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StartseiteBüchermarktVom Himmel hoch28.02.2004

Vom Himmel hoch

Alexander Sturgis über Engel und die Sprache der Bilder

Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie anstrengend es für einen gemalten Engel sein muss, Jahrhunderte lang vor der Heiligen Jungfrau das Knie zu beugen? Außerdem erscheint uns Erdenmenschen das Engel-Sein doch ziemlich langweilig - und so manchem Putto, der ersichtlich gerne von seiner Wolke purzeln würde, wohl auch.

Martina Wehlte

Ein Engel auf Erden (Filmmuseum Berlin)
Ein Engel auf Erden (Filmmuseum Berlin)

Dass aber ein Erzengel, noch dazu ein so würdevoller von der Hand Fra Angelicos, pflichtvergessen aus seinem Verkündigungsbild flattern würde, um einem kleinen Jungen beim Detektivspiel zu assistieren, das ist schon ein starkes Stück. So geschehen in Alexander Sturgis’ Kinderbuch Peters Engel und die Geheimsprache der Bilder.

Sturgis ist Kurator an der National Gallery in London und arbeitet nebenberuflich als Zauberer. Den Trick, wie er Gabriel von seinem angestammten Platz in den Arkaden am himmlischen Paradiesgärtlein weggezaubert hat, verrät er seinen Lesern zwar nicht, aber er führt sie in die Zauberwelt der Bilder ein. Und wie man beim Zaubern ganz genau hinsehen sollte, um dem Meister auf die Schliche zu kommen, so auch, um den Sinn eines Bildes zu verstehen. Dazu bedarf es allerdings detektivischen Spürsinns und einer Kombinationsgabe wie sie Peter hat, der eines Tages aus purer Neugier ein Kunstmuseum betritt. Faszinierend aber unverständlich wirken die Bilder auf ihn. Da bietet sich der gemalte Erzengel Gabriel als Museumsführer an, um ihn zu bedeutenden Gemälden aus allen Epochen zu geleiten.

"Okay, Herr Detektiv", sagt er vor Rembrandts ''Festmahl des Belsazar'' von 1636/38. "Was kannst du mir über diesen Mann erzählen?" Peter kommt – im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen – gleich zum Kern der Sache. "Also", sagt er, das ist ein König. Er mag Gold – und er hat schreckliche Angst.

Tatsächlich ist der hochdramatische Augenblick dargestellt, als Belsazar die glühende Prophezeiung vom Untergang seines Reiches entdeckt, die eine schwebende Hand gerade geschrieben hat. Peter erkennt, dass genau dieser Moment festgehalten ist, weil noch immer Wein aus dem Kelch fließt, den der entsetzte König umgestoßen hat. Gabriel ist beeindruckt. Er fliegt zu einer Küstenlandschaft mit einem Meeresungeheuer. Wie viele Männer auf diesem Bild einen Helm tragen, will er wissen. Peter ist ein scharfer Kopf und kriegt schnell heraus, dass es sich bei den drei behelmten Figuren um ein und denselben mutigen Kämpfer handelt: Perseus, wie er durch die Lüfte eilt, dann das Ungeheuer tötet und sich schließlich von Andromeda und einer begeisterten Menschenmenge feiern lässt. So ist anschaulich, wie früher die zeitliche Abfolge einer Handlung in verschiedenen Szenen auf einem Bild dargestellt wurde.

Bei den symbolischen Beigaben der Heiligen, ihren Erkennungszeichen, bei weltlichen Symbolen wie der Seifenblase für die Vergänglichkeit oder den Hund für die Treue, auch beim Who’s who der antiken Mythologie gibt Gabriel, der ja im Museum zuhause ist, Hilfestellung. Es ist frappant, mit welcher kindlichen Selbstverständlichkeit Sturgis seine Figur aus nur wenigen Informationen einfache Schlüsse ziehen lässt, wo die Erwachsenen entweder um drei Ecken denken – oder gar nicht. Jedes der zwölf Gemälde, die der Autor ausgewählt hat, birgt ein Geheimnis, sogar Pollocks Dripping-Bild, das aus der Nähe verkleckst und wild aussieht, in einigem Abstand jedoch harmonisch und sanft.

Die Werke des imaginären Museums stammen aus hochrangigen Sammlungen, überwiegend aus der National Gallery of Art in Washington und aus Londoner Museen. Dabei spannt sich der zeitliche Bogen vom frühen fünfzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Das bestens gelungene Layout des Buches lebt aus dem Kontrast zwischen den halb- bis anderthalbseitigen qualitätvollen Reproduktionen und ihren gemalten Bilderrahmen; den verschiedenfarbigen Doppelseiten, die jedem Werk eingerichtet sind; und insbesondere dem Kontrast zwischen den beiden Akteuren: Fra Angelicos kostbar gewandetem Engel mit den goldenen Flügeln und dem weichfleischigen Gesicht gegenüber dem ungelenken Hobby-Detektiv mit Skateboard und Lupe. Lauren Child hat das Buch humorvoll illustriert, und es ist ihr ein ebenso verblüffender Dialog zwischen hoher Malkunst und fast karikierendem Zeichenstil gelungen wie dem Autor mit seinem nicht ganz allwissenden Engel und dem kleinen Jungen. Warum in seinem Verkündigungsbild die Schriftzeile mit Marias dankbarer Antwort an Gott auf dem Kopf steht, weiß Gabriel nicht. Ein Kunsthistoriker würde vermuten, damit die Worte so erscheinen wie die Heilige Jungfrau, die rechts im Bild sitzt, sie spricht. Peter aber weiß es: "... damit sie vom Himmel aus gelesen werden können". – Stimmt!

Alexander Sturgis
Peters Engel und die Geheimsprache der Bilder
Gerstenberg, 36 S., EUR 12,90

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