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StartseiteKommentare und Themen der WocheUnternehmenskultur stinkt mehr als der Diesel29.07.2017

Volkswagen und Co.Unternehmenskultur stinkt mehr als der Diesel

In der Automobilindustrie habe sich offenkundig eine Parallelwelt etabliert, kommentiert Burkhard Ewert von der "Neuen Osnabrücker Zeitung" im Dlf. Stolz sei in Arroganz umgeschlagen und statt echter Innovation hätten Korrumpierung und Kartell-Allüren um sich griffen.

Von Burkhard Ewert

Hauptwerk der Volkswagen AG in Wolfsburg (AFP/ Odd Andersen)
"Too big to fail" - diese Gewissheit habe zu den Verfehlungen bei Volkswagen geführt, meint Kommentator Burkhard Ewert (AFP/ Odd Andersen)
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Die Unternehmenskultur bei VW stinkt fraglos mehr als der so kritisierte Diesel als Antriebstechnologie. Beispiele? Gab es bereits lange vor der aktuellen Selbstanzeige wegen angeblich belangloser Absprachen, die dem Aufsichtsrat scheinbar trotzdem vorenthalten wurden. Vorher bereits lebten Arbeitnehmervertreter in Wolfsburg wie Fürsten oder wechselten Vorstände ohne Karenzzeit in den Aufsichtsrat. An VW-Kurzzeit-Beschäftigte flossen zweistellige Millionenabfindungen, und nicht zuletzt waren die Ingenieure stolz darauf, mit Abgasmanipulationen ihre Motoren zu retten. "Too big to fail" – mit dieser Gewissheit im Rücken nahm man es im Rausch des Erfolgs an gleich mehreren Stellen nicht so genau.

Andere Hersteller waren nicht viel besser. Die technische und kommerzielle Bilanz der deutschen Automobilindustrie erscheint inzwischen in einem gänzlich anderen Licht. Offenkundig hat sich eine Parallelwelt etabliert, in der Stolz in Arroganz umschlug, und in der statt echter Innovation Korrumpierung und Kartell-Allüren um sich griffen. Das Ziel: Die Position im Markt zu sichern. 

Automobiljournalisten messen Schadstoffausstoß wenig Bedeutung bei

Auch Automobiljournalisten, das muss gesagt werden, bewegten sich häufig in einer ungesunden Nähe zu den Konzernen. Deren neueste Modelle testeten sie vielfach nicht im Allgäu oder Ammerland, sondern in Südafrika oder wenigstens auf Sizilien. Mitunter bekamen sie die Autos gleich für Wochen und Monate zur Verfügung gestellt. Der Frage des Schadstoffausstoßes maßen sie wenig Bedeutung bei, sofern es nicht um eine Ermäßigung der Steuer oder den potenziellen Wiederverkaufswert ging. Wichtiger waren die Leistung und, bitteschön, eine brettharte Federung, die die deutschen Kunden angeblich wollten - überwiegend eine weitere Fehleinschätzung, wie man inzwischen weiß.

Geradezu alle also, die mit Autos zu tun haben, haben nicht so genau hingesehen. Über Jahre ging das so, über Jahrzehnte. Das Kraftfahrtbundesamt und vier Fünftel der deutschen Politik zogen mit, weil es doch um die nationale Vorzeigebranche ging. Dabei waren die Klimawarner mit ihren ständigen Drama-Szenarien auch nicht seriöser als die Automobil-Lobby, kann doch der motorisierte Individualverkehr zur Rettung der Welt realistisch nur recht begrenzt beitragen.  

Diesel ist nicht so schlecht, wie er gemacht wird

Aber wie das in solchen Fällen so ist: Irgendwann schwingt das Pendel zurück. Es hält dann nicht inne, wenn es nach unten zeigt, sondern zischt über den Nullpunkt hinaus und zertrümmert, was im Weg steht. Natürlich ist die Häme, die breite Kritik an der Industrie überzogen – aber eben nicht unverdient. Natürlich ist der Diesel nicht wirklich so schlecht, wie er gemacht wird – aber das interessiert eben nicht mehr, sobald ein bestimmter Punkt überschritten ist. Und natürlich haben die deutschen Hersteller durchaus brauchbare Elektro-Strategien in den Schubladen – aber eben bisher auch nur dort.

Warnzeichen gab es derweil genug: Die unternehmensinternen Unregelmäßigkeiten wie bei VW, die branchenspezifischen Entwicklungen wie der rasante Aufstieg des hippen Herstellers Tesla aus den USA. Das Unternehmen hat ein weiteres Mal belegt, wie schwer es Platzhirschen fällt, echte Innovation zu bringen – zumal dann, wenn sie sich absprechen und auf diese Weise den Bestand zementieren wollen.   

Autobauer noch rechtzeitig unter Druck geraten, um sich zu erneuern?

Wenn die deutschen Hersteller Glück haben, geraten sie derzeit gerade noch rechtzeitig unter Druck, um sich kulturell zu erneuern und die Produktpalette schneller als geplant umzustellen. Sonst könnte es ihnen ergehen wie 2008 der Finanzbranche oder den deutschen Betreibern von Kernkraftwerken nach Fukushima: Sie müssten konsolidieren in einem sich beträchtlich wandelnden Markt.

Und das unter enger gesetzlicher Gängelung bei drastisch schrumpfenden Gewinnen, vegan-aktionistischer Gesellschaftsdynamik und Argus-Blick aus Brüssel, wo die deutsche Exportstärke grundsätzlich ungern gesehen ist. Und wenn die Amerikaner die Gelegenheit erhalten, politischen Druck auf eine tragende Säule der europäischen Industrie auszuüben, werden sie sie zu nutzen wissen. Der eine, weil er glaubt, die Menschheit vor mörderischen Motoren zu behüten. Der andere, weil er jeden schlechten Tag für Europa als einen guten für die USA empfindet.   

Schon deshalb sollte in Deutschland die Einsicht wachsen, dass eine florierende Autoindustrie tatsächlich im nationalen Interesse ist. Aber genau deswegen muss sie sich verändern. Endlich. Glaubhaft. Schnell. Und gründlich.

 

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