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Vinyl wird wieder gekauft

Britische Plattenläden boomen wieder

Von Amy Zayed

Sind die Plattenläden in England nun nicht mehr bedroht?
Sind die Plattenläden in England nun nicht mehr bedroht? (Stock.XCHNG / Dave Dyet)

Die Absatzzahlen für Musik in Vinylform sind in diesem Jahr massiv gestiegen. Einer der Gründe könnte neben der allgemeinen Retromode eine viel beachtete Dokumentation über die Bedeutung von Plattenläden sein: "Last Shop Standing" erschien erst als Buch und wurde inzwischen erfolgreich verfilmt.

Ganz versteckt in einer Ecke der großen Einkaufsstraße in Manchester steht der kleine Plattenladen "Vinyl revival". Mittlerweile nicht nur von Einheimischen gut besucht, sondern auch von Touristen aus aller Welt, die dort hinpilgern, um Raritäten zu ergattern. Colin White besitzt ihn schon seit 15 Jahren. Nicht größer als ein Fahrradschuppen, und vollgestopft mit Platten, CDs, T-Shirts, Postern und Tassen. Colin White ist stolz auf seinen kleinen Laden, auch wenn er vor ein paar Jahren schon fast vor der Schließung stand.

"Die Platten allein bringen mir kein Geld ein. Daher hab ich schon immer T-Shirts, Poster und andere Artikel verkauft. Aber dafür sind Plattenläden auch da, um neue Popkultur kennenzulernen. Aber manchmal mache ich mir Sorgen, was passieren würde, wenn niemand mehr Platten kauft, sondern nur noch ins Netz geht."

Craig Gill ist Schlagzeuger der Manchester Kultband Inspiral Carpets. Für ihn hat der Laden eine ganz besondere Bedeutung.

"Colin und ich kennen uns schon sehr lange. Als Teenager hab ich hier gearbeitet, wenn ich mal mehr Taschengeld brauchte. Aber der Laden hat auch meinen Horizont erweitert, meine Einstellung zu Popkultur geprägt. Denn hier konnte ich Platten hören, die ich sonst nicht kannte. Es war wie eine Art Schatzkiste der Offenbarung. Nicht nur wegen der Musik, sondern auch weil es hier wirklich wie in einem Tempel der Popkultur aussieht."

Der Laden ist vollgehängt mit alten Flyern, Postern aus den 80ern von Factory Records, alte Joy Division Originalpressungen lehnen an einer vollgestopften Regalwand."

Doch bis vor etwa einem Jahr schien es, als ob viele dieser Kleinode schließen müssten. Dabei hatten laut Branchenangaben zwischen 2003 und 2010 ohnehin schon mehr als die Hälfte aller Plattenläden in Großbritannien aufgegeben.

Graham Jones besitzt einen kleinen Labelvertrieb und wollte dem Ladensterben nicht länger zusehen. Er beschloss ein Buch darüber zu schreiben und interviewte dafür 50 Besitzer. So entstand "Last Shop Standing".

"Ich hatte Angst um diese Läden. Denn sie machen unsere Popkultur aus. Aber irgendwann fand ich heraus, dass das Internet den Läden nicht unbedingt schadet, sondern hilft. Die Leute hören irgendwas im Netz und kommen dann in die Läden, um mehr über die Musik zu erfahren. Was wir sowohl im Buch, als auch jetzt im Film verdeutlichen wollen, ist, wie wichtig Plattenläden für unsere Popkultur sind, und immer schon waren! Vor allem für die Lokalszene. Denn die Jungs von nebenan hört man nicht im Netz. Sondern im Plattenladen."

Für den Film holte sich Regisseur Pip Piper nicht nur Unterstützung von Ladenbesitzern, sondern auch von Künstlern, die sich in solchen Geschäften inspirieren ließen.

"Ich habe Künstler wie Paul Weller oder Johnny Marr nur deshalb reingenommen, weil ich zeigen wollte, dass sie erfolgreich gewesen wären, ohne dieses Austauschforum, ohne die Plattenläden."
In so einem bekam auch Ex-New order Bassist Peter Hook seinen ersten Job als Teenager. Die Arbeit dort brachte ihn überhaupt erst auf die Idee, Musiker zu werden.

"Ich liebe Schallplatten. Die Wärme des Klangs, sogar das Gekratze. Sie erinnern mich an früher, und ich rate jedem jungen DJ, bloß nicht nur CDs und MP3 zu nutzen. Aber vor allem geht's in den Läden darum, Gleichgesinnte zu treffen, die genau so besessen von Musik sind, wie ich."

Einer der bekanntesten Talentschnüffler der britischen Popgeschichte ist BBC-Moderator John Peel, der 2004 verstarb. Wann immer er in einer Stadt war, die er nicht kannte, suchte er zuerst nach dem örtlichen Plattenladen. Seine langjährige Redakteurin Louise Kattenhorn nahm er oft mit.

"Es war Tradition, dass wir jeden Mitwoch die Londoner Läden abklapperten. Erst kamen die großen dran, dann die Indieläden. Wir haben uns dort Stunden aufgehalten, und irgendwann ist daraus ein Teeklatsch geworden, und die Besitzer spielten uns ganz viel neue Sachen vor, die sie irgendwo ausgegraben hatten. John freundete sich mit ihnen an, und bald wussten sie, worauf er stand."

Als Peel bei einer Reise nach Holland eine Importsingle aus Amerika entdeckte, fiel ihm zu allererst das rot-weiß-gemusterte Cover auf, dass ihn an das Fußballteam erinnerte, dass er anfeuerte. Den FC Liverpool. Als ihm die Musik dann auch noch gefiel, beschloss er prompt, die Band zu sich nach Suffolk ins Studio einzuladen, und spielte die Single fast in jeder Sendung.

Die Rede ist von den White Stripes, die mittlerweile auf jedem Mainstreamsender laufen.
Die Propaganda von Künstlern, Autoren, Radiosendern und nicht zuletzt des Films zeigt in England Wirkung. Dieses Jahr sind die Vinylverkäufe um 40 Prozent gestiegen. Die Briten werden sich langsam bewusst, dass Popkultur ein Teil ihrer Geschichte ist. Graham Jones findet allerdings, dass das noch lange nicht alles ist.

"Wir haben Glück, bei uns hat uns Popkultur einen ganz anderen Stellenwert hat als anderswo. Aber ich mache mir Sorgen um den Rest von Europa. Deutschland zum Beispiel ist ein Land, in dem man gerne Musik kauft und hört. Trotzdem gibt's nicht so viele Plattenläden wie bei uns. Das muss sich ändern! Als Vertriebsinhaber will ich alles dafür tun. Sonst stirbt dort die Popkultur aus."

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