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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer Blick von der anderen Seite27.10.2014

VolkspolizeiDer Blick von der anderen Seite

Die friedliche Wende in der DDR bietet Historikern bis heute reichlich Forschungsmaterial: Da kann es helfen, wenn sich die Akteure von damals selbst zu Wort melden. Sieben ehemalige Volkspolizisten von höchsten Rängen haben das nun getan – und mit 25 Jahren Abstand ihre Sicht auf die Rolle der Berliner Volkspolizei während der Wende dargestellt.

Von Anja Nehls

Zu sehen sind Volkspolizisten im Einsatz bei einer Demonstration am 7. Oktober 1989 in Berlin. (picture alliance / dpa / Heikki Saukkomaa)
Volkspolizisten im Einsatz bei einer Demonstration am 7. Oktober 1989 in Berlin. (picture alliance / dpa / Heikki Saukkomaa)
Weiterführende Information

Wende - Kapitulation eines einst so mächtigen Staates
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 07.10.2014)

Volkspolizei - "Die politisch-ideologische Arbeit wurde zielstrebig fortgesetzt"
(Deutschlandfunk, Mauersplitter, 26.10.2014)

Volkspolizei und der Aufstand - "Randalierer, Störer, kriminelle Elemente"
(Deutschlandfunk, Mauersplitter, 10.10.2014)

"Audiatur et altera pars", lautet der letzte Satz des vorliegenden Buches. Das ist ein alter römischer Rechtsgrundsatz: Man soll auch die andere Seite hören. Die andere Seite, das ist in diesem Fall die Sicht von sieben ehemaligen Volkspolizisten der DDR auf die Ereignisse rund um die Wende vor 25 Jahren.

"Dieses Sachbuch ist ein Versuch, zu einer geschichtlichen Erinnerungskultur beizutragen, die diesem Namen gerecht werden könnte. Dabei der Wahrheit nahe zu sein, war unser Bemühen."

Für die Autoren bedeutete die Wiedervereinigung einen kompletten Bruch in der persönlichen Biografie, das Karriere-Aus bei der Polizei und in einigen Fällen auch einen sozialen Abstieg. Umso erstaunlicher ist es, dass das Buch in weiten Teilen frei von Larmoyanz ist. Dafür bleibt es dann aber auch derart sachlich und detailverliebt, dass sich wohl nur historisch interessierte Leser auf das Polizeideutsch einlassen werden:

"Nach weiteren 50 Metern der Räumungshandlungen wurde mit der Auflösung der Personenansammlungen begonnen. (...) Dabei wurden insgesamt 100 bis 150 Zuführungen vorgenommen. Diese notwendigen Auflösungshandlungen wurden sowohl von uniformierten Einsatzkräften, als auch von in Zivil handelnden Kräften des MfS durchgeführt."

"Mit Gefühlen zurückgehalten"

Um Struktur und Aufgaben der Volkspolizei geht es im ersten Viertel des Buches: Wie viele Boote die Wasserschutzpolizei hatte, um wie viele Einwohner sich ein Abschnittsbevollmächtigter kümmern musste, wie die Uniform eines Verkehrspolizisten auszusehen hatte und dass es 90 Diensthundeführer gab. Spannender auch für Nicht-Polizisten wird es später. Dann geht es um die Rolle der Volkspolizei während des Kalten Krieges, die Botschaftsbesetzungen und die Grenzöffnung am 9.November. Hochemotionale Themen, selbst für Volkspolizisten, könnte man meinen.

"Aber wir haben uns wirklich mit Gefühlen, Meinungen, Stimmungen zurückgehalten, dann hätte man ein persönliches Buch schreiben müssen und von sich ausgehen müssen, wie es einem ergangen ist, was man empfunden hat und wie man trotz mancher bedrückender Situationen versucht hat, klaren Kopf zu behalten und das zu tun, was in der Situation notwendig war."

Sagt Hans-Jürgen Gräfe, Herausgeber, ehemals Major der Volkspolizei und nach der Wende Versicherungsmakler. Aber was war in welcher Situation notwendig? Wer schätzte die Lage ein? Wer gab welche Befehle? Wer befolgte sie? Wer missachtete sie? Wer handelte gegen die Gesetze der DDR? Minutiös haben die Autoren versucht, das zu rekonstruieren - anhand alter Dokumente aus dem Bundes- und Landesarchiv, Einsatzunterlagen und Gedächtnisprotokollen. Besonders interessant ist das für die Schlüsselsituationen des Umbruchs. Die Ereignisse rund um den 40. Jahrestag der Staatsgründung der DDR am 7. Oktober 1989 nehmen im Buch einen breiten Raum ein. Während Erich Honecker und Michael Gorbatschow die große Militärparade abnehmen, fliehen zehntausende Menschen über Ungarn aus der DDR. Während Staats- und Parteiführung im Palast der Republik die "Errungenschaften des Sozialismus" loben, rufen tausende Menschen nur wenige hundert Meter entfernt nach Freiheit und Demokratie. Die Tagesschau berichtet damals:

//Sprechchöre, Freiheit, Freiheit, dann Sprecher: In den frühen Morgenstunden waren die Versammlungen unter teilweise brutalem Einsatz der Sicherheitskräfte aufgelöst worden.

O-Ton VP: Verlassen Sie sofort den Raum, das ist eine Forderung der Deutschen Volkspolizei, verlassen Sie sofort den Raum. Sprechchor: Gorbi, Gorbi.

Sprecher: Die Polizei geht mit äußerster Härte vor, schlägt einzelne Demonstranten zusammen.//

Im Buch der ehemaligen Volkspolizisten heißt es hingegen: "Im Befehl Nummer 011/89 des Präsidenten der VP Berlin wurde gemäß den zentralen Weisungen festgelegt, die Ordnung und Sicherheit maximal zu gewährleisten. (...) In keinem der Befehle war ein gewaltsamer Einsatz vorgesehen. Auch das Anlegen der Sonderausrüstung war nur bei einer Zuspitzung der Lage gestattet. Im Kern ging es um einen Ordnungseinsatz anlässlich des Nationalfeiertags mit Volksfestcharakter."

Fehleinschätzung im Vorfeld

Dass die Veranstaltung kein friedliches Volksfest werden würde, war angesichts der Ereignisse zu erwarten. Die Lage sei im Vorfeld falsch eingeschätzt worden, sagen die Autoren heute. Der Stasi oder der Partei- und Staatsführung allein wollen sie nicht die Schuld geben. Auch die Volkspolizei habe Verantwortung getragen, z. B. für die Vorkommnisse in den sogenannten Zuführungspunkten, also den Gefangenensammelstellen. Hier wurden die Menschen, die auf der Straße festgenommen wurden, erniedrigt und zum Teil misshandelt.

Gräfe: "Wir sagen, es ist eine schwere Hypothek, die wir dort haben, weil Menschen versagt haben. Wieso ein Polizist so über die Stränge geschlagen hat, wir haben gesagt es waren Befugnisüberschreitungen, aber es war schon mehr, es war inhumanes Handeln. Und wie kann man, wenn man zum Humanismus erzogen ist, so etwas tun?"

Ganz so selbstkritisch wie Hans-Jürgen Gräfe im Gespräch klingt das Buch nicht. Hier heißt es, dass die noch 1989 eingesetzte Untersuchungskommission nie einen Abschlussbericht vorlegte, dass alle Ermittlungsverfahren eingestellt wurden und persönliche Verantwortung für die Übergriffe in keinem Fall nachgewiesen werden konnte. Die Autoren wehren sich gegen eine pauschale Verurteilung:

"Das ist ein bitteres Erbe der Volkspolizei Berlin. Aber die Volkspolizei als Ganzes und die VP Berlin im Besonderen mit (...) denunziatorischen Begriffen zu etikettieren, lehnen wir ab. Dass dies dennoch geschieht, zeigt lediglich: Der Kalte Krieg und latenter Antikommunismus haben tiefe Wurzeln in dieser Gesellschaft und sind in der Tagespolitik präsent."

Da ist sie also doch, die leicht klagende Schwingung. Aus Sicht der ehemaligen Volkspolizisten hat sie in vielen Bereichen ihre Berechtigung: Bei der Zusammenführung der Ost- und West-Polizei z. B., bei der letztlich entgegen anders lautenden Ankündigungen das West System komplett auf den Osten übertragen wurde. Oder auch in der mangelnden Würdigung der Verdienste der Volkspolizei während der Maueröffnung.

Gräfe: "Wir gehen davon aus, dass man uns nicht verdammen darf, weil wir einmal irgendwo einen Fehler gemacht haben, sondern dass wir in der Zeit den Kopf oben behalten haben und in der Lage waren, auch unseren Beitrag für diesen friedlichen Übergang zu leisten. Wir hatten keine Illusionen und haben trotzdem weitergemacht. Wir haben gesagt wir werden unserem Land bis zum Schluss dienen, was dann kommt wissen wir nicht, aber die Illusion bestand nicht, dass wir übernommen werden."

Hans-Jürgen Gräfe, Karl-Heinz Kriz (Hrsg.): "Mittendrin. Die Berliner Volkspolizei 1989/90"
396 Seiten, Edition Ost, 16,99 Euro.
ISBN: 978-3360018571

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