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StartseiteComputer und KommunikationVirtuelle Münze für mehr Gerechtigkeit30.04.2011

Virtuelle Münze für mehr Gerechtigkeit

Chaos Computer Club präsentiert das Modell der Kulturwertmark

Internet.- Die Idee der Kulturflatrate scheiterte. Nach jenem Modell sollte jeder Internetnutzer einen Obolus zahlen, mit dem Urheber digitaler Kunstwerke wie Filme oder Songs entlohnt werden. Nun kommt der Chaos Computer Club mit einer neuen Idee: Die Kulturwertmark soll für gerechte Vergütung im Internet sorgen.

Von Jan Rähm

Gerechtere Entlohnung und bessere Verwertung sind zwei der Aspekte, die der Chaos Computer Club in seinem Konzept berücksichtigen will.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Gerechtere Entlohnung und bessere Verwertung sind zwei der Aspekte, die der Chaos Computer Club in seinem Konzept berücksichtigen will. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Wir wissen verhältnismäßig genau, was freiberufliche Künstlerinnen und Künstler verdienen. Und im Durchschnitt verdienen die Künstler im Jahr ungefähr knapp 13.000 Euro. Das heißt, das sind ein bisschen mehr als 1000 Euro im Monat."

Viel verdient das Gros der Künstler in Deutschland nicht. So kann man die Aussage von Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat zusammenfassen. Gerechtere Entlohnung und bessere Verwertung sind zwei der Aspekte, die der Chaos Computer Club in seinem Konzept der Kulturwertmark berücksichtigen wollte. Mehr noch geht es ihm aber darum, den Umgang mit kulturellen Gütern, insbesondere Kunstwerke wie Bilder, Filme Musik und Texte, an die Realität der digitalen Welt anzupassen.

"Wir brauchen neuen Idee für die digitale Zeit. Und wir müssen natürlich auch zusammen verhindern, dass diese weitere Kriminalisierung von Filesharern so fortgesetzt wird. Und gleichzeitig wollen wir die digitale Allmende vergrößern",

beschreibt Constanze Kurz das Konzept. Sie ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs. Ihr Mitstreiter Frank Rieger präzisiert.

"Im Kern ist es eine Weiterentwicklung der Kulturflatrate. Wir erweitern dieses Konzept darum, dass wir eine elektronische Micro-Payment-Währung einführen. Man bekommt dann für das, was man in die Kulturflatrate einzahlt, in Form einer elektronischen Micro-Payment-Währung zurück und kann sie dann an einen Künstler seiner Wahl vergeben und als Ausgleich dafür, dass eben dadurch ein quasi garantierter Markt für Kunst und Kultur entsteht."

Immer wenn einem etwas gefällt, gibt man ein oder zwei dieser digitalen Münzen an den Künstler. Der bekommt dann einen Gegenwert in echtem Geld. Mit der neuen Art der Entlohnung geht aber auch die Forderung an umfangreiche Änderungen an den Urheberrechtsbestimmungen einher. Die Kulturwertmark soll einen einfacheren Zugang von Nutzern zu Werken ermöglichen. Zudem sollen die Werke nach einer gewissen Zeit ganz in den Besitz der Allgemeinheit übergehen. Der Deutsche Kulturrat begrüßt grundsätzlich den Vorstoß der Kulturwertmark. Olaf Zimmermann sagt

"Also erstmal generell wäre das positiv. Das große Problem ist, glaube ich, bei der Verwertung im Internet, nicht die Frage, dass es wünschenswert wäre, dass man das organisieren würde, sondern es ist wirklich die Frage wie man das organisiert. Und bisher hat noch keiner den Stein des Weisen gefunden, wie man das so organisieren kann, dass nicht die Interessen letztendlich fundamental gegeneinander laufen."

Stein des Anstoßes wird der Aspekt der Gemeinfreiheit werden.

"Wir reden dort über eine Enteignung von Künstlern. Das ist erst mal noch keine moralische Kategorie. Weil wenn diese Enteignung mit einer vernünftigen Entlohnung einhergeht, kann man ja vielleicht sich damit sogar anfreunden. Aber ein Automatismus, also ich melde mich quasi bei diesem System an. Für fünf Jahre habe ich mein Werk ins Internet gestellt. Habe in diesen fünf Jahren so gut wie keine Verwertung erlabt. Das Werk wird gemeinfrei und im sechsten Jahr wird es der große Renner und kann dann quasi weltweit verbreitet werden, ohne dass ich davon auch nur einen Euro abbekomme, finde ich nicht besonders gerecht."

Dem widerspricht Constanze Kurz.

"Die kommerzielle Verwertung kann auch nach Ende oder nach Überschreiten des Schwellwertes weitergehen, aber die Wissenschaft, die Forschung, wir alle können nicht kommerziell, digital diese digitalen Werke dann benutzen. Das ist halt der Unterschied. Die kommerzielle Vermarktung kann natürlich weitergehen. Und natürlich kann man auch weitergehen und natürlich kann man auch weiterhin seine Kulturwertmark an solche Werke geben. Warum nicht."

Das Modell der Kulturwertmark soll Schutzfristen abbauen und freien Zugang zu Kultur ermöglichen, ohne dass dem Künstler finanzielle Nachteile entstehen. Jedoch ist sicher, dass es starke Widerstände geben wird. Vor allem von Seiten der Vermarkter ist mit Gegenwehr zu rechnen. Doch trotzdem werde man über eine neue Art des Umgangs mit digitalen Kulturgütern nachdenken müssen, sagt Frank Rieger.

"Man muss halt eben sehen, dass die Digitalisierung von Werken führt halt dazu, dass sich das gesamte Spiel geändert hat. Und man kann jetzt natürlich weiter versuchen, darauf zu bestehen, dass alles ist wie früher und wir uns immer noch im Zeitalter von an physischen Medien gebundenen Werken bewegen. Das führt halt zu einer weitergehenden Erosion von allem, sowohl von Glauben an den Rechtsstaat als auch in der Beziehung von Lesern und Hörern und den Autoren. Ich meine, wie soll ich meinen Kindern erklären, dass sie wegen einem Song, den sie gut finden, irgendwie sich jetzt strafbar gemacht haben. Das ist einfach de facto nicht mehr zu erklären und es gibt auch keinen ernsthaften Weg mehr, diesen Wertewandel halt zurück zu drehen."

Doch noch ist nichts entschieden. Der Deutsche Kulturrat freut sich über den innovativen Vorschlag, auch wenn es noch sehr viel zu diskutieren gibt. Der Chaos Computer Club zeigt sich gesprächsbereit und sieht die Kulturwertmark als einen Vorschlag, die Gespräche über Vergütung und Verwertung wieder in Gang zu bringen. Man sei sicher, weitergehen wie bisher könne es nicht.

"Ich glaube einfach nicht, dass man dieses strikte Regime aufrecht erhalten kann. Denn es passt nicht zum Wesen der digitalen Kultur. Und das ist ihre Kopierbarkeit. Und wenn irgendetwas als anachronistisch erkannt ist, muss man es abschaffen."

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