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StartseiteKultur heuteVom Ende der Welt16.03.2012

Vom Ende der Welt

Der Kinofilm "Das Turiner Pferd" von Bela Tarr

Ein Schwarz-Weiß-Film über einen Bauern, seine Tochter und ein Pferd in der Puszta. Ärmlichste Verhältnisse. Subsistenz als Existenz, täglicher Kampf. Der Film "Das Turiner Pferd" erinnert an jene Episode, als der Philosoph Friedrich Nietzsche aus Mitleid 1889 ein Pferd küsste, umarmte und weinte.

Von Rüdiger Suchsland

Porträt des deutschen Existenzialisten Friedrich Nietzsche (AP-Archiv)
Porträt des deutschen Existenzialisten Friedrich Nietzsche (AP-Archiv)

Ein Pferd zieht einen schweren, großen Holzkarren. Das Pferd ist muskulös und es hat lange Zotteln, so wie die Pferde auf den Bildern der alten Meister der europäischen Neuzeit. Der Karren ist nicht für Menschen, sondern für Lasten gedacht. Ein Kutscher lenkt ihn, und er peitscht das Pferd, um es anzutreiben. Schneller, schneller! Lauter und lauter tönt die Musik; irgendwie unheilschwanger und doch auch pathetisch, erhaben.

Mit dieser Szene von großartiger Dynamik beginnt der Film. Ihre Wirkung ist schwer zu beschreiben: Denn was man sieht, ist eigentlich banal. Durch die Art, wie alles aufgenommen ist, wie sich die Kamera bewegt, und auf der Höhe mit dem von rechts nach links rasenden Gaul bleibt, ihn schließlich von vorne zeigt, und durch den Purismus des schwarz-weißen Filmmaterials, bekommt sie aber einen eigenartigen Sog.

Es ist dies so ein Filmmoment, über den man dann gerne sagt, dass man ihn erleben muss. Und es stimmt: Es gibt im Kino immer wieder solche wundersamen Szenen, die spotten jeder Beschreibung. Man muss sie erleben, um ihre Wirkung zu verstehen - Worte helfen da nicht weiter.

Da eine Filmkritik aber ohne Worte nicht auskommt, ist Bela Tarrs neuester Film "Das Turiner Pferd" ein Film, der sich womöglich aller Kritik entzieht. Über den man nicht reden kann, sondern nur schweigen. Ob das jetzt eine gute Nachricht ist, bleibt allerdings die Frage.

Immer wieder gibt es in Bela Tarrs Film jedenfalls solche erhabenen Momente: In sich geschlossen, ganzheitlich. Von undurchdringlicher, irgendwie vollkommener Schönheit und innerer Spannung. Dennoch ist Dynamik so ziemlich das letzte Wort, das einem einfällt angesichts dieses Films.

Denn was man in ihm sieht, das ist ein Mann, eine Frau und ein Pferd. Der Mann ist ein Bauer, dessen Gesichtszüge durch einen ungepflegten, langen Rasputin-Bart weitgehend verborgen sind. Die Frau ist jünger und seine Tochter.

Sie leben in einer kargen Holzhütte; sprechen nur das Notwendigste. Sie stehen auf, arbeiten, essen. Sie essen große Kartoffeln, die die Frau kocht, pellen mit bloßen Händen die Schale von den noch heißen Kartoffeln herunter.

Sie tun das immer wieder, tagaus, tagein. Und der Film nimmt sich eine Menge Zeit, uns das auch vorzuführen. Dazwischen gehen sie in den Stall und füttern das Pferd. Sie gehen zum Brunnen vor dem Haus und schöpfen Wasser.

Derweil weht ein Sturm. Er weht stark und immer heftiger. Irgendwann spannen sie das Pferd an, doch der Sturm ist schon zu heftig. Irgendwann kommen andere Menschen. Sie nehmen Wasser aus dem Brunnen "Dreckige Zigeuner", schimpft der Bauer, droht mit der Axt, verjagt sie und wird von ihnen verflucht. Irgendwann kommt Besuch. Ein Nachbar, er redet und trinkt mit dem Bauer.

Das ganz normale Leben, könnte man sagen. Es passiert nichts, könnte man auch sagen. Das muss nicht einmal ein Widerspruch sein. Es ist ein Abgrund an Primitivität und Eintönigkeit, zu deren Zeugen uns der Film macht.

Wie sieht man das alles? Man sieht es in nur 29 Einstellungen - im Durchschnitt erfolgt also ziemlich genau alle 5 Minuten ein Filmschnitt. Das ist ein einer Zeit, in der im Hollywood-Mainstream oft über 500 Mal geschnitten wird, von unfassbarer Langsamkeit, eine visuelle Attacke auf unsere Sehgewohnheiten. Allemal ist es eine Zumutung. Eine Zumutung, die prächtig und genau fotografiert wurde vom deutschen Kameramann Fred Kelemen.

Bela Tarrs "Das Turiner Pferd" ist ein allegorischer Film, eine Allegorie auf alles und nichts. Er ist ein Abgesang auf das Kino, auf das alte, prädigitale, analoge, das gerade verschwindet: Dieser Film ist Stummfilm, Schwarz-Weiß-Film, Film auf prächtigem scharf konturiertem 35-Millimeter-Material.

Er ist ein Film über jenen Gaul, dem sich der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche am 3. Januar 1889 in Turin um den Hals warf, bevor er dem Wahnsinn verfiel, wie der im Off gesprochene Einführungstext anfangs verkündet. Zur Hälfte führt das in die Irre: Denn Nietzsche kann man hier vergessen. Seine Themen aber wird man zum Teil wiederfinden: die ewige Wiederkehr des Gleichen, den Untergang der Kultur, die Apokalypse.

"Das Turiner Pferd" ist auch ein apokalyptischer Film. Unterteilt in sechs Tage erlebt man wie die Schöpfungsgeschichte quasi rückwärts geschrieben und zurückgedreht wird. Eine negative Genesis. Und so ist dieser Film auch ein nihilistischer Film.

Kein Film, der noch am Dialog mit den Zuschauern interessiert ist. Sondern ein autoritärer Film, einer der Gefolgschaft verlangt, oder eben Widerstand. Der nicht begeistern und mobilisieren will, nicht überreden und überzeugen. Sondern der den Glauben und die Unterwerfung verlangt.

Hier muss die Filmkritik schweigen, hier beginnt die Mystik.

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