht recht entfalten will. Dankenswerterweise aber reichen Say und Altstaedt ein kleines, wildes Presto als Bonbon dazu. Es ist zwar in keine der bekannten Fassungen der zwischenzeitlich viersätzigen und dann wieder dreisätzigen "Erzählung" eingegangen, aber dass es im selben Konvolut wie das Ursprungsmanuskript überliefert ist, spricht für seine Zugehörigkeit.

Leoš Janáček, Presto (aus "Pohádka")

Das kürzeste, konzentrierteste und in der Zusammenschau wohl auch bedeutendste Werk auf der CD ist die d-Moll-Sonate von Claude Debussy. Sie liegt in unzähligen Einspielungen vor, doch nur die besten davon kommen für einen Vergleich mit dieser Aufnahme in Frage. Großartig gelingen schon die Eingangstakte im Stil eines barocken Entrées.

Claude Debussy, Prologue (1. Satz der d-Moll-Sonate)

Ohne ironische Übertreibung vollführt Nicolas Altstaedt seine Reverenz mit Kratzfuß und Federhut. Fazil Say, sosehr er sonst dazu neigt, bei dynamischen Anweisungen vom jeweiligen Maximum auszugehen, stimmt sich darauf ein und wahrt auch in den Folgesätzen einen recht eleganten Ton. Wo das Finale andere Interpreten zur Rekordjagd animiert, bleiben die beiden gelassen, gemäß der Maxime, dass Musik – und besonders französische – niemals schwitzen sollte. Und so erreicht die gewiss anstrengende Städtereise ihren Höhepunkt letzten Endes in Paris. Ganz entspannt.

Claude Debussy, Final (3. Satz der d-Moll-Sonate)

CD-Infos:
Fazil Say / Nicolas Altstaedt: Four Cities
Warner Classics

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