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StartseiteInterview"Auch der zivilen Opfer gedenken"14.11.2014

Volkstrauertag"Auch der zivilen Opfer gedenken"

Eine "Gesamtdebatte über Fragen der Erinnerung" wünscht sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Internationale Außenpolitik habe nicht nur eine militärische Dimension, sagte Markus Meckel, Präsident des Vereins, im Deutschlandfunk.

Markus Meckel im Gespräch mit Christoph Heinemann

Der deutsche Soldatenfriedhof Malmaison auf dem Chemin des Dames. Hier fanden vor allem im 1. Weltkrieg mörderische Schlachten statt. (Pierre Bourdis)
Der deutsche Soldatenfriedhof Malmaison auf dem Chemin des Dames. Hier fanden vor allem im 1. Weltkrieg mörderische Schlachten statt. (Pierre Bourdis)
Weiterführende Informationen

Volkstrauertag: Für Deutschland gestorben (Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 18.11.2012)

Volkstrauertag: Brauner Tag (Deutschlandfunk, DLF-Magazin, 15.11.2012)

"Wir brauchen ein integriertes Verständnis, das zivile Opfer mit einschließt", so Meckel. Auch Entwicklungshelfer oder Polizisten  würden heute Opfer internationaler Außenpolitik. Ab diesem Wochenende wird nahe Potsdam ein "Wald der Erinnerung" die Ehrenhaine der Bundeswehr aus den Einsatzgebieten an einer Stelle vereinen und einen Ort für persönliche Trauer schaffen. Der frühere Wehrbeauftragte der Bundesregierung Reinhold Robbe hatte die Lage der Gedenkstätte kritisiert und sich einen zentraleren Ort in Berlin gewünscht. Meckel sprach im Deutschlandfunk von einem "würdigen Ort".

Am Sonntag (16.11.2014) wird dann in Deutschland der Volkstrauertag begangen. Jedes Jahr würden noch immer 30.000 in den Weltkriegen gefallene Soldaten gefunden und in Kriegsgräber umgebettet, sagte Meckel im Deutschlandfunk. In den vergangenen 20 Jahren seien es insgesamt über eine Million gewesen. Der Volksbund suche vor allem in Russland, Weißrussland und der Ukraine, aktuell sei dies in der Ukraine allerdings wegen der Lage im Osten des Landes nicht möglich.

Meckel bezeichnete Kriegsgräber als "letzte Ruhestätten", die deutlich machten, "was für ein sinnloses Geschehen Krieg ist und wie viele Generationen ausgelöscht wurden". Sie seien eine "Mahnung zum Frieden", für alte wie für junge Generationen. 



Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Markus Meckel: 

Christoph Heinemann: Volkstrauertag steht vermutlich auch in ihrem Kalender in der Spalte des kommenden Sonntags. Der Volkstrauertag erinnert an die Kriegstoten und an die Opfer der Gewaltherrschaft, und da hat Deutschland mit gleich zwei Weltkriegen und zwei Diktaturen in einem Jahrhundert einiges zu beigetragen. In diesem Jahr stand die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg im Vordergrund. Die Bergung und Bestattung von Soldaten der Kriege hat sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zur Aufgabe gemacht, und jetzt folgen ein paar Zahlen, die man auf der Internetseite nachlesen kann. Der Volksbund betreut 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten mit mehr als 2,6 Millionen Kriegstoten. Präsident dieser Organisation ist Markus Meckel, vormals SPD-Politiker, letzter Außenminister der DDR, der einzige DDR-Außenminister nach demokratischen Wahlen. Er ist uns aus Berlin zugeschaltet. Guten Morgen. Hallo, Herr Meckel!

Markus Meckel: Ja, hallo!

Heinemann: Wunderbar, Sie hören uns. Guten Morgen, wollte ich sagen.

Meckel: Einen schönen guten Morgen.

Heinemann: So viel Zeit muss sein.  Werden 100 Jahre nach Kriegsbeginn noch tote Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg geborgen?

Meckel: Das passiert noch an der Westgrenze, insbesondere in Frankreich, aber es ist natürlich seltener der Fall, zumal die Identifizierung nach so langer Zeit schwierig ist. Mehrheitlich, wenn wir heute suchen - und das geschieht wiederum mehr im Osten, in Russland, in der Ukraine, in Belarus -, dann finden wir oft auch noch die entsprechenden Marken zur Identifizierung. Es sind in diesen Staaten, die ich eben nannte, aber dann für den Zweiten Weltkrieg, durchaus noch zirka 30.000 jedes Jahr, das heißt durchaus noch sehr viele, die dann auf Sammelfriedhöfen beerdigt werden, ihre letzte Ruhestätte finden, und wo auch nach so langen Jahrzehnten die Familien noch informiert werden.

Heinemann: Sie suchen aktiv und Sie reagieren nicht nur, wenn jemand gefunden wird?

Meckel: In Bezug auf den Zweiten Weltkrieg suchen wir ganz gezielt, jedenfalls in diesen eben genannten Ländern, weil es erstens nur in den letzten 20 Jahren möglich war. Da sind schon viele gefunden worden. Wir haben in den letzten 20 Jahren zirka eine Million Tote gefunden und umgebettet. Jetzt ist es so, dass wir dann immer noch Pläne haben, wo wir wissen, dass welche liegen in größeren Flächen. Man muss dann aber auch bei denen möglichst anfangen. Das heißt: Wo Lazarette waren, da liegen oft noch Hunderte. Wenn wir solche Daten haben - und da haben wir Daten - dann wird da gezielt gesucht. Im Augenblick ist es leider in der Ostukraine nicht möglich, diese Arbeit zu machen, wegen der Kriegssituation, aber es ist eine kontinuierliche Arbeit. Sonst in der Ukraine, in Russland, in Belarus wird weiter gearbeitet.

Heinemann: Wie werden Ihre Mitarbeiter dort aufgenommen?

Meckel: Dies ist wirklich eine lange Gesprächssituation. Es gibt Kriegsgräberabkommen mit den Ländern, wo dies erst mal auf der oberen staatlichen Ebene geklärt ist. Aber natürlich ist es dann im Konkreten immer eine Frage der Menschen vor Ort. Dass man umbettet, das wird oft verstanden. Aber es gibt durchaus auch Situationen, wo jemand sagt, wenn man weiß, da ist auf dem Grundstück jemand - und das sind ja oft private Grundstücke, es sind öffentliche Flächen ganz unterschiedlicher Art, weil man natürlich dort weiter gearbeitet hat. Oft wusste man gar nicht, dass dort Tote liegen. Da sind wir auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen und sehr oft erfahren wir rührende Hilfe von Zeitzeugen, von alten Menschen, die mit großem Verständnis diese Arbeit begleiten und sagen, wenn ich wüsste, wo mein Sohn oder mein Bruder ist, dann wäre mir wohler, wenn sich darum Menschen kümmern würden, so wie sie es für Ihr Volk tun.

Heinemann: Wie groß ist heute noch, daran anknüpfend, das Interesse von Angehörigen? Beide Kriege liegen ja 100 oder 70 Jahre zurück.

"Kinder und Enkel zeigen Interesse"

Meckel: Natürlich ist es geringer, weil die Erlebnisgeneration geringer wird. Aber bei jedem Besuch und bei allen Gedenkveranstaltungen, die wir machen, sind auch noch Angehörige da, die kommen und die Interesse haben, und es sind auch zunehmend Kinder und Enkel. Natürlich ist da der Aspekt der Trauer geringer und der Aspekt der Bildung, der Information spielt eine größere Rolle. Wir machen auch Jugendarbeit an den Friedhöfen. Jedes Jahr sind es 20.000 Jugendliche, die in Jugendbegegnungsstätten an Friedhöfen oder auch an Workcamps im Ausland, wo wir internationalen Jugendaustausch an den Friedhöfen machen, wo sich die Jugendlichen mit diesen Fragen von Krieg und Frieden beschäftigen, mit der Situation der Menschen damals. Das waren ja dann Gleichaltrige. Die Menschen waren damals die jungen Männer, die Soldaten waren so alt, wie die Jugendlichen heute. Auf der anderen Seite ist es eine Begegnung, eine internationale Jugendbegegnung an den Stätten, an denen sich unsere Völker früher bekriegt haben und heute gute Beziehungen wachsen.

Heinemann: Herr Meckel, in Frankreich ist in dieser Woche in der Ortschaft Notre-Dame-de-Lorette bei Arras eine Erinnerungsstätte für die Toten des Ersten Weltkrieges eingeweiht worden, in der erstmals nicht mehr nach Freund und Feind unterschieden wird, sondern Freunde und Feinde gemeinsam aufgelistet werden. Entwickelt sich die Erinnerungskultur weiter?

Meckel: Das muss man wirklich sagen. Ich habe an dieser Gedenkveranstaltung auf Einladung des französischen Präsidenten teilnehmen können, und dies ist eine ausgesprochen würdige und besondere Gedenkstätte, wenn man bedenkt, dass hier natürlich die Hauptnationen, die damals Krieg führten, dann miteinander vereint sind, und zwar nach alphabetischer Reihenfolge werden die Namen dort benannt: Franzosen, Briten, Deutsche, aber eben auch viele andere Nationen, denn für die Briten etwa war der ganze Commonwealth mit dabei und für die Franzosen auch die Kolonien, das heißt Australier, Neuseeländer, Afrikaner. Viele sind dort mit präsent und man teilt die Erinnerung. Das ist natürlich im Ersten Weltkrieg einfacher als in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg, weil die Verantwortung, die Schuldfrage nicht so eindeutig verteilt ist, aber es ist trotzdem ein ganz großer Schritt, dass solches Erinnern gemeinsam möglich ist und die Herausforderung beschrieben wird für die Europäische Union, dann neue Friedensverantwortung zu übernehmen, denn heute kämpfen wir nicht gegeneinander, sondern gemeinsam für unsere Werte, dass Frieden erhalten bleibt, und tragen gemeinsame Verantwortung.

Heinemann: Herr Meckel, morgen soll in der Nähe von Potsdam ein Erinnerungsort für Bundeswehrsoldaten eingerichtet werden, die im Dienst verstorben sind. Der frühere Wehrbeauftragte, der SPD-Politiker Reinhold Robbe, hat das kritisiert und gesagt, das irgendwo in der Pampa - ich zitiere es jetzt mal etwas salopp formuliert - hat keinen Zweck, das muss mitten nach Berlin an einen prominenten Platz. Sehen Sie das auch so?

Meckel: Ich finde wichtig, dass hier an die Gefallenen, an die im Dienst zu Tode gekommenen Soldaten und Zivilisten der Bundeswehr erinnert wird. Der damalige Verteidigungsminister Jung hat das ja begonnen, aber leider in einer Weise, die alles so Hals über Kopf gemacht hat. Es gibt ja eine entsprechende Erinnerungsstätte auf dem Gelände des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin, durchaus eine würdige Stätte, aber eben nicht öffentlich allgemein zugänglich, und das ist dort der Nachteil. Es hat nie eine wirklich öffentliche breite Debatte gegeben zu diesen Fragen. Jetzt gibt es diesen Wald der Erinnerung zwischen Berlin und Potsdam in Geltow, und ich finde das durchaus einen würdigen Ort, weil ja auch manche Erinnerungsstücke, die jetzt aus Afghanistan zurückgebracht werden, die man dort nicht einfach zurücklassen wollte, wo die Soldaten für ihre gefallenen Kameraden Gedenksteine und Gedenkstätten geschaffen hatten, dies wird dort jetzt hinverpflanzt, und ich finde das ausgesprochen würdig. Was mir aber fehlt ist eine Gesamtdebatte über diese Fragen der Erinnerung, denn wir reden davon, dass internationale Außenpolitik ja nicht nur militärische, sondern politische, zivile und andere Dimensionen hat, und auch dort gibt es Opfer, etwa zivile Opfer von Entwicklungsorganisationen, oder Polizisten. Die sind nicht Mitglieder der Bundeswehr. Hier ist es eine Sache der Bundeswehr. Ich finde, wir brauchen ein integriertes Verständnis, das auch diese anderen zivilen Opfer mit einschließt, und das ist bisher noch nicht gelungen.

Heinemann: Herr Meckel, der Luxemburger Jean-Claude Juncker hat einmal gesagt - Sie kennen das Zitat - wer an Europa zweifele, der solle Soldatenfriedhöfe besuchen. Was lehren letzte Ruhestätten für Soldaten?

Meckel: Letzte Ruhestätten machen uns deutlich, gerade wenn man diese breiten und weiten Felder sieht, auf denen diese abertausenden Menschen liegen, was für ein sinnloses Geschehen Krieg ist und wie ganze Generationen ausgelöscht worden sind durch die Weltkriege. Das ist einfach erschütternd. Wir haben jetzt eine App für Jugendliche gemacht, "Lost Generation", wo man auf Smartphones dann auch solche Dinge verfolgen kann, einzelne Biografien. Man kann durch Biografien von Betroffenen das auch sich zugänglich machen, wie Menschen in schwere Entscheidungen gekommen sind. Es liegen natürlich auf Soldatenfriedhöfen auch Menschen, die sich Verbrechen schuldig gemacht haben. Hier danach zu fragen, wie konnte es dazu kommen, unter welche Drucksituationen sind Menschen gekommen, insofern ist ein solcher Friedhof eine große Mahnung zum Frieden, heute Verantwortung zu nehmen, dass es zu so etwas nicht wieder kommt, und für Recht und Frieden gemeinsam einzutreten. Deshalb ist das ein Ort nicht nur für alte, sondern für junge Menschen, für Menschen aller Generationen.

Heinemann: Markus Meckel, der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Meckel: Bitte schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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