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Vom böhmischen Dorf zum hippen Stadtbezirk

Berlin-Neukölln feiert Jubiläum

Von Joachim Dresdner

Die Gropiusstadt im Süden Neuköllns wird 50.
Die Gropiusstadt im Süden Neuköllns wird 50. (Joachim Dresdner)

Zwischen dem neuen Berliner Großflughafen und Mitte liegt der Stadtteil Neukölln. Während die Hauptstadt nur ein Jubiläum beght - 775 Jahre -, feiert Neukölln gleich drei: Das Böhmische Dorf entstand vor 275 Jahren, wurde vor 100 Jahren von Rixdorf in Neukölln umbenannt. Und die Gropiusstadt wird 50.

Warum Neukölln? Nun, Neukölln ist wegen seiner vielen jungen Leute und der kreativen Szene stark in den Mittelpunkt Berlins gerückt.
Die Galerien, Restaurants und Bars sind "hip" für das meist junge Publikum. Das größte Hotel Deutschlands steht in Neukölln, damals visionär, jetzt günstig zum neuen Großflughafen gelegen. Ich verschaffe mir erstmal einen Überblick, im wahrsten Sinne des Wortes! Während tief unter uns Straßenlärm tönt, schaue ich mit dem jungen Stadtentwickler Jan-Christopher Rämer vom höchsten Wohnhaus Berlins stadteinwärts. Vor uns breitet sich nicht nur Neukölln aus.

Das Gasometer, wo Günther Jauch drin talkt. An der Seite schmiegt sich das alte Flughafengebäude in Tempelhof an, der Fernsehturm. Der Berliner Dom ist zu sehen, der Teufelsberg im Grunewald mit der alten Abhörstation der US-Amerikaner.

Dann geht unser Blick nach Osten herüber:
Es sind dann auch die Hochhäuser von Marzahn/Hellersdorf am Horizont zu erkennen und das markante, dreieckige Hotel "Estrel", das größte Hotel Deutschlands, was wir hier in Neukölln haben. Die Hufeisensiedlung mit den flacheren, dunklen Häusern und direkt vor uns sehen wir wie sich die Gropiusstadt langsam erhebt.

So sieht's aus. Und den geschichtlichen "Über-Blick" liefert das Neuköllner Stadtwappen. Das zeigt im unteren Halbrund das Johanniterkreuz. Der Ritterorden gründete Rixdorf. Darüber, in der Mitte links, erinnert der Abendmahlkelch an die Hussiten und die Ansiedlung aus Böhmen vor 275 Jahren. Rechts weist der rote Adler auf die Stadt Cölln an der Spree. Obenauf schließlich die dreitürige Mauerkrone mit dem Berliner Bären in der Mitte. Vier Symbole. Die ganze Geschichte! Ich lass', aus Zeitgründen, mal die ersten 300 Jahre weg…

… und schaue ins Rixdorf des Jahres 1624:

…wo für Rixdorf eine "Laufschmiede" erwähnt wird, das heißt, der Schmied hat nicht in Rixdorf gewohnt, sondern ist aus wahrscheinlich aus dem nahegelegenen Berlin oder Cölln hierhergekommen und hat die Arbeiten, die hier zu machen sind eben verrichtet und ist dann wieder gefahren. Vermutlich ist die Schmiede älter und damit sind wir tatsächlich Berlins älteste Schmiede, die auch immer noch arbeitet.

Martin Böck, sieht nicht nach Schmied aus: Ein schlanker, junger Mann mit unauffälliger Brille tritt mir entgegen. Im dunkelroten Hemd, mit dunkler Hose:

"Ich selber bin gelernter Messerschmied. Ich mache Messer und Werkzeuge, meine Kollegin ist für den Baubereich zuständig, das heißt macht Zäune, Treppen, Balkons. 'Wir machen alles Scharf!'"

Martin Böck, der Schmied vom Richardplatz, am historischen Ort, dem Kern von Deutsch-Rixdorf. Für Touristen heizt er sonntags, am frühen Nachmittag, das Feuer an. Und nebenbei streift er durch die Geschichte:

"Wir haben ja nicht nur das 275-jährige Jubiläum, was ja nicht böhmisches Dorf ist, sondern die Böhmen nach Rixdorf, außerdem haben wir dieses Jahr 'ne 100 Jahr Feier Umbenennung von Rixdorf nach Neukölln, weil Rixdorf damals einen ähnlich schlechten Ruf hatte wie Neukölln heute. Rixdorf war damals Arbeiterviertel."

Es gab Streitereien zwischen den Arbeitern und den nah angesiedelten Offizieren und Soldaten. Da hat sich manch einer 'ne blutige Nase eingefangen. Den berüchtigten "Rixdorfer Schieber", diesen Schiebertanz, hat man damals für den Verfall der Sitten verantwortlich gemacht und auch für manche Prügelei. Hat den kurzerhand verboten. Ganz schlimme Sache damals!

Lange vorher ging die Geschichte des Laufschmiedes zu ende. 1797 wurde einem Schmied erlaubt in Rixdorf zu wohnen:

"Der hat die Werkstatt 'n bisschen erweitert, hat das neben gelegene Wohnhaus gebaut, wo jetzt der Frauentreffpunkt seit 20 Jahren drin ist, aber das war ursprünglich das Wohnhaus des Schmiedes."

In den Frauentreffpunkt nebenan aber darf ich auf keinen Fall hinein, weist mich eine junge Türkin zurück:

"Und da dürfen überhaupt keine Männer rein damit die Frauen von den anderen Nationalitäten auch dahin sich trauen und zu gehen, weil, da wird auch sehr viele Informationen für Frauen gegeben und Hilfen, und da wird auch gekocht, gibt's auch Mittagessen, Kaffee, Tee, alles mögliche. Das ist halt so ein Treffpunkt für Frauen."

Gül-Aynur Uzun ist in Istanbul geboren. Mit sechs Jahren kam sie nach Berlin, seit ungefähr 40 Jahren lebt sie hier, wo Neukölln am ältesten ist.
Mit der zweifachen Mutter bin ich auf den Wegen von Rixdorf nach Neukölln unterwegs.
Seit einigen Jahren führt die dunkelhaarige Türkin Touristen, Politiker und Reporter wie mich, selbstbewusst durch Neukölln, durch Böhmisch- und Deutsch Rixdorf:

"Wir gehen mal zu König und da erzählen wir auch über Böhmen…"

Wir nähern uns von der Kirchgasse dem Denkmal des Monarchen. Glaubensflüchtlinge aus Böhmen folgten dem Angebot des Preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., sich in Rixdorf anzusiedeln. Zuwanderer aus Böhmen:

"Der liebe König Friedrich Wilhelm I., der hinter uns steht, der hat den Glaubensflüchtlingen aus Tschechien gesagt, ihr könnt her kommen. Ich gebe euch Häuser und Ackerland und ihr könnt eure Sprache sprechen, euren Glauben führen. Kommt einfach her! Jede Familie erhielt zwei Pferde, zwei Kühe, Ackergerät und...

Zwei Jahre waren sie von Steuer befreit, zwei Jahre vom Wehrdienst. Die Böhmen, die waren natürlich froh, denn sie wurden ja auch verfolgt, ermordet wegen ihres Glaubens. Sie haben noch Nachfahren hier. In diesem böhmischen Dorf sprechen noch vier Familien tschechisch, sonst sind sie sehr integriert.

Also ich zeig erstmal hier die Schule. Die Böhmen haben das als Internat benutzt und das ist die älteste Schule von Berlin. Das ist jetzt ein Museum. Und den Kelch, sehen sie da oben? Den kann man auch sehen auf dem Neuköllner Wappen."

Das "Böhmische Dorf" in Rixdorf. Durch ein niedriges Tor in der roten Ziegelmauer geht es nach Deutsch-Rixdorf, auch heute noch:

"Geh'n wir lieber hier durch, weil, da sehen sie auch die älteste Mauer. Da war auch Tür, die Tür ist jetzt weg und da kommen wir in so einen Durchgangsgarten, von Richardplatz. Die Leute können nicht fassen, dass wir in Neukölln sind: dörfliche Gegend, noch das alte Pflaster. Ja, und so schön, mitten in Neukölln!"

Wir kommen zum Richardplatz zurück, mit Schmiede, Frauentreff, Gaststätten und Imbissbude.

"Richardplatz find ich schön. Von Neukölln der schönste Platz. Die Seitenstraßen sind ja noch heruntergekommen und dreckig, aber Richardplatz ist wirklich schick!"

Die meisten Schüler in der Richardschule haben einen Migrationshintergrund. Als Gül-Aynur dort auf der Bank saß, war sie die dritte türkische Schülerin. So lernte ich schnell Deutsch, erklärt sie mir, als wir in die Neuköllner Hauptstraße einbiegen. Die ist nach dem Gesellschaftstheoretiker Karl Marx benannt.

"Die ist noch um 11 Uhr so belebt, hier schläft man ganz kurz, auf Karl-Marx-Straße. Hier ist überall offen. Das ist das schönste an Neukölln: Man kann hier wirklich alles finden: "Ein-Euro-Shop"-Läden, oder Billigladen, man kann hier sogar Calvin-Klein-Kleider holen.

Hier war ein Buchladen, wo dieser Dönerladen ist und daneben war ein Eisenwaren Hier war ein Schuhladen, Pelzmantel, Leder. Das alles hat ja zugemacht, denn, wer soll den Pelz anziehen, ist ja out, ist nicht mehr schick. Und Buchladen: man bestellt ja eher im Internet, als wenn man in einen Laden geht und da ein Buch holt. Bei diesen Läden sind dann immer, entweder Glücksspiele, Handyladen, ja oder Dönerladen."

Gül-Aynur Uzun schlägt mir vor, von der Shopping-Meile am U-Bahnhof Karl-Marx-Strasse, abzubiegen:

"Ich weiß nicht, ob sie schon im 'Café Rix' waren? Kenn Sie 'Café Rix'? Nein? Da gehn wir mal kurz rein! Da können sie auch sehen, was 'Café Rix' ist, das ist unsere Treffpunkt. Wenn wir uns mal treffen wollen, dann waren wir immer im 'Café Rix'."

Das "Rix" ist Kaffeehaus, Restaurant und Galerie. Wunderbar restauriert mit Goldstuck, großen Spiegeln und dem Flair eines klassischen Kaffeehauses - auch mit Teespezialitäten! Nebenan, im alten Saalbau, spielt das Theater "Heimathafen":

"Das machen acht Frauen und hier kommen Theaterstücke rein. Seit zwei Jahren kommen auch türkische Sänger her. Und in der Nazi-Zeit hat man das als Gütersammelstelle benutzt. Von jüdischen Mitbürgern hat man die Sachen genommen und hier versteigert. 2000 wurde das Ganze hier restauriert, renoviert, mit modernsten Techniken ausgestattet und wiedereröffnet mit so einem Theater 'Heimathafen'."

275 Jahre Böhmisch-Rixdorf, 100 Jahre Neukölln. Blicke in die Geschichte.
Am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße besteige ich einen stadtauswärts fahrenden Zug der Linie 7. Mein Ziel ist die Gropiusstadt. Dieser Stadtteil von Neukölln wird 50.

Sechs Stationen weiter erwartet mich Jan-Christopher Rämer. Der 31-Jährige ist im Süden Neuköllns aufgewachsen. Seit einigen Jahren kümmert er sich um Stadtentwicklung und Quartiersmanagement.

Im November 1962 legte der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt gemeinsam mit dem Bauhausarchitekten Walter Gropius den Grundstein für den ersten Bauabschnitt. Tafeln, die vom Baubeginn vor 50 Jahren künden, sind unauffällig in die Außenwand von Berlins größtem Einkaufszentrum eingelassen.

Hinter den Gropiuspassagen, dort, wo der heutige Neuköllner Bürgermeister "Kartoffeln stoppelte", zieht sich ein Parkstreifen. Drunter rollt die U 7 durch die Gropiusstadt. Noch 1996 hatte Berlin vor, die U-Bahnlinie "bis zum Terminalbereich in Schönefeld" zu verlängern, bis zum Flughafen also.

"Wir laufen sozusagen auf der U-Bahn und wir laufen jetzt auch zum nächsten U-Bahnhof. Wenn man sich die ersten Entwürfe der Gropiusstadt noch mal anguckt, dann ist der Graben auch noch zu sehen. Damals wurde drauf gedrängt und durchgesetzt, die U-Bahn wird zugemacht, hier oben wird ein Parkweg gemacht. Wir brauchen diese grüne Lunge für die Gropiusstadt."

Das Konzept sah Grünflächen, überschaubare Wohnviertel und Einfamilienhaussiedlungen vor, auch Geschäftszentren. Dann ließ die Ostberliner Führung die Mauer bauen. Im Westteil Berlins sollten auf nun knappem Baugrund möglichst viele Wohnflächen entstehen.

"Das ist ja immer der Punkt, wo ich mich als aufgewachsener West-Berliner etwas bekringle darüber, wenn gerade Westdeutsche abfällig über die Plattenbauten im Osten sprechen, weil man braucht nur an die Stadtränder von Kassel fahren, oder Pforzheim, oder Göttingen, oder Hamburg, das ist ja alles nicht bedeutend schöner als das, was vielleicht in Marzahn/Hellersdorf gebaut wurde."

Jetzt kommen Jan-Christopher Rämer und ich zum höchsten Wohnhaus Berlins. Das ist mit seinen 32 Stockwerken höher als der Reichstag und steht hier in Neukölln. Zum Richtfest - 1969 - kam Willy Brandt. Und von ganz oben bietet das Hochhaus eine gigantische Aussicht. Der Blick reicht bis zum neuen Flughafen:

"Und hier sehen wir jetzt den Flughafen wirklich schon von oben, den großen filigranen neuen Tower und dann auch schon das Flughafengebäude und auch schön auf dem Weg Richtung Flughafen, also es ist geradezu von uns aus Richtung Flughafen das Auslaufen und rechts die harte Kante nach der Mauer dann auch mit, also diese Besonderheit, die wir in Berlin dann immer haben, das dann auch die Stadt zu Ende ist.

Und zwischendrin dann aber auch immer das, was am stärksten noch an das Ideal von Walter Gropius dann doch mit erinnert, die kleinen Wohnbungalows hier unten, die ja nun wirklich nur eine Etage haben und direkt dahinter Schulen mit Sportplätzen, alles das, was dann hier zusammengehört, dann auch in der Gropiusstadt auch mit. Jetzt sieht man auch gerade wie ein Flugzeug dort einschwebt, langsam Richtung Schönefeld da auf den Weg macht."

Anflug Schönefeld - gut zu sehen vom Hochhaus in der Gropiusstadt.

Glauben Sie bitte nicht, dass das alles war: da wären noch: das jüdische Theater, die türkische Moschee, das japanische Essen, der polnische Lebensmittelladen, die spanischen Designerinnen. Neukölln ist bunt!



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