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StartseiteBüchermarktVoll Leidenschaft und Hass08.06.2008

Voll Leidenschaft und Hass

Der Roman "Licht im August" zählt zu den bedeutendsten Werken William Faulkners

Radikal, emotional und verstörend - so packt der Roman "Licht im August" seinen Leser. Der Nobelpreisträger William Faulkner greift in dem 1932 erstmalig veröffentlichten Werk die Rassenfrage in den USA auf und schildert das Leben eines Ausgestoßenen - ein Roman, der bis heute nicht an Aktualität verloren hat.

Von Martin Lüdke

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Eine junge Frau, hochschwanger, sitzt erschöpft am Straßenrand, schon oben auf dem Hügel und beobachtet, wie das Fuhrwerk mühsam die Steigung erklimmt. Gedanken ziehen ihr durch den Kopf. Jeder Schritt war ihr zuletzt schwergefallen. Aber sie ist stolz darauf, in nur einem Monat den ganzen Weg von Alabama bis nach Mississippi geschafft zu haben. - Kein Wort darüber, doch spüren wir, zwischen den Zeilen, die Hitze, den Staub, und wir spüren ihre Erschöpfung. Wir riechen förmlich, durch die Worte hindurch, den amerikanischen Süden. Und wir spüren vor allem die Kraft, von der sie, Lena Grove, die schwangere Frau, getragen wird, eine unerklärliche Zuversicht.

Sie glaubt, glaubt daran, ihn, den Vater ihres Kindes zu finden, der ihr vor sechs Monaten, als er angeblich Hals über Kopf gehen musste, versprach, sie so bald wie nur möglich nachkommen zu lassen.

"Ich glaube, eine Familie sollte zusammen sein, wenn ein Kleines kommt, besonders beim Ersten. Ich nehme an, der Herr wird's richten", meint Lena. "Und ich nehme an, das wird er auch müssen","

antwortet etwas süffisant ihre Gastgeberin. Am nächsten Morgen fährt sie mit einem anderen Fuhrwerk weiter, ihrem Ziel entgegen: nach Jefferson, Mississippi. Hier kreuzen sich die Wege. Gail Hightower, der ehemalige Geistliche, wird ihr bei der Geburt helfen. Sie wird den Vater ihres Kindes sehen, aber mit einem anderen Mann weiterziehen. Das Schicksal von Joe Christmas wird sie kaum berühren. Jetzt aber nähert sie sich erst einmal hoffnungsvoll der kleinen Stadt.

Oben, auf dem letzten Hügel vor der Stadt, sieht man über das Tal hinweg, auf dem gegenüberliegenden Kamm, als Rauchsäule ein brennendes Haus. Dort hatte Miss Burden gewohnt, eine Art Bürgerrechtlerin, die von Christmas, ihrem Geliebten ermordet wurde. Damit sind, ganz am Anfang, alle Erzählstränge in einem einzigen Bild verbunden. Drei Lebensgeschichten werden parallel erzählt, mit anderen Biografien angereichert. Sie verknüpfen sich nicht, kreuzen sich auch nur gelegentlich, und ergeben doch einen Roman, auch weil sich Zeit und Raum verschränken.

William Faulkners Roman "Licht im August" erschien erstmals im Oktober 1932 in New York. Das Buch gilt seither neben "Schall und Wahn", "Absalom, Absalom" und "Als ich im Sterben lag" als eines seiner Hauptwerke. Bereits 1935 brachte es der Rowohlt Verlag in der durchaus ordentlichen, aber heute etwas angestaubten Übersetzung von Franz Fein auf Deutsch heraus.

Noch in den fünfziger Jahren wurde es als großer Roman über die "Negerfrage" verkauft und Faulkner neben André Gide als protestantischer Moralist gefeiert. Jetzt, aus Anlass des hundertjährigen Verlagsjubiläums, haben Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel das Buch neu übersetzt. Wie Gulliver unter den Zwergen ragt es nun heraus - aus dem Frühjahrsprogramm unserer Verlage. An solchen großen Romanen zeigt sich das Mittelmaß der Neuerscheinungen.

Nach achtzig Jahren erstrahlt "Licht im August" heller denn je zuvor, nichts ist veraltet. Im Gegenteil, dem Stoff wuchs, fast paradox, neue Aktualität zu. Nur Werke, die mit der Zeit wachsen, können auf eine Zukunft hoffen.

Die Bedeutung verschiebt sich. Nicht mehr der Bürgerkrieg und die schwer auf dem amerikanischen Süden lastende Hypothek der Niederlage, stehen im Vordergrund. Wir finden vielmehr unsere Gegenwart wieder und die Probleme, die uns, gegenwärtig, umtreiben. Die Uniformen der alten Helden liegen von Motten zerfressen in Truhen verschlossen auf dem Dachboden, im hintersten Winkel, als verstaubte Zeugnisse der Geschichte. Faulkners vielleicht berühmtester Ausspruch, aus dem "Requiem für eine Nonne" - 1951:

""Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen."

- jüngst noch einmal beschworen von Barack Obama in seiner großen Rede über die Schwarzen in Amerika - lässt sich ergänzen. Was heute noch in Atlanta, Georgia, an die brennende Stadt erinnert, die wir aus "Vom Winde verweht" kennen, verdankt sich den Marketing-Strategen im Tourismusbüro. Auch Jefferson, Mississippi, wurde vom 20. Jahrhundert eingeholt. Faulkners Heimatort bot die Vorlage für den Mythos. Ganze Generationen von Schriftstellern haben davon gezehrt. Selbst das Macondo des Gabriel Garcia Marquez ist hier entsprungen. Aber die Wirkungsmacht des Mythos schwand mit den Jahren.

Spätestens als Robert Kennedy die Nationalgarde nach Oxford schickte, um den schwarzen Studenten den Zugang zur Universität freizuhalten, wurde der Bann gebrochen, der über Jefferson im Yoknapatawpha-County verhängt war. Als Faulkner 1962 in Oxford starb, war der alte Süden aus der lebendigen Erinnerung zur Literatur-Geschichte geworden.

Dieser Prozess traf auch die Diagnose von Günter Blöcker, der in den fünfziger Jahren in seinem Buch über "Die neuen Wirklichkeiten. Linien und Profile der modernen Literatur" bereits geschrieben hatte:

"Faulkners Menschen leben in archaischer Zeit, im Uranfänglichen; sie leben - da Zurück immer auch hinab bedeutet - im mythischen Raum."

Das war damals wohl richtig gesehen. Doch Blöckers Folgerung: Der Dichter ohne Zeit werde zum Dichters des Seins - erweist sich selbst als zeitgebunden. Bei Faulkner hatte es niemals geheideggert; er hatte die Zeit nicht einfach negiert, sondern, im Doppelsinn des Wortes, aufgehoben. Seine Figuren ist die Geschichte eingeschrieben: Sie sind archaisch und gegenwärtig zugleich. Und: Sie wachsen - mit dem Fortgang der Geschichte.

Was hier passiert, das geschieht allerdings bei jedem großen Kunstwerk. Die fortlaufende Geschichte erschließt immer neue Dimensionen. Die Figuren entwickeln sich gleichsam weiter. Nicht nur die Vergangenheit schreibt sich fort in die Zukunft. Entscheidender für uns ist, dass die Zukunft immer neue Seiten der Vergangenheit zeigt.

Als Faulkner seinen Roman schrieb, war der amerikanische Bürgerkrieg noch präsent im Bewusstsein der dort lebenden Menschen. Sie spürten noch die Schmach der Niederlage.
Sie verachteten noch die Yankees. Das heißt, auch die Mentalität, die den Bürgerkrieg erst ermöglicht hatte, war zumindest noch gegenwärtig. Weit über 600.000 Soldaten haben damals ihr Leben verloren. Das entspräche, auf heutige Verhältnisse hochgerechnet, einer Zahl von sechs Millionen, zivile Opfer nicht mitgezählt. Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass der Tod damals eine andere Rolle im Leben der Menschen gespielt hat. Die meisten der Opfer glaubten an die leibliche Auferstehung und das ewige Leben. Der Tod galt als "the middle point between two lives", gleichsam als Drehtür zwischen irdischen und ewigen Leben.

Faulkners Figuren waren also noch in eine christlich geprägte Welt hineingeboren worden. Im Laufe ihrer eigenen Lebensgeschichte mussten sie dann allerdings den schwindenden Geltungsanspruch des Glaubens erfahren.

Dieser Zuwachs an Geschichte lässt sich auch an den Verfahrensweisen ablesen. "Licht im August" und mehr noch zuvor "Schall und Wahn", galten seinerzeit als radikal moderne Werke. Perspektivwechsel und Polyphonie, innere Monologe und parallele Handlungsstränge, Vorgriffe und Rückblenden, all diese technischen Neuerungen seiner Zeit, die Faulkner aufgegriffen und für seine Zwecke umgewandelt hatte, gehören heute zum Standard-Repertoire des gehobenen Unterhaltungsromans.

Was einst irritiert hatte, ist uns inzwischen vertraut geworden, wie die schnellen Schnitte im Film, die an die Stelle langer Kamerafahrten getreten sind. Im Gegenteil: Eher befremdet uns heute die lange Einstellung. Zu seiner Zeit galt Faulkner als schwieriger Autor. Als er einmal gefragt wurde, was man tun solle, wenn man nach dreimaligen Lesen das Buch noch immer nicht verstanden habe, antwortete er trocken: Ein viertes Mal lesen. Solche Schwierigkeiten haben sich verflüchtigt. Die Hindernisse sind abgebaut.

Am Anfang kommt Lena Grove, hochschwanger, nach Jefferson. Am Ende verlässt sie, mit Kind und einem nicht mehr ganz jungen, auffällig zierlichen Mann, Byron Bunch, den Ort. Der Vorarbeiter des Sägewerks hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Was aus den beiden einmal werden wird, bleibt offen.

Der Zeitraum der eigentlichen Handlung ist eng umgrenzt. Ein paar Wochen. Alles spielt sich in Jefferson, Mississippi, und der nächsten Umgebung ab. Doch der Raum wird durchlässig: zur Zeit. Der Ort wird zum Helden des Geschehens. Fortwährend wechselt die Perspektive. Joe Christmas, die zentrale Figur, arbeitet in dem Sägewerk, in dem auch der Vater von Lena Groves Kind beschäftigt ist. Byron Bunch , dort Vorarbeiter, wird am Ende mit Lena weiter ziehen.

Das Leben dieser Menschen wird erzählt. Wir lernen sie kennen, oft von verschiedenen Seiten her. Ihre Vorgeschichte wird erzählt. Wir begegnen ihnen, etwa beim Brand des Hauses von Miss Burden wieder. Bild für Bild entsteht ein Film. Über Byron Bunch, der Vorarbeiter, stellt uns Gail Hightower vor, einen Geistlichen, der schon bald nach Amtsantritt von seiner Gemeinde wieder entlassen wurde. Der Prediger hatte alles daran gesetzt, nach Jefferson zu kommen. Auch sechs Monate nach seiner Ankunft sei er, so erzählten die Leute, noch immer "erregt" gewesen:

"Er sprach 'immer noch vom Bürgerkrieg' - 'und von seinem Großvater, einem Kavalleristen, der ums Leben gekommen, und von General Grant, dessen Lager in Jefferson in Flammen aufgegangen war, bis alles keinen Sinn mehr ergab'."

"Sie erzählten Byron, dass Hightower anscheinend auch von der Kanzel so gesprochen habe, wild auch auf der Kanzel, und die Religion behandelt hätte, als wäre sie ein Traum,
kein 'Alptraum', eher 'ein Wirbelsturm'."

"Es war so, als hätte er die Religion und die galoppierende Kavallerie und seinen toten, vom galoppierenden Pferd heruntergeschossenen Großvater nicht mehr auseinanderhalten können, auch auf der Kanzel nicht."

Und auch nicht zu Hause, in seinem Privatleben - das wird dem Geistlichen zum Verhängnis werden. Nach dem Selbstmord seiner Frau, die sich unter skandalösen Umständen aus einem Hotelfenster gestürzt hatte, jagt man ihn aus dem Amt. Seitdem lebt er, zurückgezogen, am Rand der Stadt.

"'Wir wissen nicht, warum er hierbleibt.' - sagen die Leute. Aber immer, wenn man gegen Abend bei ihm vorbeigeht, dann sitze er Fenster."

Auch bei Hightower laufen Handlungsfäden zusammen. Es geht weniger vorwärts, als hin und her, vor und zurück. Die Chronologie wird aufgesprengt. Manchmal werden erst die Folgen einer Tat beschrieben, dann die Tat selbst. Die Zeitebenen überlappen sich. Es wird unmöglich, zwischen subjektiver und objektiver Sichtweise zu unterscheiden. Man spürt, dass alles mit allem zusammenhängt. Oft erzählt, in langen Dialogen, eine Figur der anderen, was passiert ist oder vor Zeiten passiert war. Man lernt Jefferson kennen, wie einen Ort, in den man selbst zugezogen ist: durch die Geschichten der Bewohner.

Nur dass die Welt aus den Fugen geraten ist: Gott, der Allmächtige, spielt seine Allmacht noch einmal aus, vermutlich zum letzten Mal: zerstörerisch. Er ist wieder der Gott des Alten Testaments geworden: streng und zornig, gnadenlos und unerbittlich.

Wie Adrian Leverkühn in Thomas Manns "Doktor Faustus" die Neunte Symphonie Beethovens zurücknehmen wollte, scheint es hier, als wolle Faulkner das Neue Testament zurücknehmen: Gott ist nicht Mensch geworden, sondern unmenschlich geblieben. Die Menschen, die in Seinem Glauben handeln, sind es auch, gefühllos gläubig. Nächstenliebe erscheint in Form von Gewalt. Old Doc Hines, der Großvater von Joe Christmas, hat sein Leben dem Kampf gegen den Teufel gewidmet. Er ist dabei zum Teufel geworden. Und Joe Christmas, sein Enkel, in dem er das Wirken des Teufels sieht, wird zum Märtyrer, ohne Anspruch und Hoffnung auf Erlösung, weder auf Erden noch im Jenseits.

Mit Joe nimmt es, naturgemäß, ein übles Ende. Der amerikanische Kritiker Harold Bloom meint, es gelinge uns Lesern nicht, ihn zu mögen, aber noch weniger, ihn nicht zu mögen. Vermutlich aus einem einfachen Grund: Sein Leben ist durch Gott bestimmt. Nur bleibt dieser Gott abwesend. Die Menschen berufen sich noch auf ihn, aber letzten Endes können sie nicht mehr glauben. Deshalb ist Verzweiflung die Reaktion auf Joe Christmas Leben - und Tod.

Christmas hatte sich, warum, das bleibt, obwohl einige Gründe zu ahnen sind, am Ende unklar, in das Haus des ehemaligen Predigers Hightower geflüchtet.

"Er hockte hinter dem umgestürzten, auf der Kante liegenden Tisch in der Küche, als seine Verfolger, voran Percy Grimm, den alten Hightower grob an die Seite drückend, hereinstürzten. Grimm feuerte das ganze Magazin seiner Pistole in den Tisch. Später legte jemand ein gefaltetes Taschentuch über die Einschusslöcher. Grimm war damit aber noch nicht fertig.

Als die anderen in die Küche kamen, sahen sie den inzwischen beiseite gestoßenen Tisch und Grimm, der sich über den Mann beugte. Und als näher kamen, um zu sehen, was Grimm vorhatte, sahen sie, dass der Mann noch nicht tot war, und als sie sahen, was Grimm tat, stieß einer der Männer einen erstickten Schrei aus und stolperte rückwärts gegen die Wand und erbrach sich. Dann sprang auch Grimm zurück und warf das blutige Schlachtermesser hinter sich. 'Jetzt wirst du die weißen Frauen in Ruhe lassen, auch in der Hölle', sagte er. Doch der Mann am Boden hatte sich nicht gerührt. Er lag nur da, die Augen weit geöffnet und leer von allem außer dem Bewusstsein, und etwas wie einem Schatten um den Mund. Einen langen Augenblick sah er mit friedvollen, unergründlichen und unerträglichen Augen zu ihnen auf. Dann schienen sein Gesicht, sein Körper, schien alles zusammenzubrechen, in sich zusammenzufallen, und aus der zerschlitzten Kleidung um seine Hüften und Lenden stürzte das aufgehaltene schwarze Blut wie losgelassener Atem. Es stürzte aus dem bleichen Leib wie der Funkenregen aus einer aufsteigenden Rakete, und aus diesem schwarzen Ausstoß schien der Mann aufzusteigen und in ihr Gedächtnis einzudringen, auf immer und ewig."

Joe Christmas trug seinen Namen wie eine Botschaft, aber der Lauf seines Lebens dementiert jeden damit verbundenen Anspruch.

Die Toten des Bürgerskriegs sind tot. Der Glaube an das ewige Leben, die himmlische Gerechtigkeit, die göttliche Liebe - das sind Leerformeln geworden. Deshalb zeigt sich der Glaube in seiner brutalsten, pervertiertesten Gestalt. Die Fundamentalisten von heute, gleich welcher Religionsgemeinschaft sie sich zugehörig fühlen, finden hier ihre Brüder im Geiste. Seelenlose Fanatiker, die das brüchige Fundament ihres Glaubens, mit der unmenschlichen Härte stabilisieren wollen, mit der sie ihn vertreten.

Joe Christmas, ein uneheliches Kind, galt als "Nigger". Auch er selbst hat daran geglaubt. Als Kleinkind war er von Old Doc Hines, seinem eigenen Großvater, an einem Weihnachtsabend auf den Stufen eines Waisenhauses ausgesetzt worden. Seine Mutter war bei der Geburt gestorben, weil sich der Großvater geweigert hatte, den Arzt zu holen. Sein Vater wurde schon zuvor von dem alten Hines erschossen. Dieser Zirkusarbeiter mexikanischer Herkunft soll angeblich "Negerblut in den Adern" gehabt haben, ein Gerücht, das genügte, um Schrecken auszulösen. Der junge Joe spielt damit. Er kann es nicht fassen, als ihm eine Prostituierte erklärt, ihr wäre sein "Niggerblut" egal. Heute ist dieser einst zentrale Konflikt abgeschwächt. Andere Motive sind in den Vordergrund getreten.

Joe Christmas mache sich selbst zum Südenbock, schrieb Harald Bloom, bevor er zum Opfer gemacht werden konnte.

Um den Kleinen, den er für eine Ausgeburt des Teufels hält, im Auge zu behalten, hatte sich Hines als Hausmeister in dem Heim verdingt.

"Seine Worte sind: 'Hurerei und Gräuel.'
Immer wieder: 'Hurerei und Gräuel.'"

Nach fünf Jahren passiert endlich, was passieren musste; es wird zu einer Schlüsselszene des Romans. Irgendwann einmal entdeckte der gerade fünf Jahre alte Junge zufällig Zahnpasta im Zimmer einer jungen Wirtschafterin. Seitdem schlich er sich Tag für Tag dorthin, um an der Tube zu naschen. Das war ungefährlich, denn um diese Zeit hielt sich niemand auf diesem Korridor auf. Doch eines Tages hört er Stimmen. Er versteckt sich, die Tube noch in der Hand, hinter einem Vorhang. Ein Assistenzarzt bedrängt die ängstliche Wirtschafterin, um mit ihr zu schlafen. Joe kann die Geräusche nicht deuten. Er nuckelt an der Zahnpasta, verschluckt nach und nach, aus Angst davor, entdeckt zu werden, den Inhalt der ganzen Tube - bis alles auf einmal wieder aus ihm herauskommt.

"Du kleine Ratte! Du spionierst mir nach! Du kleiner Niggerbastard."

Der Prozess, der damit in Gang gesetzt wurde, ist erst in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts von der konstruktivistischen Psychologie auf den Begriff gebracht worden. Eine Projektion, die Reaktionen provoziert, die wiederum neue Projektionen hervorrufen, die et cetera.

"Die Wirtschafterin war siebenundzwanzig - alt genug, um ein paar amouröse Abenteuer zu riskieren, aber noch jung genug, um nicht so sehr der Liebe, als vielmehr der Gefahr, dabei ertappt zu werden, die größere Bedeutung beizumessen."

Die junge Frau lebt entsprechend in panischer Angst, dass das Kind sie verpfeift. Sie versteht nicht, warum er es hinauszögert. Joe aber denkt gar nicht daran. Er wartet stattdessen auf die über-fällige Bestrafung für seinen Zahnpasta-Diebstahl. So steigern beide - wechselseitig - ihre Ängste. Das Nichtstun des einen wird von dem Anderen als aggressiver Akt betrachtet, und umgekehrt.

Das führt, im Ergebnis dazu, dass Joe zur Adoption in eine streng religiöse Farmerfamilie gegeben wird. Diese Seite des Christentums, die wir von Karl Philip Moritz' Anton Reiser her kennen, die sich in aller Drastik auch zwei Jahrhunderte später noch einmal bei Per Olof Enquist ähnlich eindrucksvoll deprimierend gezeigt hat, führt uns einen erbarmungslosen Glauben vor, der eine prominente Stelle in der Reihe der großen Verbrechen unserer Weltgeschichte verdient. Die Brutalität, mit der dem kleinen Jungen der Katechismus, bis er bewusstlos wurde, eingeprügelt werden sollte, ist schlicht unglaublich.

"Die Stimme des fanatisch gläubigen Vaters 'war nicht unfreundlich. Sie war nicht menschlich. Sie war bloß kalt, unversöhnlich, wie geschriebene oder gedruckte Worte.' – 'Lass die Hose runter', sagte er. 'Wir wollen sie nicht beschmutzen.'"

An diesem Tag wurde Joe "zum Mann". Noch stand er als Junge da:

"Die Hose heruntergerutscht über seine Füße, die Beine sichtbar unter dem kurzen Hemd. Er stand schmal und aufrecht. Als der Riemen niedersauste, zuckte er nicht zusammen, kein Beben ging über sein Gesicht. Er blickte geradeaus vor sich hin, mit einem versunkenen ruhigen Ausdruck, wie ein Mönch auf einem Gemälde. McEachern fing an, methodisch zu schlagen, mit langsamer und bedächtiger Kraft, noch immer ohne Erregung oder Zorn."

Nach zehn Schlägen gab er dem Jungen wieder den Katechismus. Eine weitere Stunde verging. Dann die nächsten Schläge, bis der Junge ohnmächtig umfiel. In dieser christlichen Familie wird Joe erwachsen.

Er verschwindet nachts heimlich aus dem Haus, um seine Freundin zu treffen. Eines Tages spürt ihn der alte McEachern bei einer Tanzveranstaltung auf. Es kommt zu einer kurzen Auseinandersetzung. Joe erschlägt dabei seinen Adoptivvater mit einem Stuhlbein - und jeder Leser, der an dieser Stelle keine Partei für den Jungen ergreift, sollte in die nächste Kirche gehen und, wenn schon nicht kotzen, dann seinen Gott um Gnade bitten, für sich und seine Unmenschlichkeit. Hingegen lässt sich das Ausmaß der Sympathie, das Faulkner für seine Figuren empfindet, daran erkennen, wie nahe er ihnen auf die Pelle rückt. Am Anfang hatte Lena gedacht:

"Den ganzen Weg von Alabama: ein schönes Stück. Sie denkt: ich bin noch keinen Monat unterwegs und hab's schon bis Mississippi geschafft, weiter weg von zu Hause, als ich je vorher gewesen bin."

Und am Ende, fast fünfhundert Seiten und gerade einmal acht Wochen später, sagte sie:

"Meine Güte. Man kommt ganz schön rum. Da sind wir erst vor zwei Monaten nach Alabama gekommen, und jetzt ist das schon Tennessee."

Mit diesen Worten endet ein großer Roman.

Aus Lena spricht die einfältige Anmut. Genau die, die wir von den Bildern Ghirlandaios kennen. Wollte "Licht im August" wirklich, wie viele Interpreten meinen, mit dem Lena gewidmeten Titel auf Hoffnung deuten, so wäre es eine Hoffnung, die vergangen ist.

Der Roman zählt zu den bedeutendsten Werken William Faulkners. Er gilt sogar als einer der bedeutendsten des 20. Jahrhunderts. Das ist richtig. Aber viel zu schwach gesagt: Das Buch ist nämlich wirklich eine Wucht.

William Faulkner: Licht im August
Deutsch von Helmut Frielingshaus und Susanne Höbel
Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, 480 Seiten

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