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Seit 02:05 Uhr Kommentar
StartseiteBüchermarktVom Lieben und Liegen05.06.2008

Vom Lieben und Liegen

Die Prosa von Hans Eichhorn

Sie markiert den Schnittpunkt von Anfang und Ende des Lebens, den künstlerischen Nullpunkt: Die Liegestatt. In dem gleichnamigen Prosastück nimmt Hans Eichhorn diesen Nullpunkt als Ausgang einer Reise ohne Ziel, ins Chaos und die Leere hinein.

Von Michaela Schmitz

Die Liegestatt markiert Anfang und Ende des Lebens. (Stock.XCHNG / Rodolfo Clix)
Die Liegestatt markiert Anfang und Ende des Lebens. (Stock.XCHNG / Rodolfo Clix)

"Die Liegestatt" ist keine herkömmliche literarische Erzählung. Der Text ist ein künstlerisches "Manifest", so der Untertitel des Prosastücks. Die Botschaft ist, dass es keine Botschaft gibt - nicht im Leben und nicht in der Kunst. Hans Eichhorn lässt das Chaos und die Leere in den Text hinein. Das Ergebnis ist eine Herausforderung für Autor und Leser: ein Text, der sich bewusst bis an die Grenzen des Scheiterns vorwagt.

Die Liegestatt ist keine Geburtsstätte und auch keine letzte Ruhestätte. Auch wenn die Bettstatt oft genug Anfang und Ende des Lebens markiert. Mit dem altertümlichen Titel "Die Liegestatt" erinnert Hans Eichhorns neues Prosastück nicht zufällig daran. Der Text dreht sich um den Schnittpunkt von Anfang und Ende. Er ist die Suche nach einem künstlerischen Nullpunkt.

Hans Eichhorn greift damit einen literarischen Topos Samuel Becketts auf. Das Bett signalisiert die Austauschbarkeit von Wiege und Grab. Der künstliche Rückzug auf die Position des Bettlägerigen ist zum einen Bestandsaufnahme: Der Mensch wird in den Tod hineingeboren; übrig bleibt der Liegende am Rande der Bewegungslosigkeit, des Schweigens und des Nichts. Zum anderen kennzeichnet das Bett den Wunsch zur Rückkehr an den Ort des Ursprungs: "Um wieder losgehen zu können, von neuem, ab Null", so das von Hans Eichhorn programmatisch vorangestellte Zitat Becketts.

Im Zentrum von Eichhorns Text steht eine, wie es scheint, körperlose Stimme. In unaufhörlichen inneren Monologen und Selbstgesprächen kreist sie um sich selbst. Das namenlose Ich liegt bewegungslos auf dem Bett und schaut auf den weißen Plafond oder horcht mit geschlossenen Augen ins eigene Innere. Die direkte Umgebung ist auf das Äußerste reduziert: das Zimmer, ein Schrank, Kleiderbügel, die unspektakuläre Sicht aus dem Fenster - ein durch Jalousien eingeschränkter Blick auf benachbarte Häuser und einige Bäume.

Die weiße Zimmerdecke wird für den Liegenden zur Leinwand, zum unbeschriebenen Papier. Die Fantasie ist auf sich selbst verwiesen. Wie von selbst stellen sich Erinnerungsfetzen, Wahrnehmungsfragmente, Tagträume ein. Äußere Umgebungsmerkmale wie Berge und See werden dabei aber nicht mehr als erlebte Gegenwart geschildert, sondern nur noch aus der Rückschau zitiert - als würde die Gegenstandswelt bereits der Vergangenheit angehören. Alltägliche Bilderketten irritieren durch ihre scheinbar willkürliche Aneinanderreihung. Wortverwandtschaft bleibt häufig das einzig Verbindende.

Sobald sich ein Zusammenhang einzustellen droht, wird er künstlich gestört, der Plafond weiß überstrichen. Kaum dass die visuelle Vorstellung des Lesers Halt gewinnt, wird sie gleich wieder systematisch unterbrochen. Das führt einerseits zu unscharfen, gleichsam "nebligen" Vorstellungen, andererseits zum Wuchern der flüchtigen Bilder im Kopf des Lesers. Hans Eichhorn arbeitet mit vergleichbaren literarischen Verfahren wie Beckett: mit Reduktion, Permutation, metonymischen Assoziationen und seriellen Reihungen. Es entsteht ein stark rhythmisierter, hoch vernetzter, künstlich zweidimensionaler Text, eine durch Wortkombinationen und Klangbilder dominierte "Wortwaschmaschine".

Eichhorn demonstriert mit seinem Text einerseits die Beckettsche Erkenntnis, "dass da nichts ist auszudrücken, nichts womit auszudrücken, nichts woher auszudrücken, keine Kraft auszudrücken, kein Verlangen auszudrücken, zusammen mit dem Zwang, auszudrücken". Dazu gehört das Insistieren auf der Negation. Die programmatische Verneinung "Ist es nicht." markiert den Beginn und bestimmt den Rhythmus von Eichhorns "Liegestatt". Die Negations-Formel ist das Symptom einer umfassenden Entropie. Alles wird ständig weniger: das Ich, die Wahrnehmungswelt, die Sprache. Anweisungen und Befehle gehören zum vergeblichen Versuch der Selbstvergewisserung eines sich auflösenden Ich.

Andererseits beharrt Hans Eichhorn auf dem Anspruch der Kunst, einen "anderen Ort" zu finden. Immer wieder wird dieser magische Sehnsuchtsort jenseits der Sprache von der Liegestatt aus beschworen. "Wortlos, und du bist im Geheimnis. Kein Satz, und alles ist möglich an diesem Ort." Dem "anderen Ort" Hans Eichhorns entspricht Becketts "neuer Raum": "Ich will Poesie, die das Nichts durchschritten hat und in einem neuen Raum einen neuen Anfang findet."

Der "andere Ort" ist ein Raum im Bewusstsein des Lesers. Der eigentliche kreative Prozess spielt sich in seiner Vorstellung ab. Hans Eichhorns "Liegestatt" steht in der Tradition der Konzeptkunst. Nicht das Kunstwerk selbst steht im Mittelpunkt, es geht um die Kunst im Kopf. Wie bei dem zum Kunstobjekt erklärten Flaschenhalter Marcel Duchamps stellt sich die Kunst in den Dienst des Bewusstseins. Das künstlerische Medium kann daher nicht isoliert betrachtet werden.

"Die Liegestatt" ist keine herkömmliche literarische Erzählung. Der Text ist ein künstlerisches "Manifest", so der Untertitel des Prosastücks. Die Botschaft ist, dass es keine Botschaft gibt - nicht im Leben und nicht in der Kunst. Hans Eichhorn lässt das Chaos und die Leere in den Text hinein. Das Ergebnis ist eine Herausforderung für Autor und Leser: ein Text, der sich bewusst bis an die Grenzen des Scheiterns vorwagt.

Hans Eichhorn: Die Liegestatt. Manifest
Residenz Verlag 2008, 87 Seiten, 19,90 Euro

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