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Seit 19:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattVolksfeind Nummer eins11.04.2008

Volksfeind Nummer eins

Vor 40 Jahren wurde Rudi Dutschke Opfer eines Attentats

Im Jahr 1968 war Rudi Dutschke ein vielgesuchter Mann. Nachts machten Taxifahrer Jagd auf den Sprecher des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, und die Springer-Presse rief dazu auf, der Polizei solle man nicht die Drecksarbeit überlassen. Ein Ruf, dem im April 1968 Josef Erwin Bachmann folgte.

Von Karin Beindorff

Studentenführer Rudi Dutschke bei einer Demonstrationin Berlin im April 1968 (AP Archiv)
Studentenführer Rudi Dutschke bei einer Demonstrationin Berlin im April 1968 (AP Archiv)

"Volksfeind Nr. 1 Dutschke" stand am 20. Februar 1968 auf einem selbstgemalten Plakat. Hochgehalten wurde es von einem adrett gekleideten Bürger auf einer vom Berliner Senat, dem Springer Verlag, SPD, CDU und ÖTV organisierten Gegen-Demonstration nach dem kurz zuvor in Berlin abgehaltenen Vietnam-Kongress. Dort war die US-Politik in Südostasien scharf verurteilt worden, und ganz im Ton des Kalten Krieges forderte der Senat nun die Bürger Berlins zum Schulterschluss mit den USA auf, die "in Vietnam die Freiheit des Westens verteidigten". Die Freiheit Andersdenkender stand dabei weniger hoch im Kurs: Ein junger Mann, der Rudi Dutschke ein wenig ähnlich sah, konnte sich vor einem zum Lynchen entschlossenen Mob gerade noch in ein Polizeiauto retten. Die den Berliner Zeitungsmarkt beherrschenden Massen-Blätter des Springer Verlages, allen voran BZ und Bild hatten nach Kräften Stimmung gemacht. Hassobjekt Nummer eins war Rudi Dutschke, bekanntester Sprecher des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, und das Gesicht des antiautoritären Protests.

"Was ist autoritäre Erziehung anderes als die Form der permanenten Gewaltanwendung. Wir sollten den Gewaltbegriff genauer sehen. Wir sollten darin etwas anderes sehen, als Maschinengewehre und Tanks."

Am 2. Juni 1967 war der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. Gewalt war in dieser Zeit keine theoretische Größe. Die Polizeiführung war mit alten Wehrmachts- und SS-Kameraden bestückt. Er lege Wert auf eine "schlagkräftige und einsatzfreudige Truppe" hatte der Polizeipräsident verkündet.

"Ihr müsst diese Typen sehen. Ihr müsst Ihnen genau ins Gesicht sehen" heizte später Berlins regierender Bürgermeister, der Sozialdemokrat Klaus Schütz, die Stimmung gegen die Protestbewegung an, Taxifahrer machten nachts Jagd auf Dutschke und in der Springer-Presse stand geschrieben, man solle der Polizei nicht die "Drecksarbeit" überlassen.

Josef Erwin Bachmann, ein arbeitsloser Anstreicher, fühlte sich zur Tat berufen und bestieg in München am 10. April einen Zug nach Berlin, in der Jackentasche eine alte Pistole. Dort angekommen, machte er sich auf die Suche und arglos gab man ihm im SDS-Büro Auskunft. Auf dem Ku-damm wartete Dutschke, auf seinem Fahrrad sitzend, auf das Ende der Mittagspause einer Apotheke. Bachmann war am Ziel: "Du dreckiges Kommunistenschwein" schrie er und feuerte drei Schüsse ab, die Dutschke am Kopf trafen.

"Es ist furchtbar anzusehen, ich muss dies so persönlich sagen. Es sind die beiden Schuhe von Rudi Dutschke noch auf der Straße, es sind die Blutflecken zu sehen, sorgsam von Kreidestrichen umrahmt… Und außerdem liegt das Fahrad noch an genau der Stelle an der Rudi Dutschke dann auf den Bürgersteig stürzte, nachdem er von drei, vier Schüssen getroffen wurde. Es ist einfach schrecklich zu sehen."

Während Ärzte im Klinikum West-End um Dutschkes Leben kämpften, schlug die Empörung nicht nur in Berlin hohe Wellen. Im Audi Max der TU wurde mehrere Tage und Nächte beraten, was nun zu tun sei:

"Das Springerhochhaus ist also jetzt schon mit Stacheldraht umgeben. Springer erwartet also unseren Angriff. Wir werden also auf Polizeiketten stoßen, die Polizei wird sich aber heute zurückhalten, weil sie ein sehr schlechtes Gewissen hat, d.h. wir müssen da, wenn wir auf die Polizei stoßen, müssen wir uns so aufstellen, dass wir uns sprachlich artikulieren können, dass wir da nicht ein wildes Chaos veranstalten."

Überall in der Bundesrepublik machten sich Menschen spontan auf den Weg, meist zu den Filialen des Springer Verlags. Auslieferungsfahrzeuge brannten und die Forderung "Enteignet Springer" verbreitete sich bis weit in die liberale Öffentlichkeit. Auch Gretchen Klotz, die aus den USA stammende Ehefrau Dutschkes sieht den Verleger Springer in der Verantwortung:

"Also, Springer ist der Mörder gewesen. Ja, also mitverantwortlich auf jeden Fall, dass ein politisches Klima erzeugt worden ist, in dem Menschen ausgegrenzt und eliminiert werden sollten. Also, alle, die daran mitgearbeitet haben, solch ein Klima zu erzeugen, sind daran schuldig."

Der Attentäter Josef Bachmann wurde verurteilt, der Mann, den er hatte töten wollen, nahm brieflich Kontakt zu ihm auf. Ganz gesund wurde Rudi Dutschke nicht mehr, er musste mühsam wieder sprechen lernen und gab doch seine politischen Ambitionen nie auf. Am 24. Dezember 1979 starb er an den Folgen der Kopfverletzung durch das Attentat. Josef Bachmann hatte sich 1970 in seiner Zelle umgebracht.

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