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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVom Kulturraum zum Ort der Machtinszenierung21.06.2012

Vom Kulturraum zum Ort der Machtinszenierung

Historiker erforschen die Bedeutung des Raumes für die alten Zivilisationen

Was wusste der antike Mensch über seinen Lebensraum, wie beobachtete und ordnete er seine Umwelt? Vor allem Historiker beziehen bei ihren Forschungen immer mehr die Kategorie des Raumes mit ein und fragen, wie Raumvorstellungen die Welt strukturierten.

Von Matthias Hennies

"Wer den Raum nicht betrachtet, kann die Zeit nicht verstehen." (Stock.XCHNG / Steve Gray)
"Wer den Raum nicht betrachtet, kann die Zeit nicht verstehen." (Stock.XCHNG / Steve Gray)

In letzter Zeit hat sich in den Geschichtswissenschaften eine Einsicht weithin durchgesetzt, die man so formulieren könnte: Wer den Raum nicht betrachtet, kann die Zeit nicht verstehen.

Nach einzelnen Projekten in den neunziger Jahren haben Historiker im neuen Jahrtausend eine Fülle von Untersuchungen über den Einfluss des Raums auf die Geschichte begonnen. In Berlin arbeiten zum Beispiel Geisteswissenschaftler verschiedener Disziplinen in einem so genannten "Exzellenzcluster" unter dem griechischen Namen "Topoi", also "Orte" oder "Räume" zusammen. Exzellenzcluster, von Bund und Ländern vergleichsweise freigiebig gefördert, bündeln besonders vielversprechende, thematisch verwandte Forschungsprojekte. Gerd Graßhoff, Direktor von "Topoi", skizziert die Ziele:

"Raum soll also nicht nur im klassischen physikalischen Sinn als dreidimensionaler euklidischer Raum verstanden werden, sondern in einem sehr allgemeinen Sinne. Das heißt, es können hier Schallräume gemeint sein, es können hier Gedankenräume gemeint sein, es können grafische Ordnungen sein, die in Form von Karten räumliche Organisation von Zivilisationen vornehmen."

Es kann auch die Verbreitung von Wissen in der antiken Welt gemeint sein, die der Wissenschaftshistoriker Graßhoff selbst untersucht.

Oder in einem definierten Raum wird über Jahrtausende das Wechselspiel zwischen Mensch und Natur nachvollziehbar: In Nordmesopotamien etwa, am Rand des geschichtsträchtigen Zweistromlandes, das abseits des großen Weltgeschehens lag, als an Euphrat und Tigris die ersten Hochkulturen blühten.

Die Region, in einem Teilprojekt der "Topoi" erforscht, gehört heute zu Syrien: eine dünn besiedelte, trockene Steppenlandschaft, ein "arider Raum", wie Geografen sagen, der von den Nebenflüssen des Euphrat nur spärlich bewässert wird. Vor 5000 Jahren floss der wichtigste, der Habur, noch durch eine von hohen Gräsern bestandene, tierreiche Landschaft, berichtet Hartmut Kühne, Spezialist für Umweltarchäologie.

"Also eine reiche, fast savannenartige Natur mit vielen Sträuchern, und dazu gehörte dann eine reichhaltige Fauna, die zum Beispiel bestand aus Damhirschen, dann aus Löwen, aus Straußenvögeln und sogar – das ist noch umstritten – der so genannte syrische Elefant, wahrscheinlich hat der da auch gelebt."

Das Gebiet wurde im dritten Jahrtausend vor Christus urbanisiert, sagt Kühne, Professor an der Freien Universität Berlin. Sogar Reste von Stadtmauern kamen bei Ausgrabungen zutage. In einer Trockenzeit wurden die Siedlungen jedoch aufgegeben. Das Land blieb sich selbst überlassen, bis im zweiten Jahrtausend vor Christus die Assyrer, Herren im Zweistromland, in der entlegenen Region neue Orte gründeten und die Steppe urbar machten. Ergebnis: Die systematisch bewässerten Äcker produzierten Überschüsse, ein dichter Auwald aus Pappeln säumte den Habur, im umgebenden Sumpfland lebten Biber. Die Assyrer integrierten das Gebiet zielstrebig in ihr Reich.

"Sie haben einen regionalen Kanal gebaut, von 200 Kilometer Länge, und sie haben parallel dazu eine Straße gebaut, die diesen Reichsteil mit der Hauptstadt verbunden hat. Dieser Kanal, der hat eine Grundfläche von sechs Metern Breite und eine Oberkantenbreite von zehn Metern, das ist also kein Rinnsal, der war schiffbar, dieser Kanal hat die Umwelt nachhaltig zerstört."

Kühne und seine Kollegen haben die Landschaft um die Mitte des folgenden, des ersten Jahrtausends rekonstruiert: Löwe, Strauß und Elefant hatte man durch intensive Jagd ausgerottet, den Pappelwald abgeholzt, die Region war wieder verödet.

Die Natur erholte sich allmählich, weil die Menschen abwanderten. Rund ein Jahrtausend später, im siebten Jahrhundert vor Christus, entstanden erneut Dörfer, Bauern nahmen den Boden unter den Pflug und das Land ernährte seine Bewohner – für eine Weile: Während der türkischen Herrschaft ab dem 16. Jahrhundert versank die Region wieder im Dornröschenschlaf, bis Syrien in den 1960er-Jahren begann, Siedlungen anzulegen und die Steppe in Ackerland umzuwandeln:

"Wird jetzt aber massiv beeinträchtigt dadurch, dass eben der Habur seit dem Jahr 2000 trocken gefallen ist, und das liegt daran, dass durch die Bevölkerung und verschiedene industrielle Aktivitäten der Grundwasserspiegel abgesenkt worden ist und dadurch die Karstquelle des Habur, die eine der größten der Welt war, nicht mehr sprudelt."

Ob sich das Gebiet langfristig auch davon wieder erholen wird, ist offen. Die Landschaftsgeschichte Nordmesopotamiens macht jedoch den Widerspruch zwischen Bedürfnissen der Menschen und der Natur deutlich. Dieser sensible Raum liefert den Bewohnern eine Zeitlang genug Ressourcen zum Leben, dann muss sich die Umwelt regenerieren. Dauerhaft harmoniert damit nur die Lebensweise der Nomaden, die zwischen wechselnden Weidegründen in der Steppe umherziehen.

Nicht am Rande der antiken Welt, sondern fast in ihrem Zentrum lag die Stadt Ostia, Hafen und Handelsplatz der Metropole Rom. Da der Ort nie durch neuere Siedlungen überbaut wurde, kann man dort noch heute zwischen den mehrstöckigen Ruinen der Mietskasernen die antiken Eckkneipen und die Kontore der Schifffahrtsgesellschaften finden.

Den entscheidenden Entwicklungsschub bekam die kleine Stadt in der Tibermündung paradoxerweise, als im zweiten Jahrhundert nach Christus ein neuer, größerer Seehafen im benachbarten Portus gebaut wurde.

"2In diesem Zeitraum erlebt Ostia einen unvergleichlichen städtebaulichen Boom, es ziehen Tausende nach Ostia, in kürzester Zeit wird die Stadt expandiert, und das hat zur Folge, dass auch ein Investitionsboom stattfindet, auswärtige Investoren finanzieren Großbauprojekte, also große Mietskasernen werden in kurzer Zeit aufgeführt, und das ist offenbar so gewinnbringend durch die Mieten, dass es ein sehr lukratives Investitionsobjekt darstellt.""

Professor Michael Heinzelmann, Archäologe an der Universität Köln, hat mit dem Berliner "Topoi"-Projekt nichts zu tun, untersucht aber ebenfalls die Bedeutung des Raums für die geschichtliche Entwicklung. Am Beispiel Ostia hat er tiefe Einblicke in das Wirtschafts- und Sozialsystem, in die oftmals verblüffend moderne Funktionsweise des römischen Imperiums gewonnen.

An den Baugrundrissen der antiken Stadt konnte er ablesen, dass im zweiten Jahrhundert etwa 95 Prozent der Wohnungen vermietet wurden: Nicht nur in den vier- und fünfstöckigen Mietskasernen, sondern auch in großzügigen Komfort-Wohnanlagen für die finanzkräftigen Bürger.

Dass die Bauherren von außerhalb kamen, zeigen die Fabrikstempel auf Ziegelsteinen und Wasserrohren: Auftraggeber waren in der Regel Senatoren und Aristokraten aus der extrem wohlhabenden Oberschicht Roms.

"Während die geschäftlichen Aktivitäten in Ostia selbst sehr häufig von Aufsteigern aus niederen Schichten bewerkstelligt werden, die in erstaunlich schneller Zeit aufsteigen können, viel Geld verdienen können, oft dann auch wieder wegziehen und sich offenbar andernorts niederlassen, Land kaufen und so weiter."

Lange haben Historiker den statischen Charakter der römischen Gesellschaft betont: Sie meinten, dass unternehmerisches Denken quasi unbekannt und die Durchlässigkeit zwischen den sozialen Schichten minimal war. Nur von freigelassenen Sklaven wusste man, da sie in der Literatur oft genug beschrieben wurden, dass sie ihren gesellschaftlichen Status radikal verbessern und unter die Superreichen aufsteigen konnten.

Doch im Mikrokosmos Ostia wird deutlich, dass überall investiert wurde, wo Gewinne zu erwarten waren, und dass die Unternehmer nicht nur aus der schmalen Schicht der Aristokraten kamen. Inschriften zeigen: Auch Freigelassene und – am interessantesten - Handwerker und Händler waren wirtschaftlich aktiv. Daraus ergibt sich, zumindest für die Hafenstadt vor den Toren Roms, eine neue Einsicht in die römische Gesellschaftsstruktur:

"Das Erstaunlichste für mich und das, was am modernsten für mich wirkt, ist, dass es offenbar eine sehr breite Mittelschicht gegeben hat, also dieses Milieu der Handwerker, der Dienstleister, der Händler, das ist in Ostia überrepräsentiert, lässt sich auch nicht mit vielen anderen Städten im Römischen Reich vergleichen. Da habe ich immer wieder den Eindruck, dass es ein sehr moderner Aspekt ist, den wir vielleicht im 19. Jahrhundert auch in Hafenstädten wie in Hamburg vielleicht beobachten könnten."

In den Arbeiten von Gerd Graßhoff, dem Direktor des "Topoi"-Projekts, treffen physikalischer und geistiger Raum zusammen. Professor Graßhoff, Philosoph und Wissenschaftshistoriker an der Humboldt-Universität Berlin, meint, dass die Anfänge der modernen Wissenschaft in der babylonischen Astronomie des ersten Jahrtausends vor Christus zu suchen sind. Die Babylonier haben systematisch die Bewegungen der Sterne am Himmelsraum beobachtet und daraus Wettervorhersagen abgeleitet.

"Die haben sich mit Astronomie beschäftigt, weil es fast eine essentielle Lebensgrundlage war zu verstehen, zu welcher Jahreszeit man beispielsweise mit der Saat beginnen kann, wann die Ernten eingebracht werden, wann man mit den Schiffen nicht mehr auf die Reise gehen konnte, weil Stürme drohen, das sind Überlebensfragen, und um die gut planen zu können, braucht man astronomisches Wissen. Und das war eine der Haupttriebfedern für die Entwicklung der frühen Wissenschaften in unterschiedlichsten Zivilisationen."

Beobachtungen der Gestirne und Wettervorhersagen sind in einer Sammlung babylonischer Tontafeln überliefert, den "Astronomischen Tagebüchern". Diese Datenbank haben antike Astronomen sechs Jahrhunderte lang genutzt und fortlaufend ergänzt – von 651 bis 61 vor Christus.

Sie formulierten ihre Prognosen nach einem einheitlichen Schema. Etwa so: "Wenn der Sirius am fünften Tag des Monats aufgeht, dann wird eine große Flut folgen." Diese Aussage scheint einen klaren logischen Zusammenhang auszudrücken: Wenn x gilt, dann gilt auch y. Doch Wettervorhersagen lassen sich nicht immer zuverlässig aus den Bewegungen der Himmelskörper ableiten. Manchmal blieb die Flut, Sonnenfinsternis oder Kältewelle aus – und damit war die eindeutige logische Beziehung zwischen den Ereignissen - wenn x, dann y – widerlegt. Trotzdem haben Generationen babylonischer Astronomen starr an diesem Muster festgehalten.

Vielen modernen Forschern erschien die babylonische Astronomie daher unwissenschaftlich – bis Graßhoff die Übersetzung korrigierte:

"Das ist eine Kann-Beziehung, die unter gewissen optimalen Voraussetzungen das Eintreten der Wirkung prognostiziert, obwohl man genau weiß, dass diese optimale Bedingung nicht immer gegeben ist. Wenn das Erste gegeben ist, dann kann ursächlich auch eine Wirkung auftreten."

Die Astronomen wussten, dass das Aufgehen des Sirius nicht die Ursache für die Flut war, meint der Wissenschaftler, sondern dass weitere Faktoren darauf Einfluss hatten, die sie aber nicht kannten. Sie hielten daher nur das Anzeichen fest, das sie beobachteten.

"Es sind Anzeiger von etwas anderem, und das Umgehen mit solchen Zeichen, die etwas anderes ankündigen, das ist eine der Grundherausforderungen jeder Wissenschaft gewesen."

Und hat sich in vielen modernen Wissenschaften nicht geändert:

"Die meisten Prozesse, die man heute in der Physik beispielsweise untersucht, sind eigentlich Prozesse, die man nicht sieht. Man sieht nicht, wie Atome miteinander kollidieren. Man sieht nur die Folgeprodukte und die Folgeprodukte, die untersucht man in Detektoren und versucht sie dort beispielsweise zu messen, und je nachdem, wie gut die Messung gelingt, kann man Rückschlüsse auf die Ursachen, die im Verborgenen sind, studieren."

Auch in weiteren Punkten war die babylonische Astronomie verblüffend modern: Sie beruhte auf empirischen Daten, präzise notierten Beobachtungen. Und die "Versuchsbedingungen", Position und Zeitpunkt der Beobachtung, waren für jeden nachvollziehbar einheitlich festgelegt - nur so konnten die Vorhersagen über mehrere Generationen von Astronomen funktionieren.

Für die antike Welt war die Datensammlung der Babylonier unvergleichlich, sagt Graßhoff: Die frühen griechischen Astronomen müssen darauf zurückgegriffen haben, im ägyptischen, sogar im indischen Kulturraum finden sich Spuren davon. Noch eine Qualität also, die man heute von Wissenschaft verlangt: Ihre Ergebnisse müssen allgemeingültig sein, unabhängig von der Kultur, aus der sie stammen. Sie stellt einen globalen Gedankenraum dar.

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